Um den Hunger zu besiegen, muß man die WTO abschaffen!
3. Juni 2008 •

von Marcia Merry Baker

Die EIR-Agrarexpertin Marcia Merry Baker dokumentiert in ihrem Bericht, wie die Erfolge der weltweiten Entwicklung in der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg in den vergangenen drei Jahrzehnten vorsätzlich zunichte gemacht wurden.

Die Welthandelsorganisation als Institution und die sie bestimmende Ideologie müssen abgeschafft werden. Wir stehen heute vor einer großen Ernährungskrise, weil im Januar 1995, also vor nur 13 Jahren, die Welthandelsorganisation ins Leben treten durfte. Zuvor war über 10 Jahre hinweg, 1984 bis 1994, die weltweite Nahrungsmittelproduktion im Rahmen der GATT-Gespräche unter dem Dach der UNO hin zu einem System des Freihandels „reformiert” worden. Damit erreichte der Abbau des Potentials der weltweiten Nahrungsmittelerzeugung einen vorläufigen Höhepunkt, nachdem sie während der Amtszeit von FDR und in der Nachkriegszeit systematisch aufgebaut worden war. Das unausweichliche Ergebnis war die heutige weltweite Ernährungskrise. Die WTO war von Beginn an bösartig. Nationen wurden unter Druck gesetzt, bedroht und gezwungen, sich ihrer Politik zu unterwerfen. Wer sie heute unterstützt, begeht ein Verbrechen.

Der folgende Bericht ist eine Abrechnung mit den Verbrechen der WTO-Ära und eine Offenlegung der Taten von Agenturen und Personen, die beteiligt waren. Es wird deutlich werden, daß die Schaffung der Bedingungen, unter denen Millionen von Menschen dem Hunger und dem Verhungern preisgegeben wurden, von Netzwerken in der Absicht, Nationen zu unterminieren und zu entvölkern, geplant wurde. Den vorläufigen Schlußpunkt unter diesen Prozeß des landwirtschaftlichen Abbaus bildet der Biotreibstoff-Wahn, den Al Gore als Ober-Bio-Treibstoff-Clown mit seiner Kampagne „Retter den Planeten” lostreten half. Gore ist nur eine Marionette der neo-imperialen, britischen Gruppe, die das System souveräner Nationalstaaten abschaffen will, genau jetzt, da das Finanzsystem zusammenbricht.

Das Verbrechensregister der WTO kann man am besten verstehen, wenn man auf die Jahrzehnte und die Regionen zurückblickt, in denen der Aufbau agroindustrieller Produktion gefördert wurde - von den Farmprogrammen gegen die Depression in den dreißiger Jahren in den USA bis zu den landwirtschaftlichen Autarkieprogrammen in Indien nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft 1947. Aber dann wurde ein Prozeß eingeleitet, der über Jahrzehnte die gesteckten Ziele unterminierte und die erreichten Erfolge rückgängig machte. Der Umfang der verfügbaren Nahrungsmittel ging weltweit zurück. Ehemals hochproduktive Farmregionen wurden entvölkert, von den Hochebenen Nordamerikas bis Europa, Australien und Südamerika. Heute hat ein Siebtel der Weltbevölkerung nicht ausreichend zu essen. Vor diesem Hintergrund ist die Geschichte der WTO eine Serie von Verbrechen gegen die Menschheit und nicht eine für akademische Debattierrunden.

Wie kann man die Politik der WTO bekämpfen? Die Institution muß aufgelöst werden, Nationen müssen austreten. Ihre Vorschriften müssen ausgesetzt werden, genau so wie die ihrer vielfältigen „Klone“ wie die NAFTA, CAFTA und alle der anderen. Es gibt keinen Weg, wie dieser sogenannte „kontrollierte” Freihandel in ein gerechtes und nützliches System verwandelt werden könnte.

Angesichts des heutigen Notstands in der Nahrungsmittelversorgung sollte man sich die Litanei der WTO noch einmal in Erinnerung rufen: Nationen dürften keine Nahrungsmittelreserven aufbauen, weil dies den Handel verfälsche. Nationen dürften nicht versuchen, autark zu werden, weil dies den Bürgern das Recht auf Zugang zum weltweiten Markt verwehre. Nationen dürften ihre eigenen Bauern nicht schützen, weil es die in anderen Ländern benachteiligte. Nationen dürften keine Zölle erheben, weil es das Recht anderer Produzenten auf Zugang zu deren Verbrauchern verwehrte und so weiter.

Die Auswirkungen dieser Politik sind völkermörderisch. Deswegen kann man darüber nicht debattieren, sondern muß sie abschaffen.

Wir wollen zuerst auf das Ausmaß und die jüngere Geschichte der heutigen Ernährungskrise blicken und dann die kriminelle Natur der WTO offenlegen.


Graphik 1: Die weltweite Getreideproduktion pro Kopf 1950-2006: Seit Mitte der achtziger Jahre geht sie zurück.


Graphik 2: In den letzten Jahren lag der weltweite Verbrauch von Getreide meist über der produzierten Menge


Graphik 3: Die weltweiten Getreidevorräte, gemessen am täglichen Verbrauch: Von einem Vorrat für 160 Tage gingen sie auf einen Vorrat von unter 60 Tage im Jahr 2006 zurück. Heute liegen sie noch niedriger.

Die Nahrungsmittel sind nicht da!

Die Graphik 1 zeigt, daß die weltweite, allgemeine Pro-Kopf-Erzeugung von Getreide aller Art - Reis, Weizen, Mais u. a. - seit 20 Jahren gefallen ist. 1986 wurden noch 338 kg pro Person erzeugt, bis 2006 sank das Aufkommen auf 303 kg pro Person. Dieser Rückgang wurde jedoch keineswegs durch eine gesteigerte Produktion anderer Nahrungsgüter ausgeglichen, wie z.B. durch Knollenpflanzen, Gemüse oder Ölfrüchte, die ebenfalls unzureichend angeboten werden.

Graphik 2 zeigt, daß in 12 der letzten 20 Jahre weniger Getreide erzeugt als in dem jeweiligen Jahr verbraucht wurde. Das schließt den direkten menschlichen Verbrauch, Futtermittel, den Verbrauch in der Industrie und der Energieerzeugung, Reserven usw. ein. Folgerichtig sind die Lagerbestände jedes Jahr auf ein inzwischen gefährlich niedriges Niveau gesunken. Der Mißbrauch von Nahrungsmitteln für Energiezwecke ist jetzt der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.

