Roosevelt versus Churchill
6. März 2013 •

Eine Welt souveräner Nationalstaaten oder britisches Imperium?

Von Sabine Zuse

Am 4. März 1933, also vor genau 80 Jahren, übernahm Franklin D. Roosevelt das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Aus diesem Anlaß veröffentlichen wir an dieser Stelle einen Aufsatz von Sabine Zuse, in dem sie Franklin Roosevelts politische Überzeugungen und Ziele denen seines Verbündeten und gleichzeitigen Widersachers Winston Churchill gegenüberstellt.

Franklin Delano Roosevelt (1882-1945) entstammte dem pro-britischen amerikanischen Ostküstenestablishment. Er war ein Neffe des anglophilen Präsidenten Teddy Roosevelt und es sprach anfangs in seiner politischen Karriere nichts dafür, daß er einmal ein amerikanischer Präsident werden würde mit der Absicht, das Britische Empire „abzuwickeln“. Aber während einer Polioerkrankung in den zwanziger Jahren, als er intensiv Abraham Lincolns Reden und die Schriften der amerikanischen Gründerväter studierte, machte er sich die Prinzipien der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Verfassung zu eigen: daß moralische Prinzipien die Politik zu bestimmen haben und daß eine imperialistische Plünderungspolitik damit unvereinbar ist. Anders als Churchill, der Mussolini offen bewunderte und sogar bis Ende der dreißiger Jahre politisch unterstützte, erkannte er in Hitler und Mussolini zunehmend die Gefahr für den Fortbestand der westlichen Zivilisation.

Sir Winston Churchill, geboren am 30.11.1874 unter der Regierung von Königin Viktoria, war seit 1901 fast ununterbrochen Mitglied des Unterhauses, über Jahrzehnte ununterbrochen Minister der Krone und zweimaliger Premierminister von Großbritannien, vom 10. Mai 1940 bis 26. Juli 1945 und vom 16. Oktober 1951 bis 5. April 1955. Er selbst war sehr stolz auf seine adeligen Vorfahren, die Herzöge von Marlborough. Abgesehen vom ersten Herzog, einem General, der Jakob II. verraten, gegen Wilhelm III. intrigiert und skrupellos nach Macht und Reichtum gejagt hatte, waren die Marlboroughs politisch unauffällig geblieben, oft unglücklich, depressiv, übellaunig, verschwenderisch, mit Skandalen wie Scheidungen und Affären behaftet. Gladstone, der liberale Imperialist und Premierminister, charakterisierte diese Familie 1882 so: „Seit John von Marlborough hat es keinen einzigen Churchill gegeben, der Moral oder Prinzipien besessen hätte.“

Also Winston Churchill ein Mann ohne Moral und Prinzipien? Ein Prinzip sollte er doch beibehalten, bei aller Wandelbarkeit seiner politischen Einstellungen - er war nacheinander Konservativer, Liberaler und reaktionärer Staatsmann, der Mussolini bewunderte und die Demokratie verachtete -: das Prinzip, das Britische Empire über alles zu stellen, ein Empire, das auf permanenten Kriegen, Flottenbau, Freihandel und politischer und wirtschaftlicher Kontrolle durch eine kleine, regierende Oberschicht beruhte. Auch wenn sich dieses Empire in den zwanziger Jahren zum Commonwealth transformierte und die britische Oligarchie sich zunehmend genötigt sah, die wirtschaftlich und politisch aufsteigenden USA zunehmend in ihr politisches Kalkül einzubeziehen. Nach der Devise Churchills: „Britannien ist das Gehirn, Amerika ist der Muskel, gemeinsam regieren wir die Welt.“

Die politische Einstellung und Geschichtsphilosophie Churchills entsprach dem Bild, das die englische Oberklasse entwickelt hatte, um ihre beherrschende Stellung zu rechtfertigen. Diese einige tausend Familien umfassende Aristokratie, deren Reichtum - meist in Form von Grundbesitz - und gesellschaftliche Prachtentfaltung Winston selbst in mehreren Büchern mit Pathos und Schwulst beschrieben hatte, war für ihn die auserwählte Klasse, die Großbritannien zu seiner jetzigen Größe und Macht als Empire geführt hatte, wobei die Mittel dazu begrenzte Monarchie, parlamentarische Regierungsform, Freiheit und Eigentum sowie expandierende Herrschaft in Übersee gewesen waren.

Die Fundamente des Empire

Das Britische Empire beruht auf folgenden Voraussetzungen:

  • Freihandelspolitik, um die Kolonien auszuplündern und um unabhängige Staaten am Aufbau produktiver Kapazitäten zu hindern;
  • Kontrolle der weltweiten Finanzströme durch ein weltweit verflochtenes Bankensystem, mit der Londoner City als Zentrum, basierend auf dem Goldstandard;
  • Kontrolle abhängiger Gebiete durch Großkonzerne mit Sitz in Großbritannien oder verbündeten Staaten;
  • Weltweit dominierende Flotte zur Sicherstellung eines britisch dominierten Handels und zur militärischen Sicherung der Kolonien;
  • Eroberungspolitik zur geographisch-physischen Ausdehnung (militärisch und nichtmilitärisch): permanenter Krieg;
  • Medien und Propaganda im Dienste des Empire: Geopolitik.

Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht und am Beginn seines Niedergangs. Mit der Zertrümmerung des Osmanischen Reiches war der alte britische Wunschtraum einer Landverbindung über den Vorderen Orient nach Indien in Erfüllung gegangen. Englische Truppen standen im ölreichen Kuwait und in Mesopotamien. In Persien dominierte der britische Einfluß seit den Wirren in Sowjetrußland, Ägypten stand unter britischer Herrschaft. Die riesigen arabischen Gebiete von Jordanien bis Aden, von Kuwait bis zur Omanküste wurden unter dem 1916 abgeschlossenen britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommen, das Frankreich Syrien, Großbritannien aber Mesopotamien, Palästina, Jordanien zusprach, ebenfalls von England kontrolliert. In Afrika war mit der Eingliederung Deutsch-Ostafrikas die langersehnte Landbrücke vom Kap bis nach Kairo erschaffen worden. Aber schon zeigten sich die ersten Risse im Gebäude des britischen Imperialismus.

