Der Skandal des Jahrhunderts erschüttert die Britische Krone und die Londoner City
16. Juni 2007 •

Am 6. Juni strahlte der Britische Sender BBC einen sensationellen Bericht aus, in dem enthüllt wurde, daß der britische Rüstungskonzern BAE Systems über einen Zeitraum von 22 Jahren mehr als 2 Milliarden US$ an Schmiergeldern an den Sicherheitschef und langjährigen Botschafter Saudi Arabiens in Washington, Prinz Bandar bin-Sultan, gezahlt hat. Die Enthüllungen wurden dann am 11. Juni in einer einstündigen Fernsehdokumentation in der BBC-Sendung "Panorama", die den provozierenden Titel „Prinzen, Flieger und Schmiergelder“ trug, noch in weiterem Detail vertieft. Beschrieben wurde die schon seit mehr als 10 Jahren andauernde Untersuchung des Al-Yamamah-Waffengeschäfts durch den Guardian, die BBC und das Britischen Büro für schwere Betrugsfälle (SFO – Serious Fraud Office). Aufgrund dieses Vertrages zwischen BAE Systems und der Saudischen Regierung, der schon über 22 Jahre läuft und einen Umfang von nahezu 80 Milliarden US$ hat, werden dem Königreich Saudi-Arabien seit 1985 britische Kampfflugzeuge und Unterstützungsleistungen geliefert.

Jede Britische Regierung, von Margaret Thatcher über John Major bis Tony Blair, ist tief in diesen BAE-Saudi Skandal verwickelt. Im Dezember 2006 ordnete der britische Justizminister, Lord Goldsmith, an, die Untersuchung abzubrechen, wobei er erklärte, jede weitere Ermittlung würde die britische nationale Sicherheit ernsthaft gefährden. Premierminister Tony Blair unterstützte seinen Generalstaatsanwalt und versucht nun verzweifelt, die vierte Phase des Al-Yamamah-Abkommens abzuschließen, bevor er im nächsten Monat aus dem Amt scheidet.

Der Aufruhr, der auf Lord Goldsmiths Erklärung folgte, löste eine Reihe internationaler Untersuchungen des BAE-Skandals aus, unter anderem durch die Schweizer Regierung und durch die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der sogenannte „Club der reichen Nationen“). Jüngst hat auch das US-Justizministerium eine Untersuchung wegen des Verdachts der Geldwäsche und möglicher Verletzung des US-Gesetzes über ausländische korrupte Praktiken (Foreign Corrupt Practices Act) durch die Briten und die Saudis eröffnet. Die geschätzten 2 Milliarden US$ an Schmiergeldern, die für seine Rolle bei der Vermittlung des Al-Yamamah-Abkommens an Prinz Bandar flossen, wurden durch die Konten der Saudi-Arabischen Regierung bei der Riggs Bank in Washington, D.C. geschleust, wodurch der Skandal in die Zuständigkeit der amerikanischen Justiz fällt. Während die verschiedenen britischen Ermittlungen des Al-Yamamah- (arabisch für „die Taube“) Rüstungsabkommens schon ein riesiges Netzwerk von Frontfirmen, Organisationen in Steuerparadiesen und korrupten Politikern, die von dem Abkommen reichlich profitierten, aufgedeckt hat, haben die vorläufigen Ermittlungen von EIR in diesem Skandal selbst eine weitaus bedeutendere Geschichte enthüllt, die sowohl durch die Finanzkreise der Londoner City als auch durch die obersten Kreise der Britischen Monarchie Schockwellen schicken wird. Sie sind alle in ein viel größeres Komplott verwickelt, das den Kern des auf venezianischen Methoden gründenden globalen, anglo-holländischen, liberalen Finanzsystems berührt, das heute unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht.

