Weltforum „Dialog der Zivilisationen" trifft sich zum siebten Mal in Rhodos
17. Oktober 2009 •

Von Helga Zepp-LaRouche

Im Mittelpunkt der Diskussionen beim „World Public Forum Dialogue of Civilizations" auf Rhodos stand in diesem Jahr die Notwendigkeit einer neuen Ethik im Wirtschaftsleben, die nicht auf Profitmaximierung, sondern auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Den Vortrag über das Thema „Neue strategische Allianzen für ein neues Weltfinanzsystem" finden Sie hier.

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Die Stärke der Konferenz des World Public Forum in Rhodos, die vom 8.-12. Oktober 2009 nun zum siebten Mal stattgefunden und damit schon eine eigene Tradition entwickelt hat, besteht sicherlich darin, daß sie das Konzept des „Dialogs der Zivilisationen" als Methode der Problemlösung betont. Auch dieses Mal trafen sich über 500 Gelehrte, Religionsvertreter, Ökonomen, Politiker, Kunst- und Medienschaffende aus 60 Nationen, um über eine Reihe verschiedener Themen zu diskutieren.

Während die Vorjahreskonferenz, die auch im Oktober stattgefunden hatte, ganz unter dem Eindruck der dramatischen Zuspitzung der Finanzkrise unmittelbar nach dem Bankrott von Lehman Brothers stand, reflektierte die Stimmung vieler Konferenzteilnehmer dieses Mal eher tiefe Zweifel an der offiziellen Linie, daß „das Schlimmste bereits vorüber ist", und eine unbestimmte Ahnung, daß die große Krise noch unmittelbar bevorsteht.

Und so bildete die Umgebung der Konferenz in der Tat einen merkwürdigen Gegensatz zur Wirklichkeit der strategischen und historischen Lage: hier die Debatten und vielen produktiven Gespräche am Tagungsort im idyllischen Fischerdorf Kallithea im Nordosten der ägäischen Insel Rhodos, dort in der Welt im Großen der eskalierende Zusammenbruch der Realwirtschaft bei gleichzeitigem Neuaufflackern des „irrationalen Überschwangs" der Finanzmärkte und der unübersehbaren Absicht der Finanzinstitutionen, die Kosten für die Krise durch brutale Kürzungen des Lebensstandards auf die Bevölkerung abzuwälzen.

Die Teilnehmer brachten sehr klar die Auffassung zum Ausdruck, daß die gegenwärtige globale Krise das Resultat der Tatsache sei, daß viele Entscheidungsträger ihre Verantwortung für das Gemeinwohl vergessen hätten. In der abschließenden Diskussion im Schlußplenum fand eine Diskussionsteilnehmerin breite Zustimmung für ihre Beobachtung, daß die gegenwärtige Krise nicht zuletzt eine Krise der Führungsqualitäten der etablierten Eliten sei. In der Erklärung von Rhodos 2009 lautet es unter

Punkt 2.1: „Die globale ökonomische und finanzielle Krise ist noch nicht beendet. Es ist offensichtlich, daß diese Krise nicht allein mit den traditionellen ökonomischen und finanziellen Instrumenten bekämpft werden kann." Unter

Punkt 2.4 heißt es weiter: „Das letztendliche Ziel aller wirtschaftlichen Aktivitäten sollte das Gemeinwohl aller Menschen sein, und nicht die Anhäufung von Kapital. Der Fokus der Wirtschaft sollte auf dem Nutzen und den Erträgen liegen, die diese Wirtschaft produziert, darauf, wie diese Erträge gesteigert werden können, und wie ihre Vorteile zum gemeinsamen Wohl gerecht unter den Menschen verteilt werden können", und weiter in

Punkt 2.5: „Wir brauchen eine neue Ethik in der Wirtschaft anstelle des vorherrschenden Konsumdenkens einerseits und des unbeschränkten Freihandels-Kapitalismus, der in den sogenannten „shareholder values" kulminierte, andererseits." Sehr wichtig ist auch der Bezug auf die jüngste Enzyklika von Papst Benedikt XVI in

Punkt 2.8: „Wir begrüßen die Forderung vieler religiöser Führer nach einer Ethik in der Wirtschaft, und insbesondere die von Papst Benedikt XVI in seiner Enzyklika Caritas in veritate nach einer zivilen Wirtschaft, die wieder in die Zivilgesellschaft eingebettet ist und die alten säkularen Dichotomien von Staat gegen Markt und von Links gegen Rechts überwindet."

Den konkretesten Vorschlag, wie eine solche Zivilwirtschaft verwirklicht werden könnte, machte der in Rußland für seine Theorie der physischen Ökonomie sehr bekannte Lyndon LaRouche, dessen Beitrag vor allem von einigen russischen Experten kommentiert wurde. Die Rede der Verfasserin von der Vorjahreskonferenz, die ebenfalls den LaRouche-Plan für die Neuordnung des Finanz- und Wirtschaftssystems zum Thema hatte, wurde im Konferenz- Bulletin 2009 abgedruckt.

Verschiedene Diskussionsteilnehmer äußerten die Ansicht, der G20-Gipfel in Pittsburgh sei eine reine PR-Veranstaltung gewesen, und die dort getroffenen Maßnahmen hätten den Tod des Systems lediglich hinausgeschoben. Ein wichtiges Thema war auch die Erkenntnis, daß die globale Krise eine neue Definition des Begriffes „happiness" (Glückseligkeit) erfordert, und daß die Antwort zu dieser Frage nicht im Bereich des Materiellen, sondern auf der Ebene des Spirituellen gefunden werden muß.

Auf jeden Fall verdienen die Initiatoren des World Public Forums - Wladimir Jakunin, Chef der Russischen Eisenbahnen, Jagdish Kapur, Chef der Kapur Surya Foundation, und der griechische Unternehmer Nicholas Papanicolaou - große Anerkennung dafür, diesen „Dialog der Zivilisationen" ins Leben gerufen zu haben.