Die vergessene Generation der 20er/30er Jahre
31. August 2011 •

Warum Deutschland Franklin Roosevelt noch nicht versteht

Von Toni Kästner

Aufgrund der in Deutschland sehr oft zu hörenden Kritik an Franklin D. Roosevelts Politik schreibe ich diesen Artikel. Denn die Kritikpunkte, die in Deutschland gegen ihn und seine Politik vorgebracht werden, entsprechen nicht der Wahrheit oder geben nur ein verzerrtes Bild dessen wieder, was damals wirklich passiert ist, und so kann ein richtiges Verständnis seiner Politik, also der Lösung der damaligen Krise, gar nicht erst erlangt werden.

Das stellt ein enormes Problem dar, denn es ist der Grund, warum es uns in Europa und gerade in Deutschland so schwer fällt, die notwendigen Maßnahmen zur Überwindung der jetzigen Krise zu verstehen und zu unterstützen. Die Ursachen hierfür liegen zum einen in der gezielten Manipulation der Bevölkerung in ihrem politischen und wirtschaftlichen Denken, und zum anderen darin, daß die Nachfolger der „verlorenen Generation“ der zwanziger und dreißiger Jahre in der 68er-Generation nicht aus ihrem tief wurzelndem Pessimismus herauskommen und sich daher nicht vorstellen können, daß es tatsächlich Richtig und Falsch gibt und daß sich jemand für das Richtige einsetzt, weil es richtig ist - und nichts weiter.


Immer wieder hört man in Deutschland Vorurteile über Franklin D. Roosevelt, die nichts mit seiner wirklichen Person und Politik zu tun haben, sondern der falschen Sichtweise der jeweiligen Autoren entspringen. Man hört zum Beispiel, daß er den „Turbokapitalismus“ vorbereitet habe, daß er die Wirtschaft nur durch den Krieg aufgebaut habe und deshalb Pearl Harbor bewußt zugelassen habe, und es wird ebenfalls von ihm behauptet, daß er Deutschland vernichten oder zumindest als Industrienation abschaffen wollte.

Wo kommen solche Gerüchte her, wenn sie doch bei genauerer Betrachtung nichts mit Roosevelt selbst zu tun haben? Auf der Suche nach Klärung dieser Frage bin ich zu der Einsicht gelangt, die ich Ihnen auf den nächsten Seiten mitteilen will. Denn um zum Beispiel Glass-Steagall (das Trennbankensystem) als Konzept und nicht nur als formales Gesetz zu verstehen, muß man erst einmal verstehen, wer „FDR“ wirklich war, warum er handelte, wie er es tat, und vor allem muß man erkennen, warum es uns Deutschen so schwer fällt, seine Politik zu verstehen.

Der offensichtlichste Grund für unser Unverständnis liegt in der Geschichte des britischen Imperiums. Als dieses am Anfang des 20. Jahrhunderts eine Transformation weg vom Staat hin zur staatenübergreifenden Ideologie und Philosophie erlebte, legten Menschen wie Leo Amery, Lord Milner, Bertrand Russell u.a.m.1 großes Augenmerk darauf, die Bevölkerungen anderer Staaten gezielt zu manipulieren, statt sie nur mit Gewalt unter Kontrolle zu halten. Aber auch durch ihre Handlungsweise erzeugten sie eine Dynamik in der Bevölkerung, die eine Geisteshaltung hervorbringt, welche ein reelles Verständnis der Wirklichkeit, die einen umgibt, immer schwieriger macht.

So verursachten diese imperialen Interessen, die bereits damals in der City of London und der Wall Street beheimatet waren, die große Krise des 20. Jahrhunderts, indem sie die Finanzmärkte für ihre eigenen Profite aufblähten und anschließend totalitäre Regime einsetzten, um ihre selbst erzeugten Schulden aus der Bevölkerung zu pressen. Diese rücksichtslose Politik des reinen Eigeninteresses führte die Welt im 20. Jahrhundert zuerst in den Ersten und dann in den Zweiten Weltkrieg, und dazwischen wurde viel Geld damit verdient, Staaten auszurauben - entweder durch horrende Reparationsforderungen oder durch kriminelle Börsengeschäfte.