Al-Yamamah

1985 wollte das Königreich Saudi-Arabien, nicht zuletzt aus Angst wegen des Krieges zwischen seinen Nachbarn Iran und Irak, der eine sehr zerstörerische Phase, den „Krieg der Städte“, erreicht hatte, eine große Anzahl moderner Kampfflugzeuge zu kaufen, um seine Luftwaffe aufzubauen. Ursprünglich hatten die Saudis von der Reagan-Regierung eine Zusage für den Verkauf von amerikanischen F15-Kampfflugzeugen erbeten, aber der Handel erforderte die Zustimmung des US-Kongresses, und das America Israel Public Affairs Committee (AIPAC) unternahm alles, was es konnte, um den Verkauf zu verhindern. Nach Angaben verschiedener gutinformierter Quellen in Washington, D.C. hat auch Howard Teicher, ein führender Beamter im Nationalen Sicherheitsrat der Reagan Regierung (von 1982-85 Leiter für den Nahen Osten und Südostasien, von 1986-87 Leiter für politisch-militärische Angelegenheiten) eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen von AIPAC gespielt, die letztendlich das Geschäft verhinderten. Den Quellen zufolge enthielt Teicher Präsident Reagan Informationen vor, hielt so die Abstimmung im Kongreß solange auf, bis AIPAC voll mobilisiert war, und überredete dann den Präsidenten, lieber den Antrag zurückzuziehen, als eine blamable Niederlage im Kongreß zu erleiden. Andere Quellen haben eine leicht abweichende Version des Scheiterns des F15-Geschäfts berichtet und behaupten, die Einschätzung der Nachrichtendienste hätten seit den 70er Jahren vor der Instabilität im Persischen Golf gewarnt, und daher habe es andere Gründe gegeben, an der Ratsamkeit des Verkaufs hochentwickelter US-Militärtechnologie an Saudi Arabien zu zweifeln, insbesondere nach der Machtergreifung Chomeinis im Iran. Was immer der Grund auch gewesen sein mag, das F15-Geschäft scheiterte. Unmittelbar am Tag, nachdem die Regierung Reagan das Handtuch geworfen hatte, flog Prinz Bandar, der de facto Saudi-Arabiens Chefdiplomat gegenüber Großbritannien, der Sowjetunion, China sowie den USA war, nach London, um sich mit Premierministerin Margaret Thatcher zu treffen. Britische Waffenverkäufe benötigten keine parlamentarische Zustimmung, und die britische Regierung hatte 1966 eine Agentur geschaffen - die Organisation für Verteidigungs-Exportdienste (Defence Export Services Organization, DESO) - , um britische Waffen in der ganzen Welt zu verhökern. BAE Systems war 1981 geschaffen worden, als Thatcher die britische Rüstungsindustrie privatisierte, die nur vier Jahre zuvor von der Labour Regierung verstaatlicht worden war. BAE Systems, der größte Waffenhersteller in Europa, dominiert den britischen Rüstungssektor. Bandars Reise nach London zu Gesprächen mit Thatcher war schon Monate im voraus eingefädelt worden. In einem Briefing, das vom britischen Verteidigungsministerium für die Thatcher-Bandar Sitzungen verfaßt wurde, liest man: „Seit Anfang 1984 wurden intensive Anstrengungen unternommen, um Tornados und Hawks an die Saudis zu verkaufen. Als die Saudis im Herbst 1984 scheinbar mehr zu den französischen Mirage-Jets neigten, hat Herr Heseltine Saudi-Arabien einen dringlichen Besuch abgestattet, mit einem Brief der Premierministerin an den König Fahd im Gepäck. Im Dezember 1984 begann die Premierministerin eine Reihe von wichtigen Verhandlungen, indem sie den Prinzen Bandar, den Sohn des Prinzen Sultan, traf. [...] Die Premierministerin traf den König im April diesen Jahres in Riad, und im August schrieb der König ihr und teilte seine Entscheidung mit, 48 Tornados IDS und 30 Hawk zu bestellen.“ Thatcher hatte auch jeden Grund zuversichtlich zu sein, daß Bandar in dem größten Geschäft des Jahrhunderts der perfekte Zwischenhändler zwischen Saudi Arabien und Großbritannien sein würde. Mit 16 Jahren wurde er, nachdem sein Vater zum Verteidigungsminister ernannt worden war, zum Studieren nach England auf das Royal Air Force (RAF) College Cranwell geschickt, einer Elite-Offiziersschule für zukünftige Piloten der RAF. Mindestens eine ranghoher US-Geheimdienstoffizier berichtete von weit verbreiteten Gerüchten, Bandar sei in den MI6, den Britischen Außengeheimdienst, rekrutiert worden, noch bevor er sein RAF-Ausbildung beendete. Andere Quellen, die mit den Vorgängen bei BAE Systems aufs genauste vertraut sind, berichten, der „private“ Rüstungsriese habe eine Verkaufsmannschaft, die sich fast ausschließlich aus „Lads“ (Brit. „Jungs“) zusammensetzt, die in den MI6 rekrutiert wurden, bevor sie angeheuert wurden. Ob diese Berichte zutreffen oder nicht: Prinz Bandar ist in jedem Fall ein ernsthafter Anglophiler. Die besten Berichte über seine Abenteuer in England erscheinen in dem Buch The Prince – The Secret Story of the Worlds Most Intriguing Royal (HarperCollins, New York) von William Simpson, einem Klassenkameraden des Prinzen in Cranwell, der noch immer einer seiner engen Freunde ist. Simpson, der das Buch mit voller Unterstützung von Bandar schrieb, berichtet über die engen Verbindungen seines Freundes mit jedem Bewohner von 10 Downing Street, dem Britischen Regierungssitz. „In London“, schreibt Simpson „würde Bandar völlig ungehemmt in die Nummer 10 Downing Street hineinmarschieren. Von Margaret Thatcher über John Major zu Tony Blair war sein Zugang außergewöhnlich.“ Simpson zitiert Prinz Bandars eigenen Bericht über Al-Yamamah: „Als wir das Abkommen anfangs schlossen, hatten wir keinen Vertrag. Es war ein Handschlag zwischen mir und Frau Thatcher in der 10 Downing Street.“ Es dauerte Monate, bevor die Details des Abkommens ausgearbeitet waren und die Verträge unterschrieben wurden. Doch noch vor die Tinte trocknen konnte, hatte Großbritannien die erste Lieferung von Tornado-Jets bereitgestellt – aus dem Inventar der RAF. Bis zu dem Zeitpunkt, als das formale Absichtserklärung am 25. September 1985 vom britischen und vom saudischen Verteidigungsminister unterschrieben wurde, war die Bestellung auf 72 Tornado-Düsenjäger und 30 Hawk-Ausbildungsflugzeuge sowie andere Ausrüstung und Dienste erweitert worden. Es hat zwei weitere anschließende Geschäfte gegeben, Al-Yamamah II und Al-Yamamah III, und Al-Yamamah IV, das bis zu 40 Milliarden US$ wert sein könnte, ist in der Endphase der Verhandlungen.