Winstons Politik: Flotte und Öl

Großbritannien, das nur dank der militärischen Unterstützung der USA unter Präsident Wilson den Ersten Weltkrieg als Führer der Alliierten (u.a. Frankreich, Rußland) gegen die Mittelmächte (Deutschland, Österreich) und das Osmanische Reich gewonnen hatte, war nach dem Krieg hochverschuldet, vor allem gegenüber den USA.

So reiste Churchill, der 1921-22 Minister für Kolonial-Angelegenheiten war, in den neu zu schaffenden Staat Irak und macht den Araber Feisal zum König. Er beauftragte anstelle der Armee die königliche Luftwaffe, den Irak polizeilich zu überwachen, um Kosten zu sparen. Außerdem mußte Churchill, der in seinen Reden wiederholt Flottenüberlegenheit als unabdingbar für die nationale Existenz Großbritanniens und die Existenz des britischen Weltreichs beschrieben hatte, 1922 die Gleichheit der Flottenstärke mit den USA akzeptieren. Die britische Flotte war bis zum Ersten Weltkrieg die größte und modernste Flotte der Welt, weil sie als eine der ersten auf Ölfeuerung umgestellt wurde.

Als Churchill von 1911 bis 1915 Marineminister war, setzt er im Jahre 1914 noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in Zusammenarbeit mit Admiral a.D. Lord Fisher, dem Modernisierer der britischen Flotte, eine geheime Kommission ein, die sich für die Ausweitung unabhängiger Ölbezugsquellen einsetzte. Das Ergebnis war ein langfristiger Vertrag zwischen der britischen Regierung und der Anglo-Persischen Öl-Kompagnie, der im Juli 1914 geschlossen wurde und den Briten, die den Süden Persiens seit 1907 militärisch besetzt hielten, einen großen Teil ihres Friedensbedarfs an Öl und die Gesamtproduktion in Kriegszeiten sicherte. Die Regierung sicherte sich die faktische Kontrolle über die Ölgesellschaft, indem sie 2 Mio. Pfund in deren Anlagen investierte. Die Ölquellen brachten bis 1928 40 Mio. Pfund ein, die im Besitz der Regierung befindlichen Aktien weitere 20 Mio. Pfund. Dieser Vertrag brachte der britischen Regierung, so wie zuvor schon der Ankauf der Suezkanalaktien, enorme Profite ein.

Winstons Politik: Freihandel

Churchill war vor dem Ersten Weltkrieg ein entschiedener Verfechter der Freihandelspolitik. Schutzzölle einzuführen als Waffe bei Verhandlungen mit Staaten, die selbst Schutzmaßnahmen anwendeten, wie dies die Befürworter der Schutzzollpolitik forderten, bedeutete in seinen eigenen Worten, mit dem politischen Sündenfall zu spielen. Der Freihandel, so erklärte er, sei für England nicht nur die richtige und logische Politik, nein, sie sei die zu Englands Lebensunterhalt absolut notwendige Politik. Die Freihandelspolitik, die von 1849 bis 1932 dauerte, sicherte den Kolonien und Dominions einen riesigen Absatzmarkt für ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse, während andererseits Großbritannien den Vorteil billiger Nahrungsmittel und Rohstoffe hatte, daher billig produzieren und auf diese Weise seine Fertigwaren in Übersee billiger als seine Konkurrenten verkaufen konnte.

Großbritannien hatte jedoch das Problem, daß die britischen Fertigwaren in den Kolonien und Dominions die Zollmauern übersteigen mußten, die dort zum Schutz der eigenen Industrie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend errichtet worden waren. In Großbritannien selbst, der Schaltzentrale von Handel und Wirtschaft im Commonwealth, ging die Entwicklung nach 1919 ebenfalls langsam in Richtung Schutzzoll und Meistbegünstigung, zunächst nur für bestimmte Schlüsselindustrien, und Investitionen von ausländischem Kapital in den Kolonien wurden ebenfalls erleichtert. In manchen Kolonien blieb jedoch die Ausbeutung der Ölquellen nur britischen Untertanen erlaubt, und Monopole im allgemeinen wurden nur britischen Gesellschaften bewilligt.

Mit dem Einfuhrzollgesetz von 1932 wurde die Zollpolitik Großbritannien endgültig umgestellt, alle Einfuhren mit Ausnahme von Nahrungsmitteln und Rohstoffen mußten einen Wertzoll in Höhe von 10% entrichten, so daß nun aus dem ehemaligen Freihandelsland ein Schutzzolland geworden war. Der Grund dafür war, daß damals die ganze Welt unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Massenarbeitslosigkeit litt. Diese Verhältnisse trugen dazu bei, daß die meisten Länder ihre eigenen Volkwirtschaften seit den zwanziger Jahren zunehmend zu schützen trachteten.

Winstons Politik: Goldstandard

Winston Churchills erste wichtige Tat als Finanzminister (1924-29) war die Wiederherstellung des Goldstandards, der im Ersten Weltkrieg aufgegeben worden war, im Jahre 1925. Churchill selbst war von dieser Wiedereinführung, die von der City, dem damaligen und auch heutigen Weltfinanzzentrum, verlangt wurde, um den Wert des Pfundes wiederherzustellen, keineswegs begeistert. Er schreibt im Januar 1925:

    „Amerika hat den größeren Teil des Goldes in der Welt angehäuft und leidet an einer ernsthaften Überfülle. Sind wir sicher, daß wir, indem wir den Goldstandard etablieren, nicht Amerikas Interessen fördern? Machen wir dadurch nicht ihren Goldvorrat wertvoller, als er jetzt ist? Erleichtern wir ihnen dadurch nicht die Konsequenzen ihrer selbstsüchtigen und erpresserischen Politik?“

Dies schreibt Churchill vor dem Hintergrund der Kriegsschulden, die Großbritannien an die USA zu zahlen hatte, und der zunehmenden wirtschaftlichen Stärke der USA. Vor dem Zweiten Weltkrieg führte Großbritannien etwa sechsmal soviel aus den USA ein, wie es dorthin ausführte.

