Geopolitisches Denken trübt das Urteil des Westens
16. September 2014 •

In dem Internetforum vom 11. September 2014 wurde die BüSo-Vorsitzende Helga Zepp-LaRouche darauf angesprochen, daß sich um die BRICS-Gruppe herum eine Alternative zur derzeitigen westlichen Politik entwickelt. In ihrer Antwort berichtete Helga Zepp-LaRouche über die Eindrücke ihres Chinabesuchs:

„Wir waren ja gerade auf einer sehr interessanten Reise in China. Der erste Teil davon hat uns in den Westen Chinas geführt, auf den Spuren der alten Seidenstraße, wo wir eine Art Fact-Finding-Tour gemacht haben. Wir sind zu einigen der Knotenpunkte der alten Seidenstraße gereist, als Teil eines Gesamtprogramms, und haben uns dort auch mit der alten Seidenstraße beschäftigen können. Das war ein unglaublich guter sinnlicher Eindruck, daß die alte Seidenstraße ein ungeheurer Durchbruch war, denn die Hindernisse, die damals, vor 2000 Jahren zur Zeit der Han-Dynastie, überwunden werden mußten, waren gigantisch - wie die Wüste Gobi und noch mehr die Wüste Taklamakan, wo es Sanddünen von 200 m Höhe gibt und Sandstürme, die dann alles wieder verwehen.

Und wir haben dort nicht nur einiges vom kulturellen Erbe besichtigen können, sondern auch Filme gesehen über die alte Seidenstraße. Wir haben die berühmten Grotten von Dunhuang besichtigt, wir waren an mehreren Stellen der Großen Mauer - der äußerste Zipfel, wo wir waren, war schon fast an der Grenze von Xinjiang -, die aus der Zeit von vor 2000 Jahren stammt...

Das hat mich ein bißchen an das Gedicht Ozymandias [von Percy Shelley] erinnert, wo Statuen und Gebäude im Wüstensand verwehen und dann nach 2000 Jahren die Frage ist: Was bleibt von dem, was der Mensch mit seinem Leben macht? Das hatte auf mich eine ganz interessante Wirkung. Auf jeden Fall war das alles sehr, sehr begeisternd und sehr instruktiv, denn die chinesische Regierung macht offensichtlich unheimliche Anstrengungen, das Bewußtsein über dieses Kulturerbe in der Bevölkerung wachzuhalten und zu verstärken.

Ein riesiges Bauprogramm

Aber wir haben natürlich auch gesehen, wie mit einem enormen Elan diese Eisenbahnstrecke von Lanzhou und Dunhuang gebaut wird, das soll bis Urumqui gehen, d.h., es wird wirklich die alte Seidenstraße bis nach Xinjiang neu mit einem Schnellbahnsystem verbunden.

Wir haben z.B. auf dem Weg vom Flughafen von Lanzhou bis nach Lanzhou - das ist eine Busfahrt von etwa einer Stunde - gesehen, daß da wie wild gebaut wird. Man sieht Brücken, dann einige Kilometer weiter Dämme für die Eisenbahn, dann sieht man wieder nur die Trassen oder die Befestigung - alles wirklich mit einem unglaublichen Tempo, was in einem völligen Kontrast steht zu der doch sehr verhaltenen Art und Weise, wie bei uns Projekte gebaut werden. Für den ICE von Köln nach Frankfurt hat man z.B. zehn Jahre gebraucht, während China offensichtlich jetzt diese Entwicklung der inneren Regionen und natürlich auch den Ausbau der Seidenstraße mit ziemlichem Tempo und auch auf hoher Qualität vorantreibt. Das war also sehr interessant.

In der zweiten Woche hatten wir dann sehr viele Treffen und Konferenzen in Beijing selbst, und da muß ich wirklich noch einmal die Summe meiner Erfahrungen zusammenfassen.

Geopolitisches Denken des Westens

Es ist mir ganz wichtig: Wir müssen es schaffen, daß die deutsche Bevölkerung und die anderen Bevölkerungen in Europa und Amerika wirklich ein richtiges Verständnis kriegen von dem, was da in China mit der Seidenstraße und mit der Politik der Weltraumprogramme vor sich geht. In einigen Tagen findet z.B. eine große Weltraumkonferenz in Beijing statt, mit allen Astronauten, Kosmonauten und Taikonauten, die jemals im All waren, und die werden alle von China eingeladen, bei der kommenden chinesischen Raumstation mitzumachen.

Es ist mir ganz wichtig, daß das verstanden wird, was das ist. Denn wenn man hier den Denkfabriken im Westen zuhört, aus Amerika und Europa, dann sagen die alle: „Ja, China will jetzt seinen Einfluß vergrößern, es will jetzt imperialistische Expansion betreiben.“ Aber nichts ist falscher als das. Denn was jetzt benutzt wird von diesem Denkfabriken zur Charakterisierung der chinesischen Politik der Neuen Seidenstraße oder auch anderer chinesischer Initiativen, wie z.B. der Weltraumpolitik: das wird alles beurteilt vom Standpunkt der Projektion dessen, was man selber macht, wenn man selber, wie die EU, geostrategische Interessen verfolgt und die EU immer weiter vergrößern will. Jetzt sollen auch noch Balkanstaaten dazukommen. Ich glaube, es war Solana, und später auch Barroso, die haben ja gesagt, es gibt keine Grenze der Ausweitung der EU.