Öl für Flugzeuge

Das Al-Yamamah-Geschäft war als ein Tauschgeschäft strukturiert. Während die Saudis zustimmten, für bestimmte Dienste und Infrastruktur unter getrennten Unterverträgen in bar zu bezahlen – und diese Barzahlungen flossen zum Teil in „Beratungsgebühren“ oder Schmiergelder, wie die 2 Milliarden auf die Konten von Bandar bei Riggs Bank in Washington und ähnliche Zahlungen an den Chilenischen Diktator Augusto Pinochet und den holländischen Prinzgemahl Prinz Bernhard –, beinhaltete der Hauptvertrag vor allem die Lieferung von saudi-arabischem Öl an Großbritannien als Gegenleistung für die Kampfflugzeuge vor. Und hier wird die Geschichte wirklich interessant. Saudi-Arabien willigte ein, Großbritannien über die gesamte Laufzeit des Al-Yamamah-Abkommens mit einem Tanker Öl pro Tag zu beliefern. Ein Öltanker faßt ungefähr 600.000 Barrel Öl. BAE Systems begann im Jahre 1989 mit der "offiziellen" Lieferung von Tornado- und Hawk-Flugzeugen an Saudi Arabien. BAE Systems hat heute ungefähr 5000 Angestellte in Saudi Arabien, um den Vertrag zu erfüllen. Ist es möglich, die Öllieferungen mit einem Barwert zu beziffern? Quellen zufolge, die die inneren Mechanismen von Al-Yamamah kennen, wurde der größte Teil des saudi-arabischen Öls auf dem internationalen Spotmarkt zum Marktpreis verkauft worden, und zwar über British Petroleum und Royal Dutch Shell. Der EIR-Ökonom John Hoefle hat die finanziellen Aspekte der Öltransaktionen gründlich nachgezeichnet, auf Grundlage der täglichen Ölpreis-Medlungen von BP selbst. Indem er den Jahresdurchschnitt der Preisangaben von BP für saudi-arabisches Rohöl verwendete, kam Hoefle zu dem Schluß, daß der Gesamtwert der Ölverkäufe 125 Milliarden US$ (berechnet in Dollar zu dem Zeitpunkt des Handels) betrug. Wenn man das auf den gegenwärtigen Wert des Dollars hochrechnet, sind das 160 Milliarden US$. Wenn man den Listenpreis der gesamten von BAE bereitgestellten Militärausrüstung und Dienste berechnet, kommt man nach den besten öffentlich zugänglichen Daten auf ca. 80 Milliarden US$. Und diese Ziffern sind noch um Milliarden von Dollars an Schmiergeldzahlungen überhöht. Tatsächlich brach der jüngste relativ beschränkte Skandal um Al-Yamamah im Dezember 2006 aus, als Dokumente des Verteidigungsministeriums an die Öffentlichkeit kamen, die zeigten, daß die Preise für die Düsenjäger um mindestens 40% in die Höhe geschraubt wurden. BAE Systems, ein Kronjuwel in der Finanz- und Industriestruktur der City of London, machte zusammen mit BP und Royal Dutch Shell rund 80 Milliarden US$ Gewinn in dem Geschäft! Wo ist dieses Geld hingeflossen, und welche Art von Aktivitäten sind damit finanziert worden? Die Antwort auf diese Fragen, so betonen Quellen, birgt den Schlüssel zur Macht des anglo-holländischen Finanzkreise in der heutigen Welt. Prinz Bandars Biograph und Freund William Simpson gibt einen Einblick in die innere Arbeitsweise des Al-Yamamah-Projektes: „Obwohl Al-Yamamah ein Geschäft höchst ungewöhnlicher Art darstellt, waren die profitablen Unternehmungen das Nebenprodukt eines vollkommen politischen Zieles: eines politischen Zieles der Saudis und eines politischen Zieles der Briten. Al-Yamamah ist an erster Stelle ein politischer Vertrag. Auf der Höhe des Kalten Krieges ausgehandelt, erlaubte seine einzigartige Struktur den Saudis, überall in der Welt Waffen zu kaufen, um den Kampf gegen den Kommunismus zu unterstützen. Al-Yamamah-Geld kann in dem verdeckten Kauf von russischer Militärausrüstung, die bei der Vertreibung von Gaddafis Truppen aus dem Tschad verwendet wurden, gefunden werden. Es kann auch zu den Waffen zurückverfolgt werden, die von Ägypten und anderen Ländern beschafft wurden, um die Mujahedin in Afghanistan gegen die sowjetischen Besatzer auszurüsten.“ Prinz Bandars Biograph bestätigt faktisch, daß Al-Yamamah der größte Geheimfonds in der Geschichte ist, beschützt durch das Gesetz ihrer Majestät zum Schutze offizieller Geheimnisse und die noch undurchdringlicheren Finanzen der City of London und der unregulierter Finanzoasen unter britischer Herrschaft in Übersee.

