Die Macht der Vernunft

von Lyndon LaRouche

1987


Der Werdegang eines Wirtschaftswissenschaftlers - Teile aus LaRouches Autobiographie "Die Macht der Vernunft" von 1987.


Es ist keine große Behauptung, daß ich der führende Wirtschaftswissenschaftler der Gegenwart bin. "Unter den Blinden ist der Einäugige König."

Tausende tragen den Titel "Wirtschaftswissenschaftler", aber das, was als Volks- und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten gelehrt und von den meisten Absolventen dieses Faches praktiziert wird, hat keinerlei Ähnlichkeit mit dem Fach politische Ökonomie, das zum Beispiel der erste amerikanische Finanzminister Alexander Hamilton, Mathew und Henry Carey, Henry Clay, Friedrich List und Abraham Lincoln im Sinn hatten.

Der Begründer der Wirtschaftswissenschaften ist Gottfried Wilhelm Leibniz. In den Jahren 1672 bis 1716 schuf er das Fundament der späteren "industriellen Revolution", die Grundlagen der Wärmekraftmaschine. Sie wurden allgemeiner bekannt durch das Fach "physikalische Ökonomie", das Leibniz in das Universitätsstudium der Kameralistik, einen Zweig der Staatswissenschaft, einführte. In diesem Zusammenhang entdeckte er das Konzept "Technologie" und lieferte als erster eine strenge mathematisch-physikalische Definition dafür.

Die Gründerväter der Vereinigten Staaten übernahmen die Leibnizsche Wirtschaftswissenschaft und machten sie zum Bestandteil des "amerikanischen Systems der politischen Ökonomie", wie Alexander Hamilton es als erster nannte. Sie stand in direkter Opposition zu der Wirtschaftslehre Adam Smiths, der ein Bediensteter der britischen Ostindiengesellschaft war, und formte die Wirtschaftspolitik, die bei der Konstituierung der Vereinigten Staaten von Amerika Pate stand. Nach dem britisch-amerikanischen Krieg von 1812 nahmen die Beiträge deutscher und französischer Wirtschaftswissenschaftler wie Jean-Antoine Chaptal, Francois Louis Auguste Ferrier und Charles Dupin entscheidenden Einfluß auf die weitere Entwicklung des amerikanischen Systems. So kam es, daß in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts der Begriff "amerikanisches System der politischen Ökonomie" weltweit zum Synonym für die Wirtschaftswissenschaft überhaupt geworden war.

Nachdem der amerikanische Kongreß in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das verhängnisvolle Specie Resumption Act beschlossen hatte (dieses Gesetz sah vor, die Staatsschulden der USA gegenüber dem Ausland in Gold zu begleichen), gerieten die Staatsschulden und die Währung der USA unter die Kontrolle Londoner und Schweizer Bankiers, die das amerikanische System als Bedrohung ansahen, weil es ihrem Einfluß auf die amerikanische Regierung im Wege stand. Diese Gruppierung benutzte ihren Einfluß auf führende Universitäten Amerikas, um Lehre und Praxis der Wirtschaftswissenschaften zu unterbinden. Während der Präsidentschaft Theodore Roosevelts gab es so gut wie keine Möglichkeiten mehr, diese Wissenschaft zu erlernen und auszuüben. Die Praxis der Wirtschaftswissenschaften blieb fortan auf den betriebswirtschaftlichen Aspekt beschränkt, auf die Führung von Landwirtschafts- und Industriebetrieben sowie die militärische Logistik. Mit dem zunehmenden Einfluß der Harvard Business School, des Wharton Institute und ähnlicher Einrichtungen wurde kompetente Betriebswirtschaft selbst in den amerikanischen Industrieunternehmen zur Seltenheit. Mit seiner Theorie der "Systemanalyse" vertrieb Robert S. McNamara den wirtschaftlichen Sachverstand auch aus dem Verteidigungsministerium.

In der Nachkriegszeit stellte man das volkswirtschaftliche Rechnungswesen der USA auf ein neues Verfahren um, die sogenannte Bruttosozialprodukt-Rechnung. Dieses System wurde, obwohl es prinzipiell ungeeignet ist, die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu messen, für die wirtschaftsstatistischen Aufgaben der amerikanischen Regierung eingesetzt und nahm tiefgreifenden Einfluß auf die Berufspraxis der Wirtschaftswissenschaft. In den vierziger und fünfziger Jahren entstand aus einer absurden Theorie John von Neumanns, der "Analyse linearer Systeme", ein Fachgebiet, das sich "Ökonometrie" nennt. Dies ist die Basis der meisten Computersoftware für volkswirtschaftliches und betriebliches Rechnungswesen.

Inkompetenz ist an die Stelle von Wirtschaftswissenschaft getreten. Eine Folge davon ist die Situation der letzten Jahre, in denen die amerikanische Wirtschaft immer tiefer in eine neue Depression glitt, während die Regierung Reagan unbeirrt von einem "nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung" spricht. Die Äußerungen des Präsidenten zu diesem Thema sind natürlich in erster Linie Wunschdenken, doch die Zahlen des amerikanischen Bruttosozialprodukts scheinen ihm recht zu geben - zumindest oberflächlich. Warum zeigt das BSP Wachstum, während die Wirtschaft immer schneller in die Depression gleitet? Es ist eben ein völlig ungeeigneter Maßstab für die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Doch die Wirtschaftsfachleute stützen ihre Theorien auf die BSP-Lehre und versichern dem Präsidenten, daß die Wirtschaft wächst, während sie in Wirklichkeit zusammenbricht.

Ich vertrete als einzige bekannte Persönlichkeit in Nordamerika und Europa heute das amerikanische System der politischen Ökonomie. Wäre das meine einzige Leistung, so gehörte ich allein deswegen bereits zu den führenden Wirtschaftswissenschaftlern der Welt. "Unter den Blinden ist der Einäugige König."

Ich hatte außerdem das Glück, daß ich zwei Entdeckungen machte, die zusammen einen großen Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft darstellen.

Seit Leibniz wissen wir im Prinzip, welcher Art der Ursache-Wirkung-Zusammenhang ist, der zwischen technologischen Fortschritten und der resultierenden Steigerung der Arbeitsproduktivität besteht.

Technologische Verbesserungen erlauben uns, den zur Herstellung eines Produktes erforderlichen Arbeitsaufwand zu verringern. Bis zu meinen Arbeiten Anfang der fünfziger Jahre konnte man jedoch nicht zeigen, daß dieser Ursache-Wirkung-Zusammenhang selbst quantitativ erfaßbar ist.

Nachdem ich entdeckt hatte, wie man diesen Kausalzusammenhang messen könnte, galt es, eine dafür geeignete Mathematik zu finden. Meine Entdeckung verlangte eine mathematische Funktion, die Mathematiker als "nichtlinear" bezeichnen. Die herkömmliche Mathematik, wie sie heute in den Universitäten gelehrt wird, ist grundsätzlich außerstande, explizite Lösungen für nichtlineare Funktionsgleichungen anzugeben. Dieser Umstand hatte zu John von Neumanns absurdem Dogma beigetragen, demzufolge alle bei der Wirtschaftsanalyse wichtigen Funktionen mit der "linearen Algebra", d.h. als Lösung linearer Gleichungs- und Ungleichungssysteme, darstellbar seien.

Der zweite Teil meiner wirtschaftswissenschaftlichen Entdeckung war die Erkenntnis, daß die mathematische Physik Bernhard Riemanns, wenn man sie so versteht, wie Riemann selbst sie verstand, mathematische Methoden liefert, um den Kausalzusammenhang zwischen quantitativ erfaßten technologischen Fortschritten und dem in richtiger Weise quantitativ erfaßten Anstieg der Arbeitsproduktivität zu messen. Weil die Entdeckung sich in zwei Schritten in dieser zeitlichen Folge vollzog, heißt sie heute "LaRouche-Riemann-Methode".

Damit bin ich der führende Wirtschaftswissenschaftler der Gegenwart, erstens, weil ich zu den ganz wenigen zähle, die das amerikanische System der politischen Ökonomie heute beherrschen, und zweitens, weil ich den Wirtschaftswissenschaften die einzige gültige Neuentdeckung seit hundert Jahren gegeben habe.

In den angewandten Wirtschaftswissenschaften bin ich an Problemen aller Art interessiert. Mein Lebensziel aber ist es, nachhaltige Reformen in der Währungs- und Wirtschaftspolitik zu verwirklichen. Diese Wirtschaftsreformvorschläge stehen im Mittelpunkt aller meiner sonstigen Betätigung im öffentlichen Leben.

Mittelpunkt meiner Reformvorschläge ist die Errichtung eines Weltwährungssystems auf Goldreservebasis, das geeignet ist, in den Staaten, die man heute "Entwicklungsländer" nennt, den Anreiz zu raschen Produktivitätssteigerungen zu geben. Daraus wird ein Exportstrom in den Entwicklungssektor resultieren, der rasches Wachstum der fortgeschrittensten Produktionssektoren der sogenannten "Industriestaaten" zur Folge hat. Mit anderen Worten werden diese Reformen eine Blüte der gesamten Weltwirtschaft hervorbringen, deren Dreh- und Angelpunkt steigende Investitionsgüterexporte aus den Industriestaaten in die Entwicklungsländer sind.

Soweit gesehen übertragen meine Reformvorschläge lediglich das amerikanische System der politischen Ökonomie auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen, wie auch auf die Wirtschafts-, Kredit-, Währungs- und Steuerpolitik der Vereinigten Staaten selbst.

Meine wirtschaftswissenschaftlichen Entdeckungen versetzen uns in die Lage, die aus unterschiedlichen technologischen Prioritätssetzungen resultierenden Wachstumsraten vorab zu bestimmen. Die Möglichkeit derartiger Prognosen ist außerordentlich wichtig. Entwicklung bedeutet Investitionen in Landwirtschaft, Industriekapazitäten und Infrastruktur. Die Mitte der wirtschaftlichen Lebensdauer solcher Investitionen wird nach sieben bis zwanzig Jahren erreicht; Fehler der Investitionspolitik sind deshalb kurzfristig nur schwer korrigierbar. Regierungen und private Anleger müssen sich darüber einig werden, welche langfristigen Investitionen am wünschenswertesten sind; um das entscheiden zu können, müssen sie den Nutzeffekt verschiedener Vorschläge über sieben bis zwanzig Jahre im voraus abschätzen und vergleichen können. Meine wirtschaftswissenschaftlichen Entdeckungen ermöglichen erstmals einigermaßen genaue Prognosen dieser Art.

Der wichtigste Aspekt meines bisherigen Lebens ist die Kombination persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen, durch die ich zu meinen Entdeckungen und zu meinem Engagement kam. Damit dieser Zusammenhang klar wird, muß die Biographie Erlebnissen, die meinen Werdegang weniger beeinflußt haben, entsprechend geringere Bedeutung beimessen. Die Namen der Menschen, die ich kannte, das Wo, Wann und Wie, ist hier nur insoweit erwähnenswert, als es die Entwicklung meines Denkens und der Neigungen betrifft, die mein Engagement in früherer Zeit und jetzt bestimmt haben. Ich halte es auch deshalb für geboten, eine derartige Auswahl zu treffen, weil ich es verabscheue, wenn Personen des öffentlichen Lebens öffentlich ihr Urteil über andere fällen, die nicht mit gleichen Mitteln darauf antworten können. Ausnahmen gestatte ich mir nur dann, wenn die betreffende Person als Verbreiter falscher Darstellungen über meine früheren Tätigkeiten und Verbindungen in Erscheinung trat. Bei allen, die keinen wesentlichen Einfluß auf meinen Lebensweg ausgeübt haben und bei denen ich annehmen muß, daß eine Erwähnung in diesem Buch sie in ihrer Privatsphäre verletzen könnte, ziehe ich es vor, meinen Vorteil nicht auszunutzen, sondern sie nicht zu behelligen.

Alles, was in den ersten vierzig Jahren meines Lebens für meine Weltanschauung, meine Ziele und meine Tätigkeiten in späterer Zeit wichtig gewesen ist, läßt sich in fünf Rubriken einteilen: 1. Meine Kindheit und Jugend in einer Quäkerfamilie und die Auseinandersetzung, die zu meinem Bruch mit dieser Glaubensgemeinschaft führte. 2. Mein Entschluß der Jahre 1948-1952, die moralisch unannehmbare "Informationstheorie" Norbert Wieners zu widerlegen. Dieses Vorhaben führte mich geradewegs zu meinen Entdeckungen in der Wirtschaftswissenschaft. 3. Meine Tätigkeit als Unternehmensberater, der ich in der Zeit 1947-1972 zwanzig Jahre lang nachging. 4. Meine Erfahrungen in Indien gegen Ende meines Auslandsmilitärdienstes. 5. Die Eindrücke, die ich durch die Verbindung zu einer kleinen trotzkistischen Gruppe, der Socialist Workers Party, in den Jahren 1949-1954 gewann.

Die anschließenden 25 Jahre wurden maßgeblich durch drei wichtige Aspekte geprägt. 1. Meine Entscheidung Mitte der sechziger Jahre, die Weltanschauung der "Neuen Linken" zu bekämpfen, die ich als größte Gefahr unserer Zeit betrachtete, und die Entstehung einer internationalen Bewegung, die mich dabei unterstützte. 2. Meine internationale Kampagne für umfassende Währungs- und Wirtschaftsreformen und ihr zunehmender Einfluß. 3. Die Zusammenarbeit mit meiner Frau, Helga Zepp-LaRouche.

