Die wirkliche Grüne Revolution
31. August 2009 •

Von Andrea Andromidas

Könnten wir heute das wiederholen, was 1941 in Mexiko seinen Anfang nahm und dann als grüne Revolution die Welt eroberte, dann würden die grünen Ideologen von heute sich wahrscheinlich auf nimmer Wiedersehen in den tiefsten Schoß der Mutter Erde verkrümeln - um sich dort zu schämen. Die Grüne Revolution war nämlich ein wahrhaft prometheisches Unternehmen zum Segen der Weltbevölkerung.

Obwohl Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erfolgreiche Bodenreform durchgeführt hatte, war die Versorgungslage 1941 äußerst kritisch. Der damalige Landwirtschaftsminister Marte R. Gomez kam zu der Überzeugung, daß über die Landreform hinaus andere Maßnahmen ergriffen werden müßten. Er suchte Hilfe in den USA, wo unter der Regierung Roosevelt nicht nur die Elektrifizierung der ländlichen Gebiete eingeleitet worden war, sondern wo man auch erstaunlichen Fortschritt mit der Züchtung neuer, wesentlich ertragreicherer Getreidesorten gemacht hatte.

Trotz aller kriegsbedingten Schwierigkeiten kam man überein, daß unter der Leitung von J. George Harrer ein Forschungsteam zusammengestellt werden sollte (finanziert von der Rockefeller-Stiftung), das eine zielgerichtete, umfangreiche Agrarrevolution durchführen würde.

Weil der Zeitgenosse es sich kaum noch vorstellen kann, sei vorweg betont: Nicht miese politische Hintergedanken des Eigennutzes bestimmten das Unternehmen, sondern ganz offensichtlich das Wohlergehen des Nachbars, also ein Geist, den wir heute mit der Idee des Westfälischen Friedens verbinden. Zwar setzte man auf die Hilfe der Amerikaner, aber von Anfang an war klar, daß es ein mexikanisches Programm sein würde.

Wie ging man vor? Eine Studienkommission inspizierte zunächst auf einer 8.000 km langen Reise kreuz und quer durch Mexiko die Gegebenheiten und legte nach zwei Monaten einen Plan vor, der im Wesentlichen drei Punkte beinhaltete: 1) Ein Zuchtprogramm für die Nutzpflanzen Mais, Weizen und Bohnen, 2) Verbesserung der Methoden der Bodennutzung und des Pflanzenschutzes und 3) Steigerung der Produktivität der Viehwirtschaft.

Nach der zuerst gebauten Zentralversuchsstation im 30 km von Mexiko City entfernten Chapingo sollten im ganzen Land verstreut weitere Stationen mit Versuchsfeldern und Laboratorien entstehen, um die verschiedenen klimatischen, bebauungstechnischen und geographischen Gegebenheiten zu studieren. Es hieß, Hunderte von Wissenschaftlern zu finden und auszubilden, die der Aufgabe gewachsen sein würden.

Mit besonderer Betonung sei folgendes bemerkt: Man konnte in Mexiko (und diese Erfahrung machte man später auch in anderen Ländern) nicht einfach die in Amerika gezüchteten Mais- oder Weizensorten verwenden, weil sowohl die Böden als auch die klimatischen Bedingungen anders waren. Alle 392 getesteten ausländischen Sorten zeigten nur Mißerfolge. Also legte man zunächst mal eine möglichst vollständige Sammlung einheimischer Sorten an, um die jeweils ertragreichsten und geeignetsten auszuwählen.

Erste Ergebnisse der neuen in Amerika entwickelten Zucht-Methoden, das sogenannte cross-breeding, das später die erfolgreichen Hybrid-Arten hervorbrachte, konnte man sowieso erst frühestens nach fünf Jahren erwarten. Da aber 1943 mit 1,8 Millionen Tonnen Mais eine der schlechtesten Ernten eingefahren wurde,  mußte man das einfachere (aber durchaus aufwendige) Selektionsprogramm für einheimische Sorten so schnell wie möglich vorantreiben. 1944 hatte man 413 verschiedene Arten untersucht, 1950 schon über 2000, 1970 kannte das Internationale Mais- und Weizeninstitut über 10.000 Arten. Alleine durch dieses Auswahlverfahren konnte man im Winter 1947 zur kommerziellen Saatgutproduktion übergehen und Ertragssteigerungen von 15 bis 20% erzielen. Gleichzeitig konnte man die ersten Testreihen mit sogenannten „Synthetics" abschließen, einem besonderen Inzucht-Verfahren, mit dem sogar Ertragssteigerungen von 26-51% gegenüber den Ausgangsarten erreicht werden konnten. Ein Jahr später waren dann die ersten Hybrid-Arten da.

