Synästhesie: Jenseits unserer fünf Sinne
15. Januar 2011 •

von Oyang Teng

Gottfried Wilhelm Leibniz hat einmal geschrieben, daß unsere Sinneswahrnehmungen verborgene Eigenschaften haben, deren Vertrautheit nicht dazu führt, daß ihre eigentliche Natur uns verständlicher werden würde. Schließlich ist das, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, letztlich eine subjektive Frage. Und trotz der Tatsache, daß man mit Hilfe der Sprache eine Übereinstimmung zwischen unser aller Sinneseindrücken herstellen kann, ist es zum Beispiel unmöglich, die Farbe Rot genau zu definieren.

Dennoch, so räumte Leibniz ein, ergeben sich durch die Untersuchung menschlicher Wahrnehmungen wichtige Wahrheiten über jenen Bereich der physischen Welt, der durch unsere Physiologie dargestellt wird, und darüber, wie wir im Geist solche physiologischen Funktionen dazu benutzen, um Erkenntnisse über das Universum zu gewinnen. Über unseren Sinnesapparat empfangen wir „wie durch einen Spiegel“ die rätselhaften Umrisse der äußeren Welt, Schatten, deren Zusammenspiel – und gegenseitigen Widersprüche – unseren Geist dazu anregen, Ordnung in der Welt zu entdecken.

Lange bevor man mit modernen Bildgebungstechniken zeigen konnte, daß selbst einfache Wahrnehmungsvorgänge viele unterschiedliche Hirnbereiche aktivieren, war bereits durch einfache Beobachtungen (und gesunden Menschenverstand) deutlich, daß keiner unserer Sinne strikt autonom ist. Vielmehr sind sie alle miteinander verbundene Teile in einem Kontinuum von Wahrnehmungen. So hat der Psychologe Erich von Hornbostel in „Die Einheit der Sinne“ 1925 geschrieben:

Hier ist ein Ton, hier sind mehrere verschiedene graue Blätter von schwarz bis weiß. Wähle jenes, das genauso hell wie der Ton ist. Dieses? (Ärgerlich) „Zu dunkel!“ Dieses? „Zu hell!“ Dieses? „Immer noch zu hell!“ Und so weiter. Das ist ganz leicht und mit großer Genauigkeit möglich; und abgesehen vom Farbenblinden kann jeder ein Grau finden, das zu dem Ton paßt. Darüber hinaus kann jeder auf dem Klavier jenen Ton finden, der so hell klingt, wie eine Lilie riecht. (Allgemein denkt man zunächst, diese Aufgabe sei unsinnig, aber, wenn man sich darauf einläßt, sich mit solchem Unsinn überhaupt zu befassen, geht es sehr gut.)

Es gibt also etwas „Sinnliches“, das nicht auf einen einzelnen Sinn beschränkt ist. Bei näherem Hinsehen wird die scheinbare Ausnahme sogar zur Regel, und man muß suchen, um das Privatgelände jedes einzelnen Sinns zu finden.1Hornbostel, Erich M. von (1925): Die Einheit der Sinne. Melos (Zeitschrift für Musik), 4, 290-297. Engl. transl. "The Unity of the Senses", Psyche, 7, 83-89. reprinted in W.D. Ellis (ed., 1938), 210-216.

Die Einheit der Sinne, wie sie Hornbostel hier spielerisch beschreibt, kommt wahrscheinlich nirgends anders deutlicher zum Ausdruck als im Zustand der Synästhesie, den zwar unmittelbar nur wenige Menschen erleben, der aber ganz generell zeigt, daß die Freiheitsgrade selbst der fünf herkömmlichen Sinne weit über die gewöhnlichen Erklärungen hinausreichen.