Kindheit und Jugend in New Hampshire

Am 8. September 2002 ist Lyndon LaRouche 80 Jahre alt geworden. Die Leser dieser Zeitung kennen seine weitsichtigen Analysen, treffsicheren Prognosen und programmatischen Vorschläge zur Überwindung der Krise. Leben und Werdegang dieses Vertreters des "besseren Amerika" kennen hingegen nur wenige. Wir veröffentlichen deshalb in den kommenden Wochen Teile aus LaRouches Autobiographie "Die Macht der Vernunft", die 1987 erschien und natürlich schon lange vergriffen ist. Ich wurde am 8. September 1922 in Rochester (New Hampshire) als Sohn einer tiefgläubigen Quäker-Familie geboren. Solange ich denken kann, war das Leben in der elterlichen Familie von einer Familientradition geprägt, die fünf Generationen zurückblickte.

Mein Vater war Lyndon Hermyle LaRouche senior; er starb 1983. Er war der Sohn Joseph LaRouches, der auf einem Umweg über Paris aus einer entlegenen Gegend der kanadischen Provinz Quebec in die USA eingewandert war. Dieser Joe LaRouche, ein energischer und tatkräftiger Mann, war der Sohn eines Geigenbauers. Er war Apotheker und Vertreter der United Shoe Machinery Corporation und hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Die Mutter meines Vaters, Ella, war französisch-irischer Abstammung. Während meiner Kindheit war mein Vater bei der örtlichen Niederlassung der United Shoe Machinery Corporation angestellt, die die Schuhfabriken im Raum Rochester belieferte.

Die Vorfahren meiner Mutter Jessie LaRouche, geb. Weir, stammten aus Schottland und England.

Der englische Zweig der Familie, die Woods, gehörte zu den Quäkern, die sich in den siebziger Jahren des 17. Jahrhunderts in Pennsylvanien angesiedelt hatten. Mein Ururgroßvater mütterlicherseits, Pastor Daniel Wood, gehörte zur Generation Abraham Lincolns und stand genau wie Lincoln auf Seiten Henry Clays und der Partei der American Whigs. Daniel Wood, ein engagierter Gegner der Sklaverei, war von Carolina nach Ohio gezogen, wo er in der kleinen Gemeinde Woodbury im Delaware County zu Ansehen kam. Entlaufene Sklaven aus den Südstaaten fanden bei ihm Unterschlupf auf dem Weg in die Städte des Nordens.

Mein Großvater mütterlicherseits, Pastor George Weir, war im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten gekommen. Sein Vater, ein schottischer Dragoner und Berufssoldat mit traditionellen Sympathien für die Sache der "Grauen", hatte Schottland verlassen, um als Freiwilliger im 1. Kavallerie-Regiment von Rhode Island zu dienen. Nach dem Bürgerkrieg sah man ihn als Stammgast in den Kneipen von Fall River (Massachusetts). Sein Säbel hatte damals in Fall River einen legendären Ruf, bis meine Urgroßmutter seinen Bruder, den Schiffskapitän William Weir, überredete, den Säbel, mit dem mein Urgroßvater zum Schrecken der Trinkkumpane herumzufuchteln pflegte, aus dem Verkehr zu ziehen.

Der junge George Weir kam in Kontakt zu der religiösen Erweckungsbewegung und entschloß sich, Geistlicher zu werden. Später ging er nach Columbus (Ohio), um im dortigen Armenviertel die Seelsorge zu übernehmen. Er heiratete Martha Wood, Pastor Daniel Woods Enkelin, und betreute bis 1940 als Pastor der United Brethren Church zahlreiche Kirchengemeinden in Ohio.

Aus Gründen, die ich nur teilweise verstehe, wurde mein Charakter durch meine beiden Großväter stärker geprägt als durch meine Eltern. Zum Teil lag das daran, daß meine Großväter sehr starke Persönlichkeiten waren, weit mehr als beide Eltern. Obwohl mein Vater viel Humor hatte (im Gegensatz zu meiner Mutter), kenne ich kaum jemanden, der in dieser Hinsicht mit meinen Großvätern hätte mithalten können.

Ich erinnere mich bis heute sehr lebhaft an einige Kostproben von Joe LaRouches Humor, obwohl er schon 1931 starb. Zum Beispiel an jenen Nachmittag, an dem wir Snookys verlorengegangenen Schwanz suchten.

Schon Snookys Existenz war ein lebendiges Beispiel für Großvaters Humor. Snooky war ein großer, nur halbwegs gezähmter Rotluchs, den nur mein Großvater ungestraft anfassen durfte. Snooky verbrachte den größten Teil des Tages unter dem eisernen Küchenherd des Hauses in der President Street in Lynn (Massachusetts). Man bemerkte seine Anwesenheit erst, wenn man in die Nähe kam; sofort kam ein eindrucksvolles, bedrohliches Fauchen unter dem Herd hervor.

Meine Großmutter durfte Snooky füttern, aber nicht anfassen; trotzdem hörte er manchmal auf sie.

In den zwanziger Jahren kam es öfter vor, daß Landstreicher von Haus zu Haus zogen und um eine milde Gabe baten oder für eine Mahlzeit und sonstige Unterstützung ihre Arbeit anboten. In solchen Fällen drehte meine Großmutter sich in der Tür um und rief mit ihrem mädchenhaften Sopran: "Hier, Snooky!" Sofort schoß Snooky unter dem Herd hervor und stürzte sich wie ein Tiger auf den ungebetenen Besucher. Ich erinnere mich an zwei Fälle, wo ein Landstreicher in Angst und Schrecken das Weite suchte, während Snooky und meine Großmutter, jeder auf eigene Art zufrieden, ihm nachblickten.

Als ich sieben Jahre alt war, fiel mir auf, daß Snooky keinen richtigen Schwanz besaß, wie ihn, so dachte ich, alle Katzen haben müßten. Ich fragte meinen Großvater danach. Nachdem wir uns eine Weile darüber unterhalten hatten, meinte er: "Vielleicht liegt Snookys Schwanz unten auf dem Müllplatz. Wir werden ihn suchen und ihm zurückgeben." Ich wurde in den Beiwagen von Großvaters Motorrad gesetzt, und los ging es, an diesem Sommertag im Jahre 1929. Wir steuerten mehrere Müllplätze an, aber unser Suchen blieb ohne Erfolg. Nun kam Großvater auf die Idee, daß Snookys Schwanz vielleicht nachwachsen würde, wenn wir ihm nur genug Fischköpfe zu fressen gäben. Weiter ging es also mit dem Motorrad an den Strand im benachbarten Swampscott, wo ich eine Tasche voll Fischköpfe anvertraut bekam, die Snooky dann unter seinen Herd zog und genüßlich knurrend verzehrte.

Mein Großvater ging früh in Pension, weil er an Krebs erkrankt war. Er beschloß, noch etwas zu unternehmen, was er in seinem Leben bisher nicht erlebt hatte, und so fuhr er nach Brasilien und den Amazonas hinauf, wo er auch jagen ging. Unter den Trophäen, die er mit nach Hause brachte, waren zwei Alligatorenhäute. Wie hatte er es bloß angestellt, daß die Kugeln durch die dicke Haut drangen? wollte ich wissen. Daraufhin erzählte er mir lang und ausführlich, wie man den Alligator dazu bringen muß, das Maul aufzureißen.

An einem Tag im Jahr 1931 erfuhr ich, daß mein Großvater im Sterben lag. Mein Vater setzte mich neben sich in den Ford, und wir fuhren von Rochester nach Lynn. Mein Großvater wollte mich noch einmal sehen, bevor er starb. Der Pfarrer war gerade bei ihm gewesen, als ich nach oben in sein Schlafzimmer durfte. Ich sah, daß er sehr geschwächt war, und er konnte kaum noch sprechen. Er nahm meine Hand in seine und segnete mich. So nahmen wir Abschied. Mein Vater und ich fuhren zurück nach Rochester, wo meine Mutter mit dem Essen auf uns wartete. Sie stellte halbierte Grapefruits auf den Küchentisch, als das Telefon klingelte. Mein Großvater war soeben gestorben. Mein Vater versuchte, seine Grapefruit zu essen. Er aß einen Löffel davon, dann legte er ihn weg. Er weinte. "Jessie, ich kann nicht essen; alles schmeckt nach Vaters Leichnam." Ich umarmte ihn und versuchte, ihn zu trösten, und weinte dabei leise und hemmungslos.

Dieses Erlebnis prägte einen wichtigen Zug meines Charakters. Nach dem Tod meines Großvaters, schon am Tag der Beisetzung, entbrannte Streit um die Aufteilung des Erbes. Ich war entsetzt. Die schmerzvollen Worte meines Vaters beim Essen der Grapefruit verfolgten mich; der Streit kam mir vor wie ein kannibalistischer Akt. Diese Habsucht und Kämpfe um die Rangordnung haßte ich sofort. Diese Haltung habe ich mein Leben lang bewahrt, denn ich weiß, daß ich dadurch glücklicher und ein besserer Mensch bin.

Der christliche Glaube meines Großvaters George Weir beeindruckte mich wesentlich stärker als das evangelische Quäkertum, dem meine Eltern verpflichtet waren. George Weir scheute sich nicht vor Verantwortung für das Geschick der Menschheit; er wurde schon zu Lebzeiten zur Legende, unter anderem weil er einmal persönlich eingriff, um bei einem Streik in seinem Pfarrbezirk Blutvergießen zu verhindern, obwohl man ihm gedroht hatte, er solle sich nicht einmischen, wenn ihm sein Leben lieb wäre. Vielleicht zeigte sein Mut etwas vom schottischen Dragoner, doch entsprang er auch seiner Auffassung von der Pflicht eines Christen. Es ist keineswegs kindliche Begeisterung über die Großeltern, wenn ich ganz objektiv sage, daß George Weir ein wahrhaft liebender und liebenswerter Mensch war, dessen herzlichen, umwerfenden Humor ich niemals vergessen werde.

Schon bevor ich in die Schule kam, lebte ich mehr in der Welt der Erwachsenen als in der meiner Altersgenossen. Im Mittelpunkt unseres Familienlebens stand die "Kirchenarbeit", was für meine Mutter als Pastorentochter eine Selbstverständlichkeit war. Mein Vater unterstützte sie hierin bis zu jenem Tag im Jahre 1978, als die Krankheit sie niederwarf, an der sie wenige Wochen später starb. Ich hatte es nie gerne, als "Mutters kleiner Junge" bezeichnet zu werden; schon damals war ich überzeugt, daß ich ein unabhängiger Mensch mit eigenem Geschick war. Dennoch fand ich mich mit den Beschäftigungen ab, denen ich mich an mehreren Abenden der Woche und sonntags fast den ganzen Tag lang widmen mußte.

Wenn man weiß, was protestantisches Kirchenleben damals bedeutete, wird man leichter ermessen, was während meiner Kindheit und Jugend auf mich einwirkte. Meine Mutter und mein Vater gehörten im Rochester der zwanziger Jahre zum protestantischen Establishment. Kirchlichen Persönlichkeiten, die Rochester besuchten, wurde geraten, meine Eltern aufzusuchen, und die meisten waren während ihres Besuchs in der Gemeinde einmal zum Essen bei uns zu Gast. Die Gespräche, denen ich bei solchen Gelegenheiten lauschte, beschleunigten mein Interesse an der Lektüre der Erwachsenen, so daß ich schon im jugendlichen Alter belesener war als die meisten Erwachsenen.

In jener Zeit sagte man bei einem vorehelichen Verhältnis, das noch nicht ganz so bindend war wie die offizielle Verlobung, das Paar "sei sich einig". Später, unter den Schülern der English High School in Lynn (Massachusetts), hieß es in diesem Fall, man "gehe fest miteinander", ein Ausdruck, der während des Zweiten Weltkrieges einen vielsagenden Beiklang bekam - jedenfalls ist dieser Bedeutungswandel mir in Erinnerung. Ähnlich "einig" war die Familie sich während meiner Kindheit und Jugend, daß ich für den Beruf des Geistlichen oder höchstens noch für einen wissenschaftlichen Beruf bestimmt war. Deshalb durfte ich mich schon von Kindheit an mit einschlägiger Erwachsenenlektüre beschäftigen. Ich durfte zu diesen Themenbereichen frühzeitig Fragen stellen und mich, wenn auch bescheiden, an Gesprächen der Erwachsenen beteiligen.

So rückte mein erster Tag in der Grundschule von Rochester heran. Er begann mit einem feierlichen Familienritual.

Meine Mutter führte mich in das kleine Eßzimmer, wo Vater das Frühstück einnahm. Während mein Vater die Zeremonie vollzog, sah meine Mutter zu, als wolle sie für irgendeine mysteriöse Instanz einen Bericht darüber anfertigen. Ich kann mich heute nur noch bruchstückhaft an die Worte erinnern, die mein Vater sprach, aber genug, um den Kern seiner Rede getreu wiederzugeben. Am lebhaftesten kann ich mich an die Wirkung erinnern. Das richtige Wort dafür ist "ehrfurchtgebietend".

Er sagte ungefähr folgendes: "Du bist ein Quäker. In der Schule werden die Jungen sich prügeln. Du wirst das nicht mitmachen, auch dann nicht, wenn man dich schlägt." Ich war wie betäubt. Ich nahm in mich auf, was die Worte bedeuteten.

Einige Jahre später hörte ich die Geschichte, wie im Glockenturm der Grundschule von Woodbury, deren Rektor mein Urgroßvater Wood war, ein Ziegenbock auftauchte. Mein Urgroßvater hatte zum Schuljahresbeginn einen neuen Lehrer eingestellt. Am ersten Schultag verkündete dieser den Schülern, welches Verhalten er von ihnen erwartete. Über vierzig Jahre später erfuhr ich, daß die Liste der Gebote und Verbote zum größten Teil aus Verboten bestand. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war es zum Beispiel verboten, einen Ziegenbock vom Bauernhof meines Urgroßvaters auf den Glockenturm der Schule zu bringen. Unvermeidlich tauchte eines Nachts ein Ziegenbock auf dem Glockenturm auf.

