Seymour Hersh: Keine Beweise für Giftgaseinsatz der syrischen Regierung in Khan Sheikhoun
4. Juli 2017 • 09:52 Uhr

Der legendäre investigative US-Journalist Seymour Hersh hat den Lenkraketen-Angriff gegen den syrischen Luftwaffenstützpunkt Shayrat gründlich untersucht. Präsident Trump hatte diesen am 6.4. als "Vergeltung" für den angeblichen Chemiewaffeneinsatz im syrischen Khan Sheikhun angeordnet, bei dem Vernehmen nach mehr als 70 Menschen getötet und mehr als 550 verletzt wurden, darunter viele Zivilisten. Die Streitkräfte der Dschihadis und ihre Verbündeten behaupteten, der Giftgasangriff sei von Präsident Assad angeordnet worden - das wurde von den internationalen Medien, auch in Deutschland, massiv und geradezu hysterisch verbreitet. Von verschiedenen Seiten, einschliesslich Rußlands wird nun davor gewarnt, IS und ihre Verbündeten bereiteten erneut Provokationen vor, um einen weiteren US-Angriff zu erzwingen. Diese Warnungen sind absolut ernst zu nehmen, denn das wirkliche geopolitische Ziel ist, die Zusammenarbeit zwischen Rußland und USA zu sabotieren und den imperialen Kriegskurs von Obama fortzusetzen. In dieser Hinsicht ist der G20-Gipfel am kommenden Wochenende und das dort erwartete erste persönliche Treffen zwischen Präsident Putin und Präsident Trump von entscheidender strategischer Bedeutung.

Hershs Schlußfolgerung aus seinen Recherchen, über die u.a. die Zeitung Die Welt berichtete,war, daß in Wirklichkeit die „US-Geheimdienstgemeinde... keine Beweise gefunden haben, daß die [regulären Streitkräfte der] Syrer eine Chemiewaffe eingesetzt haben“, und daß sie ihre Feststellungen dem Weißen Haus vorlegten, welches diese aber offenbar ignorierte (siehe https://www.welt.de/politik/ausland/article165905578/Trump-s-Red-Line.html).

Hersh berichtet, daß die Russen Geheimdienstinformationen an die USA weitergegeben hätten, wonach an jenem Tag in einem bestimmten Gebäude in Khan Sheikhun ein hochrangiges Treffen der Dschidadisten stattfinden sollte, und daß sie mit der syrischen Luftwaffe zusammenarbeiten würden, um das Gebäude u.a. durch den Einsatz von Lenkwaffen während dieses Treffens zu zerstören. Die an den koordinierten Bemühungen beteiligten Amerikaner spotteten über die Vorstellung, die Russen würden den Syrern helfen, einen Chemiewaffenangriff auf die Stadt durchzuführen. Wären die Flugzeuge mit Saringas bewaffnet worden, hätten die Mannschaften am Luftwaffenstützpunkt Schutzausrüstung getragen.

Nach dem Angriff erklärte ein Team der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die angeblichen Opfer des Angriffs in den verschiedenen Krankenhäusern von Khan Sheikhun hätten Symptome des Kontakts mit verschiedenen Chemikalien gezeigt, wie sie u.a. in Pestiziden und Düngemitteln zu erwarten seien. Das könnte darauf hindeuten, daß die Dschihadis in dem Lagerhaus, in dem das Treffen stattfand, verschiedene Chemikalien gelagert hatten, von denen die Angreifer nichts wußten.

Seymour Hersh fand niemanden, der sein Exposé veröffentlichen wollte, bis sich schließlich Die Welt dazu bereit erklärte. Keine einzige amerikanische Zeitung war dazu bereit, nicht einmal der London Review of Books, der seine beiden letzten Exposés über den Krieg in Syrien und im Irak veröffentlicht hatte. Obwohl der Review auch diesmal Hershs Recherchen finanziert und die Fakten auf Richtigkeit geprüft hatte, wollte er den Artikel nicht veröffentlichen „aus Sorge, daß das Magazin sich der Kritik aussetzen würde, daß es, was den Bonbenangriff auf Khan Sheikhun vom 4.4. angeht, scheinbar die Sicht der Regierungen von Syrien und Rußland übernehme.“

Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen OPCW veröffentlichte am 30.6. einen Bericht, in dem behauptet wird, der Angriff sei mit Saringas durchgeführt worden, doch die ihr vorliegenden Proben waren erst später gesammelt und in der Türkei - also weit vom angeblichen Ort des Angriffs entfernt - untersucht worden! Und auf den Photos vom angeblichen Ort des Angriffs sieht man, daß die eingesetzten Hilfskräfte keine Schutzkleidung trugen.

Das Hauptmotiv für Hershs Untersuchung war, wie er selbst schreibt, weitere ungerechtfertigte zukünftige Angriffe auf die Streitkräfte der syrischen Regierung zu verhindern, denen zu Unrecht vorgeworfen werden würde, sie hätten einen Chemiewaffenangriff durchgeführt, wobei dieser tatsächlich von den dschihadistischen Kräften verübt wurde, um einen Vergeltungsschlag gegen Syrien zu provozieren. „Die Salafisten und Dschihadisten haben alles erreicht, was sie durch ihre aufgebauschte Geschichte über das syrische Nervengas erreichen wollten“, zitiert Hersh einen hochrangigen Geheimdienstberater.