Synästhesie und das geistige Auge

Menschen mit Synästhesie erleben eine Vermischung der Sinne wie Sehen und Hören oder eine Vermischung von Eigenschaften innerhalb einer Sinnesmodalität, indem sie etwa geschriebene Buchstaben mit Farben assoziieren. Genauer kommt es zur Synästhesie, wenn „ein auslösender Reiz die automatische, unfreiwillige, affektbeladene und bewußte Wahrnehmung einer physischen oder gedanklichen Eigenschaft hervorruft, die sich von der des Reizes unterscheidet.“2David Eagleman and Richard Cytowic, Wednesday is Indigo Blue:Rediscovering the Brain of Synesthesia (Cambridge, Mass.: The MIT Press, 2009). Anders gesagt, bei der Synästhesie kann es nicht nur zur Vereinigung zweier unterschiedlicher Sinnesmodalitäten (in seltenen Fällen von mehr als zweien), sondern auch zu unterschiedlichen Wahrnehmungsdimensionen kommen wie räumlicher Ausdehnung oder auch affektiven Merkmalen wie Personalität oder Geschlecht.

Bestimmte Formen der Synästhesie kommen derzeit in schätzungsweise 4% der Bevölkerung vor, wobei die häufigste Erscheinung das Erleben von Farbe für bestimmte Wochentage ist, gefolgt von farbigen Graphemen (Einheiten des Schriftsystems, gewöhnlich Buchstaben oder Zahlen), wobei die Farbe abhängig davon erscheint, ob die Grapheme gelesen, gehört oder nur gedacht werden. In diesem Fall ist der Gedanke und nicht die buchstäbliche Gestalt des Graphems wichtig, was darauf hindeutet, daß es bei Synästhesie sowohl um untergeordnetere Wahrnehmungsprozesse wie Farberkennung als auch um höhere Prozesse geht, die direkter durch kulturelle Entwicklungen und Sprache beeinflußt sind. In einem Experiment wurde beispielsweise ein verzerrtes Bild verwendet, das in einem Zusammenhang als „A“ und in einem anderen als „H“ gedeutet werden konnte, doch die jeweilige synästhetische Assoziation war in beiden Fällen die gleiche.

Synästhesie ist bei Kindern weitaus verbreiteter als bei Erwachsenen. Man geht davon aus, daß sie bei Kleinkindern generell vorkommt, weil sich das Gehirn noch im Prozeß der Differenzierung der einzelnen Sinneserfahrungen befindet, welche den halbblinden Zustand des Kleinkindes kennzeichnen.

Andere verbreitete Synästhesien drehen sich um Zahlen. Eine besondere Form ist die Sequenz-Raum-Synästhesie, wobei Zahlenabfolgen in farblicher und räumlicher Anordnung erscheinen. Dann gibt es die Wort-Geschmack-Synästhesie: gesprochene oder geschriebene Wörter lösen Geschmackserlebnisse aus. Musik-Farb-Synästhesie: einzelne Töne (aus der Umgebung oder Musikstücken) rufen Farbempfindungen hervor. Und die Synästhesie, bei der Buchstaben und Zahlen als Personen erscheinen. Ein typisches Beispiel für letztere: Einer Frau erscheint der Buchstabe V als „gelbliches Beige, aber dezent (mit mehr Beige als A; tiefer als S; gelber als L oder K; weiblich; sehr weiblich; unverhohlen sexy, feinsinnig.“3Ebenda


Source: www.synesthete.org
Dieser Bildschirmschnappschuß zeigt einen von mehreren Online-Tests, mit dem sich feststellen läßt, ob man synästhetisch ist oder nicht. Hier wird der Testperson eine Farbenpalette angeboten, die mit einem vorgegebenen Ton zusammengebracht werden soll.

Über diese verbreiteteren Arten hinaus wurden so gut wie alle anderen Sinneskombinationen beschrieben, darunter das Schmecken von Formen, das Fühlen von Noten und das Hören von Temperaturen. Mit Ausnahme von Fällen sinnlicher Überlastung berichten die meisten Synästhetiker von einem angenehmen Erleben dieser Sinneseindrücke; sie helfen ihnen sogar bei der Erinnerung, da sich die vielfältigen Wahrnehmungsassoziationen mit bestimmten Ereignissen oder Erfahrungen verbinden. Musikalische Erinnerung ist dabei keine Ausnahme: Viele musikalische Synästhetiker werden darum beneidet, daß sie automatisch ihre Stimmlage oder eine Tonart in Abhängigkeit von deren typischer Farbe oder besonderem Geschmack überprüfen können.