All das hatte, wie schon erwähnt, seine besonderen Auswirkungen auf die Gesellschaft, so daß nach dem Ersten Weltkrieg, als durch die beginnende Finanzspekulation und den Nachkriegsaufbau ein spürbarer materieller Aufschwung geschah, die Menschen die Sorgen des Krieges dadurch überwinden wollten, daß sie die „Spaßgesellschaft“ ausriefen. Diese Zeit ging als die „goldenen Zwanziger“ in unserer Geschichte ein.

Doch anders als eine tatsächliche Blütezeit der Gesellschaft waren diese Jahre nur oberflächlicher Schall und Rauch. Wo man zuvor Menschen wie Albert Einstein und Max Planck oder Bach und Beethoven geschätzt hatte, betraten neue Gestalten die Bühne: Jetzt wurden Menschen bewundert, die keinen Anteil an der Weiterentwicklung der kreativen schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit hatten, viel mehr noch, diese neuen Idole hatten sogar einen negativen Effekt auf diese Fähigkeiten des Menschen. Die Unterhaltungsindustrie, Mode und Geld waren die neuen Themen, die alle beschäftigten, aber all das waren nur Blasen, die irgendwann platzen mußten.

Als das dann 1923 für jeden unübersehbar geschah, war alles, woran diese Spaßgesellschaft geglaubt hatte, zerstört, und diese desillusionierte Generation schuf dann eine katastrophale Welt von Pessimismus, Depression und Sinnlosigkeit für ihre Kinder, die dadurch zum Potential für die Diktatur wurde und später ihre festen Grundsäulen bildete.

Dies geschah damals aber keineswegs nur in Deutschland, sondern auf ähnliche Weise in vielen anderen Ländern auch. Maxine Davis, eine Journalistin aus den USA, gibt uns zum Beispiel eine Idee davon, wie es in ihrem Land zu dieser Zeit aussah. Sie beschreibt dies in ihrem Buch,2 und was sie da beschreibt, ist daselbe, was auch hier und anderswo stattfand: „Eine ganze Jugendgeneration hatte dabei zugesehen, wie ihre Eltern den Himmel abschafften haben und anschließend die Hölle verboten und sich dann das Geld zu einem neuen Gott machten, der anschließend stürzte.“

Man schuf also die Moral und Werte ab und verbot es, an die Konsequenzen dieser Handlung zu denken. Dann ersetzte man langsam aber sicher alles durch den unmittelbaren Genuß, wo man sich jederzeit sein eigenes Elysium kaufen konnte, wenn man nur das Geld dazu hatte - bis diese Fantasiewelt dann abrupt endete. Die Eltern so zu sehen, im absoluten Wahnsinn oder Depression, so Davis, verkrüppelte diese jungen Menschen ebensosehr wie es Senfgas und Granatsplitter taten. Eine der Folgen dieser Verkrüpplung beschreibt sie dann wie folgt in ihrem Buch:

    „Erschüttert stellen wir fest, daß die Jugend von heute in einer schafsähnlichen Apathie ihr Schicksal akzeptiert hat. Das ist einfach zu erkennen, wenn wir uns ihre Haltung gegenüber öffentlichen Problemen anschauen.

    Des Südens Jugend würde heute niemals auf Fort Sumter feuern (Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs). Britischer Tee und König Georgs Steuern würden ausgeladen werden, ohne auf Widerstand der jungen Männer von Massachusetts und Vermont zu treffen (Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes). Die Unabhängigkeitserklärung ist nur noch eine fein geschriebene Seite hinten in ihren Geschichtsbüchern. Würden sie heute einen Sprecher hören, der behauptet - Wenn irgend eine Form der Regierung diesen Endzwecken (Leben, Freiheit und streben nach Glückseligkeit) schädlich wird, dann ist es das Recht der Menschen, diese zu verändern oder abzuschaffen - dann würden sie ihn als rot (Sozialist) brandmarken und weggehen. Mit ihnen würde es kein Lexington und Concord, kein Vicksburg oder Bull Run geben. Sie würden nicht für Staatsrechte oder irgendwelche anderen Rechte kämpfen - aber nur aus dem Grund, weil sie kein Interesse dafür haben...