Bis zu diesem Augenblick im Eßzimmer war der Gedanke an Prügeleien in der Schule mir völlig fremd gewesen. Was mein Vater sagte, kam mir fast vor wie die Belehrung, keinen Ziegenbock auf den Schulturm zu bringen. Doch ich konnte mir vorstellen, was er mit "Prügeleien in der Schule" meinen könnte. Noch deutlicher begriff ich den feierlichen Ernst dieser Belehrung. Ich gelobte feierlich, ein guter Quäker zu sein. Meine Eltern blickten sich schweigend an. Mein Vater verabschiedete mich und gab mir abschließend den Rat auf den Weg, ein "braver Junge" zu sein. Meine Mutter brachte mich zur Schule.

Alle diese Umstände von Elternhaus und Kindheit übten zusammen eine besondere Wirkung auf mich aus. Ich war keineswegs ein "normaler Junge", wie man es in meiner Kindheit und Jugend erwartete. Schläge einzustecken, ohne zurückzuschlagen, und darüber hinaus auch noch schwerste Provokationen zu ertragen, war ein wichtiger Aspekt meiner Erfahrungen, aber zweitrangig.

Obwohl meine Familie in den zwanziger Jahren relativ wohlhabend war und die Wirtschaftsdepression der dreißiger Jahre ohne die Katastrophen überstand, die viele Familien erleiden mußten, herrschte in unserer Familie eine Art "vornehme Armut". Das gehörte ebenso zur Familientradition wie alles andere. Meine Mutter war in einer Pastorenfamilie aufgewachsen, und Joe LaRouche vertrat, obwohl er recht wohlhabend war, eine Art frankokanadischen Geiz aus Überzeugung. Er war gelegentlich großzügig, wenn Pflichtgefühl oder Liebenswürdigkeit ihn dazu veranlaßten, aber er glaubte fest daran, daß man "möglichst wenig ausgeben" müsse. Mein Vater, dem das unerschöpfliche Selbstvertrauen seines Vaters mangelte, war naturgemäß knauseriger als mein Großvater.

Dieser Grundsatz "vornehmer Armut" hatte noch weitere wichtige Aspekte. Beide Zweige meiner Familie gehörten zum "amerikanischen Junkertum". Die Woods aus Woodbury gehörten zweifellos zur Oberschicht der Quäker. Ebensolches Ansehen genoß Joe LaRouche in der Gemeinde. Er war ein Mann, dessen Leistungen, Stellung als Grundbesitzer, Auslandsreisen, Unabhängigkeit und sorgfältig angelegter Wohlstand dazu beitrugen, daß seine Meinung unter seinen französischsprachigen alten Freunden und bei anderen Kreisen, in denen er verkehrte, etwas galt. Joe LaRouche war ein Mann der Tat. Er baute zum Beispiel einen der ersten Rundfunkempfänger, den es in Lynn (Massachusetts) gab, und im Alter von 60 Jahren kaufte er zum Schrecken der Familie ein Motorrad und begann, wie wild durch die Gegend zu fahren. (Der nachträglich erworbene Beiwagen war ein Zugeständnis an die Familie.)

Die Tradition des "amerikanischen Junkertums" umgab mich auch, als wir 1932 von Rochester nach Lynn zogen. Eine Schwester George Weirs, Jennie, hatte einen wohlhabenden Schuhkartonfabrikanten in Swampscott (Massachusetts) geheiratet. Als meine Mutter in ihrer Schulzeit bei ihrer Tante wohnte, lernte sie übrigens in der dortigen Highschool den späteren Hollywoodstar Walter Brennan als Schulkameraden kennen. Weil Brennan die Schule in einer Zeit besucht hatte, als diese noch in hohem Ansehen stand, zählten seine Filme für meine Eltern zu den besseren. Typisch für die amerikanische Elite aus jenen Generationen! Das Vermögen aus dem Schuhkartongeschäft gehörte zu einem Treuhänderfonds, von dem die Arbeit der Quäker in Lynn abhängig war. Dieser Fonds war Anfang der 30er Jahre dahingeschwunden, teilweise zum Vorteil des liberalen American Friends Service Committee. Als Repräsentantin der Familie ihres Onkels zählte meine Mutter daher zur Quäker-Aristokratie von Lynn und wurde, unterstützt von meinem Vater, zur Nemesis des American Friends Service Committee.

Während meiner Kindheit und Jugend wurde mir zu verstehen gegeben, daß auch ich dieser Elite angehörte und alle moralischen und sonstigen Pflichten dieser gesellschaftlichen Stellung trug.

Größeres Gewicht hatte der Umstand, daß ich mich von Kindheit an zum Teil schon als Erwachsener verstand, und zugleich natürlich als Kind und Jugendlicher. Auch unter den um Jahre Älteren kannte ich niemanden, der mehr las als ich, und als ich heranwuchs, hatte ich schon mehr gelesen als die meisten Erwachsenen. Alle diese Umstände trugen zusammen dazu bei, daß ich außergewöhnlich unempfindlich gegenüber der gängigen amerikanischen Ideologie wurde, die David Riesman als Fremdbestimmtheit (other-directedness) charakterisiert hat. Galt eine Meinung als populär, sah ich sie eher mit Mißtrauen, als sie zu übernehmen. Ich war mit Sicherheit kein "normaler Junge", wie man es damals von Kindern meines Alters erwartete.

Hier zeigt sich sogleich ein wesentlicher Persönlichkeitsunterschied zwischen mir und Präsident Ronald Reagan (Reagan war amerikanischer Präsident, als LaRouches Buch 1987 erschien - Red.). Wir wären uns in vielen Punkten grundsätzlich einig, vor allem über die traditionellen Werte der Familie, aber Reagan ist im Grunde ein Populist. Das zeigt sich am deutlichsten, wenn er versucht, seine Wirtschaftspolitik zu erläutern. Wenn er in seinen Reden die Führung des Staatshaushalts mit einem Familienhaushalt vergleicht, zeigt das keinen Intelligenzmangel, sondern beweist seinen ideologischen Populismus. Fast alle ideologisch konsequenten Populisten werden wütend oder beginnen einzuschlafen, wenn man ihnen einen Gedanken darlegt, der höhere Ansprüche stellt als zwei oder drei kurze Absätze mit unkomplizierten Aussagesätzen. Jeder Gedanke, der mehr ist als ein Appell an den "gesunden Menschenverstand", weckt beim Populisten tiefes Mißtrauen gegen den Redner: "Der ist keiner von uns." Er ist als "Fremder" erkannt, und seine Motive werden Gegenstand finsterer Spekulation. Seit frühen Kindheitsjahren ist meine Tendenz genau umgekehrt: Alles, was allzu einfach mit einem Appell an den "gesunden Menschenverstand" erklärt wird, weckt meinen Verdacht, daß irgendein Schwindel im Spiel sein müsse - und meist hat dieser Instinkt mich nicht getrogen.

Mein Vater war vorwiegend populistisch in diesem Sinne, und auch meine Mutter neigte dazu, im Gegensatz zu beiden Großvätern. Ein ständiger Konfliktstoff zwischen meinem Vater und mir war seine Feindschaft gegen alle sogenannte "Theorie", wie er mit unverkennbar spöttischem Unterton zu sagen pflegte. Ansonsten war er keineswegs ein Feind des Geistigen. Sein Geschmack in der Musik, Literatur und Bildhauerei war stark anglophil geprägt, wie bei den meisten, die ihre Erziehung und vorgefaßten Meinungen im Raum Groß-Boston erwarben. Vielmehr war er strenggenommen ein Antisokratiker. Er war ein Mann des etablierten Geschmacks und der etablierten Werte, und von Ideen, die sich durch Appell an den "gesunden Menschenverstand" leicht vermitteln ließen. Argwöhnte er, daß meine Überlegungen wieder einmal in sokratische Bahnen gingen, so fand er stets einen Weg, dies zu unterbrechen, vorzugsweise, indem er mich mit irgendwelchen Arbeiten im Hause beauftragte, um dieses Unglück von mir fernzuhalten. Präsident Reagans Art hätte ihm besser gefallen, als ihm meine gefiel; genau aus diesen Gründen bewunderte er Nixon.

Soweit meine Erinnerung zurückreicht, kann meine Einstellung zu Ideen seit der Zeit kurz vor meiner Einschulung als "sokratisch" bezeichnet werden. Für mich lag der Ursprung dieser Methode in der Theologie. Selbst eine relativ einfache Theologie betrachtet Glaubensvorstellungen als Ausfluß zugrundeliegender Annahmen. Die Theologie des westlichen Christentums war stets entweder sokratisch (platonisch), oder, seit dem 13. Jahrhundert, aristotelisch, oder eine Mischung beider Richtungen. Aus irgendeinem Grund neigte ich von früher Kindheit an zur sokratischen Richtung.

Die sokratische Methode, um festzustellen, inwieweit eine Idee wahr oder falsch ist, verlangt im einfachsten Ansatz zwei aufeinander folgende Schritte. Auf der einfachsten Stufe müssen wir zwei Fragen beantworten. Folgt die Behauptung, die in der betreffenden Idee zum Ausdruck kommt, logisch aus den zugrundeliegenden Annahmen? Wenn ja: Steht sie auch mit den Tatsachen im Einklang? Finden wir, daß die Behauptung sowohl mit den Annahmen wie mit den Tatsachen im Einklang steht, können wir sie nur dann widerlegen, wenn der Beweis gelingt, daß mindestens eine der Annahmen falsch ist.

So ging ich grundsätzlich an Ideen heran, seit ich sechs bis sieben Jahre alt war. Zuerst war es mehr eine Art, auf Ideen zu reagieren, als eine richtige Methode. Diese entwickelte sich, als ich heranwuchs. Das wurde von meinem zwölften Lebensjahr an deutlich.

Ich hatte angefangen, mich mit philosophischen Schriften zu beschäftigen. Nachdem ich einiges gelesen hatte, beschloß ich, noch einmal von vorn anzufangen, aber diesmal in chronologischer Reihenfolge. Ich begann mit einer bei den Harvard Classics erschienenen Auswahl, die meine Großmutter Ella LaRouche mir im selben Jahr geschenkt hatte, und nahm weitere Schriften hinzu. Auf meiner Liste standen Francis Bacon, Thomas Hobbes, René Descartes, John Locke, Gottfried Wilhelm Leibniz, David Hume, George Berkeley, Jean-Jacques Rousseau und Immanuel Kant.

Bacon, Hobbes, Locke, Hume, Berkeley und Rousseau verabscheute ich. Leibniz gab mir ein Gefühl, wie wenn man nach langem Heimweh wieder nach Hause kommt. Die Monadologie, die Theodizee und die Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke las ich immer wieder; ich ging zu den nächsten Philosophen auf meiner Liste über und kam immer wieder zu Leibniz zurück. Als ich vierzehn war, bekannte ich mich offen als Leibniz-Anhänger. Nach meiner evangelischen christlichen Erziehung war die Begegnung mit Leibniz das wichtigste geistige Erlebnis meiner Kindheit und Jugend. Diese beiden Begegnungen sind die tiefsten prägenden Einflüsse meiner Entwicklung.

Etwa zur selben Zeit lernte ich das Problem des American Friends Service Committee (AFSC) kennen. Als ich zwölf Jahre alt war, lagen meine Eltern und ihr Freund Dr. Leroy Austin im erbitterten Streit mit dem Committee. Die Austins waren seit langem mit meinen Eltern befreundet. Dr. Austins Vater und der Onkel meiner Mutter hatten die Austin-Crosman-Stiftung gegründet, deren Vermögen in der Wirtschaftskrise verloren gegangen war. Meine Eltern und die Austins wollten vom AFSC, daß es die Stiftung wiederbelebte, um dringende Kosten des Gemeindezentrums in der Silsbee Street decken zu können.

Die Auseinandersetzung um die Austin-Crosman-Stiftung vermischte sich unvermeidlich mit zwei weiteren Streitfragen zwischen meiner Familie und dem AFSC. Die erste war politischer Natur. Das AFSC hatte kurz nach der Oktoberrevolution von 1917 versucht, meinen Vater und andere junge Angehörige der Quäker für die Unterstützung des Sowjetkommunismus zu gewinnen. Mein Vater und auch andere erkannten, wo im AFSC-Vorstand der Hund begraben lag; an diesem Charakter des AFSC hat sich bis heute nichts geändert. Die zweite Streitfrage war theologischer Art. Das AFSC gehörte offiziell nicht zur Society of Friends, obwohl seine Vorstandspersonen ihr angehörten. Unter den Quäkern vertrat das AFSC eine gnostische "liberale Theologie", deren Lehre im Kern der Religionsphilosophie William James' entsprach. Im Streit um die Austin-Crosman-Stiftung rückten diese politischen und theologischen Fragen schnell in den Vordergrund.

Im Mittelpunkt des Streits zwischen dem christlichen und dem liberalen Flügel in der obersten Instanz der Quäker-Organisation, dem sogenannten Fünfjahreskongreß, stand der Gegensatz zwischen der religiös motivierten Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen auf Seiten des evangelischen Flügels und dem Pazifismus des AFSC und der Liberalen. Die pazifistische Sicht war der Einstellung Bertrand Russells sehr ähnlich, und nicht zufällig, denn die liberale Fraktion unterhielt seit Anfang des 20. Jahrhunderts direkte Verbindungen zu Russell. Die Liberalen setzten sich für eine pazifistische Weltordnung ein, und das AFSC arbeitete dabei im Rahmen der sowjetischen "Trust"-Netzwerke in enger Verbindung mit Theodore Roosevelts Flügel der amerikanischen Geheimdienste, der im Umkreis der Russell Sage Foundation und der National Civic Federation im Ersten Weltkrieg entstanden war. Im Gegensatz dazu entsprachen die Prinzipien der evangelischen Quäker einer Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen eher Calvins Lehre vom "göttlichen Willen". Meine Eltern und andere glaubenstreue Quäker sahen zwischen der prosowjetischen Einstellung des AFSC und dem pazifistischen Dogma der Liberalen einen untrennbaren Zusammenhang; im wesentlichen hatte mein Vater mit dieser Einschätzung recht.

