Helga Zepp-LaRouche: "Das chinesische Wirtschaftswunder - ein Ausweg aus der Krise"
20. Juni 2017 • 10:47 Uhr

In einem Videobeitrag für eine Konferenz des Schiller-Instituts am 17. Juni 2017 in Detroit/USA warb Helga Zepp-LaRouche für das Modell des chinesischen Wirtschaftswunders als Ausweg aus der Krise und betonte, man dürfe sich nicht durch die Berichterstattung der Massenmedien dazu verleiten lassen, in Pessimismus zu verfallen. Was sie vor amerikanischen Zuhörern sagte, gilt prinzipiell natürlich ebenso für Deutschland.

„Wenn Sie nur auf die etablierten Medien in den Vereinigten Staaten hören würden, dann hätten Sie allen Grund zum Pessimismus: Sie hätten einen Präsidenten Trump, der vor dem Scheitern steht; Russiagate – angeblich hat Rußland Hillary Clinton die Wahl gestohlen und sie Trump geschenkt; angeblich wird die Justiz behindert; und wenn man auf diese Medien hört, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis Präsident Trump abgesetzt wird. Aber das ist nicht die wirkliche Lage, und deshalb sollten die Leute, die für Trump gestimmt haben und hofften, daß seine Präsidentschaft eine Abhilfe für die vielen Probleme in diesem Land bringt – wirtschaftliche und soziale –, die Hoffnung nicht verlieren.“

Um ihren Hörern den Grund für ihren Optimismus zu vermitteln, berichtete sie über die Fortschritte der chinesischen Initiative der Neuen Seidenstraße und über das Seidenstraßen-Forum in Beijing, an dem sie selbst Mitte Mai als geladene Rednerin teilgenommen hatte:

„Die Delegierten bei diesen Forum hatten das eindeutige Gefühl, daß sie an der Gestaltung der Weltgeschichte beteiligt waren, an der Schaffung einer neuen Weltwirtschaftsordnung, eines völlig neuen Paradigmas der Menschheit, in dem die Geopolitik abgelöst wird durch eine ,Win-Win’-Kooperation zwischen allen Nationen, die sich an diesem Projekt beteiligen.“

Es gehe dabei darum, das Modell des chinesischen Wirtschaftswunders in alle Nationen Eurasiens, Afrikas und Lateinamerikas zu exportieren. Dieses Wirtschaftswunder sei noch bedeutender als das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg. „Denn als 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, da lag die Lebenserwartung in China aufgrund des Bürgerkriegs und aufgrund des Kriegs gegen Japan nur bei 35 Jahren, die Kindersterblichkeit lag bei 20%. Der Anteil der Analphabeten lag bei 80%. Aber seit den Reformen unter Deng Xiaoping, vor allem in den letzten 30 Jahren, hat diese Wirtschaftspolitik ein Wirtschaftswunder geschaffen, das mit keiner anderen Entwicklung in anderen Ländern vergleichbar ist. Es erhob 800 Millionen Menschen aus der Armut, inzwischen sind nur noch 4% sehr arm, und es ist das Ziel der chinesischen Regierung, diese Armut bis zum Jahr 2020 ganz zu überwinden und zu beseitigen. Die Lebenserwartung ist auf durchschnittlich 76 Jahre gestiegen, die Analphabetenrate auf 4% gesunken – was vermutlich viel weniger ist als heute in den Vereinigten Staaten. China ist in vielen Bereichen zum Weltführer aufgestiegen, insbesondere beim Bau schneller Zugsysteme, und es hat bereits mehr als 20.000 km an Hochgeschwindigkeitsbahnen gebaut. Das Ziel ist, bis 2020 alle Städte Chinas durch schnelle Züge miteinander zu verbinden. Das werden dann wahrscheinlich rund 50.000 km an solchen Schnellzugstrecken sein.“

Seit dem Seidenstraßen-Forum Mitte Mai habe es in schneller Folge zwei weitere wichtige Wirtschaftskonferenzen gegeben: das Internationale Wirtschaftsforum in St. Petersburg und das jährliche Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit in Astana in Kasachstan. „Was man bei diesen Treffen sah, ist eine extrem schnelle wirtschaftliche Integration der Neuen Seidenstraße, der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, und es reicht sogar darüber hinaus.“