Die synästhetische Wahrnehmung, die irgendwo unterhalb der Wahrnehmungsschwelle eines tatsächlichen äußeren Reizes, aber oberhalb der Wahrnehmungsschwelle eines bloß eingebildeten Effekts liegt, bietet verblüffende Einsichten in die Funktionsweise des „geistigen Auges“ (und Auges, Ohres usw.). Das heißt, das Erleben davon ist real, unmittelbar und lebhaft, doch gleichzeitig können Synästhetiker ohne weiteres zwischen Reiz und Effekt unterscheiden, so daß beispielsweise eine evozierte Farbe ihr Gesichtsfeld nicht verdeckt und auch nicht für ein im Raum schwebendes farbiges Objekt gehalten wird.

Es lohnt sich darüber nachzudenken, zu welchem Grad synästhetische Wahrnehmungen mehr sind als die Summe ihrer „Teile“, woraus sich Wahrnehmungskategorien ergeben, für die wir bisher noch keinen Namen haben. Das analoge Beispiel der Beziehung zwischen dem Sehvermögen von Vögeln und deren Magnetsinn wirft ebenfalls die Frage auf: Genügt es zu sagen, daß ein Vogel das Magnetfeld einfach „sieht“?4Siehe Benjamin Deniston, „Wie nehmen Lebewesen Magnetwellen wahr?“, in diesem Heft. Andere Phänomene stellen die Bedeutung gängiger Definitionen in Frage, etwa die für manche hörbaren Effekte von Polarlichtern oder Meteoren, deren Ursache sich nicht dem gängigen Verständnis von Hören zuordnen läßt.5Siehe Sky Shields, „Ungehörte Melodien: Elektrischer und magnetischer Wahrnehmungssinn bei Menschen“, in diesem Heft.

Synästhetische Sinnesempfindungen, die mit räumlicher Ausdehnung einhergehen, haben zudem die interessante Eigenschaft, nicht völlig willkürliche und zufällige Assoziationen, sondern bestimmte geordnete Strukturen auszudrücken. Diese „Formkonstanten“ wurden erstmals systematisch von dem deutschen Gestaltpsychologen Heinrich Klüver gesammelt; dazu gehören geometrische Grundformen wie Tunnel und Kegel, Sternchen, Gitter und Bienenwaben sowie Spiralen in verschiedenen Bewegungszuständen, die unter bestimmten Bedingungen auch bei Nicht-Synästhetikern vorkommen können. Solche Formen können wiederum für jedes Erleben räumlicher Ausdehnung, nicht nur für visuelle Wahrnehmungen gelten. Jemand mit Berührungs-Synästhesie kann beispielsweise etwas fühlen, was wie regelmäßig geordnete geometrische Strukturen erscheint. Das zeigt, daß organisierte Wahrnehmungseinheiten oder Gestalten nicht auf spezifische Sinnesmodalitäten beschränkt sind; sie könnten sogar Anhaltspunkte für die Bildung von Gestalten liefern, die über reine Wahrnehmung als solche hinausgehen, Gestalten, die auch bei schöpferischen Prozessen wie dem künstlerischem Schaffen eine Rolle spielen.