Dieser Streit innerhalb der Quäker war ein wesentliches Element, aber eben nur ein Element der Entwicklung, die zu meinem Bruch mit diesem Bekenntnis führte. Der Richtungskampf, in den ich schon in früher Jugend als Hauptbeteiligter hineingezogen wurde, zwang mich, über die zugrundeliegenden theologischen Fragen nachzudenken. So kam ich dazu, den Prädestinationsglauben der Quäker zu verwerfen, wonach Gott für die Geschicke der Menschheit verantwortlich sei. Ich kam zu der Überzeugung, daß Gott vielmehr dem Menschen die Verantwortung für sein Geschick selbst in die Hand gibt und daß jeder einzelne nach seinen Fähigkeiten für seine Taten und Unterlassungen Rechenschaft vor Gott ablegen muß. Ich schloß mich nicht der katholischen Lehre an, doch stand diese Überzeugung, wie ich erst sehr viel später erkannte, in Übereinstimmung mit der augustinischen Auffassung, die der große Kardinal Nikolaus von Kues im 15. Jahrhundert lehrte. Wir sind berufen, am Werk des Lebendigen Gottes, seinem fortwährenden Schöpfungswerk, teilzunehmen.

Mein großes Problem Ende der 30er Jahre war der Konflikt zwischen meinen entstehenden eigenen theologischen Überzeugungen und der Treue zu meinen Eltern. Die beiden ergreifendsten Erinnerungen in der Beziehung zu meinen Eltern sind die Tränen meines Vaters, als er vom Tod meines Großvaters erfuhr, und die langen, tränenreichen Stunden für uns drei, als ich um ihren Segen für meinen Wunsch bat, statt den Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern, den Militärdienst antreten zu dürfen. Ich beugte mich zunächst ihrem Willen, vor allem aus Liebe zu meinem Vater. Doch ich konnte es nicht lange ertragen und tat etwas, was in den Augen meines Vaters Verrat war, als ich mich freiwillig zum Militärdienst meldete.

Das war eine der beiden wichtigsten und schwerwiegendsten Entscheidungen meines Lebens. Die zweite war mein Entschluß, die "Informationstheorie" Norbert Wieners zu widerlegen. Es sind Wendepunkte meines Leben, die mehr als alles andere bestimmen, was ich heute bin. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in den Entscheidungen selbst, sondern in der Wirkung des Denkprozesses, der zu ihnen führte.

Die wichtigen Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Leben trifft, fallen in zwei Gruppen. Zur ersten gehören wichtige, aber im Vergleich nicht so inhaltsschwere Entscheidungen, die wir aufgrund dessen treffen, was wir sind. Die zweite Gruppe sind jene Entscheidungsprozesse, durch die wir werden, was wir sind. Die beiden genannten Entscheidungen gehören zur zweiten Gruppe.

Ich will und darf diesen Gegenstand nicht zu sehr vereinfachen. Meinen Bruch mit dem Bekenntnis der Quäker habe ich im Grundsätzlichen dargestellt. Das ist notwendig, damit der Leser das Wesentliche der Entscheidung erkennen kann. Ich muß betonen, daß das volle Gewicht dieses Entschlusses nicht auf einen Schlag sichtbar wurde. Dasselbe gilt für meinen Entschluß, Wieners "Informationstheorie" zu widerlegen. Indem ich an diesen Entscheidungen festhielt, trotz persönlicher Krisen, die mich in Versuchung führten, von ihnen abzurücken, formte ich meinen Charakter, wie der Schmied ein glühendes Eisen formt. Mit den Jahren brachte ich verschiedene Ecken und Winkel meiner Persönlichkeit in Übereinstimmung mit den Forderungen, die sich aus diesen Entschlüssen ergaben. Ich kann sagen, daß diese Entwicklung bis heute andauert. Mit den Jahren wurde ich in zunehmendem Maße, was diese beiden Entscheidungen mich werden ließen.

Die Jahre bis Pearl Harbor

Am 8. September 2002 ist Lyndon LaRouche 80 Jahre alt geworden. Die Leser dieser Zeitung kennen seine weitsichtigen Analysen, treffsicheren Prognosen und programmatischen Vorschläge zur Überwindung der Krise. Leben und Werdegang dieses Vertreters des "besseren Amerika" kennen hingegen nur wenige. Wir veröffentlichen deshalb in den kommenden Wochen Teile aus LaRouches Autobiographie "Die Macht der Vernunft", die 1987 erschien und schon lange vergriffen ist.

Mein Streben nach einer sokratischen Methode machte mich zum brillanten Schüler und Studenten mit schlechten Noten. Die ersten beiden Schuljahre durchlief ich als guter, braver Schüler, aber im dritten Schuljahr fingen die Probleme an. Ich wurde noch brillanter und erhielt noch schlechtere Noten, als ich in der Eastern Junior High School in Lynn (Massachusetts) die achte Klasse erreichte. Der Grund für diesen widersprüchlichen Verlauf wurde mir in der English High School von Lynn klar. Ich erkannte ihn erstmals im Fach Ebene Geometrie I, das von einer langjährigen Freundin meiner Mutter, der Quäkerin Louise Richardson, unterrichtet wurde.

Louise Richardson war eine sehr sympathische Frau, die ich keinesfalls in peinliche Situationen bringen wollte. Doch ich konnte die Ebene Geometrie so, wie sie gelehrt wurde, nicht hinnehmen. Mit den Axiomen und Postulaten konnte ich mich nicht anfreunden. Sie leuchteten mir nicht ein; deshalb konnte ich keinen Lehrsatz glauben, der daraus abgeleitet wurde. Meine Auseinandersetzung mit Leibniz half mir zu erkennen, wie wichtig diese Frage war.

Ich werde jetzt für einen Moment das Jahr 1937 verlassen und mich auf die Kenntnisse stützen, die ich viele Jahre später über dieses Problem erwarb. Es ist nicht zu vermeiden, daß wir uns über die Frage der Methode verständigen, damit der Wesenszusammenhang zwischen meiner Reaktion auf die deduktive Methode in der High School und meiner späteren Kritik an der "Informationstheorie" deutlich wird.

In De docta ignorantia (Die gelehrte Unwissenheit) ...gelang Nikolaus von Kues 1440 der Beweis, daß die einzige geometrische Figur, die selbstevident im sichtbaren Raum existiert, das Erzeugnis einfacher Rotationswirkung ist. Dies ergibt den kleinsten Umfang für eine Fläche gegebener Größe (der isoperimetrische Lehrsatz der Topologie). [Diese Schule der mathematischen Physik wurde u.a. von Luca Pacioli und Leonardo da Vinci, Kepler und Desargues, Leibniz, die Bernoullis, Leonhard Euler und Gaspard Monge und schließlich Carl Friedrich Gauß und seinen Nachfolgern fortgesetzt.]

Die "synthetische" oder "konstruktive Geometrie" ...erlaubt keine Axiome und Postulate der euklidischen Art und erklärt logische Deduktionsschlüsse für unzulässig; sie beginnt allein mit dem isoperimetrischen Prinzip und leitet durch Konstruktion die gesamte Mathematik daraus ab, ohne jemals Annahmen von außen zuzulassen.

Zulässig ist jedoch die Annahme, daß Rotationswirkung wiederum stetiger Rotationswirkung unterliegen kann. Das wird als "mehrfach zusammenhängende Rotationswirkung" bezeichnet - in diesem Fall zweifach bzw. dreifach zusammenhängende Rotationswirkung, die Geraden und Punkte hervorbringt. Hieraus kann man alle in der euklidischen Geometrie der Ebene und des Raumes konstruierbaren Figuren aufbauen, ganz ohne Axiome, Postulate und Deduktionsschlüsse.

Gauß führte den Begriff einer Rotationswirkung höherer Ordnung ein, nämlich wachsende und schrumpfende Rotationswirkung. Sie ist als selbstähnliche Spirale auf einem Kegelmantel darstellbar. Die Gaußsche Physik beruht auf einem Wirkungsprinzip, das geometrisch einer "mehrfach zusammenhängenden Spiralrotation" entspricht - auf der Gaußschen Mathematik der elliptischen Funktionen und der sog. komplexen Zahlen.

Deshalb gibt es keine "idealen", "infinitesimalen" Punkte. Weder ist die Existenz "idealer" Punkte selbstevident, noch die Annahme, daß die Gerade die kürzeste Entfernung zweier Punkte sei. Die Methoden der euklidischen Geometrie und ebenso die Methoden der axiomatischen Algebra und Arithmetik sind ganz einfach falsch.

Wie ich zu meinen schlechten Noten kam, ist einfach zu erklären. Der Unterricht, dem ich ausgesetzt war, verlangte von mir fast immer, bestimmte Behauptungen als wahr anzunehmen, und ebenso alles, was logisch daraus abgeleitet werden könnte. Hierauf reagierte ich auf zweierlei Weise. Erstens hatte ich während meiner Kindheit und Jugend schon genügend Bücher auf Erwachsenenniveau gelesen, um zu wissen, daß so manche Annahme, die ich als wahr akzeptieren sollte, einfach nicht stimmte. Ich verschanzte mich innerlich, wenn ich mit solchen Annahmen konfrontiert wurde, und langweilte mich, wenn irgendetwas daraus abgeleitet werden sollte. In der Mathematik entwickelte sich dieser Widerstand etwas später als in anderen Fächern. Richtig deutlich wurde mir das Problem in der Mathematik erst durch die Begegnung mit der Geometrie auf der High School.

Damit hing zusammen, daß die Vorstellung eines Schöpfungsaktes in der Art eines "Urknalls" mir widerstrebte. Ich konnte nicht glauben, daß Gott eine solche Vielfalt auf einen Schlag aus dem Nichts geschaffen haben könnte. Nach meiner Überzeugung mußte es ein Gesetz geben, das einen fortwährenden Schöpfungsprozeß bewirkte. Diese Überzeugung schälte sich im Zusammenhang mit meiner Kritik an Norbert Wieners Informationstheorie deutlicher heraus; schon in den 30er Jahren dachte ich in diese Richtung.

Die formale Darstellung meines Einwands gegen die "Urknall"-Idee fand ich damals bei meinem Ringen, eine gemeinsame Basis für die Auseinandersetzung mit Descartes und Leibniz zu finden. Nach Descartes ist der Schöpfungsakt ein "Urknall". Descartes nimmt an, daß die Trümmer, die dabei entstehen, in die raum- und zeitlose Leere hinausgeschleudert werden und so auch ihre Anfangsbewegung erhalten. Änderungen der Bewegung würden durch paarweise Wechselwirkung der Materieteilchen verursacht. Daraus kann nichts werden; also macht Descartes eine weitere Annahme: eine Kraft, die von außen auf das materielle Universum wirkt, ein Deus ex machina. Bei Leibniz besteht diese Schwierigkeit nicht.

Punkte und Geraden konnten für mich nicht "einfach so" existieren, sondern mußten auf bestimmte, gesetzmäßige Weise erzeugt werden. Ebensowenig konnte ich die Vorstellung hinnehmen, daß die sog. "natürlichen Zahlen" selbstevident existierten. Aus ähnlichen Gründen war eine logische Ableitung für mich kein Realitätsbeweis. So liebte ich die Mathematik und Physik, konnte aber nicht ertragen, wie sie unterrichtet wurden.

Ich will nicht behaupten, daß meine Professoren an der Northeastern University in Boston nichts von ihrem Fach verstanden hätten, aber sie waren nicht in der Lage, mich unter erträglichen Voraussetzungen zu unterrichten. Auf der High School hatte ich angenommen, daß die mißliebigen Aspekte des Unterrichts mehr oder minder auf den Versuch der High School zurückgingen, den Schülern einen breiten, allgemeinen Wissensüberblick zu geben, und erwartete, daß an der Universität die "richtigen Sachen" geboten würden. Die Begegnung mit der Northeastern University weckte meinen Zorn, weil hier dasselbe, was ich mit Beendigung der High School hinter mir zu lassen gehofft hatte, wieder von vorn losging. So zog die Northeastern University meinen Unmut auf sich, wohl weniger wegen irgendwelchen Besonderheiten, als weil sie zum Auslöser eines seit Jahren aufgestauten Unmuts wurde.

Meine Mutter hing mit ganzem Herzen an der Idee, daß ich Geistlicher werden sollte. Mein Vater unterstützte sie darin nach außen hin, aber sein wirklicher Wunsch war, daß ich das "Schuhgewerbe" lernte, um dann mit ihm in den Industrieberaterberuf einzusteigen. Sein Vater hatte ihn bei einer Schuhfabrik in die Lehre gegeben, und er war dort mit 16 bereits Vorarbeiter geworden. So beschloß er 1938, daß ich in den Sommerferien das Handwerk von der Pike auf lernen sollte. Ich holte die Arbeitspapiere, die für Minderjährige gesetzlich vorgeschrieben waren, und begann auf dem niedrigsten Rang der Fertigung, als Brandsohleneinleger in Benny Shapiros Schuhfabrik in Peabody, der New England Slipper Company. Ich hatte nie Grund, diese Erfahrung oder Benny Shapiros Bekanntschaft zu bereuen.

Ich erlebte zum ersten Mal eine Weltsicht von einem anderen Standpunkt als dem angelsächsischen Kleinjunkertum meiner Familie. Benny war ein polnisch-jüdischer Einwanderer, der seinen Lebensunterhalt eine zeitlang als Berufsboxer verdient hatte. Die Belegschaft seines Unternehmens setzte sich zum größten Teil aus seinen Verwandten und anderen polnischen Einwanderern der ersten und zweiten Generation zusammen. Man kann sich vorstellen, daß ich in den drei Sommern meiner dortigen Arbeit eine gute Portion jiddische Sprache und Kultur mitbekam, und ich spürte den Schock an dem Tag, als Hitler in Polen einmarschierte.