Die saudische Seite des Geschäfts

Auf der anderen Seite wurde die saudi-arabische Königsfamilie in dem Al-Yamamah-Geschäft auch nicht gerade übers Ohr gehauen. Als der Vertrag 1985 unterzeichnet wurde, wurde Saudi Arabien nach Quellen, die mit den Abmachungen vertraut sind, eine Ausnahme von der Organisation der erdölexportierenden Länder (OPEC) gewährt. Das Tauschgeschäft mit BAE Systems fiel nicht in ihre OPEC Produktionsquote. In anderen Worten erhielt Saudi Arabien die Erlaubnis der OPEC, 600.000 Barrel täglich über ihre Produktionsquote hinaus zu fördern, um damit Waffen zu kaufen. Nach Angaben der Energieinformationsbehörde, einem Arm des US-Energieministeriums, lagen die Kosten eines Barrels Öl bei Lieferung an die Tanker über die Dauer des Al-Yamamah-Abkommens im Durchschnitt weniger als 5 US$. Nach diesem Preis kostete die tägliche Lieferung von 600 000 Barrel die Saudis im Jahr rund 1,1 Milliarden US$, über die Dauer des Abkommens bis heute ungefähr 24,6 Milliarden US$. Der kommerzielle Wert, in heutigen Dollar, war, wie oben bereits erwähnt, 160 Milliarden US$. Die Saudis haben eine wichtige Partnerschaft mit der anglo-holländischen Finanzoligarchie geschmiedet, die ihr Hauptquartier in der City of London hat und von der Britischen Krone beschützt wird. Sie haben im Bunde mit BAE Systems, Royal Dutch Shell, BP und anderen Giganten der City of London eine private, verdeckte Finanzkonzentration geschaffen, die die Manager der Britischen Ostindien-Gesellschaft früherer Tage vor Neid erblassen lassen würde. Es gibt heute keine Möglichkeit zu berechnen, wie viel dieses geheimen Geldfonds in den letzten zwei Jahrzehnten in verdeckte Kriege und verdeckte angloamerikanische Operationen geflossen ist. Ebensowenig ist es möglich, die Multiplikatorwirkung des Teils dieser Gelder zu ermitteln, der durch unregulierte Hedgefonds in den Cayman Islands, der Ilse of Man, Gibraltar, Panama und der Schweiz geflossen ist. Klar ist jedoch, daß der BAE-Skandal weiter über die 2 Milliarden US$ hinausgeht, die ihren Weg in die Taschen von Prinz Bandar gefunden haben. Es ist ein Skandal, der mitten ins Herz der Macht der anglo-holländischen Finanzwelt trifft.

Es gibt noch viel, viel mehr aufzudecken, nachdem die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde, und der schon jetzt größte Schwindel des Jahrhunderts ans Licht kommt.