    Es gibt zwar viele Gründe für diese Entwicklung, aber einer der schwerwiegendsten ist ohne Zweifel der, daß es zum ersten Mal in unserer Geschichte keine neu zu erschließenden Horizonte für unsere Jugend gibt, in einer Zeit, wo sie mehr denn je gebraucht werden.“

Die Jugend stumpfte durch diese Geschehnisse zusehends ab, weil das Leben inhaltslos geworden war, weil es keine Investitionen in wissenschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Programme gab, die den Horizont erweitern, und daher auch keine schöpferisch kreativen Handlungen mehr von ihnen gefordert waren. Wenn es keine Mission mehr für die Zukunft innerhalb einer Gesellschaft gibt, verödet die Jugend von Generation zu Generation immer weiter, bis die Gesellschaft als ganzes so wild und barbarisch geworden ist, daß sie sich selbst auslöscht.

Der Grund für das Fehlen solcher Programme war damals das Handeln der imperialen Finanzoligarchie,3 verbunden mit der Haltung der Bevölkerung, die sich lieber mit Filmen und Radioprogrammen, Tänzern und Schaustellern und allerlei anderen kurzlebigen Freuden beschäftigten, anstatt sich mit der Realität der Krise der sie umgebenden Welt auseinanderzusetzten. So begann die Spirale nach unten, die in Deutschland in Diktatur, Krieg und Zerstörung mündete und in irgendeiner eigenartigen Art und Weise bis heute immer noch dem Denken der Bevölkerung anhängt.

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Als die Brot-und-Spiele-Kultur der „goldenen Zwanziger“ mit einem Kollaps konfrontiert war, den sie nicht hatte kommen sehen - aber nicht, weil das unmöglich gewesen wäre, sondern weil sie sich bewußt zum Wegschauen entschieden hatte -, wurde ein Großteil der Bevölkerung moralisch auf alle Viere geworfen. Das soll heißen, daß ihre Moral auf die Ebene von Tieren sank, daß die Zukunftsausrichtung, die die Moral auszeichnet und bestimmt, nicht mehr vom Gedanken des Fortschritts der Gesellschaft beseelt war, sondern nur noch vom Gedanken des Eigennutzes getragen wurde.

Wie sehr dies zum Tragen kam, ist nur zu deutlich an den Blut-und-Boden-Ideologien der faschistischen Regime der dreißiger Jahre zu sehen. Nicht mehr länger definierte sich der Staat darüber, daß er für das Gemeinwohl Sorge zu tragen hat, also die Grundlagen schaffen soll, das ein jeder im Staat sein Potential best möglichst entfalten kann. Anstatt die Erkenntniskraft der Bevölkerung zu vergrößern und somit mehr von der Natur für den Menschen nutzbar zu machen, vergrößerte man nun nur noch das Territorium, um es anschließend ausschlachten zu können.

All diese Dinge beförderten im Großteil der damaligen Erwachsenen die schlechtesten Eigenschaften eines Menschen. Viele Menschen sagen heute immer wieder, daß es nur schlimm genug kommen müsse, damit die anderen aufwachen, aber tatsächlich wird das nie auf diesem Weg geschehen. Denn eine Krise bedeutet immer Not, und die hat die Eigenschaft, bei den meisten Menschen das Schlechteste in ihnen zu wecken und nur bei den wenigsten das Gute hervor zu holen. Das liegt nun einmal einfach daran, daß die Voraussetzung für eine große Krise eine Degeneration in der Kultur der Bevölkerung ist, die dafür sorgt, daß eine bestehende Gesellschaft an die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit gelangt.