Aber der Goldstandard war für das Finanzzentrum London zu wichtig, um ihn aufzugeben. Vor dem Ersten Weltkrieg hatten die City und die englische Zentralbank mit dieser Goldstandardwährung die Geldflüsse gelenkt, denn nur wer genügende Mengen an physischem Gold hatte, konnte „Kredit“ vergeben. Und wer hatte besseren Zugriff auf das Gold als das Britische Empire? Die Hälfte der Goldförderung kam noch bis in die 50er Jahre aus der ehemaligen Kapkolonie der Briten, aus Südafrika.

In den Fußstapfen von Cecil Rhodes

Vertreter des Empire, Politiker wie Gladstone und Disraeli ebenso wie der Generaldirektor der mächtigen De Beers Mining Company, Cecil Rhodes (1853-1902), arbeiteten in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts an einem Afrika, das vom Kap bis nach Kairo britisch sein sollte. Cecil Rhodes entwickelt einen umfassenden Plan, wie das zu bewerkstelligen sei: „Nachdem ich die Geschichte anderer Länder gelesen hatte, sah ich, daß die Ausdehnung alles ist. Da die Oberfläche der Erde begrenzt ist, muß es die große Aufgabe des britischen Reichs sein, als Avantgarde des Fortschritts, soviel von der Welt zu nehmen als man irgendwie bekommen kann... Wir sind die erste Rasse in der Welt, und je mehr wir von der Erde bewohnen, desto besser ist es für die menschliche Rasse.“

Er hatte sogar die Vision, die USA zurückzuerobern und so den Frieden „für alle Zeiten“ zu sichern. Gleichzeitig war er auch bereit, das Empire „an die amerikanische Republik anzuhängen“, wenn das eine „Union der englisch sprechenden Menschen“ sicherstellen würde.

Diese Idee einer speziellen Partnerschaft zwischen den USA und Großbritannien, um zusammen die Welt zu beherrschen, fand in Churchill ihre Fortführung. 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, in dem die USA auf Seiten der Briten eingegriffen hatten, schreibt er: „Die großen Zweige der englischsprechenden Familie“ waren endlich fähig, „ihre Geschichte gemeinsam zu schreiben“. Anstelle der „alten und Gott sei Dank nun veralteten Chroniken von vergangenen Antagonismen haben wir nun die strahlende Erinnerung daran, daß wir zusammen Europa aus den Händen der Unheilbringer retteten und die sichere Überzeugung, daß wir, indem wir gemeinsam handeln, uns vor jedem Verderben bewahren können, das die Zukunft uns bringen kann.“

Überwindung des amerikanischen Isolationismus

Die USA hingegen befanden sich bis zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in einem außenpolitischen Zustand des Isolationismus, so daß Franklin Roosevelt, der die historische Mission der USA darin sah, globale Führung zu übernehmen, sich erst nach dem Ausbruch des Krieges durchsetzen konnte.

Dies lag an verschiedenen Faktoren. Erstens wurde das amerikanische Außenministerium, das State Department, praktisch vom britischen Außenministerium, dem Foreign Office, beherrscht, was eine richtige außenpolitische Einschätzung sehr schwierig und sogar die Durchsetzung der Politik des Präsidenten problematisch machte. Noch im Dezember 1943 drückte sich Roosevelt gegenüber seinem Sohn Elliot, der über die Politik und politischen Grundsätze seines Vaters ein Buch verfaßt hat (As He Saw It, dt. Wie er es sah), folgendermaßen aus:

    „Du weißt, wie oft die Männer im Außenministerium versucht haben, Nachrichten an mich zu verbergen, zu verzögern, sie irgendwie aufzuhalten, nur weil einige dieser Karrierediplomaten nicht in Übereinstimmung mit dem sind, von dem sie wissen, was ich denke. Sie sollten für Winston arbeiten. Tatsächlich arbeiten sie einen großen Teil der Zeit für Winston... Eine beliebige Anzahl von ihnen sind überzeugt, daß die Art und Weise, wie Amerika seine Außenpolitik führen sollte, die ist, herauszufinden, was die Briten tun, und sie nachzuahmen… Ich bin die einzige Person, der ich vertrauen kann.“

Diese Situation wurde noch zusätzlich kompliziert durch eine mangelhafte Auslandsgeheimdienstarbeit, so daß Roosevelt sich gezwungen sah, einen eigenen, privaten Geheimdienst aufzubauen und eigene diplomatische Kanäle zu schaffen.

Darüber hinaus war das amerikanische Militär in den 20er und 30er Jahren durch Marineabkommen zwischen den USA und Großbritannien und durch die Auswirkungen der Großen Depression geschwächt. Es ist zwar nicht klar, ob Roosevelt verstanden hatte, daß die Briten und deren Verbündete an der Wall Street für Hitlers Machtergreifung und den Nazi-Staat verantwortlich waren, aber er erkannte, daß das Versailler System eine Fortsetzung des britischen imperialen Systems in anderer Form war. 1938, vor der Münchner Appeasement-Konferenz, schlug er den Briten eine private Konferenz vor, um den Versailler Vertrag und seine drückenden Schulden aufzugeben und der Welt gleichen Zugang zu allen Rohstoffen zu ermöglichen. Die Regierung Chamberlain wies diesen Vorschlag zurück aus Besorgnis darüber, daß eine solche Konferenz zu einem Angriff auf die imperialen Arrangements der Briten führen würde, die ihnen ausschließliche Ausbeutungsrechte an ihren Kolonien gaben, und unter dem Druck seines eigenen Außenministeriums ließ Roosevelt diese Idee fallen.