Allerdings muß man betonen, daß der Erfolg keineswegs nur in der Erforschung ertragreicherer Getreidearten zu suchen ist. Mindestens so wichtig sind Kenntnisse und die notwendigen Voraussetzungen für die Bodenbearbeitung und Bewässerung, für die Düngung und den Pflanzenschutz, die Lagerung und den Transport, kurz: Es erfordert die Entwicklung der ganzen Wirtschaft. Was nützt das Saatgut, wenn alles andere fehlt?

So beruhte der Erfolg auf folgenden wichtigen Pfeilern:

1. Schaffung eines ganzen Pools von jungen, einheimischen Kräften, die zu Wissenschaftlern, Ingenieuren und Fachkräften herangebildet wurden, damit sie imstande waren, über den neu geschaffenen Landwirtschaftlichen Informationsdienst die neuen Kenntnisse im Lande zu verbreiten.

2. Für jede Nutzpflanzengattung entstand ein eigenes Forschungs-und Produktionsprogramm.

3. Systematische Analyse der einheimischen Sorten.

4. Es entstanden Forschungsprogramme für die spezifischen technischen Probleme der Bewässerung, der Bodenqualität und der Düngung.

5. Es entstanden Forschungsprogramme für Pflanzenkrankheiten und Unkrautvertilgung.

6. Man formulierte klare Produktionsziele und schloß von vornherein und systematisch alle produktionshemmenden Faktoren aus, in der klaren Absicht, sich mit den daraus entstehenden möglichen sozialen und politischen Problemen später zu befassen.

7. Die Regierung unterstützte alle Maßnahmen durch eine produktionsorientierte Preispolitik.

Nach nur sieben Jahren konzertierter Aktion stellte sich 1948 ein sensationeller Erfolg ein: Zum ersten Mal seit der Revolution  von 1910 brauchte Mexiko keinen Mais mehr zu importieren, sondern war so gar in der Lage, etwas abzugeben. 1962 bis 1966 konnte trotz eines Bevölkerungszuwachses von etwa 20 Millionen auf 45 Millionen innerhalb von 25 Jahren nicht nur der Inlandsbedarf gedeckt werden, sondern außerdem noch exportiert werden. Mexiko hat seine Maisproduktion innerhalb von 25 Jahren verdreifacht. Mit dem Weizenprogramm feierte man ab 1961 noch größere Erfolge.

Kein Wunder, daß diese großartige Leistung die ganze Bevölkerung mit Stolz, Zuversicht und Selbstbewußtsein erfüllte. Am 31. Dezember 1960 wurde das unter der Leitung von Dr. Borlaug und Dr. Wellhausen stehende Institut geschlossen und durch eine mexikanische Neugründung ersetzt, das Instituto Nacional de Investigaciones Agricolas. 1963 entstand in Chapingo das Intenationale Zentrum für Mais- and Weizen-Verbesserung (CIMMYT).

Vom Prinzip her verbreitete sich dieses Erfolgsmodell in alle Welt. Was für Mais und Weizen funktionierte, war genauso erfolgreich in der Bewirtschaftung von Reis. Eigentlich war Ende der sechziger Jahre klar, daß man der Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung mit Optimismus begegnen konnte, daß wir Hunger, Armut und Seuchen besiegen konnten.

Fragt man sich: Und wieso haben wir heute Hungeraufstände in über 40 Ländern? Die Antwort ist so einfach wie brutal: Weil seit Anfang der siebziger Jahre eine politische Elite entschlossen war, den Prometheus an den Fels zu nageln; eine Elite, die die Idee nicht ertragen konnte, daß sechs Milliarden Menschen genug zu essen und trinken haben würden, um kreativ zu sein, und damit Untertanentum und Hunger der Vergangenheit angehören würden.

Mit der Gründung des Club of Rome und ähnlicher Institutionen zog ein Geist in die Regierungspaläste ein, der nicht mehr beabsichtigte, das Wohlergehen des Nachbarn zu befördern, sondern ihn zu unterwerfen. Man erfand die Ökoideologie und entwarf die Neue Weltordnung, in der nicht mehr als höchstens 4 Milliarden Menschen Platz haben sollten. Also müssen wir den Prometheus befreien, wenn wir eine neue Grüne Revolution haben wollen! Durch die moderne Gentechnologie hätten wir noch ganz andere Freiheitsgrade, die wir nutzen können, um acht Milliarden Menschen zu ernähren.

Aber damals wie heute gilt: das Saatgut alleine schafft keine Lösung. Wir müssen die Barrieren, die der Globalisierungs-Freihandel geschaffen hat, einreißen, damit die Unterwerfung des Entwicklungssektors beendet wird. Erst dann können wir hoffen, daß die Voraussetzungen gegeben sind, auf deren Grundlage eine moderne Landwirtschaft wieder entstehen kann.


Literaturangabe

Jürg Hauser, „Die grüne Revolution", Zürcher Habilitationsschrift, Atlantis Verlag Zürich 1972.





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