Die Waffenruhe in Syrien muß sofort zum Wiederaufbau Südwestasiens genutzt werden
27. Februar 2016 •

Von Alexander Hartmann

Am 21. Februar kündigte US-Außenminister John Kerry nach einem Telefongespräch zwischen den Präsidenten Putin und Obama zur Überraschung vieler Beobachter an, er habe mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow eine vorläufige Einigung über eine Feuerpause in Syrien ab dem 27. Februar erreicht (diese wurde bei Redaktionsschluß ersten Meldungen zufolge auch weitgehend eingehalten). Laut Washingtoner Beobachtern war dies das Resultat einer laufenden russisch-amerikanischen Geheimdiplomatie von Diplomaten und Spitzenmilitärs. Die Vereinbarung ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung – vorausgesetzt, er wird nicht wieder von eben den britisch-saudisch-türkischen Empire-Kreisen und Präsident Obama selbst sabotiert, die durch ihre Unterstützung des „Islamischen Staat“ (IS) und die Regimewechselpolitik für den Krieg in Syrien verantwortlich sind.

Das Abkommen umfaßt nach offiziellen Verlautbarungen die Kooperation zur Durchsetzung eines Waffenstillstandes in den syrischen Kampfgebieten zwischen den USA und Rußland, die Einrichtung von Korridoren für Hilfslieferungen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten für die Zivilbevölkerung, eine Koordination des weiteren militärischen Vorgehens gegen den IS und Al-Nusra sowie andere Maßnahmen.

Russische und amerikanische Streitkräfte unternehmen inzwischen in Nordsyrien faktisch gemeinsame Operationen gegen Stützpunkte und grenzüberschreitende Operationen des IS an der türkischen Grenze. Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) aus der kurdischen YPG und sunnitischen Stammeskämpfern sind bei den Kämpfen am Boden die wirksamste Kraft gegen IS, sie erhalten russische und amerikanische Luftunterstützung und arbeiten mit US-Spezialtruppen zusammen. Die Türkei hingegen beschoß Stellungen der SDF, die sie als „Terroristen“ bezeichnet. Das US-Außenministerium hat jedoch öffentlich betont, daß es die YPG nicht als Terrororganisation betrachtet und daß die Kooperation des US-Militärs mit dieser effektivsten nicht-dschihadistischen Kraft in Syrien weitergehen wird.

Unter dem Vorsitz der UN wurde eine Waffenstillstands-Kommission der Internationalen Syrien-Unterstützungsgruppe (ISSG) eingerichtet, in der politische und militärische Kräfte der USA, Rußlands und anderer Mitglieder der Arbeitsgruppe zusammenarbeiten sollen. Der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura traf sich persönlich mit dem syrischen Präsidenten Baschar Assad, um Einzelheiten der Korridore für humanitäre Hilfe zu besprechen. Parallel dazu flog der russische Verteidigungsminister Schoigu nach Teheran zu Gesprächen mit Präsident Rohani und iranischen Militärführern.

„Militärische Realitäten erkannt“

Der amerikanische Staatsmann Lyndon LaRouche kommentierte diese Entwicklung, Putin habe die militärischen Realitäten vor Ort verstanden und erkannt, daß die Türkei und Saudi-Arabien auf der Grundlage ihrer eigenen Irrationalität und blinden Ideologie handeln. Er locke sie in eine Falle, die jeden Augenblick zuschnappen könne. Trotzdem hat Putin kürzlich ein wichtiges Abkommen mit Saudi-Arabien über die Ölförderung geschlossen, das auch vom Iran unterstützt wurde.

Die Lage sei sehr gefährlich, so LaRouche, aber mit Putin wisse zumindest einer der Hauptbeteiligten, was er tue, und lenke das Geschehen in die richtige Richtung, so daß er die Kräfte, die Syrien zerstören und damit Rußland auch einen lebenswichtigen Stützpunkt am Mittelmeer nehmen wollen, ausschalten könne.

Zweifellos berücksichtige Putin dabei auch, daß Präsident Obama stark geschwächt sei. Neben den strategischen Schritten Rußlands und den wirtschaftlichen Initiativen Chinas, mit denen Washington ausmanövriert wird, gebe es auch viele vernünftige Kräfte in den USA selbst, u.a. Militärs und Diplomaten, die die akute Gefahr der Lage erkennen und das Weiße Haus eindämmen.

In verschiedenen öffentlichen und privaten Gesprächen betonte LaRouche, der Schwerpunkt der Weltpolitik habe sich definitiv zur asiatisch-eurasischen Region verschoben, vor allem aufgrund der strategischen Zusammenarbeit zwischen China, Rußland und Indien. Trotz der vielen Gefahren und Probleme, die bestehen bleiben, tendiere die Grunddynamik in Richtung Wachstum und Stabilität.

Europa und die USA dagegen verlegen sich weiter auf verzweifelte geopolitische Manöver und Provokationen, in dem Versuch, ihre Macht zu retten – aber deren Fundament ist ein transatlantisches Finanzsystem, das hoffnungslos bankrott ist. Dieses oligarchische System der Globalisierung, Ausbeutung und Kriege bezeichnet LaRouche als das „Britische Empire“. LaRouche betont, daß es eine Lösung gibt: Das „Empire“ müsse vernichtet werden, und die USA sollten sofort das Angebot annehmen, mit China, Rußland und anderen Ländern zusammenzuarbeiten, um den wirtschaftlichen Niedergang umzukehren und die Realwirtschaft aufzubauen.

