Prof. Bao Shixiu: Die Neue Seidenstraße, der neue chinesische Traum
2. Oktober 2014 •

Bao Shixiu ist Professor (em.) der Militärwissenschaft an der Hochschule der chinesischen Streitkräfte. Die folgende Rede hielt er auf der Konferenz „Ein Gürtel, eine Straße“ in Beijing am 5. September 2014.

Ich möchte Doktor Xiao meine Grüße und meinen Dank dafür übermitteln, daß er mich hierher eingeladen hat. Gleichzeitig muß ich sagen, daß Studien betreffs der Seidenstraße ein sehr großes Thema sind und ich nicht der Spitzenforscher auf diesem Feld bin. Ich möchte Ihnen daher nur meine oberflächlichen Gedanken dazu mitteilen, und scheuen Sie sich nicht, für mich all Ihre Einsichten und Ihre Kritik beizutragen.

Das Thema meiner Rede ist die Verwirklichung des neuen chinesischen Traums mit der Neuen Seidenstraße. Die antike Seidenstraße kann auf die Zeit vor zweitausend Jahren datiert werden, und mit ihr begann ein politischer und wirtschaftlicher Dialog zwischen dem Osten und dem Westen. Viele verschiedene Objekte der Kunst und Technik wurden durch diesen Prozeß befördert, der sehr berühmt wurde und in die Annalen der Geschichte einging.

Heute, im 21. Jahrhundert, möchte China eine neue Seidenstraße bauen. Die wirtschaftliche Landkarte der Welt erwartet freudig eine neue Dynamik und die Verwirklichung des neuen chinesischen Traums. Wie kann sich beides gegenseitig fördern? Und wie erreichen wir den chinesischen Traum? Ich denke, das sind die Aufgaben, die der Direktor der Zeitschrift China Investment gestellt hat. Wenn man die geopolitische Lage ebenso wie den Zustand der Wirtschaft sowie andere Faktoren berücksichtigt, ist es notwendig, daß wir über dieses Thema sprechen.

Es ist eine sehr lange und sehr dynamische Seidenstraße. Das Konzept der Neuen Seidenstraße wurde 2013 vom chinesischen Staatschef vorgelegt. Inzwischen haben wir ein ganzes Jahr voller Entfaltung der Dynamik, und ich bin überzeugt, daß dies ein neues Konzept ist, das einen großen Beitrag zur Regierung („Governance“) der Welt oder der neuen Weltordnung leisten wird. Und das betrifft auch die Rolle Chinas. Welche Rolle möchte China in der Welt spielen?

Ich möchte über zwei Punkte sprechen. Der erste ist, daß das Konzept der Neuen Seidenstraße einen Beitrag zur Theorie der Regierung der Welt leistet. Dieses Konzept spiegelt den Kanon einer neuen Theorie der Regierung der Welt wider, und es liefert greifbare theoretische Unterstützung für eine neuartige Weltordnung. Tatsächlich zeigt sich uns, wenn wir von der internationalen oder globalen Regierung sprechen, sogar eine ganz neuartige Denkweise.

Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir fast ein Jahrhundert durchmessen, und wie ist die Wirtschaftslage der heutigen Welt, mit Multipolarisierung und wirtschaftlicher Globalisierung? Länder auf der Welt sind immer mehr miteinander verknüpft und jeden Tag voneinander abhängig. Viele Entwicklungsländer überall auf der Welt und Milliarden Menschen arbeiten für die Modernisierung an sich. Eine Ära der Zusammenarbeit, des Miteinander und der Vorteile für alle zieht herauf.

Doch wir stehen immer noch vor dem Problem der Entwicklung. Die Wirtschaft leidet unter der Finanzkrise und dem Stillstand im Prozeß der Erholung. Im Bereich der internationalen Finanzen bestehen immer noch viele potentielle Risiken, und viele Organisationen der Makroregulierung in vielen Ländern stehen vor Herausforderungen und Schwierigkeiten. Die globale Finanzkrise ist ein Ausdruck des systemischen Versagens des Finanzsystems, und Herausforderungen und Krisen wie Klimawandel, Ernährungssicherung und Sicherheit sind ein Ausdruck davon, daß das heutige System der Regierung der Welt immer noch seine Schwächen hat. Es muß verbessert werden.

In einer solchen Zeit großer Veränderungen warten wir alle auf alle möglichen Verbesserungen, auf positive Reformen. Die Nachfrage nach einem neuartigen Konzept ist also im Augenblick sehr groß. Dem dient das Konzept „Ein Gürtel und eine Straße“, das von vielen Ländern der Welt begrüßt und gut aufgenommen wurde, weil es auf gegenseitigem Respekt, freundschaftlichen Beziehungen und einer „Win-win-Situation“ und Zusammenarbeit beruht. Deshalb hat es eine neue Atmosphäre geschaffen, welche die eigentlichen Interessen der entsprechenden Länder ausdrückt, und ebenso eine neue Dynamik in der Regierung der Welt im 21. Jahrhundert. Es ist also sozusagen sehr gutes Rohmaterial für das neue System der Regierung der Welt.