Eines der ersten Anzeichen für eine solche Degeneration ist der immer größer werdende Zwiespalt zwischen der Vernunft und den Emotionen innerhalb eines Individuums, und daher ist es gesetzmäßig, daß die Vernunft, wenn es Menschen immer schlechter geht und die Tendenz für Extreme daher größer wird, zur kalten Berechnung wird und die Gefühle zum Turboexistentialismus ausschweifen. Es sollte daher doch jedem gesunden Menschen klar sein, daß die Gesellschaft durch Verschlimmerung der Lebensumstände auf keinen Fall wie durch magische Hand besser wird, weil auf einmal alle ein Erwachungserlebnis haben.

Wenn man aber trotz besseren Wissens an dieser Ideologie festhält, weil man nicht sieht oder nicht sehen will, welche Rolle man selbst im Rad der Geschichte spielt, kommt irgendwann mit Sicherheit das böse Erwachen. Das geschieht dann an dem Punkt, wo kein Verdrängungsmechanismus mehr vor der Realität schützen kann, und dann muß man sich entscheiden: Entweder wird man verrückt - oder man kehrt um und bereut seine Fehler, indem man sie durch besseres Handeln ungeschehen macht. Denn wie schon Friedrich Schiller sagte, ist ein Fehler nur so lang ein Fehler, wie man nicht daraus lernt und es besser macht.

Die vergessene Generation

Die Jugend der damaligen Zeit hatte mit ansehen müssen, wie viele der Erwachsenen den Weg der Verrücktheit gingen, und nicht den der Umkehr, und dadurch wurden sie zu einer vergessenen Generation - vergessen, weil sie immer weniger ein Teil der Gesellschaft waren und sein konnten. Denn dadurch, daß verrückte Menschen auch verrückte Dinge tun, wurden nicht nur die sozialen Verhältnisse schlechter, sondern auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse. Hört man der Beschreibung von Maxine Davis genau zu, so versteht man sofort, was damit gemeint ist, und man erkennt klar, warum das passierte, was passiert ist:

    „Irgendwie erinnert mich diese Resignation ohne Wut an andere junge Männer und Frauen die ich in Berlin, am Ende der Brüning Regierung4 gesehen habe. Nicht diejenigen, die von der Fürsorge5 lebten, sondern Söhne und Töchter von Familien, die zumindest noch ein Auskommen hatten.

    Ich sah sie den ganzen Tag an einem Bier trinkend in Cafes sitzen.

    Ich sah sie laut mit düsterer Freude in den Nachtclubs feiern.

    Ich sah sie in den Buchläden, über offenkundigen Darstellungen entarteter Erotika hängen.

    Ich sah sie in den Bibliotheken und Schulen, das Lernen und immer mehr Lernen als ein Beruhigungsmittel zu nutzen.

    Normale gesunde junge Erwachsene, diese deutschen Jungen und Mädchen, aber nirgends war ein Platz für sie. Bestens ausgebildet, hatten sie keine Arbeit und keine Hoffnung auf eine. Sie konnten deshalb nicht heiraten. Sie hatten keinerlei Stellung in der Gesellschaft. Sie waren außerhalb des Lebens.

    Wir haben alle schon oft von ihnen gehört. Sie sind der Kern der Stärke Hitlers. Hitler kam und hat sie in das Vaterland integriert, ihnen etwas zu tun gegeben, ein Ziel, einen Grund für ihre Existenz, ein Reservoir, in welches sie ihre Energie und Hingabe fließen lassen können. Sie sind das dritte Reich.

    Jetzt ist es aber so, daß Ben Crawfort und Solly Levin und die Tochter des kleinen Friseurs nicht wissen, daß auch sie diese potentiellen Nazis sein könnten. Sie wären zweifelsfrei recht empört und wütend über diese Vorstellung. Aber dann ist es auch so, daß bis heute noch kein Demagoge in den USA erschienen ist, der sie direkt in Versuchung geführt hätte.“

Ich denke, jedem ist das hier gesagte klar, aber wenn nicht, möchte ich nur kurz an das Buch von Inge Scholl erinnern,6 in dem sie darüber spricht, daß auch sie und ihre Geschwister zu Anfang froh waren über Hitler, weil er über einen Lebensinhalt und eine Zukunft für die Jugend sprach.