Benny war der erste, der meinem Vater und mir erklärte, was es mit dem Nationalsozialismus auf sich hatte. Er war persönlich vom Schicksal der Juden betroffen, aber für meinen Vater unterstrich er: "Die Nazis sind eine Gefahr nicht nur für meine Schwester, sondern auch für eure." Benny konnte grob sein, und sogar brutal, aber ich erkannte, daß dahinter kein Sadismus, sondern eine bestimmte Weltanschauung stand. Für ihn war die Welt ein Dschungel, wo nur überleben konnte, wer ständig auf der Hut war. Wenn er grob mit jemandem umsprang, dann aus der Überzeugung, daß er ein Recht dazu hatte, und daß er ihm damit sogar einen Gefallen tat. Er glaubte mit Stolz, daß er ihm vielleicht den Weg zum Erfolg ebnete, wenn er ihn etwas abhärtete. Standhaft und hartnäckig zu sein, war für ihn eine Lebensnotwendigkeit, nicht nur wegen der Risiken, die es mit sich brachte, einer jüdischen Minderheit anzugehören, sondern weil er der Zinswucherer wegen meist am Rande des Bankrotts lebte.

Um das Jahr 1940 entstanden Spannungen in der Beziehung meines Vaters zu mir. Meine Leistungen an der Schule und Universität enttäuschten ihn. Er war weniger der Tatsachen wegen besorgt, als wegen der unbestimmten Befürchtungen, die seine böse Ahnung hervorrief. Die Situation wurde unangenehm. Ich flog eines Morgens nach New York, um für den Fall eines plötzlichen Wohnortwechsels die Gegend zu erkunden, und fuhr am selben Abend mit dem Zug zurück nach Boston. Ich mußte von meinen Eltern und der Universität etwas Abstand gewinnen. Ich hatte meinen Eltern einfach einen Zettel hinterlassen und war abgereist. Auf der Rückfahrt nach Boston hatte ich noch keine endgültige Entscheidung getroffen, aber die Alternative hatte deutlicher Gestalt gewonnen.

Ich wartete bis zur sprichwörtlich letzten Minute. In diesen Semesterferien arbeitete ich wieder in Benny Shapiros Betrieb. Das Arbeitsverhältnis sollte enden, so hatten wir vereinbart, wenn ich an die Universität zurück mußte. Einige Wochen später, am 7. Dezember 1941, einem Sonntag, betrat ich den Empfangsraum eines Hotels, um Bekannte zu treffen, mit denen ich etwas zu besprechen hatte. Wenige Augenblicke zuvor war die Meldung über den Angriff der Japaner auf Pearl Harbor im Radio gekommen. Inmitten der wie betäubten Menschen stand ich im Empfangsraum, mehr gebannt durch meine Beobachtung, wie diese Menschen sich plötzlich veränderten, als durch die schreckliche Meldung selbst. Natürlich dachte ich zuerst an Benny Shapiro und meinen fortschreitenden Bruch mit dem Quäker-Bekenntnis.

In den Wochen zuvor hatte ich zunächst den Entschluß gefaßt, mich zum Dienst bei einem zivilen Bautrupp zu melden, der den Aufbau eines Militärstützpunktes in Afrika übernehmen sollte. In dieser Angelegenheit war ich an jenem schicksalhaften Sonntagmorgen in die Empfangshalle des Hotels gekommen. Ich war innerlich noch nicht bereit, den regulären Militärdienst anzutreten; so gedachte ich zivile Pflichten zu übernehmen, die in dieser Hinsicht keinen völligen Bruch mit meinen Eltern bedeuteten. An diesem Sonntag erkannte ich, daß ich der Auseinandersetzung mit dem Militärdienst ausweichen würde, wenn ich mich beim Bautrupp bewarb. Ich würde mich dieser Frage direkt stellen müssen. Kurz darauf reisten meine Bekannten ohne mich ab, um ihren Dienst anzutreten. Einige Tage später traf ich meinen Vater in New York.

Wir hatten ein Gespräch wie noch nie zuvor. Mein Vater faßte seine Ansichten über persönliche Beziehungen in der Familie, unter Freunden und im Geschäftsleben zusammen, wobei mehrfach die Worte "anständig handeln" fielen. Das wollte er mir gegenüber tun. Auf meiner Seite bewirkte die erworbene Selbständigkeit, daß ich meine Eltern im richtigen Verhältnis sah. Ich erkannte, daß sie in jeder Hinsicht schwächer waren als ich, und daß es meine Pflicht wäre, ihnen zu helfen. Ich ließ mich von ihren Versuchen, mein Denken in allen Einzelheiten zu beherrschen, nicht erdrücken, spürte aber, daß ich meine Verpflichtung ihnen gegenüber nicht abschütteln konnte. Im Verlauf einer stundenlangen und tränenreichen Auseinandersetzung in meinem Elternhaus in East Lynn, Pleasant View Avenue 23, kapitulierte ich vor der Aussicht, an die Northeastern University zurückzukehren, und fand mich mit dem Status des Wehrdienstverweigerers ab.

Aber es war keine vollständige Kapitulation. Seit jenem Morgen im Eßzimmer unseres Hauses am Coxeter Square Nr. 3 am Tag meiner Einschulung war ich emotional "Wehrdienstverweigerer". Die vielen Schläge, die ich im Lauf der Jahre eingesteckt hatte, ohne mich zu wehren, hatten mein damaliges Gelöbnis zur Überzeugung werden lassen. Geistig hatte ich den Bruch mit dem Quäkertum zwar vollzogen, aber gefühlsmäßig nicht. Der Gedanke, einen anderen Menschen zu töten, war mir ein Greuel; gefühlsmäßig war ich bereit, lieber selbst zu sterben, als mein Leben durch Gefährdung eines anderen zu retten. Die Verstandesentscheidung würde sich durchsetzen, aber es dauerte, bis sie emotional die Ecken und Winkel meiner Persönlichkeit erreichte. Bei der Entscheidung ging es nicht darum, ob ich das eine oder das andere tat; es ging darum, das Selbstverständnis meiner Kinder- und Jugendzeit zu überwinden und ein neues Selbstverständnis zu finden. Ich hatte meine Wahl getroffen, aber ich mußte erst in sie hineinwachsen.

Unternehmensberater in der Schuhindustrie

Kurz vor Weihnachten 1942 trat ich in ein Quaker-Lager für Wehrdienstverweigerer in West Campton (New Hampshire) ein. In den Monaten zuvor geschah zweierlei, das mein späteres Leben nachhaltig beeinflußte. Ich verbrachte das Jahr zum großen Teil an der Seite meines Vaters in seinem Beraterberuf. Zweitens schloß ich die erste Vorlesung in der Integralrechnung mit glänzendem

Erfolg ab, während ich die Art, wie die Differentialrechnung gelehrt wurde, verabscheute und ablehnte. Das erste gab mir die wichtigsten Voraussetzungen für meine eigene Arbeit als Unternehmensberater nach dem Krieg. Das zweite erlaubte mir ein tieferes Verständnis meiner Kontroverse mit der axiomatisch-deduktiven Methode und trug somit in großem Maße dazu bei, daß meine Kritik an der Informationstheorie Norbert Wieners möglich wurde.

Zu den wichtigsten Voraussetzungen, auf denen ein Urteil beruht, gehört der psychologische Ausgangspunkt bei der Betrachtung des Problems. Dessen wichtigste Aspekte sind zwei: erstens die eigene Weltanschauung, die Denkmethode, auch die Maßstäbe, um zu beurteilen, welches Ergebnis befriedigend und welches unbefriedigend ist. Der zweite ist, wie man das eigene Selbstverständnis im Verhältnis zum Problemfeld einordnet. Wer diese beiden Voraussetzungen in geeigneter Form erfüllt, besitzt wahrscheinlich die Qualifikation für eine Laufbahn als Unternehmensberater oder in einem ähnlichen Bereich. Ich erwarb den zweiten Teil dieser Voraussetzung als Mitarbeiter meines Vaters im Jahre 1942.

Die Tätigkeit des Unternehmensberaters veranlaßt dazu, Probleme aus der Sicht der Geschäftsleitung zu sehen. Wichtiger ist, sie veranlaßt auch dazu, sich psychologisch über die Sicht der Geschäftsleitungen erheben. Die Reaktion der Geschäftsleitung auf das Problem ist für den Unternehmensberater der eigentliche Gegenstand seiner Arbeit.

Diese Herangehensweise kam meiner sokratischen Weltanschauung sehr entgegen. In Anbetracht der technischen und sonstigen Sachverhalte sind die meisten betrieblichen Probleme keine Folge mangelnden technischen Sachverstands der Geschäftsleitung, sondern irriger Annahmen, die ihrer Reaktion auf technische und sonstige Schwierigkeiten zugrundeliegen. Die wichtigste Funktion eines Unternehmensberaters ist es, die unausgesprochenen Annahmen herauszufinden, die den fraglichen Verfahrensweisen zugrundeliegen, und dann herauszufinden, welche davon zu unzweckmäßigen Reaktionen der Geschäftsleitung führen.

Die technische Seite der Beratertätigkeit ist natürlich unentbehrlich. Ohne technischen Sachverstand könnte der Berater weder die Probleme erkennen noch Lösungsvorschläge finden. Er muß technischen Sachverstand haben, aber dieser allein qualifiziert ihn noch nicht zum Unternehmensberater. Er braucht außerdem eine sokratische Neigung, um stillschweigende Annahmen der Geschäftsleitung zu durchleuchten, und muß gewohnheitsmäßig aus der richtigen psychologischen Sicht an die Sache herangehen.

Ende der 30er Jahre kam in den USA der sog. "Penny loafer" in Mode. Die Besonderheit dieses Schuhs war eine mokassinähnliche Vorderkappe. Um diese zu nähen, benutzte man meist Maschinen der United Shoe Machinery Corporation (USMC) vom Typ ORL, die sonst dafür bestimmt waren, bei Schuhen mit Randnaht die Sohle mit dem Oberleder zu verbinden. Die USMC hatte ein Zusatzgerät entwickelt, um mit dieser Maschine Mokassinvorderkappen nähen zu können. Der Nachteil der ORL waren die hohen Kosten pro Maschinenstunde und, sehr zum Verdruß der Schuhgestalter, Einschränkungen bei der Gestaltung der Naht. Mein Vater entwickelte ein Zusatzgerät für eine andere Maschine, die viel billiger war als die ORL, was nicht nur die Kosten senkte, sondern auch Schuhmodelle ermöglichte, die mit dem Zusatzgerät der USMC nicht herzustellen waren.

Die Anpassung seines Geräts für die neuen Anforderungen, die eine größere Flexibilität in der Schuhgestaltung mit sich brachte, hielt meinen Vater viele Stunden in den Werkshallen seiner Klienten. Einen Leinenfaden so zu führen, daß ein sauberer Kettenstich entsteht, ist besonders beim Drehen des Werkstücks während der Arbeit nicht ganz so einfach, wie man meinen möchte. Der Faden muß immer die richtige Spannung haben. Bei der Handnaht ist das kein Problem, doch die manuelle Korrektur der Fadenspannung mit einer Maschine nachzuvollziehen, war nicht so leicht. Wer ein Meister im Umgang mit den Einstellvorrichtungen ist, löst diese Aufgabe ohne weiteres; schwierig wird es, wenn es auch der normale Arbeiter schaffen soll.

Hinzu kam die Schwierigkeit, daß die umgebauten Maschinen mitten in der laufenden Fertigung in Betrieb genommen werden mußten. Wenn Probleme auftraten, mußten sie in der laufenden Fertigung gelöst werden, ohne Ausschuß zu produzieren oder den Zeitplan durcheinander zu bringen. Die eigentliche Ursache des Problems war, daß die United Shoe Machinery Corporation praktisch eine Monopolstellung besaß.

Die Entwicklung der Maschinen zur Schuhfertigung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Grunde abgeschlossen. Die einzigen größeren Verbesserungen waren das Werk eines erfinderischen Schuhherstellers aus dem Bostoner Raum namens Tom Plant. Die USMC hatte seine Erfindungen aufgekauft, und so sahen die Maschinen zur Schuhfertigung in den 40er Jahren im wesentlichen noch genauso aus wie zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die USMC besaß praktisch ein Monopol, außer in einigen Bereichen, wo die Firma Singer den Ton angab, und nutzte es aus, um den technischen Fortschritt der Branche zu bremsen und dadurch höhere Gewinne zu ernten. Deshalb waren die Maschinen, mit denen mein Vater arbeitete, vergleichsweise primitiv und erforderten entsprechend größere Findigkeit der Techniker und Arbeiter.

Mein Vater und seine Klienten mußten diese Maschinen dazu bringen, daß man trotz ihrer Primitivität damit herstellen konnte, was verlangt wurde.

Mein Vater war Fachmann der verschiedenen Verfahren der Schuhherstellung, und unter seiner Anleitung eignete ich mir diese Kenntnisse rasch an. Ich lernte auch, was zu tun war, wenn ich in eine Fabrik kam, wo die Fertigung hinten und vorne nicht klappte und die Maschinen in erbärmlichem Zustand waren, um den Laden so in Schuß zu bringen, daß er funktionierte, auch wenn es mich und einige Helfer ein Wochenende kostete. Dem guten Unternehmensberater macht es besonderen Spaß, wenn ihm gelingt, was alle für unmöglich hielten, und zum allgemeinen Erstaunen der Betrieb am nächsten Montagmorgen wieder läuft. Die wenigsten erkennen, was möglich ist, bevor sie solche Aufgaben hinter sich gebracht haben. Der einzige Wirtschaftszweig, wo ich diese Herangehensweise als Regelfall erlebte, sind die selbständigen Landwirte, die vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium jetzt in den Ruin getrieben werden.