Präsident Putin habe kürzlich in seinem jährlichen vierstündigen Interview, zu dem alle Russen Fragen einsenden konnten, auf eine Frage zur Zusammenarbeit zwischen der Neuen Seidenstraße und der Eurasischen Wirtschaftsunion geantwortet, es gehe nicht nur um die Verbesserung der Beziehungen zwischen Rußland und China, sondern es sei von globaler Bedeutung für das Wohl der gesamten Zivilisation. Dasselbe habe auch Chinas Präsident Xi Jinping schon oft gesagt, nämlich, daß man einen vollkommen neuen Ansatz für die Angelegenheiten der Welt brauche, eine Gemeinschaft für eine gemeinsame Zukunft der Menschheit. Und für den Erfolg der Seidenstraßen-Initiative sei es offensichtlich ganz entscheidend, daß auch die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China gut laufen. Sie müßten kooperieren, „denn das sind die beiden größten Volkswirtschaften der Welt, und wenn diese beiden Länder eine neue Beziehung zueinander finden können, dann bin ich absolut zuversichtlich, daß es kein einziges Problem auf dieser Erde gibt, das wir nicht lösen können“.

Es habe bereits ein sehr positives Treffen zwischen den Präsidenten Trump und Xi in Florida stattgefunden, und anschließend habe Trump seinen engen Berater Matt Pottinger zum Seidenstraßenforum nach Beijing entsandt. Genau diese positive Haltung Trumps gegenüber China – und auch gegenüber Rußland – sei der wahre Grund, warum die Vertreter des alten Paradigmas jetzt versuchen, eine Farbenrevolution gegen Präsident Trump anzuzetteln.
Den Aufbau finanzieren

Sie warnte jedoch vor der gerade in Amerika verbreiteten Idee, bei den notwendigen Infrastrukturinvestitionen auf private Investoren zu setzen, die nur ihren kurzfristigen Profit im Auge haben. Die Folgen der Privatisierung in Ostdeutschland nach dem Fall der Mauer und die Folgen der Schocktherapie in Rußland unter Präsident Jelzin seien mahnende Beispiele. Sie betonte:

„Man muß verstehen, daß es bestimmte Bereiche in der Wirtschaft gibt, in denen private Interessen keine nützliche Rolle spielen können, weil diese Bereiche den Rahmen für die Wirtschaft insgesamt schaffen. Und Infrastruktur kann man nicht an den Kosten messen, die man in sie investiert, oder an den Profiten, die man durch Maut oder ähnliches aus ihnen herausholen kann. Sondern der wahre Wert der Infrastruktur liegt offensichtlich in der Transformation der Produktivität der Industrie, die möglich wird als Resultat der Produktivität der Arbeitskraft.“

Als Beispiel verwies sie auf den Zustand der amerikanischen Eisenbahninfrastruktur:

„Wir sprechen hier also von einer völlig neuen Wirtschaftsplattform, die durch ein neues Technologieniveau definiert ist – und in unserer Zeit müssen das wirklich schnelle Züge sein, es müssen Magnetbahnen sein. Und angesichts der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten derzeit nur jämmerliche 150 Kilometer Hochgeschwindigkeitsbahnen haben, irgendwo zwischen New York und Boston, und diese nur bis zu 240 km/h fahren, brauchen die Vereinigten Staaten etwa 40.000 Meilen einer Kombination von Magnetbahnen und schnellen Zügen, integriert mit städtischen Metrosystemen, um die tägliche Fahrzeit der Pendler von derzeit etwa vier Stunden auf 20 Minuten zu reduzieren.

Die Effizienz der Infrastruktur ist um so wichtiger, je höher das Niveau der Produktion ist. Deshalb würde ich für viele Gebiete – industrielle städtische Regionen wie New York, New Jersey, Philadelphia, San Francisco, Los Angeles, Chicago oder den Großraum Detroit oder auch Cleveland/Ohio – als Vorbild das Modell Beijing-Tianjin-Hebei wählen, die in eine Superstadt verwandelt werden sollen, das sog. Jing-Jin-Ji-Modell. Es soll mit den rund 130 Millionen Einwohnern eine integrierte neue Stadt mit einer Fläche von 212.000 km2 schaffen, mit einem integrierten System von Flughäfen, Schnellstraßen, schnellen Zugsystemen, Magnetbahnen und Metros, sodaß niemand länger als 20 Minuten für die Fahrt von seiner Wohnung zur Arbeit benötigt.