Die letzte Schätzung besagt, daß 2008 der weltweite Vorrat an Getreide aller Art auf ein 25-Jahres Tief von 405 Mio. t fallen wird, eine Verringerung um 21 Mio. t oder 5 % im Vergleich zum schon niedrigen Stand im Jahr 2007. Dieser Vorrat reicht nicht einmal für zwei Monate, gemessen am Verbrauch des Jahres 2007, wie die Graphik 3 zeigt. Das sind Durchschnittswerte und bedeutet, daß in vielen Regionen entweder schon Mangel herrscht oder eine Katastrophe droht.

Hinter der Hyperspekulation bei Agrarrohstoffen in den letzten Wochen an den Börsen lauert die bittere Wahrheit, daß es keine Produkte gibt, die den Bedarf der realen Verbraucher, der Bäcker, Bierbrauer, Länder, decken könnten. Die Märkte funktionieren nicht. Die Preise für Getreide schießen in den Himmel, doch die Preise von „Papiergetreide” haben mit den realen Getreidepreisen nichts zu tun, und es kann sein, daß man selbst zu viel höheren Preisen kein Angebot findet.

Am 17. April schrieben z.B. die Philippinen eine Reisauktion für 500.000 t Reis aus, um Kontrakte mit internationalen Anbietern zu sichern, aber nur 325.750 t Reis wurden tatsächlich angeboten. Die Preise schwankten von 872.50 $ bis 1.220 je t. Die nationale Nahrungsmittelbehörde des Landes hatte mit einem Maximum von 900 $ pro Tonne kalkuliert. Und dann reichte das Geld nicht aus.

Bis April hatten viele der wichtigsten Getreideexportländer die Ausfuhr auf den internationalen Märkten begrenzt, um den Verbrauch der eigenen Bevölkerung zu sichern. Vietnam, China und Indien verhängten ein Ausfuhrverbot, Rußland und Kasachstan schränkten den Weizenexport ein. Regierungen bemühen sich um bilaterale Verträge, um den kurzfristigen Bedarf zu decken. Die Philippinen erhielten Zusagen aus Vietnam und den USA, aber viele der ärmeren Nationen stehen mit leeren Händen da. In vielen Teilen der Welt brechen Hungeraufstände aus, in Haiti und Mittelamerika, in Afrika und Bangladesch.

Die Architekten in London, die das Freihandelssystem in den vergangenen Jahren durchgesetzt haben, schreien jetzt am lautesten gegen die Regierungen, die Getreide von den Weltmärkten zurückhalten oder außerhalb des Marktes bilaterale Verträge abschließen. Typisch ist ein Bericht der britischen Hongkong and Shanghai Bank (HSBC) vom 15. April, der auf 45 Seiten unter dem Titel „Das Schreckgespenst der Nahrungsmittelpreise” gegen Regierungen wettert, die die Preise, den Export und die Transportbedingungen regulieren wollen. Sie schießen sich auf den Vertrag zwischen Vietnam und den Philippinen ein und behaupten, solche Maßnahmen hätten eine „perverse Wirkung” und würden nur den Anpassungsprozeß, der die Inflation herunterdrücken soll, verlängern. Der Economist in London verhöhnt Getreideverträge unter Regierungen als „Getreidepiraterie” (cereal offenders - ein Wortspiel mit serial offenders - Serienverbrechern).

Aber im Gegensatz zu diesen Schakalen ist der allgemeine wissenschaftliche und moralische Impuls als Reaktion auf den Einbruch des Weltagrarmarkts und auf die Versuche von Regierungen, das nationale Interesse zu schützen, der, die WTO zu schließen. Besonders seit der Seattle-Runde 1999, die zeitweise von Gewaltaktionen und Tränengaseinsätzen und der Absperrung der Innenstadt unterbrochen wurde, wird die WTO berechtigterweise als „Zombie-Agentur”, als eine „lebende Leiche” angesehen. Aber niemand hat bisher den Mut aufgebracht, die Interessen des Britischen Empire, die hinter ihr stehen, anzugreifen und sie auszuschalten.

Der weltweite Kampf gegen den Hunger 1940-1960

In den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg war man allgemein entschlossen, die wirtschaftlichen Anstrengungen zur Beendigung des Hungers zu verstärken. Das wird selbst an den recht allgemeinen Daten der Graphik 1 der jährlichen Getreideproduktion pro Kopf deutlich. Von 250 kg pro Person im Jahre 1950 stieg sie auf 337 kg pro Kopf im Jahre 1978 an. In einigen Teilen der Welt baute dieser Anstieg auf den Fundamenten auf, die in den Jahrzehnten zuvor z.B. in den USA, Kanada, Argentinien gelegt worden waren. Auch die europäische Landwirtschaft wurde wieder aufgebaut.

In den USA wurde die Landbewirtschaftung im 19.Jahrhunderts, vor allem aber nach der Präsidentschaft von Lincoln, auf immer größere Landflächen ausgeweitet und der Ertrag gesteigert. Das hatte mit dem neu gebauten Eisenbahnnetz, der Mechanisierung, der verbesserten Wasserwirtschaft und dem wissenschaftlichen Fortschritt in den Bereichen der Viehzucht und der Chemie zu tun. In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts stieg der Hektarertrag immer noch an.

Für andere Teile der Welt, besonders Indien und Afrika, mußten in diesem Zeitraum die Anstrengungen bei der Nahrungsmittelversorgung intensiviert werden, damit die Versäumnisse aus der Kolonialzeit, der Mangel an Infrastruktur und die vernachlässigte Landwirtschaft wettgemacht werden konnten. Es war Roosevelts bewußte Politik, die USA zu einer internationalen Nachkriegsmobilisierung zu verpflichten, um den unabhängig gewordenen Nationen zum Wohlstand zu verhelfen.

Darüber hinaus gab es institutionelle Initiativen zur Beendigung des Hungers in der Welt. 1945 wurde im kanadischen Quebec die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) aus der Taufe gehoben, die später nach Rom umzog. Ihre Mission bestand darin, den Hunger zu besiegen.

Im Dezember 1953 verkündete Dwight Eisenhower in einer Rede bei der Vollversammlung der Vereinten Nationen das Programm Atome für den Frieden. Das Programm formulierte spezifische Vorschläge zur technologischen Verbesserung der Landwirtschaft wie z.B. die mit Atomkraft betriebene Meerwasserentsalzung für die Bewässerung oder die mit atomarer Sprengkraft beschleunigte Kanalbautechnik. Die leitende Idee war, daß man mit Hilfe der Kernkraft die Landschaft transformieren und eine neue, von Menschen gemachte und ausgeweitete Ressourcenbasis schaffen könne, insbesondere für die Wasserversorgung, die Infrastruktur und den agroindustriellen Fortschritt.