Welche neurologischen Phänomene liegen der Synästhesie zugrunde? Bildgebende Verfahrungen zur Untersuchung des Gehirns zeigen, daß es bei verschiedenen Synästhesiearten zu vermehrtem „Übersprechen“ (crosstalk) zwischen den an Sinnesfunktionen beteiligten Hirnarealen kommt, aber es ist nicht sicher bekannt, was dieses vermehrte Übersprechen zwischen verschiedenen Hirnarealen bei Synästhetikern verursacht. Es spricht vieles dafür, daß durch die Synästhesie einfach gemeinsame Nervenverbindungen demaskiert werden, die nach neuesten Erkenntnissen im gesamten Gehirn wahrscheinlich weitaus mehr vernetzt sind, als bisher angenommen. Es gibt verschiedene Umstände, unter denen Synästhesie kurzzeitig entsteht (etwa in der Einschlaf- oder Aufwachphase, wenn plötzliche Geräusche eine Eruption von Farben auslösen kann) oder bewußt induziert werden kann (etwa durch Meditation oder Drogengebrauch). Auch durch sensorische Deprivation, beispielsweise bei Experimenten, in denen den Probanden mehrere Tage die Augen verbunden werden, führt dazu, daß die Sehrinde wieder für Hören und Tasten zuständig wird – eine neurale Umstellung, die bei Erblindeten dauerhaft wird.

Ungeachtet der besonderen Hirnprozesse, um die es hier geht, gibt es zahlreiche Belege für synästhetische – oder zumindest zwischensensorische – Wahrnehmungsmuster, die allen Menschen gemein sind. Es folgen einige Beispiele hierfür.

Der gesunde Menschenverstand

In den 20er Jahren hat Wolfgang Köhler, einer der Begründer der Gestaltpsychologie, die enge Beziehung zwischen Sehen und Hören nachgewiesen. In einem berühmten Experiment forderte er die Probanden auf, zu benennen, welche von zwei Figuren – eine eckig, die andere rund – „Takete“ und welche „Maluma“ heißen würde (Abbildung 1). Eine überwältigende Mehrheit der Testpersonen assoziierte die eckige Figur mit Takete und die runde Figur mit Maluma, was zeigt, daß es gemeinsame Assoziationen gibt, die den Klang bestimmter Figuren und ihre visuelle Darstellung miteinander in Verbindung bringen.


Zu welcher Figur paßt das Wort „Takete“ und zu welcher „Maluma“?

In einem weiteren Experiment über die gegenseitige Beeinflussung von Sehen und Hören ließ sich zeigen, daß die visuelle Wahrnehmung von Lippenbewegungen das gehörte Sprachsignal überlagern kann, ein Phänomen, das McGurk-Effekt genannt wird. Wenn ein Proband zum Beispiel eine Person sieht, die „fa“ spricht, gleichzeitig aber den Ton „ba“ hört, wird der Ton als „ba“ wahrgenommen. Noch vertrauter mag die enge Verknöpfung zwischen Sehen und Hören sein, wenn man einen Film sieht und meint, der Ton komme direkt aus dem Bildschirm und nicht aus den Lautsprechern an der Seite.

Nicht überraschend ist auch, daß räumliche Assoziation häufig mit Zahlen verbunden ist. Bei dem sog. SNARC-Effekt (spatial-numerical association of response codes) werden der Versuchsperson zwei Zahlen gezeigt, wobei sie eine Taste drücken soll, die der größeren Zahl entspricht. Dabei ergibt sich eine direkte Beziehung zwischen der Reaktionsgeschwindigkeit und der Anordnung größerer Zahlen auf einem mental vorgestellten, räumlich ausgedehnten Zahlenstrahl. Synästhetiker nehmen diese Zahlformen als Projektionen neben dem eigenen Körper wahr.

Seit langem ist aus Untersuchungen bekannt, daß Tonhöhen und Farben eng miteinander verbunden sind. Synästhetiker und Nicht-Synästhetiker assoziieren gleichermaßen höhere, lautere Töne mit helleren Farben und leisere Töne mit dunkleren Farben (Abbildung 2). Geschmack und Geruch werden genauso seit langem miteinander in Verbindung gebracht; der einfache Umstand, daß man sich beim Essen die Nase zuhält, zeigt diese gegenseitige Abhängigkeit.