Diese Züge sollten mit 200-350 km/h fahren. Und im Fall des Modells Beijing-Hebei-Tianjin hat jede der drei Städte eine besondere Rolle. Beijing soll sich auf Technologie und Kultur konzentrieren, Tianjin wird eine Forschungsbasis für die Industrie, Hebei wird einen Kern in den Montanindustrien haben.

Für die Vereinigten Staaten sollte man einen ähnlichen Ansatz wählen, wo die existierenden Stadtregionen, in denen die Infrastruktur absolut desolat und vollkommen verfallen ist, erneuert werden, aber auch ganz neue Städte aufgebaut werden – Wissenschaftsstädte, in denen Zentren für die wissenschaftliche und technologische Kooperation und internationale Projekte auf die Tagesordnung kommen.“

Zepp-LaRouche betonte: „Ich denke, die größte Schwierigkeit ist, nicht in den gegenwärtigen Problemen stecken zu bleiben. In der Infrastrukturdiskussion in New York, die Sie in den letzten Tagen gesehen haben, fehlt bisher eine Vision für die Zukunft. Sie wollen den Flughafen La Guardia sanieren, aber sie berücksichtigen nicht, daß die Bevölkerung wachsen könnte, daß die Wirtschaft wachsen könnte, oder daß sich mit einem schnellen Bahnsystem, wie wir es vorschlagen, die Funktion der Flughäfen vollkommen ändern würde. Dementsprechend sollte man sich vielleicht nicht nur auf die Flughäfen konzentrieren, sondern man sollte von einem Schnellzugnetz als Teil eines integrierten Infrastruktursystems ausgehen.“

Sie schloß: „Ich denke, wir müssen diese ganze Frage vom Standpunkt der Zukunft aus betrachten, vom Standpunkt eines vollkommen neuen Paradigmas der Kooperation zwischen den Nationen. Wir müssen von der Idee der einen Menschheit ausgehen, einem Geflecht vollkommen neuer Beziehungen zwischen den Nationen, in denen die Nationen nicht nur ihre eigenen Interessen verfolgen, sondern vom Interesse der anderen ausgehen. Das war die Grundlage des Westfälischen Friedens, das war die Grundlage des Völkerrechts, und das ist jetzt die Grundlage für die Idee der ,Win-Win’-Kooperation. Und dann können wir uns auf die gemeinsamen Ziele der Menschheit konzentrieren.

Was sind diese gemeinsamen Ziele der Menschheit? Wir können neue Behandlungsmethoden für Krankheiten finden, die heute noch nicht heilbar sind. Wir können die Idee der Energie- und Rohstoffsicherheit realisieren, sobald wir über die kommerzielle Nutzung der Kraft der thermonuklearen Kernfusion nachdenken. Wir können über den Nutzen nachdenken, den jedes Land aus der gemeinsamen Arbeit in der Wissenschaft und Technologie der Weltraumforschung ziehen wird. Und wir können uns noch viele, viele weitere Durchbrüche vorstellen – Durchbrüche, die wir jetzt noch gar nicht kennen, weil wir noch nicht einmal wissen, welche Fragen wir stellen sollten. Denn das ist die wahre Natur der menschlichen Kreativität, daß es keine Grenzen für das gibt, was die Menschheit erreichen kann.

Wir stecken immer noch im Säuglingsstadium der Entwicklung der menschlichen Gattung, und ich denke, wir haben großes Glück, daß wir jetzt leben und zum jetzigen Zeitpunkt die Zukunft gestalten können. Aber ich glaube, der wichtigste Aspekt, damit diese ganze Perspektive Erfolg haben kann, ist der, in unmittelbarer Zukunft dafür zu sorgen, daß die amerikanisch-chinesische Zusammenarbeit für die Neue Seidenstraße funktioniert.“