Als Sofortprogramme wurden neue Zentren für die Erforschung und Entwicklung neuer Saatgutarten mit höheren Erträgen aufgebaut. Phantastische Fortschritte - die sogenannte Grüne Revolution - zeitigten Durchbrüche für Weizen und Maissorten durch das in Mexiko City ansässige Zentrum zur Verbesserung von Mais- und Weizen (CIMMYT). Offiziell erst 1966 eingeweiht, ging seine Arbeit schon auf eine Initiative von Roosevelts Vizepräsident Henry Wallace im Jahre 1942 zurück, der selbst Getreidegenetiker aus Iowa war. Im Herbst 1941, als er ländliche Gegenden Mexikos, dem Heimatland des Mais, besuchte, war er von den niedrigen Maiserträgen, die man dort erzielte, überrascht. Er wußte, daß es wegen des Krieges keine Regierungsgelder geben würde. So organisierte Wallace Spenden von den Rockefellers, und die Forschung bei Mais und Weizen konnte beginnen.

1960 wurde das Internationale Reis-Forschungs-Institut auf den Philippinen (IRRI) eröffnet, ähnliche gemeinnützige Forschungszentren entstanden in Afrika, Asien und Amerika. Einige sind auch spezialisiert, z. B. auf Kartoffeln, Bohnen, Weizen usw.

Es gab für den ganzen Planeten Visionen und Hoffnungen, selbst für die extremen Klimaregionen der Erde. FDR selbst sprach davon, die Sahara zum Blühen zu bringen. Es gab sogar Pläne für die Region um den Polarkreis. Nach einer Expedition Roosevelts über die Beringstraße rief Vizepräsident Wallace 1944 zur Gründung eines „landwirtschaftlichen Rats für den Hohen Norden” auf. Führende Persönlichkeiten aus Skandinavien, der Sowjetunion, Kanada und Alaska sollten zusammenarbeiten, um nach dem Krieg die landwirtschaftliche Produktion in der subpolaren Welt auszuweiten und den Weg für neue Siedlungsgebiete von Menschen freizumachen.

Aber es gab weitreichende Netzwerke, vor allem in der anglo-holländischen Elite, die den Faschismus in Europa insgeheim gefördert hatten und die eine so optimistische Weltanschauung bekämpften. Trotzdem gab es sichtbare Erfolge und Prioritäten für die Landwirtschaft in den Nachkriegsjahrzehnten. Um das wirklich hoch schätzen zu können, wollen wir den Blick auf einige nationale Erfolgsgeschichten werfen, in denen die Nahrungsmittelversorgung gesichert und sogar Überfluß erreicht wurde.

  • Mexiko: In der ersten Hälfte der 50er Jahre gelang es CIMMYT, die Erträge bei Weizen gegenüber dem Niveau von 1940 um 20 bis 40 % zu erhöhen. Mit diesem Erfolg und anderen ländlichen Programmen wurde Mexiko in den sechziger Jahren ein Netto-Exportland von Nahrungsmitteln. Großangelegte Bewässerungsprojekte wurden auf dem Reißbrett entworfen, die das reichliche Wasser der Sierra Madre optimal nutzen sollten, und ein Programm zum Bau von Atomkraftwerken wurde ebenfalls auf den Weg gebracht.
  • Indien: 1974 wurde das Land Nahrungsmittel-Selbstversorger und beendete damit das lange Erbe des Hungers, das aus der Zeit der Ostindienkompanie übriggeblieben war. Diese Leistung, die die Entschlossenheit der politischen, wissenschaftlichen und landwirtschaftlichen Führung reflektierte, war durch eine intensive bilaterale Zusammenarbeit mit Mexiko in den sechziger Jahren möglich geworden. 1964 hatten indische und pakistanische Agrarwissenschaftler, die in Mexiko ausgebildet worden waren, Feldversuche mit dem Getreidesaatgut der neuen CIMMYT-Sorte, auf der die „Grüne Revolution” beruhte, auf dem indischen Subkontinent begonnen.
  • Sudan: Die größte Nation Afrikas verfügt über eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 8 Mio. Hektar, die relativ leicht kultiviert werden könnte und die der Hälfte der Nutzfläche der USA entspricht. 1954, zur Zeit der Unabhängigkeit von der britischen Herrschaft, bestand die Herausforderung darin, das koloniale Erbe eines sehr begrenzten Baumwollanbaus zu überwinden. Nur 7% der Anbaufläche war kultiviert, und das ohne nennenswerte Bewässerung. In Zusammenarbeit mit Ägypten wurden ehrgeizige Pläne entwickelt, um die Landnutzung und die Bewässerung enorm auszuweiten. Das Schlüsselprojekt bestand im Bau des 360 km langen Jonglei-Kanals, mit dem das Wasser des Weißen Nils im Oberen Flußsystem reguliert werden sollte. Es bedurfte einer langen Vorlaufzeit, aber der Bau begann 1980 und wurde in drei Jahren zu zwei Dritteln fertiggestellt. Dann setzte die Kampagne der Gore-Netzwerke ein, die weiter unten beschrieben werden.

In den USA wurde in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg die landwirtschaftliche Produktivität gesteigert. So lagen die Maiserträge z. B. 1931 noch bei rund 0,6 t pro Hektar - also noch auf dem gleichen Niveau wie zur Zeit des Bürgerkriegs. Bis 1941 stiegen sie auf knapp 0,8 t/ha an und erreichten dank Hybridsaatgut, Mineraldünger und anderer Fortschritte bis 1980 im Durchschnitt 2,5 t/ha.

Ein wesentliches Prinzip dieses landwirtschaftlichen Entwicklungsprozesses wurde in den USA zu Beginn der Roosevelt-Ära in Gesetzesform gegossen, es setzte sich in der Kriegsmobilisierung zur Sicherung der Nahrungsmittel fort und zog sich bis in die Nachkriegszeit hin: Die Vorstellung, daß es im nationalen Interesse der USA sei, einen stabilen Landwirtschaftssektor auf der Basis von Familienbetrieben zu haben. Zu diesem Zweck konnte die Regierung das Preisniveau festsetzen, das private Verbraucher für ländliche Produkte bezahlen mußten. Die Bauernfamilie sollte nicht nur die Kosten der Produktion zurückbekommen, sondern auch einen anständigen Gewinn erwirtschaften können, mit dem die Familie ihre privaten Ausgaben erhöhen und der Hof ausgebaut werden konnte. Wenn die Regierung die Erzeugung von Weizen, Honig, Milch oder anderen Produkten anreizen wollte, konnte sie für einen gewissen Zeitraum einen 100%igen Paritätspreis festsetzen. Wenn sich eine Überproduktion anbahnte, konnte sie für eine bestimmte Periode einen Preis unterhalb der Paritätsgrenze gelten lassen.