„Imperialismus ist gleich Krieg“, sagte Roosevelt zu seinem Sohn Elliot, nachdem der Krieg ausgebrochen war. Und weiter beschreibt er ihm seine Ansichten 1943:

    „Ich habe versucht klarzumachen, daß wir zwar Britanniens Alliierte sind und bis zum Sieg an ihrer Seite sein werden, sie aber niemals auf die Idee kommen dürfen, daß wir dies alles nur tun, um ihnen zu helfen, ihr archaisches mittelalterliches Empire zu erhalten.“

Roosevelt kündigte 1941 einen großangelegten Plan an, die Industriekapazitäten in den USA auf Rüstungsproduktion umzustellen, um die Briten und die Sowjetunion mit Waffen zu versorgen. Weil er wußte, daß London faktisch bankrott war und die gelieferten Waffen nicht bezahlen konnte, organisierte er im Frühjahr 1941 das Leih- und Pachtgesetz, unter dem die Waffen kostenlos „ausgeliehen“ wurden. Die USA waren zur stärksten Industrienation auf der Welt geworden, und damit würden die bankrotten Briten unfähig sein, die Friedensbedingungen zu diktieren.

Die vier Freiheiten

Am 6. Januar 1941 hielt Roosevelt, der Präsident einer Republik, die formell nicht im Krieg war, eine Regierungsansprache, in der er die Prinzipien darlegte, um die herum der Krieg zu führen war. Die Vier-Freiheiten-Rede gab Roosevelts Vision der Nachkriegszeit wieder:

    „In zukünftigen Tagen, die wir zu sichern streben, sehen wir eine Welt voraus, die auf vier grundlegenden Freiheiten gründet:

    Die erste ist die Freiheit der Rede und der Äußerung - überall auf der Welt.

    Die zweite ist die Freiheit jedes Menschen, Gott auf seine eigene Weise anzubeten - überall auf der Welt.

    Die dritte ist die Freiheit von Mangel - dies bedeutet in einen allgemeinsprachlichen Ausdruck übersetzt wirtschaftliche Vereinbarungen, die für jede Nation eine gesunde Friedenszeit für seine Einwohner sicherstellen sollen - überall in der Welt.

    Die vierte ist die Freiheit von Angst - das bedeutet in einem allgemeinverständlichen Ausdruck die Reduzierung der Bewaffnung zu einem solchen Grade und in einer solchen Weise, daß keine Nation in der Lage sein wird, einen Akt der Aggression gegen ihren Nachbarn zu begehen - überall in der Welt.

    Dies ist keine Vision eines fernen Jahrtausends. Das ist eine sichere Basis für eine Welt, die in unserer Zeit und Generation erreichbar ist.“

Im März 1941 stellte Roosevelt, als er vom Ende des Krieges sprach, fest:

    „Es gab nie, gibt auch jetzt nicht und wird auch nie eine Rasse geben, die geeignet ist, als Herren über andere Menschen zu herrschen... Wir sind überzeugt, daß jede Nationalität, ungeachtet dessen wie klein sie ist, ein inhärentes Recht auf ihren eigenen Staat hat.“

Die Atlantik-Charta

Roosevelt strebte es an, die Briten dazu zu verpflichten, die Prinzipien der vier Freiheiten zu unterschreiben. Churchill, der Kriegspremierminister der Briten, der auf die Hilfe der Amerikaner unbedingt angewiesen war, verpflichtete sich schließlich zu einem Treffen an der Küste von Neufundland, vom 13.-14. April 1941. Während die meisten Geschichtsbücher die Atlantik-Charta-Konferenz so darstellen, als hätte es eine sich vertiefende Beziehung zwischen Roosevelt und Churchill gegeben, beschreiben Aufzeichnungen aus erster Hand, darunter die von Roosevelts Sohn Elliot, der bei diesem Treffen dabei war, etwas ganz anderes. „Das Britische Empire steht auf dem Spiel“, sagte Roosevelt zu Elliot während dieses Treffens.

Es gab große Auseinandersetzungen über Roosevelts Vorhaben, die Russen mit amerikanischem Material zu unterstützen. Churchill erklärte, eine solche Hilfe sei Verschwendung. Aber die intensivsten Auseinandersetzungen gab es über die Frage des Empires. Roosevelt begann die Diskussion, indem er klugerweise die „Freihandelsideologie“ der Briten gegen sie selbst wendete und ein Ende des Präferenzsystems verlangte. Elliot hat diese Auseinandersetzungen zwischen Roosevelt und Churchill wortwörtlich aufgeschrieben:

    „Vater unterbrach ihn [Churchill]. ,Ja. Diese Handelsvereinbarungen des Empires sind in der Tat der Punkt. Es ist wegen ihnen, daß die Menschen von Indien und Afrika, des gesamten Nahen und Fernen Ostens so rückständig sind, wie sie es jetzt sind.’

    Churchills Nacken rötete sich. ,Herr Präsident, England schlägt nicht vor, auch nur für einen Augenblick, seine bevorzugte Stellung innerhalb der britischen Dominions zu verlieren. Der Handel, der England groß gemacht hat, soll weitergehen und wird unter diesen Bedingungen von Englands Ministern vorgeschrieben.’

    ,Sehen Sie’, sagte Vater langsam, ,es stellt sich gerade heraus, daß es wahrscheinlich eine Nichtübereinstimmung zwischen Ihnen, Winston, und mir geben wird. Ich bin fest davon überzeugt, daß, wenn wir einen stabilen Frieden erreichen wollen, dieser die Entwicklung rückständiger Länder einschließen muß. Wie läßt sich das erreichen? Mit den Methoden des 18. Jahrhunderts läßt es sich offensichtlich nicht erreichen.’

    ,Wer spricht von den Methoden des 18. Jahrhunderts?’

    ,Jeder von Ihren Ministern, der eine Politik empfiehlt, die den Kolonien die Rohstoffe wegnimmt, aber den Menschen im Gegenzug nichts zurückgibt. Zu Methoden des 20. Jahrhunderts gehört es, Industrie in die Kolonien zu bringen. Zu Methoden des 20. Jahrhunderts gehört es, den Lebensstandard zu heben, indem wir ihnen Bildung geben, indem wir ihnen Hygiene bringen, indem wir sicherstellen, daß sie im Gegenzug für ihre Rohstoffe etwas für die Gemeinschaft bekommen.’