Abhängigkeit von Tonhöhen und Farben

In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde gezeigt, daß sich dreidimensionale Strukturen, gewöhnlich eine Eigenschaft des Sehens und Berührens, durch künstlich kodierte Klänge darstellen lassen. Das „Hören von Strukturen“ bewerten die Autoren der Studie als weiteren Beleg für die natürliche „metamodale Darstellung“ der meisten Wahrnehmungsprozesse.6Jung-Kyong Kim & Robert J. Zatorre, “Can you hear shapes you touch?” (Experimental Brain Research, 2010).

Man braucht sich auch nur einige Wendungen in unserer Sprache anzuschauen, um die weitgehende Integration unserer Sinne zu erkennen. Man spricht ja von einem knalligen Hemd oder dunkler Stimmung, von den weichen Tönen eines Musikstücks oder dem „wunderbaren rhythmischen Fließen von Linien und Kurven“ in einer Skulptur, „die man feiner fühlt als sieht“, wie sich Helen Keller ausdrückte.

Helen Kellers Wahrnehmungsfähigkeit ist hier besonders interessant. Obgleich sie die Welt fast ausschließlich durch Berührung wahrnahm, war ihr sprachlicher Ausdruck voller lebendiger und sinnlicher Bilder, so daß man sich fragt, ob darin eine Art Synästhesie oder einfach ihre erstaunliche Fähigkeit zum Ausdruck kam, alles Gelesene vollkommen zu absorbieren. Jedenfalls kann man sich nicht sicher sein, welche Ähnlichkeit, wenn überhaupt, die „Farben“ in ihrem geistigen Auge oder die „Töne“ in ihrem geistigen Ohr mit den entsprechenden Sinnen eines normal Sehenden und Hörenden haben würden.7Siehe Meghan Rouillard, “Helen Keller: Mind Over Instrumentation,” in EIR, 4. Februar 2011.

Die Sprache hat genauso einen reziproken Einfluß auf die Wahrnehmung. In einer wissenschaftlichen Studie von 2007 wurde gezeigt, daß Russisch- und Englischsprachige eine andere Farbunterscheidung von Blau haben, da im Russischen klar zwischen helleren (goluboj) und dunkleren (sinij) Blautönen unterschieden wird.8Jonathan Winawer et al., “Russian blues reveal effects of language on color discrimination” (PNAS, 2007). http://www-psych.stanford.edu/~lera/papers/pnas-2007.pdf. Wie bei der Synästhesie selbst, bei der die auslösenden Reize häufig Produkte des Lernens und der Sprache sind, scheint auch hier eine komplexe Wechselwirkung zwischen Kultur und Wahrnehmung vorzuliegen, wobei unsere Sinne keineswegs „fest verdrahtet“ erscheinen, sondern eher an die ständige Weiterentwicklung unserer Geisteskräfte gebunden zu sein scheinen. Andere Phänomene wie etwa die sensorische Substitution – beispielsweise läßt sich mit Hilfe eines Gerätes, das Berührungsreize auf der Zunge erzeugt, die Sehkraft anregen, oder alternativ bei Blinden die Fähigkeit zur Echoorientierung erzeugen – unterstreichen diesen Umstand.9Welche Schlüsse lassen sich daraus über die Fähigkeit des Gehirns zur „Abstimmung“ auf verschiedene Wahrnehmungsmodi ziehen, wenn man dabei die noch kaum verstandenen Effekte unterschiedlicher elektromagnetischer Strahlungsarten berücksichtigt?