1949 wurde zum letzten Mal ein solches Gesetz ausdrücklich verabschiedet, das auf die Gesetze zur Festlegung eines Paritätspreises von 1933 und 1938 folgte.

Diejenigen, die das Recht und die Verantwortung der Nationen für die Sicherung der Nahrungsmittelversorgung der eigenen Bevölkerung ablehnen, haben die Paritätspreis-Politik immer erbittert als „kommunistisch” und „altmodisch” angegriffen. Mit der Zeit ist es ihnen gelungen, das Prinzip des Paritätspreises grundsätzlich im Interesse der „Marktkräfte” auszumerzen, was nichts weiter ist als ein nettes Wort für Privatisierung und Globalisierung.

Die 70er Jahre und der Angriff auf die Nationalstaaten

Zu Beginn der siebziger Jahre hatten sich die Gegner des Prinzips einer Welt blühender Nationen umgruppiert, um breitgefächerte Angriffe auf Nationen zu starten, die sich agroindustriell entwickeln wollten. Ein besonders zerstörerischer Schritt war die Abkoppelung des Dollars vom Goldstandard und die Einleitung der Politik schwankender Wechselkurse. Länder, die u. a. vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten vor allem für den Import abhingen, wurden destabilisiert. Sie mußten negative Handelsbedingungen hinnehmen. Sie mußten teure Dollars erweben, um wichtige Güter wie Maschinen oder Düngemittel zu kaufen. Und dennoch konnten sie ihre Güter nur zu extrem niedrigen Preisen exportieren.

Dann kam weiteres Unheil in Form der Ölkrise von 1973, die zu Preissprüngen und Spekulation auf dem Spotmarkt führte. Die Organisatoren saßen in London und wurden von Henry Kissinger unterstützt, der damals US-Außenminister war. Er hatte während einer Rede im Chatham House 1982 zugegeben, er sei stolz darauf, ein britischer Agent zu sein!

1972 wurde nach einer Getreideauktion, die „der Große Getreideraub” („The Great Grain Robbery”) genannt wurde, bewußt weiteres Chaos herbeigeführt. In dieser Episode tätigte Rußland über die üblichen Firmen des bekannten Weltgetreidekartells nennenswerte Käufe auf den US-Getreidemärkten. Als die Preise in die Höhe schnellten, wurden die amerikanischen Farmer mit der Propaganda übergossen, sie würden bei „freien Märkten” am meisten profitieren. Kissinger schloß ein Schiffahrts- und Hafenabkommen, das ausländischen Transportunternehmen die amerikanischen Häfen öffnete. Das alles im Interesse der Kartelle.

Währenddessen hatte sich ein Netzwerk supranationaler Warenhandelskartelle, das eng mit anglo-holländischen Finanzinteressen verflochten war, daran gemacht, Schritt für Schritt die Kontrolle über die gesamte Nahrungskette - vom Bauernhof bis zum Eßtisch - festzuzurren. Die dabei führenden Firmen verfügen über eine Tradition, die bis zu 250 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht, in Zeiten, als sie mit ähnlichen Methoden die Getreidehandelswege in Rußland, Europa, Nordamerika und angrenzenden Regionen kontrollierten. Die großen Namen sind zur Legende geworden: Andre, Louis-Dreyfus, Bunge, Continental/Fribourg und Cargill. Später kamen ADM, in Europa Nestle, Unilever, Castel & Cook und andere hinzu. Neben den großen Ölfirmen weiteten die großen Nahrungskartelle ihre Kontrolle über grundlegende Güter des täglichen Lebens aus. Unter dem Titel „Die Getreidehändler” (Merchants of Grain) enthüllte in den fünfziger Jahren Dan Morgan, damals und heute noch bei der Washington Post, einen Teil der Geschichte und der Aktivitäten dieser Multis. Was er jedoch geflissentlich aussparte, waren die politischen und finanziellen Verbindungen zu der Gruppe, die der US-Geheimdienst während des 2. Weltkriegs als „Synarchisten” bezeichnet hatte.

Das Fallbeispiel Argentinien zeigt die typische Art, wie die Kartelle sich die Kontrolle aneigneten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit unternahm die Regierung von Juan Peron Anstrengungen, die Gewinne aus dem Getreideexport wieder in den Aufbau weiterer agroindustrieller Kapazitäten zu investieren. 1948 gründete Peron das argentinische Institut zur Förderung des Handels (IAPI), womit er das Recht der Regierung bekräftigte, die Einnahmen aus dem Getreidehandel zur Finanzierung der Industrialisierung zu verwenden. Diese Politik wurde von den Getreidekartellen erbittert bekämpft. Unter Beteiligung des damaligen US-Handelsministers Averill Harriman wurde das IAPI geschlossen, sobald Peron 1955 gestürzt war. Die Operationen der Kartellfirma Bunge y Born stellten bald die Kontrolle über den Getreidesektor wieder her. Die Firma wurde unter dem Namen „Der Oktopus” bekannt, weil sie einen Großteil des Handels mit Gütern, die von Malerbedarf bis Nahrungsmittel reichten, in Argentinien und Brasilien dominierte.