    ,Sie erwähnten Indien’, knurrte er.

    ,Ja, ich kann es nicht glauben, daß wir einen Krieg führen gegen die faschistische Sklaverei und zur selben Zeit nicht daran arbeiten, Völker überall auf der Welt von einer rückständigen Kolonialpolitik zu befreien.’ ...

    ,Es geht nicht an, an den Wirtschaftsvereinbarungen des Empires herumzupfuschen.’

    ,Die sind künstlich...’

    ,Die sind die Grundlage unserer Größe.’

    ,Der Frieden’, sagte Vater fest, ,ist mit Despotismus irgendwelcher Art unvereinbar. Der Frieden verlangt es, und wir werden Gleichheit aller Völker bekommen...’“

Die Atlantikcharta, wie sie Churchill unterschrieb, stellt fest, daß die Unterzeichner, „keine Vergrößerung suchen“, „keine territorialen Änderungen, die nicht in Übereinstimmung mit den frei ausgedrückten Wünschen der Völker stehen“. Die umstrittenste Klausel besagt: „Sie werden die Rechte von allen Völkern respektieren, die Form der Regierung zu wählen, unter der sie leben wollen. Sie werden danach trachten, denjenigen souveräne Rechte und Selbstregierung zurückzugeben, denen sie unter Zwang abgenommen wurden.“

Elliot erinnert sich an den folgenden Ausbruch Churchills:

    „Herr Präsident, ich glaube, Sie versuchen, das Britische Empire zu beseitigen. Ihre sämtlichen Vorstellungen über die Struktur der Nachkriegsordnung beweisen es... Aber trotz allem ruht in Ihnen unsere einzige Hoffnung. Sie wissen es. Wir wissen es. Sie wissen, daß wir wissen, daß das Britische Empire ohne Amerika nicht standhalten wird.“

Die Ansicht von beiden Seiten des Atlantiks

Als der Krieg am 7. Dezember 1941 mit Pearl Harbor endgültig zu den USA kam, stand Amerika bereits in der Kriegsmobilisierung, die das Land innerhalb von weniger als drei Jahren in die führende militärische und industrielle Supermacht verwandelte. Obwohl in der Öffentlichkeit nichts dazu verlautete, zeigen Dokumente aus der Nervenzentrale des Weißen Hauses, dem Kartenzimmer (Map Room), daß schon im Dezember 1941 über Nachkriegspläne für den Pazifikraum und Europa diskutiert wurde. Angesichts der Stärke der amerikanischen Militär- und Wirtschaftskraft war der Sieg über Japan und Deutschland ziemlich unvermeidlich. Die Frage war nur, wie das am effizientesten, in der kürzesten Zeit, mit den geringsten Verlusten an Menschenleben zu bewerkstelligen wäre, ohne Rücksicht auf koloniale Interessen. Roosevelt war entschlossen, die britischen Intrigen für eine Schwächung oder Zerstörung der Sowjetunion und eine Auflösung Chinas als Nationalstaat zu vereiteln. In Roosevelts Augen waren sowohl China als auch Rußland als Verbündete notwendig, um den Briten nach dem Krieg Paroli zu bieten und eine stabile Umgebung zu schaffen, in der man das imperiale Versailler System demontieren konnte.

Auf der anderen Seite des Atlantiks waren auch in der Downing Street Nummer 10, in Churchills Einsatzraum, ähnliche Karten aufgehängt und Planungen im Gange. Churchills Hauptziel war jedoch, das britische imperiale System in der einen oder anderen Form aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht waren die USA und Franklin D. Roosevelt eine größere strategische Bedrohung als die Deutschen, deren Nazi-Regierung von britischen Bankiers geschaffen worden war, oder die Japaner, deren kaiserliche Familie von britischen Einflußagenten manipuliert wurde. Eine mögliche amerikanische Nachkriegsallianz mit den Russen würde die Gefahr noch vergrößern.

Churchills Strategie sah vor, Teile des Empires, darunter Australien, den Japanern zu opfern, um die USA in einen langen Krieg im Pazifik zu verstricken, der das Land ausbluten und über Roosevelts Lebenszeit hinaus andauern würde. Zusätzlich würde dadurch die Errichtung einer zweiten Front in Europa verzögert und so Rußland länger ausgeblutet. Damit würden die Briten Zeit gewinnen, um die Kontrolle über ihr Weltreich wiederzugewinnen.

Roosevelt, mit festem Blick auf die Schaffung einer gerechten Nachkriegsordnung, fiel nicht darauf herein. Auf einer Konferenz mit der US-Militärführung Mitte Dezember 1941 unterstützte er den Plan, die amerikanische Militärstrategie im Pazifik um die Verteidigung von Australien herum aufzubauen - eine Nation, die er als entscheidend für die Durchführung seiner Nachkriegspläne, für die Entwicklung Chinas und des ehemaligen kolonialen Empire betrachtete. MacArthur würde die alliierte Gegenoffensive im Pazifik leiten.

Roosevelt erteilte Berichten zufolge den Befehl, daß keine amerikanischen Truppen dazu eingesetzt werden sollten, für britische Besitzungen zu kämpfen, außer wenn dies notwendig sei, um entweder Australien oder China zu verteidigen.