Die EU ist also ein neoimperiales Gebilde, das geopolitische Interessen verfolgt und diese in einem eklatanten Widerspruch sieht zu angeblichen geopolitischen Interessen von anderen Staaten wie den USA, Rußland, China, BRICS. Und das ist eben falsch.

Chinas Entwicklungsperspektive

Man kommt also an das Problem, was die chinesische Politik tatsächlich ist, die ja nun wirklich zum Leitstern geworden ist für die BRICS-Staaten und immer weitere Staaten, die sich jetzt auf diese neue Kombination zuordnen. Das ist eben nicht Geopolitik. Die Leute im Westen können sich gar nicht vorstellen, daß es Staaten gibt, die nicht auf der Basis von Neoliberalismus, von Monetarismus, von Positivismus, von Geopolitik operieren, sondern die sich auf einer Axiomatik befinden, die vielleicht nicht ganz identisch, aber doch sehr vergleichbar ist mit den Gedanken und Prinzipien, die Gottfried Leibniz am Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts propagiert hat - nämlich eine wirkliche Entwicklungsperspektive für die Universalgeschichte der Menschheit, die durchaus vergleichbar war mit der Politik der Amerikanischen Revolution oder auch von John Quincy Adams, einem der ersten Präsidenten, der gesagt hat: Wir brauchen eine Allianz von souveränen Republiken, die sich zum gemeinsamen Vorteil aller gemeinsam an den Zielen der Menschheit beteiligen.

Und das ist emphatisch das, was China heute macht.

Ich weiß, daß jetzt viele Leute das nicht verstehen oder nicht glauben. Aber ich kann wirklich nach meinem besten Wissen und Gewissen sagen: China operiert im Augenblick auf der Basis von 5000 Jahren chinesischer Geschichte. Das muß man sich auch erstmal vergegenwärtigen, daß China ja die einzige Kultur ist, die diesen langen Zeitraum von 5000 Jahren ohne Unterbrechung und ohne große territoriale Verschiebungen als Kontinuum überlebt hat.

Das macht sich u.a. dadurch bemerkbar, daß z.B. die Rolle des Konfuzianismus ganz entscheidend für die Identität Chinas ist. Das macht sich auch in solchen netten Sachen bemerkbar wie einer ausgezeichneten Küche, die ja weltberühmt ist. In China kann man wirklich tausende von Gerichten essen, die alle vorzüglich sind, und die immer wieder neu sind, es gibt hunderte von regionalen Unterschieden.

Das ist einfach eine Kulturnation, die nicht imperialistisch ist, sondern die ein Interesse hat, daß sich die Menschheit voran entwickelt. Und dieses Konzept der Neuen Seidenstraße ist etwas, was China in gewisser Weise selbst erfahren hat in der Entwicklung seit der Kulturrevolution oder überhaupt, seitdem die Volksrepublik China 1949 gegründet worden ist. Da gab es natürlich gewisse Anfangsschwierigkeiten, da gab es die Kulturrevolution. Aber spätestens seit den Reformen von Deng Xiaoping hat China durch die Anwendung richtiger wissenschaftlicher Prinzipien die größte wirtschaftliche Transformation in seinem Land vollzogen, die irgendwo auf diesem Planeten stattgefunden hat. Und sie sind jetzt eben an dem Punkt, wo sie sagen: Wir werden auch die restlichen, noch nicht entwickelten Regionen Chinas so transformieren, den Lebensstandard der Bevölkerung erhöhen, aber wir werden vor allen Dingen dieses Modell der Entwicklung in der Form der Neuen Seidenstraße in der Tradition der alten Seidenstraße weltweit zur Verfügung stellen. Und das ist ein offenes Konzept. Da darf jeder mitarbeiten, da ist jeder eingeladen, mitzuarbeiten. Es ist also explizit inklusiv und nicht gegen die angeblichen geostrategischen Interessen anderer Nationen oder Gruppen von Nationen gerichtet.

Das ist ein ganz wichtiger Unterschied. Das ist eben nicht Geopolitik, sondern ein dynamisches Konzept der Aufwärtsentwicklung der menschlichen Gattung. Und ich fordere alle unsere Zuschauer heraus, die mir nicht glauben: Schicken Sie mir Fragen, ich bin gerne bereit, mich auf einen Dialog mit Ihnen einzulassen, denn das ist wirklich eine Frage von existentieller Bedeutung für Deutschland, daß wir das verstehen."

(Die ganze Diskussion können Sie hier sehen.)





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