Ein paar Fakten der Geschichte Cargills mögen beispielhaft sein, wie der Nahrungsmittelsektor kartelliert wurde. Cargill Co. ist der größte Getreidehändler der Welt. Er ist in Privatbesitz und in dem Vorort Minnetonka von Minneapolis angesiedelt. Von dem Schotten William Cargill 1865 in Conover, Illinois gegründet, wird sie seit den zwanziger Jahren von der Milliardärsfamilie Macmillan geführt. Das Unternehmen kam durch strategische Akquisitionen im Bereich der Getreideaufbereitung, der Lager- und Transport-Infrastruktur voran, wobei es den Handelsfluß aus dem amerikanischen Getreidegürtel zu den Zentren der Verarbeitung und den Häfen zum Export ins Ausland nutzte. Die Cargills und die Macmillans setzten sich vor allem am Knotenpunkt des Mississippi-Beckens bei Minneapolis-St. Pauls und anderen Orten fest. Ihr breit gefächertes Unternehmen beinhaltete die Bereiche Stahl und Schiffsbau, Salzgewinnung, Düngemittel und Orangensaft. Während des 2. Weltkriegs, als die alten Handelsmächte stark auf den US-Markt drängten, konnte Cargill trotz allem seine Kontrolle über den Güterstrom ausweiten. 1947 eröffnete die Firma große Getreidezentren in Puerto Rico, 1948 errichtete sie große Getreidesilos in Sao Paolo und Parana in Brasilien. In Nordamerika baute sie einen großen, eisfreien Hafen an der Mündung des St. Lorenz-Stroms bei Baie-Comeau.

Aber ihre Dominanz bestand nicht nur in der strategischen Positionierung, sondern in der politischen Macht, die hauptsächlich durch Druck oder im Verborgenen ausgeübt wurde. Bezeichnend ist die Eröffnung eines Büros von Cargill in Genf, Tradax Inc. genannt. Einer der beteiligten früheren Cargill-Angestellten war Persall Helms, dessen Bruder Richard später Chef des CIA werden sollte. Cargills Afrika-Operationen werden von Europa aus gesteuert.

„Landwirtschaft und Menschen verseuchen die Umwelt“

Die wichtigste Operation der wirtschaftlichen Kriegsführung gegen die Nationalstaaten war jedoch die Verbreitung einer Kultur des Pessimismus in dieser Periode. Stellvertretend dafür seien ein paar Ereignisse genannt: 1970 thematisierte der erste „Tag der Erde” die These, die Ressourcen der Erde seien dabei, zu Ende zu gehen. 1968 war Paul Ehrlichs Buch Die Bevölkerungsbombe herausgekommen. William Paddock hatte inoffiziell zwischen 1975 und 1980 das Amerikanische Außenministerium beraten und das Buch Hunger 1975 geschrieben, in dem er die These vertrat, Hunger sei unausweichlich. 1972 war auch der Club of Rome gegründet worden, der die Studie „Grenzen des Wachstums” herausgab. Per Computersimulation hatten sie angeblich herausgefunden, die Grenzen des Wachstums seien erreicht und eine Politik des Nullwachstums müsse durchgesetzt werden. Eine Welle von Medienoperationen und neue Bewegungen wurden in Szene gesetzt, um diese These zu verbreiten. Gleichzeitig war die Gegenkultur-Bewegung als Teil davon in Gang gekommen, und so nahm der Prozeß der Degeneration seinen Lauf.


Graphik 5: 1993 wurden fast 18 Mio. t Nahrungsmittelhilfe in notleidende Regionen geliefert, 2006 waren es weniger als 7 Mio. t.


Graphik 6: In den USA wird inzwischen genausoviel Mais zur Produktion von Biotreibstoffen verwendet - mehr als 50 Mio. t - wie für Ernährungszwecke.

1974 gab es einige Schlüsselereignisse im Bereich der Landwirtschaftspolitik. Ein Rom war eine Welternährungskonferenz einberufen worden, auf der diskutiert wurde, wie der Hunger zu besiegen sei. In letzter Minute wurde jedoch Außenminister Henry Kissinger eingeflogen, der an Stelle des Landwirtschaftsministers Earl Butz, einem Mann der alten Schule, die USA repräsentierte. Anstatt ein Programm vorzustellen, wie die Landwirtschaft voran gebracht werden könne, forderte Kissinger ein bißchen Nahrungsmittelhilfe für die Ärmsten der Armen. Im Dezember hatte er eine Geheimstudie zur nationalen Sicherheit unterzeichnet, „NSSM 200”, in der in 13 strategischen Schlüsselländern eine Politik der bewußten Bevölkerungsreduzierung angemahnt worden war, die diese Länder davon abhalten sollte, die Ressourcen aufzubrauchen, die den USA und befreundeten Nationen vorbehalten seien. Zu den genannten Ländern zählten Indien, Bangladesch, Pakistan, Nigeria, Ägypten, Mexiko, Indonesien, Brasilien, die Philippinen, Thailand, die Türkei, Äthiopien und Kolumbien.

Neben diesen spezifischen und anderen Regierungsmaßnahmen wurden eine Reihe von Nicht-Regierungs-Organisationen geschaffen, um die Öffentlichkeit mit der Behauptung, die Rohstoffe der Erde seien begrenzt, Technologie sei gefährlich und könne die Verknappung nicht überwinden, usw., usf., verrückt zu machen. 1974 wurde das World Watch Institute in Washington gegründet. 1982 entstand das Institut für Weltressourcen unter der Leitung von Gus Spaeth, das die pseudowissenschaftliche These verbreitete, eine Ausweitung der Nahrungsmittelversorgung und der Bevölkerung zerstöre die Umwelt. Al Gore sitzt heute in ihrem Führungsgremium.

Im Laufe der siebziger Jahre gab es verstärkte Aktivitäten des World Wildlife Fund, der 1961 gegründet worden war, in enger Absprache mit der Conservation Foundation, einer amerikanischen Fortsetzung der europäischen Eugenik-Bewegung, die aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg stammte. 1991 fusionierten beide Bewegungen und nannten sich fortan Worldwide Fund for Nature.

Ihr Angriff auf die Landwirtschaft war tiefgreifend. Sie organisierten eine intensive Kampagne, mit der Regierungen gezwungen werden sollten, die landwirtschaftliche Anbaufläche zu verringern, um Rohstoffe zu sparen. In den USA wurde ein völlig neues Programm aufgelegt, das „Programm zum Schutz der Reserven” (CRP). Bis heute hat es dazu geführt, daß über 10 Mio. ha von 146 Mio. ha landwirtschaftliche Nutzfläche stillgelegt wurden. Die „Wetlands Reserve” (Naßland Reserve) nimmt weitere Flächen aus dem Anbau.

Lyndon LaRouche führte in den siebziger Jahren einen harten Kampf gegen diese Kreise, ihre Operationen und besonders ihren pseudo-wissenschaftlichen Schwindel. 1976 war er in 26 Staaten als Präsidentschaftskandidat der US-Labor Party zugelassen. Das Emblem seines Wahlkampfs zur Verteidigung von Landwirtschaft und Industrie war ein riesiger Traktor. 1979/80 gab es zahlreiche lokale Farmerproteste; ein beachtlicher Traktorkorso fuhr sternförmig nach Washington, um gegen die Zerstörung der amerikanischen Landwirtschaft zu protestieren. Das Hauptproblem für die Bauern rührte jedoch aus der Schuldenlast, die man den Bauern durch die unzureichenden Preise ihre Produkte und durch die zweistellige Hochzinspolitik aufgebürdet hatte.