Den Arbeiten in der Werkshalle folgten spätabends Sitzungen mit der Geschäftsleitung. Dabei lernte ich die Anfangsgründe ihrer Sichtweise kennen und wurde etwas mit der Problematik der versteckten Annahmen hinter eingefahrenen Verhaltensweisen vertraut. Dies vor allem, weil ich mitbekam, wie mein Vater und seine Klienten vereint die USMC zu überlisten suchten, die den Vormarsch meines Vaters auf einen lukrativen Geschäftsbereich als Angriff auf ihre Firmenehre betrachtete.

Leibniz und die Differentialrechnung

Die Problematik der Differentialrechnung hängt mit der fixen Idee zusammen, daß diese von Newton statt von Leibniz entdeckt worden sei. Aus diesem Zusammenhang ist es zu erklären, weshalb ich mir die Integralrechnung so leicht aneignete, nachdem ich die axiomatischen Annahmen des Differentialrechnungsunterrichts verworfen hatte.

Die Vorgaben für die Entwicklung der Differentialrechnung stammen von Johannes Kepler und waren in erster Linie ein Nebenprodukt der Arbeiten, mit denen er den Grundstein der Astrophysik legte. Um seine Berechnungen zu erleichtern, entwickelte er die erste Rechenmaschine. Sie wurde im 30jährigen Krieg zerstört, aber Keplers Entwurf wurde von Blaise Pascal nachgebaut, und Pascals Rechenmaschine war für Leibniz der Ausgangspunkt zur Konstruktion der modernen mechanischen Vierspezies-Rechenmaschine und für das Prinzip des mechanischen Differentialanalysators.

Pascal übernahm die Aufgabe, eine Differentialrechnung nach Keplers Vorgaben zu entwickeln; zu diesem Zweck untersuchte er Ordnungsprinzipien von Zahlenfolgen aus einer Sicht, die wir heute als Anfänge der Differentialgeometrie erkennen. Leibniz hatte bereits vor 1672 erste Untersuchungen in diese Richtung unternommen und seine erste wirtschaftswissenschaftliche Schrift Societät und Wirtschaft verfaßt. Im Jahre 1672 begann er in Paris, in Zusammenarbeit mit Christian Huygens unter der Schirmherrschaft des französischen Premierministers Jean Baptiste Colbert, ernsthaft an der Differentialrechnung zu arbeiten. Leibniz erhielt Zugang zu dem unveröffentlichten Nachlaß Pascals und vollendete die Grundlagen der Differentialrechnung in einem Aufsatz, der 1676 einem Pariser Verleger übergeben wurde. Eine Untersuchung der unveröffentlichten Schriften im Leibniz-Archiv in Hannover zeigt, daß seine Entwicklung der Differentialrechnung in der Zeit 1673-76 in Paris sehr viel weiter war als alles, was bis zur Ecole Polytechnique der Jahre 1784-1814 unter Carnot und Monge in der Öffentlichkeit bekannt wurde.

Was Newton etwa zwölf Jahre nach Leibniz' Aufsatz von 1676 veröffentlichte, war keine Differentialrechnung. Niemand hätte je gedacht, das zu behaupten, wäre Leibniz nicht für das Amt des britischen Premierministers in Betracht gezogen worden. Die Gruppe um den Earl of Marlborough, Königin Annas und Leibniz' Gegner, suchte seine wissenschaftlichen Leistungen zu schmälern, um seine Ernennung zum Premierminister zu verhindern. Königin Anna verlangte, daß der unverschämte Klatsch über Leibniz aufhörte, und forderte seine Gegner auf, sich in einer öffentlichen Debatte zu ihren unbewiesenen Behauptungen zu äußern. So erfand die Marlborough-Fraktion das Märchen, Newton sei der eigentliche Entdecker der Differentialrechnung. Dies führte zu den Streitschriften zwischen Leibniz und Clarke und zu Leibniz' Aufsatz Über die Geschichte und Ursprünge der Differentialrechnung.

Geht man auf den Spuren von Kepler, Pascal und Leibniz vom Standpunkt einer konstruktiven Geometrie aus, dann gibt es nichts Axiomatisch-Deduktives an der Differentialrechnung. Der Versuch, dieser Aufgabe mit unendlichen Reihen und axiomatischer Algebra beizukommen, erfordert zahlreiche unsinnige Zusatzannahmen, damit das Endprodukt scheinbar den Anforderungen einer Differentialrechnung genügt.

Gegen Anfang des 19. Jahrhunderts hatte Newton unter den Wissenschaftlern des europäischen Kontinents jedes Ansehen verspielt. Das änderte sich ab 1815 aufgrund politischer Entscheidungen des Wiener Kongresses. Lazare Carnot mußte Frankreich verlassen, Monge verlor an der Ecole Polytechnique, die er aufgebaut und geleitet hatte, seine Stellung, und sein Lehrplan, der Frankreich in den Naturwissenschaften an die Weltspitze gebracht hatte, wurde abgeschafft. Laplace und sein Günstling Augustin Cauchy übernahmen die Leitung.

Um dieselbe Zeit, in den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, entstand in England eine Gruppe, der auch Charles Babbage angehörte. Sie stellte alarmiert fest, daß die Naturwissenschaften in England so gut wie tot waren, und forderte, daß Großbritannien auf dem Kontinent Nachhilfe nehmen müsse. Sie erklärte Newtons sogenannte Differentialrechnung für absurd und forderte, an ihrer Stelle die Leibnizsche Differentialrechnung einzuführen. So erschien in Großbritannien wie auch in Frankreich ein Abklatsch der Leibnizschen Differentialrechnung, der auf dem von Cauchy eingeführten "Neukartesianismus" beruhte und bis heute die einschlägigen Lehrbücher beherrscht.

Die Rechenoperationen der Integralrechnung beziehen sich unmittelbar auf Begriffe der konstruktiven Geometrie und sind begrifflich ohne weiteres einsichtig, ohne auf den axiomatisch-deduktiven Reduktionismus von Cauchys Methode zurückzugreifen. Meine erste Begegnung mit der Integralrechnung war daher von Faszination und Freude begleitet, während die Differentialrechnung mich in Angst und Schrecken versetzte.

Durch dieses Erlebnis wandte sich mein Interesse erneut den Leibniz-Studien zu. In mir war etwas im Gang, das erst nach dem Krieg zutagetreten sollte.

Das American Friends Service Committee

Von wenigen Ausnahmen abgesehen waren die Wehrdienstverweigerer, die ich kennenlernte, übelste Heuchler, denen ich lieber aus dem Weg gegangen wäre. Eine der Ausnahmen war F. Porter Sargent, dessen elterlich geprägte Weltanschauung der meinen zwar in jeder Hinsicht diametral zuwiderlief, der aber im Umgang mit anderen Menschen höchste moralische Grundsätze bewies. Porter war mir ein teurer Freund und blieb es bis zu seinem erschütternden Tod 1975.

Die Wehrdienstverweigerer, die ich kannte, hatten im Vergleich zu Porter mit wenigen Ausnahmen keine moralischen Grundsätze und vertraten Weltanschauungen, die ich verabscheute. Am schlimmsten waren die Lagerverwalter, Funktionäre des American Friends Service Committee. Das AFSC nutzte die Gelegenheit, mich in seiner Obhut zu haben, um Rache an meinen Eltern zu üben. Ich fand Beweise für ihre Machenschaften und setzte durch, daß ich in ein staatlich verwaltetes Lager verlegt wurde. Ich kam vom Regen in die Traufe, weil die Einheit kleiner war und ich deshalb mit den Leuten des AFSC noch enger in Berührung kam.

Zusammen mit mir war ein Student des Queens College, Quentin Stodola, aus West Campton in das staatlich verwaltete Lager übergewechselt. Wir unterhielten uns oft, und ich legte ihm meine Überzeugungen dar, was mir half, meine Entscheidung zu formulieren. Seine philosophische Überzeugung war nicht die meine, aber wir beschlossen gemeinsam, den Militärdienst anzutreten. Ich handelte als erster, schickte ein Telegramm an die Einberufungsstelle nach Washington und wurde umgehend nach Fort Bliss zur Grundausbildung eingezogen.

Später lehnte ich zweimal das Angebot ab, die Offiziersanwärterschule zu besuchen, meiner Gewohnheit getreu, nicht nach Geld und Rang streben zu wollen. Im weiteren Gang der Ereignisse wurde ich zunächst für die Verwendung in Europa vorgesehen und kam nach Indiantown Gap, wurde dann aber an die Pazifikküste kommandiert und schiffte mich auf der Admiral Benson nach Bombay ein.

Militärdienst in Indien

Von Bombay ging der Transport mit der Eisenbahn in ein Lager außerhalb Kalkuttas; auf der Strecke winkten wir Mahatma Gandhi zu und bewunderten die Glut über dem Stahlwerk im nächtlichen Dschamschedpur. Per Eisenbahn und auf der Ladefläche von Armeelastwagen gelangte ich dann von Kalkutta nach Ledo in Assam; dort ergatterte ich einen LKW-Sitzplatz und erreichte so die Stadt Mjitkjina in Nordburma, von der nach der letzten Schlacht nur Trümmer geblieben waren.

Ich kam oft mit dem Tod in Berührung, als ich in der Notaufnahme des 18th General Hospital eingesetzt war; obwohl ich lediglich einmal durch eine verirrte Handgranate in Gefahr geriet, erhielt ich eine Tapferkeitsauszeichnung. Ich blieb von einer Ruhrepidemie verschont, die das Lazarettpersonal und die Patienten heimsuchte, zog mir aber eine leichte tropische Infektionskrankheit zu, sowie eine weitere Erkrankung, wohl ebensosehr durch Erschöpfung verursacht wie durch meine wahrscheinlich geerbte Kreislaufschwäche, die unter diesen Umständen hervortrat. So ging der Krieg zu Ende. Ich wurde auf dem Luftweg mit einer DC-3 nach Ledo gebracht und bald darauf als Proviantmeister einer Gruppe von GIs zugeteilt, die sich per Eisenbahn nach Kalkutta durchschlagen sollte.

Ich erinnere mich nur an zwei Erlebnisse während der Dienstzeit in Burma und Indien, die mir heute berichtenswert erscheinen.

Die erste Begebenheit trug sich auf dem Ersatztruppensammelplatz vor den Toren Kalkuttas kurz vor meiner Abreise nach Burma zu. Wir hatten gerade vom Tode Präsident Roosevelts erfahren. Es war Abend. Ich wurde zu einer Gruppe von etwa zwei Dutzend GIs gerufen und aufgefordert, meine Ansichten über die Auswirkungen von Roosevelts Tod vorzutragen. Uns war nach einer Totengedenkstunde zumute. Unser Präsident und Oberbefehlshaber war gestorben, und wir wollten darauf angemessene, persönliche Worte finden. Ich äußerte die Ansicht, daß Harry Truman, der Vizepräsident, ein Mann von viel kleinerem Format als der verstorbene Präsident wäre, und daß ich deshalb besorgt in die Zukunft blickte. Diese Ansicht fand einhellige Zustimmung.

Ich war überrascht, daß gerade von mir politische Führung dieser Art verlangt wurde. Und ich war auch von meiner Antwort überrascht. Ich erinnerte mich nicht, diesen Gedanken vorher formuliert zu haben; er kam einfach, als ich gefragt wurde. Damals kam mir der Gedanke, ob ich vielleicht zukünftig eine politische Führungsrolle irgendeiner Art spielen würde. In den folgenden Monaten dachte ich gelegentlich über diese Frage nach und hatte dabei immer das Bild der improvisierten Gedenkstunde vor Augen. Die Vorstellung, auf solche Weise nützlich zu sein, sagte mir zu, doch wies ich den Gedanken von mir, eine politische Stellung zu erstreben. Die Überlegung rumorte weiter, blieb aber ohne besondere Folgen, bis ich bei Kriegsende in die Nähe Kalkuttas zurückkam.

Ein prägendes Erlebnis

Das Erlebnis in Kalkutta 1946 prägte meine politische Grundüberzeugung, daß die Vereinigten Staaten nach dem Krieg die Führung beim Aufbau einer neuen Weltordnung übernehmen müßten, mit der Aufgabe, die Wirtschaftsentwicklung der heutigen "Entwicklungsländer" zu fördern.

Die Fahrt von Ledo in Assam nach Kalkutta brachte mich, teils mit der Eisenbahn, teils auf der Ladefläche von Armeelastwagen und beladen mit den Truthahnkonserven des Proviants, auf den Ersatztruppensammelplatz Kanchrapara vor den Toren Kalkuttas. Für den Besuch der Stadt waren Passierscheine erhältlich. Ich stellte eine Liste politischer Organisationen auf, die ich in Kalkutta besuchen wollte, um so viel wie möglich über die Lage im Lande zu erfahren. Diese Erkundungen waren aufschlußreich, doch die wichtigen Bekanntschaften entwickelten sich erst nach meiner Versetzung zu einer in Kalkutta selbst stationierten Feldzeugeinheit.

Eines Tages trat eine Gruppe von GIs an mich heran. Sie teilten mir mit, daß ich ausgewählt worden sei, das Lager auf einer Soldatenversammlung zu vertreten. Ich hatte zuvor keine Verbindungen zu dieser Gruppe gehabt, ahnte aber, welcher meiner Bekannten bei dem Vorschlag ein Wort mitgeredet haben könnte. Tags darauf wurde mir mitgeteilt, daß ich zu einer anderen Einheit nach Kalkutta versetzt worden war. Damit konnte ich das Lager nicht mehr auf der Versammlung vertreten. Später erzählte mir ein befreundeter Militärpolizist, daß ich auf britischen Wunsch hin von der Abwehr überwacht wurde. Ich vermutete, daß die Versetzung zur Feldzeugeinheit derartige Gründe hatte.