Der Unterschied zwischen den Scholl-Geschwistern und vielen anderen war jedoch, daß sie aus dieser Fantasie über Hitler aufwachten. Das war ihnen aber nur möglich, weil sie wußten, daß es noch eine Wahrheit über dem Gesetz gibt, und somit auch ein Menschenbild, das die wahre schöpferisch kreative Natur des Menschen erkennt und zum Ausdruck bringt.

So berichtet Inge Scholl darüber, daß ihrer Schwester Sophie schon sehr bald auffiel, das es keinerlei Sinn ergibt, von einem Neubeginn für Deutschland zu sprechen, und gleichzeitig einen Teil der Bevölkerung davon auszuschließen und Menschen wegen ihren Glaubens zu verfolgen.

Es war den Geschwistern Scholl vollkommen klar, daß ein Staat, der seine Bürger nicht schützt, sondern verfolgt, kein guter Staat sein kann. Und genau dieses - daß er es nicht sein kann - ist eine Erkenntnis, das nur jemand haben kann, der unveräußerliche Rechte kennt, die sich von universalen Prinzipien herleiten. Genau das kommt auch im folgenden Zitat der Weißen Rose noch einmal klar zum Ausdruck:

    „Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ,regieren’ zu lassen. Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, daß es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen, wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.“7

Ist das nicht genau ein Widerhall dessen, was Maxine Davis über die verlorene Generation schreibt?

Für uns ist jetzt aber interessanter, anzuschauen, was Maxine Davis als Unterschied zwischen den USA und Deutschland in der damaligen Zeit angibt, denn dies wird uns eine Antwort darauf geben, warum die doch so gleichen Grundvoraussetzungen zu so vollkommen unterschiedlichen Entwicklungen in der Geschichte geführt haben.

Sie sagt, in den USA hätte es keinen Demagogen gegeben, der die Jugend in Versuchung geführt hätte, so wie es Hitler in Deutschland gemacht hat. Ich möchte dazu sagen, daß es schon auch Demagogen in den USA gegeben hat, aber viel wichtiger war, daß es einen Menschen gab, der sich der Verrücktheit seiner Zeit entgegengestellt hat, indem er die schöpferischen Kräfte seiner Bevölkerung bewußt angesprochen und genutzt hat.

Franklin Delano Roosevelt

FDR war, wie nur wenigen anderen, absolut klar, wogegen er in der Großen Depression kämpfen mußte, und daß diese Krise kein zyklisches Phänomen war:

    „Offen gesagt, wir steuern geradewegs auf die Entstehung einer wirtschaftlichen Oligarchie zu, wenn wir nicht gar schon dort angelangt sind…

    Die kontrollierenden und leitenden Kräfte, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben, ruhen in gefährlichem Grade bei solchen Gruppen, die innerhalb unserer Wirtschaftsordnung ihre Sonderinteressen haben, die mit den Interessen der Gesamtnation nicht übereinstimmen...“8

Aus diesem Bewußtsein heraus begriff er natürlich, daß die Macht einer Oligarchie nur gebrochen werden kann, wenn die Bevölkerung ihr eigentliches Potential erkennt. FDR kommunizierte daher viel mit der Bevölkerung, durch seine „Fireside Chats“9 und Reden, denn er wollte, daß die Menschen die Regierung verstehen und Vertrauen zu ihr haben.

Das ist ein großer Unterschied zu Hitler, der damals in Deutschland sein Unwesen trieb und zwar ununterbrochen irgendwo rumschrie, aber nur, um die Bevölkerung zu manipulieren und für seine Zwecke auszunutzen.