„Handschrift der Kriegstreiber“ in den Medien

Auch Helga Zepp-LaRouche begrüßte die amerikanisch-russische Vereinbarung in ihrem Internetforum am 24. Februar: „Es ist auf jeden Fall ein großer Durchbruch, daß es zu diesem Waffenstillstand kommen wird – vorausgesetzt, es passiert nicht noch im letzten Augenblick eine Sabotage. Aber das ist ein großer Fortschritt, weil natürlich der Waffenstillstand die Voraussetzung dafür ist, daß man dann sofort mit dem Wiederaufbau Syriens beginnen und damit die Voraussetzungen schaffen kann, daß die Flüchtlinge, die jetzt noch auf der Flucht sind, tatsächlich in ihre Heimat zurückkehren können.“

Sie kritisierte jedoch die Berichterstattung über die Vereinbarung in den westlichen Medien und verglich sie mit der Berichterstattung in Rußland: „Man muß natürlich sehen, daß die Art und Weise, wie darüber berichtet wird, völlig unterschiedlich ist in Rußland, in Deutschland und in Amerika. In Rußland hat Präsident Putin das im Fernsehen angekündigt als eine wichtige politische Entwicklung, und es ist ja auch der Erfolg von Putin, der überhaupt erst durch seine Intervention in Syrien die Voraussetzungen geschaffen hat, daß man überhaupt zu einem politischen Dialog kommen konnte, d.h., es ist wirklich ein großer Erfolg für Putin. In Amerika hingegen wurde das gerade mal kurz vom Außenministerium erwähnt, also längst nicht so positiv dargestellt.“ Trotzdem habe Kerry für diese Verhandlungen mit Lawrow viel Lob verdient.

In den deutschen Medien sähe man jedoch „die Handschrift der Kriegstreiber, die sich heute in Artikeln z.B. in der Süddeutschen Zeitung niederschlägt, die das wirklich vollkommen falsch darstellen“. Es gebe einen ganzen Stall von Journalisten, der „die Arbeit der Kriegstreiber macht. Da gibt es ja entsprechende Bücher drüber, und es ist leider bekannt, daß diese Schreiber auf einer bestimmten Gehaltsliste stehen.“

Nun müsse der Waffenstillstand sofort genutzt werden, um die kriegszerstörte Region wieder aufzubauen und es zu ermöglichen, daß die Flüchtlinge wieder nach Syrien zurückkehren können. Denn die Lage der Flüchtlinge auf dem Balkan sei dramatisch. „Wir haben ja jetzt einen Rückstau von vielen Menschen, die an der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien quasi gestrandet sind.“

Sie kritisierte in diesem Zusammenhang die österreichische Regierung, die eine Konferenz über das Flüchtlingsproblem mit den Ländern Südosteuropas veranstaltete, ohne dazu Griechenland, Deutschland oder die EU-Kommission einzuladen. Dies sei „wirklich skandalös“, denn Griechenland sei das hauptbetroffene Land.

Debatte über die Seidenstraße in Österreich

Sie begrüßte jedoch, daß nun in österreichischen Wirtschaftskreisen dafür geworben wird, daß das Land sich an Chinas Initiative der Neuen Seidenstraße beteiligt. Die Zeitschrift der Österreichischen Wirtschaftskammer (WKO), Aussenwirtschaft, hatte die „Neue Seidenstraße“ zu einer 12seitigen Titelgeschichte gemacht, und mit farbigen Karten und Bildern die Möglichkeiten des chinesischen Angebots für österreichische Firmen illustriert, sich an diesem Projekt wirtschaftlicher Entwicklung von der Türkei bis Südostasien, über den Iran, Rußland, Zentralasien und China zu beteiligen. Jedes Land, das sich an diesem großen Projekt beteilige, werde einen wertvollen Beitrag zum Gelingen des Ganzen leisten. Repräsentanten der Wirtschaftskammern in Ankara, Teheran, Moskau, Beijing und Djakarta haben an dieser Sonderausgabe mitgewirkt. Neben der Ende 2014 erschienenen EIR-Studie BRICS-Staaten: Wirtschaftsaufbau statt Selbstzerstörung ist dies die erste Darstellung des chinesischen Angebots an den Westen, die dieses Thema im deutschsprachigen Raum zumindest annähernd adäquat behandelt.

Im Kontrast zu der gegenwärtig in westlichen Medien üblichen rußlandfeindlichen Haltung wird in dem WKO-Special ausdrücklich betont, daß Rußland ein Teil der Neuen Seidenstraße ist. Ende 2015 hatte die WKO in Wien ein Seminar zur Neuen Seidenstraße veranstaltet, an dem Sprecher aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, China und Rußland teilnahmen.

Zum Abschluß ihrer Ausführungen betonte Helga Zepp-LaRouche nochmals: „Diese Chance der Waffenruhe muß sofort genutzt werden, um mit einem großangelegten Wiederaufbauprogramm für die gesamte Region Südwestasien zu beginnen, d.h., die Verlängerung der Seidenstraße nach Syrien, in den Irak, aber eben auch in die gesamten Region, ist jetzt wirklich ein dringendes Gebot… Jetzt muß gehandelt werden, denn die jetzige Flüchtlingspolitik ist in Europa an einen Krisenpunkt gekommen und die Weichen müssen ganz anders gestellt werden“ für Aufbau in Südeuropa, dem Mittelmeerraum, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika. „Das muß jetzt ganz dringend auf die Tagesordnung.“





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