Im Herbst 2013 gab es einige Anstöße durch Präsident Xi Jinpings Besuch in Kasachstan und einem anderen Land, und ich denke, der Kerngedanke von „Ein Gürtel, eine Straße“ ist ein Konzept, mit dem China die gemeinsamen Interessen vieler Länder anspricht, nicht bloß seine eigenen. Präsident Xi Jinping hat gesagt, China werde seine freundschaftlichen Beziehungen zu zentral- und ostasiatischen Ländern vertiefen und mit den entsprechenden Ländern zusammenarbeiten, um Beiträge für die ganze Welt zu leisten. Er ist auch der Überzeugung, daß Länder mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und Ideologien gemeinsam Wohlstand und Frieden genießen können, solange wir Prinzipien des gegenseitigen Respekts und einer Perspektive der Zusammenarbeit folgen.

Während seines Besuches in Indonesien stellte Präsident Xi Jinping die Idee vor, daß die Gastgeber- und Gastländer einander gute Nachbarn und gute Partner sein sollten, und daß sie zusammenarbeiten sollten, um ein gemeinsames Schicksal für China und ASEAN aufzubauen. Faktisch ist dies das Konzept der Neuen Seidenstraße als regionale innovative Wirtschaftskooperation, die eine Plattform für solche Kooperation und kulturellen Integration von Osten und Westen schafft. Die Entwicklung dieses neuen Konzepts wird die Ausstrahlung der Seidenstraße verfeinern und die ostasiatischen und zentralasiatischen Volkswirtschaft mehr integrieren als je zuvor, und es wird einen bedeutenden Einfluß auf die Welt haben.

Die Rolle von Helga und Lyndon LaRouche

Das neue Konzept der Seidenstraße wird von vielen führenden Intellektuellen sehr gelobt. Und dieses neue Konzept soll neue Beiträge und Einsichten von Gelehrten und Personen aus dem akademischen Bereich in sich aufnehmen. Tatsächlich haben viele kenntnisreiche Menschen dazu Beiträge geleistet. Ich halte es jedoch für sehr wichtig, daß wir die Präsidentin des Schiller-Instituts in den Vereinigten Staaten, Frau Helga Zepp-LaRouche, und ihren Ehemann Lyndon LaRouche namentlich erwähnen.

Um zu versuchen, das jahrzehntelange irrationale System der Regierung der Welt zu verändern und um das globale System der Regierung, die globale Ordnung vernünftiger und gedeihlicher zu machen, hat das Ehepaar schon in den 1990er Jahren eine neue Idee aufgebracht, nämlich einen Tunnel unter der Beringstraße zu bauen und eine Eurasische Landbrücke zu schaffen, um die Welt zu verbinden, damit Menschen aller Länder und Kontinente von dieser neuen Verbindung profitieren können. Gemeinsamer Wohlstand soll die Grundlage eines neuen Systems der Regierung der Welt werden.

Diese beiden Honoratioren, die Beiträge zur Gründung einer neuen Weltordnung und einer neuen globalen Regierungsweise leisten, haben sich eigens mit der Rolle Chinas und Asiens bei der Schaffung dieser neuen Ordnung befaßt. Frau LaRouche veröffentliche schon 1997 einen Artikel über die Eurasische Landbrücke als wichtigstes geopolitisches Thema der Welt, und sie bemüht sich sehr darum, China der Welt vorzustellen.

Als sie im Herbst letzten Jahres die Neuigkeiten von Präsident Xis Besuch in Indonesien und Kasachstan hörte, war sie begeistert. Ihr Gedanke war, daß diese von Präsident Xi Jinping geförderte neue Idee tatsächlich in diesem Teil der Welt Wohlstand schaffen und den Lebensstandard der Menschen verbessern kann. Jetzt haben wir einen gemeinsamen Konsens auf der Welt, daß nämlich die Neue Seidenstraße nur der erste Schritt der wirtschaftlichen Integration der Welt ist, und das erste Licht in der Dunkelheit auf dem Weg zu einer neuen menschlichen Zivilisation.

Die Kritiker widerlegen

Die zweite Frage ist, wie sich dieses Konzept trägt. Das ist für Gelehrte eine sehr wichtige theoretische Frage. In der akademischen Welt ist es sehr wichtig, daß jede Idee bzw. jedes Konzept von Honoratioren mit sehr berühmten Namen gefördert und verbreitet wird, was durchaus normal ist. Das Problem ist jedoch, daß viele Menschen aus dem gemeinsamen Interesse einiger politischer Blöcke oder aus irgendeiner ideologischen Befangenheit heraus eine sehr kritische und sehr willkürliche Einstellung zu diesem neuen Konzept der Seidenstraße haben, was für uns wirklich nur sehr schwer nachvollziehbar ist.

In den nächsten Jahren müssen alle diese Theorien, welche die Neue Seidenstraße kritisieren und schlechtmachen, aufgeklärt und korrigiert werden. Die Notwendigkeit, diese Theorie tatkräftig zu unterstützen, ist also für alle Gelehrten auf diesem Gebiet in China eine sehr wichtige Aufgabe.