Dazu kommt noch, daß Roosevelt ganz direkt die Oligarchie angriff und die Bevölkerung auf deren Existenz aufmerksam machte, um sie zu entmachten. Im Gegensatz dazu hatte Hitler nie in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, daß er von Monatgu Norman, Hjalmar Schacht und dem Keppler-Kreis für seine Politik bezahlt wurde, also genau von den Leuten empor gebracht wurde, die FDR als Oligarchie bezeichnete und die die Krise verursacht hatten.10

Auch in der Nachkriegszeit wurde in Deutschland fast kein Wort darüber verloren. Doch dabei markiert diese Tatsache genau den Unterschied in der Entwicklung von Deutschland und den USA, denn während Deutschland die faschistische Zerstörung erlitt, gab es in den USA mit FDR einen Politiker, der die Angelegenheiten der Bevölkerung wirklich ernst nahm und voll und ganz für das Gemeinwohl Sorge getragen hat. Er tat dies nicht aus Eigennutz, sondern aus demselben Grund, aus dem die Weiße Rose Widerstand leistete. Es geschah aus dem Bewußtsein heraus, daß es unveräußerliche Rechte gibt, die von universellen Prinzipien abgeleitet sind, daß es daher auch Wahrheit geben muß und somit auch Richtig und Falsch. Daher muß man sich auch immer entscheiden, und kann nie einfach nur abwarten, was passiert.

Dieses Weltbild formte Roosevelts Sichtweise der Funktion des Staates, der Wirtschaft und das dazugehörige Menschenbild. In seinem bereits oben zitierten Buch gibt uns FDR auch folgenden Einblick in sein Denken über diese Funktionen:

    „Wenn ich mein wirtschaftliches Glaubensbekenntnis skizzieren soll, muß ich abermals die Gesichtspunkte klarstellen, von denen ich ausgehe, soweit es sich um den einzelnen Menschen handelt. Ich bin der Meinung, daß unser industrielles und wirtschaftliches System für die einzelnen Menschen geschaffen worden ist, und nicht der einzelne Mensch für das System...

    Ich bin der Meinung, daß die Regierung, ohne daß die Bürokratie überall ihre Nase hineinzustecken braucht, ein hemmendes Gegengewicht gegen diese Oligarchie darstellen kann, mit dem Ziel, dem einzelnen Menschen Bewegungsfreiheit, Existenz- und Arbeitsmöglichkeiten und die Sicherheit seiner Ersparnisse zu gewährleisten, nicht aber mit dem Ziel, dem Ausbeuter die Ausbeutung, dem Börsenspekulanten die Spekulationsfreiheit und all denen, die gerne mit dem Wohl und dem Eigentum anderer Leute bis zum bitteren Ende spekulieren möchten, eine unumschränkte Machtstellung zu sichern, … gleiche Möglichkeiten für alle, aber für keinen das Recht, andere auszubeuten.“11

Dem gemäß handelte er dann auch und ließ zuallererst, durch die Pecora-Kommission, untersuchen, wie es überhaupt zu der Krise kam. Anschließend schuf er noch im selben Jahr ein neues Gesetz, den Banking Act of 1933, der später unter dem Namen Glass-Steagall (Trennbankengesetz) in die Geschichte einging und ein Korsett für das Finanzwesen schuf, damit eine solche Krise nicht noch einmal entstehen kann.

Ebenfalls im ersten Jahr seiner Amtszeit schuf er die TVA (Tennessee Valley Authority), die aus einer weitgehend öden Landschaft, dem Tal des Tennessee, das produktivste Stück Land der Welt machte, und zum ersten Mal in der Geschichte eine staatlich geschaffene Firma war, die das Beste des Staates mit dem Besten der Privatwirtschaft in sich vereinte.12

Im selben Jahr schuf er die CCC (Civilian Conservation Corps) und die WPA (Work Progress Administration), die sofort Arbeit für Jung und Alt schufen.13

Dazu soll gesagt sein, daß die Arbeitsprogramme von FDR nicht mit der Privatwirtschaft in Konkurrenz traten und trotzdem reellen wirtschaftlichen Wert repräsentierten, es wurde also kein Billiglohnsektor und keine Leiharbeit geschaffen, wie es zu jener Zeit in Deutschland geschah (und auch heute wieder geschieht). Auch war es zum Beispiel der WPA verboten, Arbeit zu vergeben, die mit der Armee in Zusammenhang stand, denn es galt ja schließlich, wieder eine Zivilwirtschaft aufzubauen, und nicht, eine Kriegswirtschaft zu entwickeln. Das gab den Menschen wieder das Gefühl, daß sie etwas wert sind und nicht als verloren und vergessen gelten.