Unter den nach Kriegsende in Indien verbliebenen GIs regte sich die Befürchtung, daß wir im Lande gehalten wurden, um die britische Armee bei möglichen Auseinandersetzungen mit der Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Das jedenfalls besagten die Latrinenparolen, und die meisten von uns hielten das damals durchaus für möglich. Die Aussicht, gegen die Inder antreten zu müssen, war für die meisten von uns empörend. Es war ein weiterer Grund, den schnellstmöglichen Rücktransport in die Heimat zu wünschen. Meine bekannten Sympathien für die indische Sache hatten sicherlich eine Rolle gespielt, als man mich als Vertreter des Lagers auf der Soldatenversammlung vorschlug.

Die Feldzeugeinheit war auf dem Gelände einer ehemaligen Mädchenschule untergebracht, einige Fußminuten vom Südrand des Maidan, dem Park in der Stadtmitte, entfernt. Abends nach Dienstschluß ging ich auf die Chowringhee, die neben dem Park verlaufende Prachtstraße, um Gespräche mit Bengalen anzuknüpfen, die von den GIs wissen wollten, was sie über die Aussicht der indischen Unabhängigkeit dachten. Zugleich lernte ich einen wachsenden Kreis von Kameraden kennen, die der indischen Sache ebenfalls mit Sympathie gegenüberstanden.

Tageweise wurde ich zu einem Lagerhaus abkommandiert, das von zwei indischen Babus, Angehörigen der Brahmanenkaste, verwaltet wurde. Ich sollte mithelfen, daß der Umschlag der Versorgungsgüter im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Abzug der amerikanischen Truppen reibungslos ablief. Ich hatte dazu einen Traktor, einen Anhänger und etwa zwei Dutzend indische Kulis zur Verfügung. Meine Zusammenarbeit mit den beiden Babus war hervorragend, und ebenso gut war das Verhältnis zu den mir unterstellten Kulis, bis ein Sergeant mit rassistischer Tendenz alles verdarb. Der Vorfall war unerfreulich, hatte aber auch sein Gutes.

Dieser Sergeant fing Streit mit einem der beiden Babus an, obwohl er gar nichts bei ihnen zu suchen hatte. Nach gewöhnlichen Beleidigungen fiel ein gemeines rassistisches Schimpfwort. Ich befahl den Sergeanten hinaus. Er taxierte meine Laune und gehorchte. Jammernd lief er zum diensthabenden Oberleutnant, und auf der Stelle wurde eine Untersuchung anberaumt. Der Sergeant forderte meinen Kopf, aber gegen die vorhandenen Zeugen hatte er keine Chance. Ich wurde einfach von meinem Auftrag entbunden und erhielt keinen neuen. So bekam ich wesentlich mehr Gelegenheit als zuvor, Kalkutta zu erkunden.

Die Bengalen, die ich kennenlernte, zeichneten sich durch unersättliche Wißbegierde aus. Der Anblick meiner Uniform genügte, um auf der Strecke eines Häuserblocks zwei bis drei neue Bekanntschaften anzuknüpfen. Ich war stets zu Gesprächen bereit, und so konnte ich über die näheren Umstände und das Tempo der Entwicklungen bis in die kleinsten Einzelheiten alles erfahren, was ich nur zu wissen begehrte. Die Anglo-Inder, Personen ganz oder teilweise europäischer Herkunft, waren bengalischer, als viele von ihnen zugeben mochten. Bald hatte ich zu Kreisen der indischen und der anglo-indischen Politik gleichzeitig Kontakt.

Eines Tages saß ich zusammen mit einem Kameraden, Gene Schramm, in der Straßenbahn, um eine Veranstaltung in der Rotkreuz-Zentrale zu besuchen. Außer uns gab es nur wenige andere Fahrgäste. Einer von ihnen war Ken Stuart, ein junger anglo-indischer Schriftsteller. Er kam auf uns zu und knüpfte ein Gespräch an, in dessen Verlauf Gene und ich zu einem Whisky-Soda in seinen Club eingeladen wurden. Ken und seine Clubfreunde machten uns mit den führenden Kreisen anglo-indischer Politik in Kalkutta bekannt. Sie waren freundlich im Umgang, aber durchaus nicht geneigt, sich in das unabhängige Indien einzufügen. Einige dachten daran, auf den Andamanen einen selbständigen anglo-indischen Kleinstaat zu errichten. Andere bereiteten schon die Auswanderung nach Großbritannien vor. Eine Schande, dachte ich; sie hätten im unabhängigen Indien eine nützliche Rolle übernehmen können.

1946 verkörperte die indische Kongreßpartei einen lebendigen Optimismus, der mich begeisterte. Ein unvergeßliches Beispiel dafür ist meine Begegnung mit einer Gruppe Kulis im Maidan-Park, einige Wochen vor Ausbruch der sogenannten Kalkutta-Unruhen. Ich unterhielt mich gerade mit zwei Bekannten, als die Gruppe auf uns zukam. Einer von ihnen fragte, ob sie dem "amerikanischen Sahib" eine Frage stellen dürften: Würden die Vereinigten Staaten Textilmaschinen nach Indien exportieren, nachdem Indien die Unabhängigkeit erlangt hatte? Man muß Kalkutta kennen, wie ich es damals kennenlernte, um ermessen zu können, welchen tiefen Eindruck diese Frage auf mich machte.

Die Not der bengalischen Kulis gehörte zu den Fragen, die ich mithilfe von Freunden untersucht hatte. Diese armen Menschen, Analphabeten, verdienten nur ein paar Annas am Tag. Dieser Lohn war von den Briten festgesetzt worden, bevor die schlimme Inflation der folgenden Jahre einsetzte. Bei der Bewertung der Kaufkraft dieses Einkommens hatte ich festgestellt, daß man damit nicht einmal die Ernährung einer einzigen Person gewährleisten konnte. Viele Kulis gingen zusätzlich betteln und schliefen nachts auf der Straße. Beschäftigung in einer Textilfabrik zu finden, symbolisierte für sie das Ende ihrer Not. Die meisten amerikanischen Yuppies haben heute nicht soviel Patriotismus und Verstand, wie diese armen Kulis mit ihrer Frage zum Ausdruck brachten.

Ich antwortete, ich wäre nur ein unwichtiger Soldat, der so etwas nicht entscheiden könnte; ich wäre aber der Meinung, daß die USA dem unabhängigen Indien helfen sollten, Maschinen für seine Entwicklung zu erhalten. Die Antwort schien sie zu freuen.

Die Kalkutta-Unruhen

Wenn für mich eine Notwendigkeit bestand, politisch erwachsen zu werden, so ließen die Kalkutta-Unruhen mir keine andere Wahl. Die Ereignisse begannen auf dem Maidan, in der Nähe einer Endhaltestelle der Straßenbahn. Ich traf zwei indische Studenten, die mir bekannt waren. Sie wiesen auf eine mehrdutzendköpfige Gruppe von Indern, die sich in der Nähe versammelt hatte. Die beiden Studenten führten eine Kundgebung für die Unabhängigkeit vor dem Palast des Generalgouverneurs - eine Routinesache. Wir verabredeten uns für später, um unser Gespräch fortzusetzen. Einige der Demonstranten kehrten nicht zurück.

Solche Kundgebungen gehörten zum täglichen Bild und verliefen zwar auf bengalische Art lautstark, aber in der Hauptsache friedlich. Doch diesmal gingen die Wachen mit Lathis gegen die kleine Demonstrantengruppe vor. Lathis sind lange, biegsame Schlagstöcke mit einem Metallstück am oberen Ende. Sachverständig geführt ist diese Waffe tödlich. Der Angriff war offensichtlich eine Provokation und in dieser Absicht befohlen worden.

Die Folgen waren voraussehbar. Es kam zu einer Großdemonstration gegen das brutale Vorgehen. Auf der Dharmatala, einige Straßenzüge vom Palast des Generalgouverneurs entfernt, wurden die Demonstranten mit Maschinengewehrfeuer empfangen. Kurze Zeit herrschte in Kalkutta gespannte Ruhe. Dann explodierte Bengalen. In Scharen drängten sich die Demonstranten auf den Dächern und Trittbrettern der Züge, die in Kalkutta einfuhren. Mehrere Tage und Nächte marschierten Millionen von Bengalen in dichten Reihen, die sich über die ganze Straßenbreite erstreckten, durch Kalkutta. Die britischen Streitkräfte räumten die Stadt. Nur die amerikanischen Truppen blieben. Unaufhörlich schallte der Ruf jai Hind! aus Hunderttausenden, manchmal Millionen Kehlen durch die Stadt. Wäre jemandem daran gelegen gewesen, so hätte in diesem Moment in Kalkutta eine unabhängige indische Regierung entstehen können, und die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Volksteilen im folgenden Jahr wären wahrscheinlich vermieden worden.

Doch abgesehen von einigen Zwischenfällen, die in solchen Situationen praktisch unvermeidbar sind, geschah nichts. Die erschöpften Demonstranten zerstreuten sich. Die nationalistische Bewegung hatte die Lage in der Hand und blieb untätig. Warum? Ich fand das unbegreiflich. Ich suchte überall nach einer Erklärung und erhielt sie in der Zentrale der von P.C. Joshi geführten Kommunistischen Partei: Stalin und Churchill hatten vereinbart, daß Indien erst 1947 unabhängig werden sollte.

Der größte Teil der Welt wünscht und braucht eine Weltordnung, die auf denselben Grundsätzen beruht wie die Unabhängigkeitserklärung der USA - eine Weltwirtschaftsordnung, die mit dem amerikanischen System der politischen Ökonomie im Einklang steht, das die Regierung George Washington in den Berichten ihres Finanzministers Alexander Hamilton über das öffentliche Kreditwesen, über die Frage einer Nationalbank und über das Manufakturwesen formulierte. Angesichts der Macht, die unsere Republik verkörpert, versündigen wir uns am nationalen Erbe, wenn wir es nicht als unsere erste Pflicht ansehen, eine solche Weltordnung zu schaffen und sie gegen alle Widersacher zu verteidigen.

Unser unverzichtbares nationales Interesse ist es, eine Nation jener Art zu sein und mit zunehmender Vollkommenheit zu werden, wie sie die Gründerväter der USA zu errichten hofften. Sind wir das nicht, wird unsere Moral vernichtet, und wahrscheinlich früher oder später auch unsere Existenz. Die internationalen Verbündeten Benjamin Franklins begründeten die USA, um auf diesem Planeten eine verfaßte Republik neuer Art zu schaffen, als Tempel der Freiheit und Leuchtfeuer der Hoffnung für die gesamte Menschheit. Um den Bestand dieser Grundsätze zu sichern, müssen wir sie unter den Staaten verbreiten und ihnen in den Beziehungen zwischen den Staaten auf diesem Planeten Vorherrschaft verschaffen. Unsere Sicherheit in der Welt hängt davon ebenso sehr ab wie unsere lebenswichtigen eigenstaatlichen Interessen. Gegenteilige Vorstellungen von unserem nationalen Interesse sind Verblendung und ein sicherer Weg in die nationale Tragödie.

Das und vieles mehr war mir klar geworden, als ich in Kalkutta an Bord des Truppentransporters ging, der uns durch den Suezkanal nach Hause brachte. Das war und ist seither meine politische Grundüberzeugung und wird es immer bleiben.

Meine Ehe mit Helga

Meine Frau wurde als Helga Zepp am 25. August 1948 in Trier, der ältesten Stadt Deutschlands, geboren. Sie war das einzige Kind zweier liebenswürdiger Menschen, die unmittelbar nach dem Krieg heirateten. Sie kam im schwärzesten Moment der deutschen Nachkriegsgeschichte zur Welt, in der Zeit strengster Hungersnot, die von den Amerikanern "Potato Winter" und von den Deutschen "Rübenwinter" genannt wurde.

Helga wurde von ihrer Mutter großgezogen, tagsüber wurde sie oft von der Tante und dem Onkel ihrer Mutter versorgt. Letzterer war ein fähiger Restaurator kirchlicher Kunstwerke. Helga wurde kurz nach Beendigung der Gymnasialzeit Waise. Am Gymnasium erhielt sie eine zugleich klassisch humanistische und naturwissenschaftliche Bildung. Grundlage für ihre später erworbene hervorragende Kenntnis der Werke Friedrich Schillers und der preußischen Reformer war ein gründliches Studium von Schillers Schriften während ihrer Schulzeit. Außerdem war sie in Sport ein As.

Nach dem Gymnasium begann sie eine Ausbildung als Journalistin. Als sie ihre Volontärzeit beendet hatte, arbeitete sie sogleich als freie Journalistin und war die erste europäische Journalistin, die China nach dem Höhepunkt der Kulturrevolution besuchte. Nach ihrer Rückkehr verkaufte sie ihren Reisebericht und lehnte ein Stellenangebot des Nachrichtenmagazins Der Spiegel ab, um in Berlin Philosophie und Politikwissenschaften zu studieren. Hier trat sie im Jahre 1972 zum ersten Mal in mein politisches Umfeld, als sie an einem Seminar von Uwe Parpart über meine ökonomischen Arbeiten in Berlin teilnahm.

Eine Begebenheit aus dieser Zeit ist charakteristisch für sie und für die geistige Einstellung. Sie nahm an einer Veranstaltung teil, die von Anhängern Mao Ze-dongs organisiert worden war. Ein Vertreter einer maoistischen Studentenvereinigung sang eine Lobeshymne auf die Zustände in China. Während der Diskussion trat Helga an das Mikrofon und sagte:

"Ich bin soeben von einer dreimonatigen Reise aus China zurückgekehrt." - Rasender Beifall der versammelten Menge.

An den Redner gewandt fügte Helga rasch den zweiten Satz an: "Von dem, was du über China erzählt hast, stimmt gar nichts!" - Rasende Mißfallensbekundungen.