Churchill selbst machte am 10.11.1941 im Unterhaus über seine Kriegsziele folgende Feststellung:

    „Ich bin nicht Erster Minister der Krone geworden, um über die Auflösung des Britischen Empires den Vorsitz zu führen.“ Roosevelt schrieb über diese Bemerkung in einem Brief an einen Assistenten: „Wir werden [nach dem Krieg] mit den Briten mehr Schwierigkeiten haben, als wir es jetzt mit Nazi-Deutschland haben.“

Konfrontation in Casablanca

Als Gegenreaktion konfrontierte Roosevelt Churchill auf der Konferenz der Alliierten in Casablanca in Marokko im Februar 1943 mit der kolonialen Frage. Er machte auf dem Weg dorthin Zwischenstopps in Liberia und Gambia und war entsetzt darüber, was er dort vorfand. In Liberia, einer von ehemaligen Sklaven gegründeten freien Nation, sah er die armseligen Lebensbedingungen. Privat gab er die Schuld daran dem US-Außenministerium, das nichts für die wirtschaftliche Entwicklung Liberias oder irgendeines anderen Landes in der „armen“ Welt tat - was Roosevelt als kontraproduktiv für seine Außenpolitik ansah. Bei seiner Ankunft in Casablanca schilderte er seinem Sohn den schockierenden Eindruck, den er in Britisch-Gambia erhalten hatte:

    „Tatsache ist, daß das Kolonialsystem Krieg bedeutet. Man beutet die Rohstoffe eines Indien, Burma, eines Java aus, nimmt diesen Ländern all ihren Reichtum weg, aber gibt ihnen nie etwas dafür - Dinge wie Bildung, Hygiene, anständigen Lebensstandard, minimale Gesundheitsversorgung. Alles was man so tut, ist, Probleme anzuhäufen, die zu Krieg führen... Ich muß Churchill erzählen, was ich heute über sein Britisch-Gambia herausgefunden habe... Die Eingeborenen waren gerade dabei zur Arbeit zu gehen. In Lumpen. Sie sahen niedergedrückt aus. Man sagte mir, daß die Löhne dieser Menschen meistens einen Schilling, neun Pence betragen. Weniger als 50 Cent. Am Tag! Außerdem bekommen sie noch eine halbe Tasse Reis. Schmutz. Krankheiten. Sehr hohe Sterblichkeitsraten. Ich fragte nach der Lebenserwartung. Du ahnst nicht wie hoch sie ist. 26 Jahre! Diese Menschen werden schlimmer behandelt als das Vieh. Ihre Rinder leben länger... Churchill dachte vielleicht, daß ich es letztes Mal nicht ernst gemeint habe. Er wird es jetzt herausfinden.“

Ein Bericht über Gespräche, die er in Anwesenheit Churchills mit dem Sultan von Marokko führte, geben eine Vorstellung davon, was Roosevelt gesagt hat. Französisch sprechend, betonte er, daß Marokko sich entwickeln und die Kontrolle über seine eigenen Ressourcen haben müsse. Um dies zu erreichen, sagte er, müsse der Lebensstandard der Marokkaner angehoben werden, nur dadurch könne sich Marokko von imperialen Intrigen befreien. (In Marokko herrschten zu der Zeit die Franzosen.)

Der Sultan gab seinem Wunsch Ausdruck, moderne Bildung und eine moderne Gesundheitsversorgung zu erhalten. „Vater wies darauf hin“, schreibt Elliot Roosevelt, „daß der Sultan, um dies zu erreichen, nicht erlauben sollte, daß ausländische Interessen Konzessionen bekämen, die die Ressourcen des Landes abschöpften.“

Churchill sei, so heißt es weiter, über die Kommentare zunehmend wütend geworden und habe wiederholt versucht, das Thema zu wechseln. Roosevelt, auf diesem Thema beharrend, sagte zum Sultan, die Nachkriegswelt würde sich deutlich von der Vorkriegswelt unterscheiden, „besonders was die koloniale Frage angeht“. Der Sultan fragte ihn daraufhin, inwiefern sie sich „deutlich unterscheiden“ werde.

Roosevelt erklärte, in der Vergangenheit hätten französische und britische Finanziers sich zu selbsterhaltenden Syndikaten zusammengeschlossen in der Absicht, die Reichtümer der Kolonien auszubeuten; er sagte dann, daß es sehr wahrscheinlich in Marokko große Ölvorkommen gebe, die erschlossen werden müßten.

Der Sultan sagte, daß er gerne dieser Möglichkeit nachginge und den Reichtum nützen würde, um sein Land zu entwickeln, dazu jedoch nicht in der Lage sei, wenn er nicht zu den Kolonialmächten ginge, weil seinem Land Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker fehlten, die man brauche, um eine Petroleumindustrie aufzubauen.

Roosevelt schlug vor, die USA könnten Hilfsprogramme auf Gegenseitigkeit einrichten, um Ingenieure, Wissenschaftler und Techniker an amerikanischen Universitäten auszubilden. Der Sultan könne amerikanische Firmen beauftragen, dieses Entwicklungsprogramm auf der Basis von Honoraren oder einer geringen prozentualen Provision auszuführen. Amerikas Hilfe würde nicht ausbeuterisch sein, sagte Roosevelt, und es würde auch nicht die Kontrolle über die Rohstoffe oder politische Institutionen verlangen. Über Churchill heißt es, er habe „rot angelaufen“ den Raum verlassen.

Die Konferenzen in Kairo und Teheran

1943 gab es im November und Dezember auf der Kairo-Konferenz (22-26.11) ein Treffen Roosevelts mit Tschiang Kai-Schek und Churchill sowie auf der Teheran-Konferenz (28.11-1.12) mit Churchill und Stalin. Um den Kolonialismus so schnell wie möglich zu beseitigen, wollten die USA Bündnisse mit den Russen und Chinesen als Block gegen die vierte alliierte Macht, die Briten, bilden. Zusammen würden die großen Vier, oder wie Roosevelt sie nannte, „die vier Polizisten“ militärisch den Frieden garantieren, zusammen mit den Vereinten Nationen, die als Koordinationsgremium dienen sollten, um weltweit ökonomische Entwicklung zu fördern. Roosevelt glaubte daran, daß er Stalin und Tschiang Kai-Schek für diese Vision gewinnen könne; wenn ihm das gelänge, könnte er Churchill und die Briten, wenn auch heulend und zähneknirschend, in die neue Weltordnung hineinzerren.

Roosevelt sah es als notwendig an, die faktisch imperiale Allianz zwischen den Franzosen und den Briten anzugreifen. Die Franzosen, sagte er zu seinem Sohn, hätten, obwohl sie nach außen hin die Briten haßten, die imperiale Haltung der Briten übernommen und ständen in diesen Fragen auf deren Seite. Aus diesem Grund werde er nicht zulassen, daß Indochina den Franzosen zurückgegeben wird.