Besonders möchte ich noch hervorheben das FDR viele Programme direkt für die vergessene Generation schuf. Damit wurden die Jugendlichen wieder direkt ins Leben geholt, sie wurden Teil des Aufbaus der Nation und so direkt mit daran beteiligt, ein neues Amerika zu schaffen. Ein neues Amerika? Ja! Denn viele der neuen Gesetze unter FDR waren eine natürliche Weiterentwicklung der Verfassung der Gründerväter, da eine existentielle Krise wie die damalige nur durch gesetzmäßige Weiterentwicklung universeller Prinzipien überwunden werden konnte, wie sie in dieser Verfassung angelegt waren.

    „(Über die Gründungsväter der USA) Sie schufen eine neue Regierung, die, wie sie glaubten, den damals herrschenden Zuständen angepaßt war, aber sie waren so klug, in die Zukunft vorauszublicken und zu begreifen, daß die Daseinsbedingungen und die Anforderungen an den Staat sich notwendigerweise verändern würden, so, wie sie sich in vergangenen Jahrhunderten verändert hatten, und deshalb gaben sie dem Regierungssystem, das sie entwarfen, keine starre, sondern eine biegsame Form, die der Veränderung und dem Fortschritt freien Spielraum gibt.

    Wir dürfen uns weder als kluge Leute noch als Patrioten bezeichnen, wenn wir uns der Pflicht zur Umgestaltung unseres Staatswesens, mit dem Ziele, es für das ganze Volk zweckdienlicher und den modernen Bedürfnissen angemessener zu gestalten, zu entziehen versuchen.“

Dieser Prozeß war es, der es ermöglichte, die US-Wirtschaft noch vor dem Kriegseintritt 1941 aufzubauen und der verlorenen Generation wieder einen richtigen Sinn und Inhalt des Lebens zu geben. Es war aber auch eine Absage an alle unbeweglichen Betonköpfe und alle Wendehälse.

Doch was ist mit Deutschland???

In Deutschland gab es niemanden wie FDR, und somit auch keinen positiven, optimistischen Aufschwung für die verlorene Generation der damaligen Zeit. Sie erlebte stattdessen einen völligen Kollaps mit Krieg, Diktatur und Zerstörung. Einige von ihnen berappelten sich zwar und behielten in ihrem Innersten den Glauben an etwas besseres, was dann nach dem Krieg in den Jahren des Aufbaus in Leistungen wie der Arbeit der Trümmerfrauen und Neuerungen wie der Otto Hahn14 und der Kernkraft zum Ausdruck kam. Doch ein großer Teil dieser verlorenen Generation blieb in ihrem Innersten verloren und gab das an ihre Kinder weiter, was diese für die 68er-Kultur empfänglich machte, und so lebt es auch heute noch in uns fort. Das ist der Grund dafür, daß wir in Deutschland noch nicht verstehen, was Franklin D. Roosevelt eigentlich gemacht hat, und warum er auch für uns heute in Deutschland enorm wichtig ist, um die derzeitige Krise zu überwinden.

Daher möchte ich ihnen ans Herz legen, einfach mal Roosevelts Reden und Bücher zu lesen und selbst Nachforschungen darüber anzustellen, was er damals in den USA gemacht hat und wie er es gemacht hat. Ich möchte auch weiter dazu aufrufen, den Pessimismus, der für die verlorene Generation und die 68er, als den verlorensten aller verlorenen, so typisch ist, abzulegen.