Andere Staatsmänner begannen zu kämpfen. Am 18. März 1982 rief der mexikanische Präsident Lopez Portillo zu einer nationalen Anstrengung zur Selbstversorgung auf, das er das „Mexikanische Nahrungsmittelsystem” nannte. Er forderte ein Programm zum Bau von 20 Atomkraftwerken. Zur Nahrungsmittelversorgung sagte er: „Das Ziel des Mexikanischen Nahrungsmittelsystems ist es, in jedem der Schlüsselbereiche der nationalen Versorgung die Unabhängigkeit zu erreichen: Getreide, Speiseöle, Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, Milch und Eier...” Es sollte nicht dazu kommen.

Die „entfesselte verrückte Kuh“: die 80er Jahre

Während der achtziger Jahre führte Margaret Thatcher als britische Premierministerin zwischen 1979 und 1990 noch größere Angriffe gegen die nationale Landwirtschafts-, Industrie- und Energiepolitik. Ihre Regierung war das weltweite Vorzeigemodell für radikale Privatisierung, die Deregulierung von Regierungsaufgaben und die Durchsetzung von Freihandelspraktiken.

Selbst ihr Spitzname „verrückte Kuh” kam durch die Freihandelspolitik Londons zustande. Die Gehirnschwund-Krankheit BSE, „Rinderwahn ” genannt, trat erstmals in der Geschichte 1986 in England auf und wurde danach vielerorts exportiert. Veterinärmediziner führen das Auftreten direkt auf Amtsvergehen der Thatcher-Regierung zurück. Unmittelbar nach ihrer Amtsübernahme wandte sich die nationale Veterinärbehörde an die Regierung mit der Forderung, sie solle eingreifen und verhindern, daß Überreste von Schafsmehl ins Tierfutter gelangten. Zu der Zeit grassierte die Schafsseuche Scrapie (TSE) im Vereinten Königreich. Thatcher und ihr Landwirtschaftsminister Lord Peter Walker weigerten sich, mit der Begründung, der Tierfuttersektor sollte „sich selbst regulieren“. Innerhalb von sechs Jahren kam es zum Artensprung des Virus vom Schaf auf die Kuh.

Auf internationaler Ebene verstärkten die Netzwerke der privaten Kartelle in den achtziger Jahren an allen kritischen Punkten entlang der Nahrungskette ihren Würgegriff, unterstützt vom Druck des IWF, der Weltbank und anderer Institutionen, um dem Thatcher-Modell der Privatisierung und der Globalisierung zum Durchbruch zu verhelfen. Die Weltbank begann, alle begrenzten, wirkungsvollen Kreditprogramme für landwirtschaftliche Infrastrukturprojekte in armen Ländern auslaufen zu lassen. Statt dessen förderte sie Privatisierungsmaßnahmen, einschließlich der von Felix Rohatyn in Mode gebrachten „privaten-öffentlichen Partnerschaften”.

Das pseudowissenschaftliche Argument dafür war, „klein und lokal sei besser und nachhaltiger“. Zum Beispiel veröffentlichte die Weltbank im Oktober 1984 einen Bericht: „Auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung der Region Schwarzafrikas”. Darin verkündete sie, daß die großen Bewässerungsprojekte einer neuerlichen Prüfung zu unterziehen seien. Das hieß, daß sie aufgegeben werden sollten, weil „die Ressourcen bei weitem nicht ausreichten“.

Jahr um Jahr wurde weltweit immer mehr Land der Nahrungsmittelproduktion entzogen, entweder aufgrund von Erosion, Versalzung oder wegen der unsinnigen Politik der Flächenstillegung. Gleichzeitig drängten die Kartelle die Regierungen, sich auf die einkommensstarken Produkte für den Weltmarkt zu konzentrieren. Und so gingen die pro Kopf produzierten Nahrungsmittel weltweit Schritt für Schritt zurück.

Im Oktober 1982 gewährte der US-Kongreß der Commodity Credit Corp. des US-Landwirtschaftsministeriums die Erlaubnis, Getreidevorräte der Regierung in Bio-Treibstoff umzuwandeln. Das war der Startschuß für das Äthanol-Förderprogramm, das Cargill und ADM Regierungssubventionen in mehrfacher Millionenhöhe für die Äthanolproduktion bescherte. Im nächsten Jahr wurde ein nie da gewesenes Programm zur Verringerung der Erntemengen der USA beschlossen, das sog. „Payment in kind”-Programm. Landwirte bekamen Gutscheine für Anteile an den Maisreserven der Regierung, wenn sie 30-50 % ihres Maisanbaus stillegten. Dann brach im selben Erntejahr 1983 die schlimmste Dürre der letzten 50 Jahre herein. Die Maisernte des Jahres fiel um 50% unter das Niveau der letzten Ernten.

Lyndon LaRouche warnte vor den Konsequenzen, sollte dieser Unsinn in der Landwirtschaftspolitik weitergehen. Er nahm zu den wissenschaftlichen Grundfragen Stellung und veröffentlichte 1983 das Buch Es gibt keine Grenzen des Wachstums. 1984 hielt er sich zu Gesprächen über die Krise mit Wissenschaftlern und politischen Führern in Argentinien auf und sprach auch mit anderen politischen Persönlichkeiten darüber. Während seines Präsidentschaftswahlkampfs produzierte er zwei halbstündige, national ausgestrahlte Fernsehsendungen über die Krise. Eine trug den Titel: „Der Ernährungsschock des Jahres 1984”.

Im gleichen Jahr jedoch wurde die UNO-Agentur GATT gegründet und ein Vorstoß zu einem allumfassenden Welthandelsabkommen gewagt. Private Netzwerke in der Tradition der britischen East India Company sollten es leichter haben, den Generalangriff auf die Landwirtschaft, die dem Selbstinteresse der Länder verpflichtet war, zu führen. Eine Eröffnungsrunde wurde in Punta del Este, Uruguay begonnen. Der Handel mit landwirtschaftlichen Gütern sollte reformiert, Länder gedrängt werden, Tarife fallen zu lassen und Exportkontrollen und nationale Regulierungen abzuschaffen.

