Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit. Inzwischen ist eine ganze Generation herangewachsen, die nach dem Fall der Mauer am 9. November geboren wurde, und von denen, die damals Kinder waren, haben viele nur noch vage Erinnerungen an diesen Tag. Und doch war dieser Moment eine der seltenen Sternstunden der Geschichte, einer jener kostbaren Augenblicke, in denen das Schicksal der Menschheit in eine neue, positivere Epoche hätte gewendet werden können.
Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit. Inzwischen ist eine ganze Generation herangewachsen, die nach dem Fall der Mauer am 9. November geboren wurde, und von denen, die damals Kinder waren, haben viele nur noch vage Erinnerungen an diesen Tag. Und doch war dieser Moment eine der seltenen Sternstunden der Geschichte, einer jener kostbaren Augenblicke, in denen das Schicksal der Menschheit in eine neue, positivere Epoche hätte gewendet werden können.
Es war ein unglaublicher Moment, die Menschen kletterten auf die Mauer, tanzten auf ihr, lagen sich in den Armen, Freudentränen im Gesicht. Und auch in den folgenden Wochen lag eine ungeheure Spannung über Deutschland – die latente Ungewißheit, ob es friedlich bleiben würde, aber auch der Zauber einer erhobenen Stimmung. Beethovens 9. Sinfonie wurde zu Weihnachten gleich zweimal vom deutschen Fernsehen ausgestrahlt und schien die einzige Komposition zu sein, die dem Versprechen des historischen Moments adäquaten Ausdruck verleihen konnte.
Was ist so katastrophal schiefgegangen? Heute befinden sich große Teile der Welt im Chaos, wir sind am Rande eines dritten, thermonuklearen Weltkrieges, der die Menschheit auslöschen würde, ganz Südwestasien ist zur Hölle auf Erden geworden, deren Terror-Abgesandte auch Europa, die USA, aber auch Rußland, China oder Indien bedrohen, und mit Ebola droht eine Pandemie, die aufgrund sträflicher Unterlassungen die ganze Menschheit gefährdet.
Schon unmittelbar nach dem Mauerfall schlug Lyndon LaRouche das Programm des „Produktiven Dreiecks Paris–Berlin–Wien“ vor, mit dem die industriellen Kapazitäten Osteuropas gerettet und modernisiert hätten werden können. Nach der Auflösung der Sowjetunion schlugen wir dann mit dem Programm der Eurasischen Landbrücke als der Neuen Seidenstraße ein Konzept vor, mit dem die Bevölkerungs- und Industriezentren Europas und Asiens durch den Ausbau der Infrastruktur und sogenannte Entwicklungskorridore hätten verbunden werden können. Da der bisherige Gegner während des Kalten Krieges, die Sowjetunion, nicht mehr existierte, hätte diese Neue Seidenstraße auch die Basis für eine völkerverbindende Friedensordnung für das 21. Jahrhundert sein können.
Statt dessen beschlossen die Neocons um Präsident George Bush Sr. und Margret Thatcher, die einzig verbliebene Supermacht nach dem Modell des Britischen Empire auf die ganze Welt auszuweiten. Mit dem Verschwinden der Sowjetunion sahen sie niemanden mehr, der sie zur Einhaltung von Regeln der gegenseitigen Kontrolle oder des Krisenmanagements, wie es selbst zu Zeiten des Kalten Kriegs für selbstverständlich galt, hätte zwingen können.
Sehr bald sah man keine Notwendigkeit, die Versprechen, die man Rußland gegeben hatte, die NATO niemals bis an die russischen Grenzen auszudehnen, einzuhalten, und Schritt für Schritt erfolgten die Ostausweitung von NATO und EU und die Einkreisung Rußlands bis zur derzeit angedrohten Verlagerung polnischer Stützpunkte an die russische Grenze.
Für das neue Regime der Globalisierung war das auf den Westfälischen Frieden gegründete internationale Völkerrecht ein Hindernis, das es so schnell wie möglich abzuschaffen galt. Die in der UN-Charta verbriefte nationale Souveränität, die aus dem Westfälischen Frieden stammte, sollte supranationalen Strukturen ebenso geopfert werden wie dem angeblichen Recht, überall auf der Erde militärisch intervenieren zu dürfen, aus „humanitären“ Gründen – eine Doktrin, die in der Formulierung „Responsibility to Protect“, R2P, ihren Ausdruck fand. Das ging einher mit Regime-Wechseln gegen „Schurkenstaaten“ wie Irak, Afghanistan, Libyen, gerne auch Syrien und wenn möglich Iran; mit Milliarden finanzierten „Farben-Revolutionen“, in denen bezahlte Aktivisten gegen Regierungen mobilisierten, die sich dem Empire noch nicht unterworfen hatten – in der Ukraine, in Georgien, im „Arabischen Frühling“; der Destabilisierung Thailands, gefolgt, wenn irgendwie möglich, von einem „Maidan in Rußland“; dann Aufstände der Uiguren in Xinjiang gegen China und schließlich Hongkong.
Aus Zbigniew Brzezinskis ursprünglicher „Islamischer Karte“ in den 80er Jahren gegen die Sowjetunion in Afghanistan erwuchsen dann die Taliban, Al-Kaida, Al-Nusra und schließlich jetzt das IS-Kalifat; aus den „Friedenskämpfern“ von gestern, die die „Schurkenstaaten“ beseitigen sollten und mit amerikanischen oder britischen Waffen unterstützt werden mußten, wurden in kontinuierlichem Wechsel Terroristen, gegen die Krieg geführt werden mußte – immer natürlich einhergehend mit der weiteren Aufhebung und Beschränkung der bürgerlichen Rechte und der angeblichen Notwendigkeit der Totalüberwachung der eigenen Bevölkerung und der der Verbündeten.