Die Neugier, was es mit diesem merkwürdigen Amerikaner auf sich habe, veranlaßte die Deutschen, die an solchen Seminaren über meine ökonomischen Arbeiten teilnahmen, eine Delegation in die Vereinigten Staaten zu schicken, die sich diesen Burschen einmal aus größerer Nähe anschauen und hinterher Bericht erstatten sollte. Also fuhr die erste Delegation eines Voraustrupps im Jahre 1972 aus dem Rheinland nach New York. Später entschloß sich eine zweite Gruppe, diesmal aus Berlin, die Vereinigten Staaten zu besuchen und den Bericht der ersten Gruppe zu überprüfen. Zu dieser Gruppe gehörte Helga.

Abgesehen von ihrer Teilnahme an dem Seminar in der Columbia-Universität hatte ich zunächst nur flüchtigen Kontakt zu ihnen. Gegen Ende ihres Besuches wurden zwei Sitzungen der Gruppenmitglieder mit mir verabredet: ein Arbeitsgespräch über Forschungsprojekte und ein Abschiedstreffen. Im Verlaufe ihres Aufenthaltes hatte die Delegation beschlossen, in Deutschland ähnliche Aktivitäten wie die Labor Committees in den USA zu entfalten. Man schlug ihnen vor, mit der Untersuchung einiger für die gegenwärtige Lage ihres Landes bestimmender Faktoren anzufangen. Verschiedene Projekte wurden festgelegt. Helgas Projekt betraf die Sozial- und Beschäftigungsstruktur in der Bundesrepublik.

Als wir ihr Thema diskutierten, fiel mir zum erstenmal auf, daß sie eine außergewöhnliche Begabung zu echter Führung besaß. Als sie mich zu einem späteren Zeitpunkt fragte, was sie persönlich in Europa tun solle, antwortete ich ihr: "Du mußt persönliche Verantwortung für das Schicksal Europas und Deutschlands übernehmen." Nur mit einer solchen Geisteshaltung kann man eine lebensfähige politische Vereinigung aufbauen; nur wenige Menschen vermögen aber die psychologischen Konsequenzen eines derartigen persönlichen Engagements auf sich zu nehmen und dies tatsächlich zu ihrem persönlichen Selbstverständnis zu machen. Ich war überzeugt, daß Helga ein solches Selbstverständnis annehmen könnte; andernfalls bestand das Risiko, daß ein Scheitern sie zerbrechen würde, und zwar in einem Maße, das sie von der Vielfalt der Aktivitäten, die mit dem Arbeitsstil der Labor Committees verbunden ist, ausgeschlossen hätte.

Meine eigenen Denkgewohnheiten veranlassen mich, mehr Aufmerksamkeit der Art, wie ein Mensch denkt, als den besonderen Meinungen zu widmen, die er zum Ausdruck bringt. Ich fahnde sozusagen nach der "politischen Entscheidungsstruktur" im Geist der Leute. Aufgrund meiner langen Erfahrung habe ich in dieser Hinsicht einen außergewöhnlich guten Beobachtungssinn erworben. Manchmal wird ein ganz deutliches Bild sichtbar. Selten treffe ich Menschen, bei denen diese geistigen Fähigkeiten ausgeprägt und kohärent entwickelt sind. Sie sind zum Beispiel bei hervorragenden Wissenschaftlern anzutreffen; gewöhnlich handelt es sich um Leute, die schon einiges an schöpferischer Leistung vollbracht haben. Manchmal beobachte ich sie bei einem jungen Menschen. Normalerweise stelle ich ernsthaften Menschen die Frage, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Und hin und wieder kann man die unverkennbare Geisteshaltung sehen, welche die außergewöhnliche Gabe zu politischer Führung ausmacht. In Helgas Fall war ich mir sicher.

Bei verschiedenen Gelegenheiten hat sie sich dazu geäußert, welche Wirkung mein Rat hatte. Ihre erste Reaktion war, so weit wie möglich von mir und diesem furchterregenden Gedanken wegzulaufen. Kurze Zeit nach ihrer Rückkehr nach Berlin setzte sie sich auf einem Spaziergang, während sie ihren Hund in ihrer Lieblingsgegend in der Nähe des Charlottenburger Schlosses ausführte, mit dem Gedanken auseinander. Als sie von dem Spaziergang zurückkam, war sie zu einem Selbstverständnis in obigem Sinne entschlossen.

Sie besuchte noch einmal die Vereinigten Staaten, um Ende 1973 an einer Konferenz teilzunehmen. Die Umstände wollten es, daß wir wenig Gelegenheit hatten, viele Worte zu wechseln. Im Verlauf des Jahres 1974 übernahm sie eine führende Rolle innerhalb der europäischen Gruppe. Ein Vorfall, der für Helga in dieser Zeit charakteristisch ist, ereignete sich in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Der Ostblock und der Club of Rome veranstalteten in Bukarest im Rahmen der Aktivitäten der Vereinten Nationen eine Konferenz, auf der der mittlerweile verstorbene John D. Rockefeller Ill. die Hauptrolle spielte. Helga, die damals noch als freie Journalistin tätig war, war Teil des anwesenden Pressekorps. Bei der anberaumten Pressekonferenz sah sich John D. Rockefeller aufgrund seiner Vorliebe für attraktive junge Frauen veranlaßt, Helga um die erste Frage zu bitten. Sie forderte ihn heraus: Laufe denn die von ihm dargelegte malthusianische Politik nicht schlicht und einfach auf Völkermord hinaus, wie man ihn erst vor nicht allzu langer Zeit in Europa erlebt habe? Margaret Mead reagierte auf Helgas Frage äußerst heftig. Ihren Hexenstab der gehörnten Isis schwingend, den sie auf ihre alten Tage stets bei sich trug, stürzte sich die Mead wenig später auf Helga, als ob sie diese schlachten wollte. Doch die sehr viel sportlichere Helga wich dem Angriff amüsiert aus.

Im Herbst 1977 schlug ich ihr vor, wir sollten heiraten. Ich war etwas überrascht, wenngleich angenehm, als sie zustimmte. Bei Leuten, die ein normales Leben führen, muß eine Heirat im Dezember wie das Vorspiel eines elendiglichen Lebens erscheinen. Wir führten beide wahrlich kein normales Leben, und es war höchst unwahrscheinlich, daß es je anders sein würde. Wir heirateten am 29. Dezember 1977 in Wiesbaden. Die Trauung wurde auf deutsch vollzogen; der Standesbeamte fragte mich auf deutsch, ob ich wüßte, was vor sich ging. Meine Freunde haben noch Wochen später über diese Frage gelacht.

Etwa ab 1974 begann Helga, sich mit dem Werk des Nikolaus von Kues zu beschäftigen. Ihre früheren Religionsstudien in Trier hatten schon gezeigt, daß sie größeres Talent für die Theologie als für Liturgie und Katechismus besaß. Aus diesem Grund hatte sie damals entsprechende Studien abgebrochen. Sie schrieb einen Aufsatz über bestimmte Aspekte von Kues' Werk und kam mit der Arbeit der Cusanus-Gesellschaft in Kontakt. Sie entschloß sich, über dieses Gebiet eine Dissertation zu schreiben, die sich mit dem indirekten, aber deutlich erkennbaren Einfluß der wissenschaftlichen Methode des Cusaners auf die Methode von Leibniz und Schiller befassen sollte. Heute ist sie eine qualifizierte Expertin sowohl auf diesem Gebiet, als auch hinsichtlich des Werkes von Friedrich Schiller und der preußischen Reformer.

Die unangenehmen Nebenwirkungen unserer Ehe förderten zwar ihre Arbeit, aber nicht immer ihr Wohlbefinden. Die Ehe mit mir machte sie ebenfalls zu einer vorrangigen Zielscheibe. Sie hat dies oft als "Eingesperrtsein" beschrieben. Sie ist keine Feministin, aber sie hat sehr stark ausgeprägte und, wie ich finde, sehr richtige Ansichten über die Fähigkeiten von Frauen, sich den Umgang mit ernsthaften Gedanken und Handlungen genauso zur Gewohnheit zu machen und es darin zu derselben Meisterschaft zu bringen wie ein Mann.

Zu ihren wichtigsten persönlichen Initiativen der letzten Jahre gehört die Gründung des internationalen Schiller-Instituts. Es begann mit Diskussionen, die wir im Jahre 1982 mit dem Nationalen Sicherheitsrat führten. Sie berichtete mündlich über wesentliche Merkmale der Entwicklung in Deutschland und machte besonders auf Tendenzen aufmerksam, die sich für die Fortsetzung des Bündnisses zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland unheilvoll auszuwirken drohten. Sie wies auf die Notwendigkeit einer neuen amerikanischen Initiative hin. Ihr Bericht wurde sehr gut aufgenommen, und einige Beamte der Regierung Reagan machten ernsthaft den Versuch, eine dem Vorschlag entsprechende Initiative in Gang zu setzen. Es wurde angeregt, sie solle eine schriftliche Ausarbeitung einreichen. Weitere Schritte wurden im Außenministerium und in den Expertenkreisen der Bürokratie des Nationalen Sicherheitsrates blockiert, trotzdem wurde ihre Analyse der Lage in Betracht gezogen und hatte sicher einen praktischen Nutzen.

Die bürokratischen Hindernisse, die ihr von Kissingers Maulwürfen in der Administration in den Weg gelegt wurden, überzeugten sie, daß die von ihr vorgeschlagenen Aktionen von privater Seite ausgehen mußten. Diese Entscheidung führte zur Gründung des Schiller-Instituts sowie zu weiteren Entwicklungen, die das Schiller-Institut mittlerweile zu einer international sehr einflußreichen Institution gemacht haben. Unter den Deutschen, die die Gründung des Schiller-Instituts unterstützten, waren führende Veteranen der antifaschistischen Widerstandsorganisation "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold". Dies waren echte Deutsche, die Widerstand geleistet hatten und die stellvertretend für all diejenigen standen, die Deutschland nach Hitler auf den moralischen Fundamenten der Tradition der deutschen Klassik wieder aufbauen wollten.

Helga faßte zusammen: In der Geschichte aller Nationen gibt es eine kostbare Epoche, die das kulturelle Erbe dieser Nation in seiner vollsten Blüte wiedergibt. In den Vereinigten Staaten ist es die amerikanische Revolution. In Deutschland ist es die Zeit des Großen Kurfürsten im 17. Jahrhundert, der den Juden eine Zufluchtsstätte vor der Unterdrückung bot, sind es Leibniz, Bach, Lessing und die deutschen Klassiker. In Italien ist es die Renaissance. Die Bejahung dieser besten Traditionen jeder Nation muß zur Grundlage werden, auf der die Beziehungen zwischen den Nationen aufbauen.

Auf dieser Grundlage erweiterte das Schiller-Institut sehr rasch seinen Wirkungskreis. Was mit der Förderung grundsätzlicher Verbesserungen der deutsch-amerikanischen Beziehungen begonnen hatte, erstreckte sich bald auf die Förderung derartiger Beziehungen zu anderen Nationen.

Helga und ich stimmen in theologischen Fragen überein. Sie ist nichtpraktizierende Katholikin, aber ihre theologischen Ansichten sind katholisch. Ich bin auf dem Papier Protestant, aber meine theologischen Überzeugungen sind, wie ich bereits beschrieben habe. In der Praxis sind wir beide ökumenisch, in dem Sinne, wie es Nikolaus von Kues in seiner Schrift De pace fidei definiert hat. Und das wollen wir bleiben.

Mit diesen Einschränkungen verbindet uns in diesem ökumenischen Sinne viel mit Papst Johannes Paul II. und mit den wichtigen Ansichten des Kardinals Joseph Ratzinger, aber auch mit einfachen Priestern und dem höheren Klerus innerhalb der katholischen Kirche. In der Praxis konzentriert sich diese Übereinstimmung auf zwei Themen. Theologisch verteidigen wir das Prinzip des Hl. Augustinus, das im "filioque" des christlichen Glaubensbekenntnisses zum Ausdruck kommt und das zentrale Merkmal des katholischen wie des protestantischen Christentums in Europa und dem amerikanischen Kontinent ist. Andererseits decken sich unsere Ansichten über ein neues internationales Währungssystem mit den Aussagen der Enzyklika Populorum progressio von Papst Paul VI., die Johannes Paul II. energisch bekräftigt hat.

Die Verteidigung der Formel "und dem Sohne" ist keine liturgische Frage; sie rührt an die Grundfesten der westlichen Zivilisation. Für uns gilt, daß jeder einzelne Mensch, angeleitet durch die Erkenntnis des Logos, an dem Werk Gottes teilhat. Die menschliche Erkenntnis ist zwar unvollkommen, aber wir können diese Unvollkommenheit verringern, indem wir den uns geschenkten göttlichen Funken der Vernunft entwickeln und anfachen. Diese Betonung der Fähigkeiten und Pflichten, die mit der Entwicklung unseres göttlichen Funkens der Vernunft verbunden sind, ist das Geheimnis der westlichen Zivilisation, denn sie ist beispielsweise die Quelle unseres Vermögens, wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt zu erzeugen und anzuwenden.

Nach neun Jahren Ehe ist es nun schwierig, zwischen den Früchten zu unterscheiden, die durch die Zusammenarbeit zwischen Helga und mir gereift sind, und der Bereicherung, die meine Ideen im Laufe dieser Zusammenarbeit erfahren haben. Ohne ihren Beitrag stünde ich heute ärmer da; wer das von sich und seinem Denken sagen kann, weiß, daß er eine gute Ehe führt.

Was ich Helga schulde, ist ein besonderer Teil dessen, was ich vielen meiner Mitarbeiter verdanke. Ich erfreue mich einer ausgezeichneten Ehe und, in demselben Sinne, einer sehr glücklichen Vereinigung.

Ende

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