Über die nächsten 10 Jahre hinweg wurde eine Serie von Konferenzen in Montreal und anderswo abgehalten, an denen nicht nur Regierungsvertreter teilnahmen, sondern auch Cargill, ADM, größere Banken und Nicht-Regierungs-Organisationen mitmischten. Schließlich gaben die Regierungen nach, und das Datum für die Gründung der Welthandelsorganisation wurde auf Januar 1995 festgesetzt.

Im Herbst 1988, nach einer weiteren verheerenden Dürre im Getreidegürtel der USA, wurde die „Nahrung für den Frieden”-Kampagne des Schiller-Instituts gestartet. Sie sollte der Offensive der GATT/WTO entgegentreten und sich für eine nationale Entwicklung der Landwirtschaft stark machen. Lyndon LaRouche sprach im Oktober 1988 in Berlin und bei einer „Nahrung für den Frieden”-Konferenz in Chicago im Dezember. Er sah den Zerfall der Sowjetunion voraus und forderte eine internationale Zusammenarbeit für die Wiederherstellung der agroindustriellen Kapazitäten.

Das Ausmaß, zu dem die Ernährungssicherheit der Nationen untergraben wurde, verdeutlichte der Druck, dem sie ausgesetzt wurden, um sich von Importen abhängig zu machen. EIR erarbeitete eine Studie über den Status der Versorgungssicherheit der 13 Länder, die 1974 als Zielobjekte für die Nahrungsmittelwaffe in dem Geheimdokument von Kissinger und den Briten genannt worden waren. Man verglich die Lage zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten, 1963 und 1990, und zwar in Bezug auf die Selbstversorgungsrate bei Getreide, Hülsenfrüchten und Speiseölen. Hier einige repräsentative Beispiele:

Nord- Und Südamerika: Mexiko war 1963 zu 100 % Selbstversorger bei Getreide, 1990 nur noch zu 79%; 104 % Selbstversorger bei Bohnen 1963 und nur noch 85 % 1990, Speiseöle 110% 1963, nur noch 57 % 1990.

Afrika: Ägypten war 84 % Selbstversorger bei Getreide im Jahre 1963, zu 62 % 1990; 112 % bei Bohnen 1963, und 1990 nur noch zu 88%; 103% bei Speiseölen 1963, 1990 nur noch 90%.

Indischer Subkontinent: Indien blieb Selbstversorger nach 1974 und konnte danach sogar ausgewählte Produkte exportieren. In Pakistan ging es bergab. Bangladesch entwickelte sich von einer Selbstversorgungsrate von 106% 1963 auf ein Niveau von 87% 1990; bei Bohnen von 100 auf 88 %; bei Speiseölen stieg die Quote von 71 auf 83 %.

Südostasien: Die Philippinen verringerten ihre Selbstversorgungsrate bei Getreide von 83 auf 80 %; bei Bohnen von 97 auf 47 % und Speiseölen von 266 auf 101 %.

China erreichte zwischen 1960 bis 1990 unter großen Anstrengungen eine Selbstversorgung mit dem Ziel, ein noch höheres Ernährungsniveau zu erreichen. Deshalb sieht es sich verstärkt Angriffen ausgesetzt, es „beanspruche die knappen Ressourcen”. Aber der Verlust von Ackerland durch Erosion und unkontrollierte Zersiedlung ist eine Gefahr für die zukünftige Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion. Chinas permanent nutzbare landwirtschaftliche Fläche ist seit 1970 von 40,4 Mio. ha auf 38,26 Mio. ha im Jahre 1990 zurückgegangen. Dieser Verlust kam durch Erosion, Trockenheit, Zersiedlung und ähnliche Faktoren zustande.

Der Weg zur Hungerkatastrophe: die 1990er Jahre

Eigentlich hätten die 90er Jahre das Jahrzehnt werden müssen, in dem man die Anstrengungen für den Aufbau agroindustrieller Kapazitäten im Interesse der Nationen wieder hätte aufnehmen oder verdoppeln sollen. Denn in Afrika und anderswo hatten sich Hunger und Nahrungsmittelverknappung eingestellt. Und man hätte die Erfolge in Indien und China, Länder mit 2 Mrd. Menschen, dringend weiterführen müssen. Aber genau das Gegenteil passierte. Eine Serie von Freihandelsabkommen beschleunigte den Abbau des landwirtschaftlichen Potentials und den zunehmenden Mangel in vielen Ländern. 1989 wurde das Freihandelsabkommen zwischen Kanada und den USA abgeschlossen, 1994 das nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA. Im Januar 1995 wurde die WTO gegründet. Später kam das karibische Freihandelsabkommen CAFTA dazu und weitere in Europa und Afrika.

1991 erlebte Europa die größten Bauerndemonstrationen seiner Geschichte gegen niedrige Preise und Freihandel, die sich gegen die Pläne der GATT/WTO richteten, in Paris, Bonn, Straßburg und Rom und an vielen anderen Orten. Im Frühjahr gab es die größten Bauerndemonstrationen der Geschichte in Argentinien. Aber der Zugriff auf die Regierungspolitik durch die Globalisierer blieb erhalten.

Einer der häßlichsten Aspekte des Freihandelssystems zur Kontrolle über die Nahrungsmittel war die zunehmende „globale Beschaffung” (global sourcing) der Nahrungsmittel, um die USA und Europa zu ernähren. In dem Prozeß wurden sowohl die Landwirte in den Export- als auch in den Import-Regionen untergepflügt.

1995 wurde 13 % des Nahrungsmittelkonsums in den USA importiert, viel mehr als 1980 (9%). Einige Kategorien stiegen besonders an, z.B. Fisch und Krabbentiere. Zu Beginn der 80er Jahre wurden 51 % dieser Nahrungsmittel importiert; heute sind es 78 %. Andere Kategorien mit hohen Anstiegsraten sind Früchte, Fruchtsäfte und Nüsse. Anfang der achtziger Jahre wurde 21% dieser Lebensmittel importiert (darunter viele Früchte aus tropischen Regionen wie Bananen), aber heute ist die Quote bei 31 % allgemein und beinhaltet auch große Mengen nicht-tropischer Waren wie Apfelsaft. Heute kommt die Hälfte des Apfelsafts, der in den USA verbraucht wird, aus China, andere Fruchtsaftsorten stammen aus der Türkei, Südafrika und Asien.