Parallel zur Abschaffung der internationalen Rechtsordnung durch die brutale Dominanz des Rechts des Stärkeren erfolgte auch die Eliminierung der Regeln, die das Gemeinwohl im wirtschaftlichen Bereich beschützt hatten. Die Deregulierung des Banksektors belohnte immer mehr die Spekulanten auf Kosten von Industrie und Landwirtschaft. Die Schere zwischen Reich und Arm öffnete sich immer mehr, inzwischen besitzen 85 Personen ebenso viel Reichtum wie 3,5 Milliarden Menschen. Die jahrzehntelange Absenkung des Lebensstandards in der sogenannten „Vierten Welt“, verursacht durch die Konditionalitäten des IWF und die Praktiken der Geierfonds, erzeugten Bedingungen, in denen Ebola nur ein Beispiel der kommenden Seuchen ist, die die Menschheit in ihrer Existenz bedrohen.
Und wenn die Doktrin des Kalten Krieges der NATO, der Mutual Assured Destruction (MAD) – daß sich die Menschheit im Falle eines Atomkrieges selbst gegenseitig auslöschen würde – schon ein barbarisches Damoklesschwert war, das über der Menschheit hing, so ist die Veränderung seit dem Ende des Kalten Krieges noch schlimmer. Denn inzwischen basieren das US-Raketenabwehrsystem in Osteuropa sowie die Doktrinen des „Global Prompt Strike“ und des „Air Sea Battle“ gegen China alle auf der utopischen Vorstellung, daß es mit Hilfe neuer Technologien, wie Cyberkrieg, Stealth-Techniken und Hochpräzisions-Systemen, möglich sei, einen atomaren Erstschlag gegen Rußland, China und andere atomare Mächte zu gewinnen.
Das Furchtbare ist nicht nur, daß dieses Empire mit all diesen Machenschaften eine Blutspur des Chaos und der Zerstörung hinterlassen hat. Das Abscheuliche ist, daß sich „Europa“ und Deutschland beinahe kritiklos als Vasall dieser Politik angehängt haben. Das allererste, was geschehen muß, ist das vorbehaltlose Eingeständnis des vollständigen und totalen Scheiterns dieser Politik, die die Welt an den Rand der Selbstzerstörung gebracht hat.
Zum Glück haben die Staaten, die bei dieser Politik des Empire als Opfer ausersehen waren, die Konsequenz gezogen und eine vollkommen andere politische und ökonomische Option geschaffen. Organisationen, die zusammen mehr als die Hälfte der Menschheit repräsentieren – die BRICS-Staaten, UNASUR, CELAC, die SCO, ASEAN und weitere Staaten – sind seit über einem Jahr dabei, eine alternative Wirtschaftsordnung aufzubauen. Der chinesische Präsident Xi Jinping hat den Bau der Neuen Seidenstraße auf die Tagesordnung aller dieser Organisationen gesetzt, die seitdem eine für europäische Verhältnisse kaum mehr vorstellbare Fülle von Infrastrukturprojekten, Avantgarde-Projekten im Energiebereich, Weltraumforschung, Kreditinstitutionen für die Finanzierung der Realwirtschaft sowie eine kulturelle Zusammenarbeit auf der Basis der Hochphasen der jeweiligen kulturellen Tradition zur Folge hatten.
China, Indien, Rußland, Brasilien, Südafrika, aber auch viele Staaten, die von dem unglaublichen Optimismus der BRICS-Staaten angesteckt worden sind, verwirklichen heute genau das, was wir vor 23 Jahren mit der Eurasischen Landbrücke/ Neuen Seidenstraße vorgeschlagen haben. D.h., dieses Programm ist nicht mehr nur eine Idee, es wird nun auch praktisch umgesetzt.
In den BRICS-Staaten herrscht seit langem, vor allem aber wegen der hervorragenden Führungsqualitäten solcher Persönlichkeiten wie Xi Jinping, Narendra Modi, Wladimir Putin, Dilma Rousseff und Jacob Zuma, ein Optimismus in Bezug auf die Zukunft in der Bevölkerung, den sich in Europa so gut wie niemand auch nur vorstellen kann. Alle diese Nationen sehen sich als zukünftige Weltraumnationen, als Innovationsgesellschaften und Kulturnationen, die die Zukunft der Menschheit sehr viel menschlicher gestalten und eine vollkommen neue Ära einleiten werden.
Die Konsequenz aus dem Gesagten ist, daß die Welt heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, erneut gespalten ist: auf der einen Seite die transatlantische Welt, die eine imperiale, monetaristische Politik zum Vorteil kleiner Machteliten verfolgt, und auf der anderen Seite eine dynamische Kombination von Staaten, deren Führung dem Gemeinwohl ihrer Bevölkerung und der Zukunft der Menschheit verpflichtet ist. Das Gute ist, daß diese Spaltung aber keineswegs ein Eiserner Vorhang ist, sondern vom Standpunkt der Neuen Seidenstraße ein offenes Konzept, bei dem alle Staaten dieser Welt eingeladen sind, daran teilzunehmen und daran mitzuarbeiten.
Die Realität der Neuen Seidenstraße 25 Jahre nach dem Fall der Mauer als völkerverbindender Konzeption bedeutet nicht nur eine phantastische Chance, daß wir in Europa aus unserem gegenwärtigen Dilemma, als Vasallen des angloamerikanischen Empires dem sicheren Untergang geweiht zu sein, herauskommen können, es bedeutet auch den Triumph der Macht der Idee, deren Zeit gekommen ist.
Und es gibt kein besseres Kunstwerk, um diesen Jahrestag zu feiern, als Beethovens Komposition von Schillers „Ode an die Freude“ mit den Worten:
„Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder, überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen.“