Dazu nur zwei Beispiele, die ich Ihnen nennen möchte. Das erste betrifft einige Leute, die einen Artikel geschrieben haben, worin es heißt, dieses neuartige Konzept sei sehr gefährlich. Als in diesem Jahr die CICA-Konferenz (Konferenz für Interaktion und Vertrauensbildende Maßnahmen in Asien) in Shanghai initiiert wurde, gab es Diskussionen darüber, warum China diese Politik verfolgt. Und eine sehr bekannte Zeitschrift aus Australien, The Diplomat, veröffentlichte einen Artikel, in dem die Ansicht vertreten wurde, die Neue Seidenstraße sei nicht symbolisch, sondern ein diplomatisches Mittel Chinas, um in Ostasien und in Zentralasien eine neue wirtschaftliche und politische Ordnung zu schaffen, womit gemeint war, daß China eine neue Wirtschaftsordnung gründen wollte, statt freundschaftlichen und kulturellen Austausch und Zusammenarbeit zu fördern. Weiter hieß es, man könne erkennen, daß China der Mittelpunkt dieser Art von Zusammenarbeit werden wolle, damit seine geopolitische Bedeutung zum Ausdruck käme. In dem Artikel wurde angenommen, Chinas politisches Ziel sei es, eine transkontinentale Freihandelszone zu gründen.

Gleichzeitig waren auch viele westliche Denkfabriken dem Konzept der Neuen Seidenstraße gegenüber skeptisch eingestellt. Einige behaupten sogar, die Neue Seidenstraße sei eine neue Form von Monroe-Doktrin. Die Monroe-Doktrin stammt vom fünften Präsidenten der Vereinigten Staaten, James Monroe, und sie war ein sehr wichtiges Symbol der Expansion der Vereinigten Staaten auf der Welt. Die Vereinigten Staaten warnten damit nämlich die europäischen Mächte davor, sich in die Angelegenheiten Mexikos und anderer lateinamerikanischer Länder einzumischen. Und die Vereinigten Staaten würden immer ihre eigenen Interessen wahren.

In den letzten Jahren, seit China zunehmend die Muskeln spielen läßt, was die Sicherung seiner legitimen territorialen und maritimen Rechte betrifft, vertreten viele Gelehrte die Vorstellung, China verfolge eine Art „Monroeismus“. 2012 sagte James Holmes von der Marinehochschule der Vereinigten Staaten, China und sein Südchinesisches Meer seien genau wie die Vereinigten Staaten und der Golf von Mexiko. China versuche also, eine neue wirtschaftliche und politische Ordnung in der Region zu schaffen.

Ein weiteres Beispiel ist der berühmte Professor John Mearsheimer von der Universität Chicago, der vor nicht allzu langer Zeit einen Vortrag hielt, in dem er sagte, wenn China sich weiterentwickele, werde es die Vereinigten Staaten aus Asien herausdrängen und seine eigene Monroe-Doktrin verfolgen.

Diese Theorie von der Chinagefahr wird von vielen übernommen, die eine skeptische Haltung zu China haben. Auf der CICA-Konferenz in Shanghai in diesem Jahr machte Präsident Xi Jinping sehr deutlich, daß Frieden und Sicherheit Asiens von dessen eigenen Menschen gesichert werden müssen. Und ein japanischer Gelehrter war überzeugt, daß China die Rolle einer regionalen Führung und der Führung ganz Asiens einnehmen will.

Ich denke, ausgehend von dem, was vorhin gesagt wurde, werden wir unschwer erkennen, daß diese Studien [der Neuen Seidenstraße] auf der Grundlage der Geschichte und der neuen Methode der asiatischen Diplomatie Chinas nichts mit dem Konzept der Monroe-Doktrin gemeinsam haben, auch nicht mit dem von der faschistischen, imperialen japanischen Regierung vertretenen Ostasiatischen Wohlstandsraum. Das ist keine angemessene Herangehensweise.

Chinas neues Konzept der Seidenstraße hat also nichts mit diesen alten und ausschließenden Konzepten zu tun. Chinas Herangehensweise beruht auf offener und freundschaftlicher Zusammenarbeit, und China konzentriert sich auf die Vertiefung der Zusammenarbeit in Bezug auf Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklung. China geht davon aus, daß die Rolle der Seidenstraße völlig geteilt sein wird, damit der Wohlstand der Region gefördert werden kann. Und das ist wirklich weit entfernt vom Konzept des Monroeismus, also den Vereinigten Staaten, die der Polizist des amerikanischen Kontinents sein wollen, ebenso wie von Japans faschistischer Vorstellung der Ostasiatischen Wohlstandszone. Und Präsident Xi Jinping verkörpert mit seinem neuen Konzept der Seidenstraße Chinas Bild in der Welt und Chinas Haltung zur Welt.

Wir denken, daß wir dieses neue Konzept und seinen Status im akademischen Bereich hochhalten sollten, womit wir dieses neue Konzept fördern und Chinas legitime Rechte sichern und uns gleichzeitig für eine gesunde Entwicklung des Systems der Regierung der Welt einsetzen. Deshalb sage ich, das ist ein sehr wichtiges theoretisches Projekt, das wir alle bewältigen müssen.