In Kairo verbrachte Roosevelt Stunden allein mit Tschiang Kai-Schek, worüber Churchill aufgebracht war. Er erzählte dem chinesischen Staatsführer, die USA seien bereit, China zu einer Großmachtstellung zu verhelfen, aber Tschiang müsse einen Weg finden, lieber mit den Kommunisten eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden, als eine Teilung des Landes zuzulassen. Er versicherte Tschiang, er sei bereit, „alle Kolonialreiche“ im Pazifik aufzulösen, und diese würden auch nicht durch ein amerikanisches „Imperium“ ersetzt.

In Teheran teilte Roosevelt in einem Gespräch unter vier Augen mit dem Sowjetführer Stalin sein Vorhaben mit, alle Imperien aufzulösen. Stalin zeigte sich Berichten zufolge sehr besorgt über die möglichen Folgen. Ob der Präsident nicht verstehe, daß dies Krieg mit den Briten bedeutete und in den früheren Kolonialgebieten Explosionen auslösen würde?

Roosevelt erwiderte, dieses Risiko müsse man in Kauf nehmen, um eine bessere Welt zu schaffen. Die beiden Staatsführer stimmten darin überein, daß Indochina ebenso wie die anderen Kolonialgebiete befreit werden würde. Roosevelt hat, wenigstens den Aufzeichnungen zufolge, den wütenden Churchill nie über seine Verhandlungen mit Tschiang und Stalin aufgeklärt, woraufhin der impulsive Premierminister ihm „geheime Absprachen“ vorwarf.

Roosevelt machte jedoch während der Kairoer Sitzungen seine Absichten sehr deutlich und es kam zwischen beiden zu einer offenen Auseinandersetzung. Der Präsident verlangte, daß die Abschlußerklärung der Konferenz einen genauen Zeitplan enthalten müsse, nach dem die britischen Kolonien in Asien unabhängig werden sollten - Churchill weigerte sich, auch nur daran zu denken. Im Abschlußentwurf, den Roosevelt vorschlug, stand nichts davon, daß irgendwelche Kolonien ihren früheren Herren zurückgegeben werden sollten. Obwohl die Abschlußerklärung für London günstiger war, als Roosevelt beabsichtigt hatte, verließ er die Konferenz mit dem Gefühl, daß die Briten auf dem Rückzug waren. Als Churchill wieder in London zurück war, machte ihm sein eigenes Kabinett Vorwürfe, zuviel Zugeständnisse gemacht zu haben. „Wir haben getan, was wir konnten“, antwortete er.

Ein globaler New Deal

Um seinen Nachkriegsvisionen handfesten wirtschaftlichen Inhalt zu geben, richtete Roosevelt in seiner Regierung mehrere Arbeitsgruppen ein, die einen, wie er es nannte, „weltweiten New Deal“ ausarbeiteten. Diese Entwicklungspläne sind an Umfang und Kühnheit selbst heute noch mit nichts zu vergleichen, außer mit den ökonomischen Programmen, die Lyndon LaRouche und seiner Organisation ausgearbeitet haben. Die Initiative für diese Programme ging immer von Roosevelt persönlich aus.

Ab 1939 brachte Roosevelt große Neuansiedlungsprojekte ins Gespräch. Seine Ansicht war, daß es eine große Zahl von Menschen gebe - Flüchtlinge oder andere Auswanderungswillige -, denen man eine „Mission“ geben sollte, ähnlich wie den Menschen, die die Neue Welt kolonisiert hatten. Er schlug vor, in Asien, Afrika, Australien und Nord- und Südamerika Erkundungen anzustellen, um Millionen Quadratkilometer große Gebiete für Neuansiedlungen festzulegen. Dann sollten Pläne entworfen werden, um Infrastruktur, Bewässerungsanlagen, Städte, Farmen etc. zu bauen. Die Neuansiedler würden in Wellen kommen - erst diejenigen, die die Infrastruktur bauen, dann diejenigen, die sich dort niederlassen. Alle sollten mit moderner Gesundheitsversorgung und Lebensbedingungen versehen werden und einen fairen Lohn bekommen.

Ein internationales Konsortium von Nationen sollte dies finanzieren. Wenn diese Projekte fertiggestellt wären, entstünde eine „neue Zivilisation“ an Orten, die vorher als unbewohnbar galten. Die neu kolonisierten Gebiete sollten dort, wo es möglich war, in bereits existierende Nationen eingegliedert werden, und wo dies nicht möglich war, sollten neue Staaten entstehen.

Roosevelt wollte mehrere Superhäfen auf verschiedenen Kontinenten bauen, um den Welthandel zu beschleunigen - u.a. im Persischen Golf, in Palästina, in Südostasien. Diese Häfen wären als „Freihäfen“ eng mit einer bestimmten Nation verbunden, würden jedoch gleichzeitig von einer internationalen Behörde betrieben, wahrscheinlich von den Vereinten Nationen.

Roosevelt schlug den Bau verschiedener großer Eisenbahnlinien vor, darunter Strecken in China und eine Verbindung durch China nach Rußland. Er schlug auch vor, eine Bahnverbindung quer durch Afrika zu bauen (von Ost nach West) sowie eine Eisenbahnlinie vom neu zu bauenden Golf-Großhafen durch den Iran nach Rußland, die sich dann nach Osten und Westen verzweigen würde.

Unter Aufsicht des Präsidenten entstanden Pläne für Kanäle in Asien und einen neuen Kanal in Mittelamerika sowie Verbesserungen für internationale Wasserwege und -straßen, um den weltweiten Wassertransport zu verbessern.

Wassermanagementpläne und Pläne für die Gewinnung von Strom aus Wasserkraft für Europa und Asien (inklusive des Ganges-Brahmaputra-Flußsystems in Indien) wurden vorgeschlagen.

Roosevelt gab Studien in Auftrag, die in Afrika, Asien und Südamerika ähnliche Behörden wie die amerikanische Tennesseetal-Behörde (TVA) schaffen sollten, um die dafür nötigen Stromnetze zu planen, zu bauen und zu betreiben.