Die Nahrungsmittellieferungen aus Afrika nach Europa sind ähnlich angestiegen. Neben Kakao und Kaffe aus tropischen Gegenden gibt es inzwischen große Lieferungen von „europäischen Produkten” wie grüne Bohnen und Blumen aus Ostafrika sowie Obst und Gemüse aus Südafrika.


Graphik 4: In den grau eingezeichneten Regionen werden 80% der weltweiten Sojaproduktion und 90% des exportierten Soja erzeugt.

In weltweitem Maßstab haben die größeren Verarbeitungskartelle riesige Regionen mit Monokulturen geschaffen, damit sie die Schlüsselbereiche Speiseöle, Getreide und Getreideprodukten kontrollieren können. Graphik 4 zeigt die weiten Flächen, die in Argentinien und Brasilien bis 2004 auf Sojabohnen umgestellt wurden. Bis 2008 waren über 45% der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Argentinien auf Sojaanbau konzentriert. Dies entspricht der Politik der Ostindienkompanie, die bestimmte, wo und wie zum Verkauf bestimmte Produkte wie Indigo, Baumwolle, Jute oder was das Imperium sonst noch begehrte, angebaut werden sollten.

Die heutige Monokultur wird durch die beispiellosen Veränderungen im Patentrecht begünstigt, die den Agrarkartellen nie da gewesene Rechte bei der Saatgutgewinnung und der biogenetischen Forschung einräumt. Begünstigt werden Cargill/Monsanto, Dupont/Pioneer und andere. Was die wichtigeren Mitgliedsländer beim Freihandelssystem der WTO betrifft, so ist der Konzentrationsprozeß eine tragische Ironie. Cargill und ADM sind zwei der Hauptfirmen, die 65% des gesamten Sojahandels kontrollieren. Gleichzeitig sind sie unter den ersten drei, die 80% des amerikanischen Maisexports abwickeln. Cargill, ADM und zwei andere kontrollieren 60 % Verladeeinrichtungen für Getreide in den USA.

Die Not und das Elend dieser Degeneration der Landwirtschaft unter dem Regime der WTO wird am deutlichsten an der Sterberate in Afrika sichtbar, einschließlich der Todesfälle durch AIDS, und dem Leid von 900 Mio. Menschen in 70 Ländern.

Bei der Wut auf die Verursacher dieses Leids ist es kein Wunder, daß die Seattle-Runde 1999 scheiterte. Die Konferenz wurde ergebnislos aufgelöst, weil verschiedene Entwicklungsländer sich geweigert hatten, sich dem Freihandelsdiktat zu beugen. Das war richtig. Nichtsdestotrotz geht die Belästigung der Welt durch die WTO weiter.

Im November 2001 begann in Katar die Doha-Runde. Nach wie vor ist es das Ziel, die Schwelle zum grenzenlosen Freihandel weiter herab zu setzen, zum Nutzen der Interessen des britischen Empire. Bei nachfolgenden Doha-Runden in Cancun, Hong Kong und Genf sind die Auseinandersetzungen zwischen den Nationen weitergegangen.

Biotreibstoffe und Völkermord:
das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts

Um die Jahrhundertwende hatte der Mangel an ausreichender Ernährung und Lebensmitteln für Millionen von Menschen katastrophale Ausmaße erreicht. Aber anstatt selbst minimale Schritte zu unternehmen, verharrten Regierungen größerer Länder und UN-Institutionen in Tatenlosigkeit, während sogar die Menge der jährlichen Nahrungsmittelhilfe absackte. Dann kam das Völkermordprogramm Biotreibstoffe.

Eine unheilvolle Allianz von Neo-Konservativen und Neo-Grünen tat sich zusammen, damit Regierungen per Gesetz festlegen lassen, wieviel Biotreibstoff in den nächsten Jahren dem Benzin oder Diesel beizumischen sei. Das Energiegesetz 2005 machte in den USA den Anfang, Frankreich verabschiedete noch im gleichen Jahr ein ähnliches Gesetz, und Dutzende anderer Länder sind inzwischen gefolgt.

Riesige neue Plantagen für Biotreibstoff haben den Getreidegürtel in den USA und den Zuckerrübengürtel in Brasilien überzogen. Die großen Spieler sind die üblichen Kartelle und die Finanzarchitekten der Globalisierung. Wir finden Cargill, ADM, Bunge, George Soros, Bill Gates und andere von der Sorte wieder.

Al Gore hat die Rolle des Stimmungsmachers in der Biotreibstoff-Parade übernommen und marschiert im Gleichschritt mit Neo-Kons wie George Shultz und James Woolsey mit. Diese propagieren die „Energie-Unabhängigkeit”, während Gore mit seiner „Rettet den Planeten” -Mission auf der Klimaangst spielt, um den Bioenergie-Schwindel zu verkaufen.

Es gibt sogar Vorschläge für zwei Biodiesel-Pipelines. Eine 2300 km lange Äthanol-Pipeline von Iowa soll zum New Yorker Hafen, eine andere in Brasilien, über 1200 km vom zentralen Bundesstaat Goias durch Minas Gerais zum Hafen von Paulinia/Sao Paolo führen. Diese Vorschläge haben mit landwirtschaftlicher Infrastruktur so wenig zu tun, wie die Arbeitslager der Nazis mit Industriebetrieben.

Volle 24 % der Maisernte der USA gehen in diesem Jahr (vom September 2007 bis 2008) nach Angaben des US-Landwirtschaftsministeriums in die Produktion von Äthanol. Im vergangenen Jahr waren es nur 18%. Die Menge von Mais, die zu Äthanol verarbeitet wird, übersteigt damit erstmals die Menge, die von den USA für die Ernährung der Welt exportiert wird.

Dies sind die Parameter der heutigen Hungerkatastrophe. Es gibt aus dieser Gefahr kein Entkommen, wenn man an den Spielregeln des „freien Marktes” der letzten 30 Jahre und der WTO festhält. Der entstandene Schaden war nicht das Ergebnis einer „fehlgeleiteten Politik”, er war beabsichtigt. Das Leid entsprang der gleichen schäbigen Haltung gegenüber der Menschheit, die auch die Politik der Ostindienkompanie und des britischen Empire kennzeichnete. Viele der heutigen Netzwerke der Nahrungsmittelkontrolle sind direkte Nachkommen des Empires.

Wir müssen diesen Gaunern den Boden entziehen. Verlassen wir den Spieltisch und begraben wir die WTO.


Christine Craig bereitete die Daten und Graphiken dieses Artikels auf.
Sie können die Autorin unter marciabaker@larouchepub.com erreichen.





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