Einige sind sogar zu dem Schluß gekommen, daß synästhetische Assoziationen als Grundlage der Wahrnehmung sogar für die Entwicklung der Sprache selbst notwendig gewesen seien:

„Marks folgert, daß Wahrnehmungserfahrungen von Sinngehalten multidimensional sind und daß verbales (semantisches) Wissen auf früheres Wahrnehmungswissen zurückgreift. Dieser Schlußfolgerung schließt sich Sean Day an, der feststellt, daß Farbklänge der gängigste Ausdruck von Wahrnehmungssynästhesie sind, wohingegen metaphorischen Ausgestaltungen von Tastklängen am verbreitetsten in der (englischen) literarischen Synästhesie sind. Es erscheint wahrscheinlich, daß menschliches Denken selbst größtenteils metaphorisch ist. Das Hören ist der Sinn, der bei Wahrnehmungssynästhesie und synästhetischen Metaphern am häufigsten erweitert ist. Sean Day folgert auch, daß das synästhetische Sehen von Klängen, das der Sprache vorausgeht, wahrscheinlich die Sprachentwicklung beeinflußt hat.“10Eagleman and Cytowic, a.a.O.

Es seit jedoch angemerkt, daß Metaphern keine bloße Begleiterscheinung von sinnübergreifender Wahrnehmung sind, sie sind vielmehr in der Struktur des Universums, wie wir es kennen, vorgegeben. Die Vorstellung, man könne das Universum wortwörtlich erkennen, ist ein Produkt der naiven Annahme, daß uns unsere Sinne, wenn auch nur im Idealfall, ein mehr oder weniger direktes Bild der Realität liefern. Aber wirkliches Wissen ist nie wörtlich; nur durch das Paradox, nur durch das Prinzip des Widerspruchs läßt sich das Universum erkennen und mitteilen. Das nannte Nikolaus von Kues „belehrte Unwissenheit“. Dieses ontologische Prinzip unseres Denkens erfordert eine entsprechende Organisationsform unseres Nerven- und Sinnesapparats, und erst von dieser höheren Ebene werden alle bisher beschriebenen Phänomene verständlich .

Von diesem Standpunkt ist Sprache notwendigerweise metaphorisch. Trotz der Einwände von Positivisten und anderer, die ganz ähnlich an die Sinnesgewißheit gefesselt sind, bedeuten die in allen Wörtern steckenden Doppeldeutigkeiten nicht eine Begrenzung, sondern vielmehr eine Reflexion des Wechselspiels unendlich feiner „Schatten“, die den Hintergrund menschlichen Denkens bilden. Da kein Gegenstand der Sinneswahrnehmung selbstdefiniert ist, kann keine Sprache – weder die mathematische noch sonstige – je einen Zustand der Vollendung erreichen.

Auch unser eigener Sinnesapparat kann es offenbar nicht.


Weitere Verweise


Anmerkungen

1Hornbostel, Erich M. von (1925): Die Einheit der Sinne. Melos (Zeitschrift für Musik), 4, 290-297. Engl. transl. "The Unity of the Senses", Psyche, 7, 83-89. reprinted in W.D. Ellis (ed., 1938), 210-216.
2David Eagleman and Richard Cytowic, Wednesday is Indigo Blue:Rediscovering the Brain of Synesthesia (Cambridge, Mass.: The MIT Press, 2009).
3Ebenda
4Siehe Benjamin Deniston, „Wie nehmen Lebewesen Magnetwellen wahr?“, in diesem Heft.
5Siehe Sky Shields, „Ungehörte Melodien: Elektrischer und magnetischer Wahrnehmungssinn bei Menschen“, in diesem Heft.
6Jung-Kyong Kim & Robert J. Zatorre, “Can you hear shapes you touch?” (Experimental Brain Research, 2010).
7Siehe Meghan Rouillard, “Helen Keller: Mind Over Instrumentation,” in EIR, 4. Februar 2011.
8Jonathan Winawer et al., “Russian blues reveal effects of language on color discrimination” (PNAS, 2007). http://www-psych.stanford.edu/~lera/papers/pnas-2007.pdf.
9Welche Schlüsse lassen sich daraus über die Fähigkeit des Gehirns zur „Abstimmung“ auf verschiedene Wahrnehmungsmodi ziehen, wenn man dabei die noch kaum verstandenen Effekte unterschiedlicher elektromagnetischer Strahlungsarten berücksichtigt?
10Eagleman and Cytowic, a.a.O.