Er schlug sehr große Bewässerungspläne für die Sahara vor. Wasser könnte dort von reichlich vorhandenen unterirdischen Flüssen abgezapft werden, um es in gigantischen Wiederaufforstungsprojekten zu verwenden. Ölvorkommen sollten erschlossen werden. Sobald Wasser verfügbar war, könnten dort moderne Industrien entstehen und die ganze Region könnte völlig verwandelt werden.

Roosevelt war nicht für ein jüdisches Heimatland in Palästina, er schlug statt dessen andere Gebiete wie Angola vor. Als der Krieg voranschritt, sah er jedoch keinen Weg, es zu verhindern. Er schlug vor, daß ein solcher Staat ein Modell für ein wirtschaftliches Entwicklungsprogramm sein muß, daß er die Wirksamkeit der Technik demonstrieren müsse. Ein solcher Staat müsse von Anfang an mit seinen Nachbarn im Rahmen eines allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklungsprogramms zusammenarbeiten. Anderenfalls würde es keinen Frieden in dem Gebiet geben. Er schlug eine Föderation aus Syrien, dem Libanon, Palästina und Transjordanien vor, innerhalb der es keine Währungs- oder Handelsbarrieren geben würde und wo man an gemeinsamen Projekten im Bereich großangelegter Bewässerung, Energieerzeugung und Kommunikation zusammenarbeiten würde. Die wirtschaftlichen Vorteile würden die Grundlage dafür schaffen, die Feindseligkeiten zwischen Juden und Arabern zu beenden.

Diese Pläne legte er auch den Briten dar, so z.B. auf dem Pazifischen Kriegsrat, der sich in Washington von 1942 bis 1944 traf, wobei er die meisten Treffen selbst leitete. Einmal begann Roosevelt einen Diskurs über Schulden. Er bemerkte, daß zu viele pazifische Nationen Geld von den Vereinigten Staaten und ihren Privatbanken geborgt hätten, um ihre öffentlichen Arbeiten zu finanzieren. Diese Kredite umfaßten gewöhnlich Rückzahlungen mit hohen Zinsen und verursachten so Langzeitschulden. Er wolle dieses Zinsproblem in der Nachkriegszeit endgültig beseitigen und statt dessen einen koordinierten Plan für Niedrigzinskredite ausarbeiten lassen.

Amerika würde am Ende des Krieges die dominierende Nation auf der Welt sein, die einzige mit einer starken Wirtschaft, und der Dollar würde die Weltwirtschaft beherrschen - zum Nachteil der Briten, die ihre auf dem Pfund Sterling beruhenden imperialen Vorrechte innerhalb des Commonwealth verlieren würden - davon war Roosevelt überzeugt.

Diesen Zielen dienten die Beschlüsse der Bretton-Woods-Konferenz 1944, die ein an den Dollar gekoppeltes System fester Wechselkurse mit Goldreservestandard festlegten. Damit setzte sich der amerikanische Ökonom Harry Dexter White gegen den Briten John Maynard Keynes und dessen Pläne für eine Welteinheitswährung unter der Kontrolle privater Zentralbanken durch. Es wurden zwei Institutionen geschaffen, der IWF und die Weltbank. Der IWF sollte für stabile Wechselkurse sorgen und die Weltbank günstigen Kredit für wirtschaftlichen Aufbau bereitstellen. Jedes Land, das sich an den beiden Institutionen beteiligte, erhielt Stimmrechte in Höhe der Einlagen (an erster Stelle die USA, danach Großbritannien, die Sowjetunion und China). So sollten alle wichtigen Staaten gemeinsam für die Stabilität des Finanzsystems und für die Umsetzung einer Aufbau- und Entwicklungspolitik sorgen.

Es kam jedoch anders

Daß Roosevelts großangelegte Entwicklungspläne für die Nachkriegszeit bis heute nicht umgesetzt wurden, während das von ihm initiierte Bretton-Woods-Finanzsystem bis 1971 fortbestand, aber dann vom britischen Einflußagenten George Shultz aufgelöst wurde, beruhte darauf, daß er nicht in der Lage war, einen Nachfolger heranzubilden, der ihn ersetzen konnte. Er war zu sehr Einzelkämpfer gewesen. Er starb am 12. April 1945, und gleich nach seinem Tod begann Churchill als beherrschende Kraft hinter dem neuen US-Präsidenten Harry Truman - und mit ihm die Empirefraktion innerhalb der USA - wieder die Politik zu übernehmen, um die Entkolonisierung der Welt zu verhindern.


Literatur

- Piers Brendon, The Decline and Fall of the British Empire: 1781-1997. Vintage, London, 2008.

- Lewis Broad, Winston Churchill: Ein Politisches Lebensbild. Erster Band. Europa Verlag, Zürich, 1944.

- David Cannadine, Winston Churchill: Abenteurer, Monarchist, Staatsmann. Berenberg Verlag, Berlin, 2005.

- John Coatman, Völkerfamilie Commonwealth. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1950.

- Robert A. Divine, Roosevelt and World War II, Baltimore, John Hopkins Press, 1969.

- William Range, Franklin D. Roosevelt's World Order. Athens/Georgia, University of Georgia Press, 1959.

- Lawrence K. Freeman, „From 1933 to Bretton Woods, The Leadership of Franklin D. Roosevelt”, in: The New Federalist, June 22, 1998.

- Martin Gilbert, Churchill and America. Free Press, New York, 2005.

- William Roger Louis, Imperialism at Bay: The United States and the Decolonization of the British Empire 1941-45. New York, Oxford University Press, 1978.

- Elliot Roosevelt, As He Saw It. New York, Duell, Sloan and Pearce, 1946.

- Christopher G. Thorne, Allies of a Kind: The United States, Britain and the War against Japan, 1941-45, New York, Oxford University Press, 1978.

- Lonnie Wolfe, „FDR's Battle Against Churchill and The British Empire”, in: The New Federalist, August 28, 1995.





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