Denn nur wenn man das macht, ist der Geist frei dafür, wirkliche Entdeckungen zu machen. Dies ist wichtig, um aus der jetzigen Krise zu kommen und aus der Geschichte zu lernen. Denn wie Herr LaRouche immer wieder betont und Phil Angelides in seinem Bericht an den US-Kongreß im Nachhinein bestätigt hat, ist die bewußte Zerstörung der Politik und des Wirtschaftssystems von Roosevelt seit seinem Tod 1945 der Grund für die derzeitige Krise.

Daher ist der erste und sinnvollste Schritt, wieder zu Roosevelts Politik -, mit Anpassungen an die heutige Zeit - zurückzukehren und von dort aus nach vorn zu schreiten.

Werden Sie ein Teil der Geschichte, und legen Sie Ihren eigenen Pessimismus und den der Zweitliteratur über Roosevelt ab, und nutzen Sie sein Wissen, um die heutige Krise ebenfalls positiv zu überwinden!


Anmerkungen

1. „How British Imperialists created the Facist Jabotinsky”, EIR 27.1.2009, siehe auch Arthur Griffith, The Resurrection of Hungary und Daniel O'Connols - The Memoirs of Ireland, Native and Saxon, um zu sehen, wie subtil das Imperium arbeitete und wie es sich vom Unterdrücker zum Manipulator wandelte.

2. The Lost Generation: A Portrait of American Youth Today, auf das ich auch in meinem Artikel „Ein New Deal für die Jugend“ eingehe (s. Anmerkung 13).

3. Aus dem Griechischen: die Herrschaft der wenigen, im Gegensatz zur Monarchie, der Herrschaft des Einen. Als Oligarchie wird gemeinhin die Herrschaft einer privaten Interessengruppe über den oder innerhalb des Staats verstanden.

4. Brüning war vom 30. März 1930 bis zum 30. Mai 1932 Reichskanzler, dann folgten zwei Reichstagswahlen in einem Jahr und anschließend 1933 die Ernennung Hitlers zum Kanzler, der im Jahr seiner Wahl die Parteien verbot und sich selbst zum Diktatur machte.

5. Fürsorge war eine Sozialhilfe für Menschen, die nicht arbeiten konnten und anderweitig Hilfe brauchten.

6. Die Weiße Rose - in dem sie die Geschichte ihrer Geschwister Hans und Sophie und ihres Widerstands gegen die Nazidiktatur erzählt.

7. Erstes Flugblatt der Weißen Rose von 1942, nach dem Entwurf von Hans Scholl und Alexander Schmorell.

8. Franklin D. Roosevelt - Blick Vorwärts; Auflage 1-4, Salomon Fischer Verlag AG, Berlin 1933, übersetzt von Peter Wit

9. Direkt übersetzt „Kamingespräche“, Radiosendungen, in denen er sich ganz persönlich an die Bevölkerung wandte, um seine Politik zu erläutern.

10. Gouverneur der Bank von England 1920-44, Mitbegründer der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), wo er mit Hjalmar Schacht, dem Reichsbankchef bis 1939, zusammenarbeitete. Schacht selbst war es, der Hitlers Wirtschaftspolitik bestimmte und dafür die Unterstützung der Ruhr-Industriellen (des Keppler-Kreises) mobilisierte. Siehe dazu auch Deutschlands Neocons und Das Hitlerbuch, beides erschienen bei EIR, Hjalmar Schachts Autobiographie 76 Jahre meines Lebens sowie seine Briefe an Hitler.

11. Franklin D. Roosevelt - Blick Vorwärts; Auflage 1-4, Salomon Fischer Verlag AG, Berlin 1933, übersetzt von Peter Wit

12. Siehe dazu David E. Lilienthal, Das Tennessee-Stromtal

13. Siehe dazu Toni Kästner, „Ein New Deal für die Jugend“, in Neue Solidarität 49/2010

14. Das erste zivile, mit Kernkraft betriebene Frachtschiff.





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