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Afghanistan: „Totenacker der Imperien“

Der folgende Artikel und das "Weißbuch Afghanistan" wurden 2010 veröffentlicht. Aufmerksamen BüSo-Lesern ist somit der desolate Zustand Afghanistans schon länger kein Geheimnis mehr, wenn nun nach etlichen Jahren Verspätung das Mainstream-Medium Washington Post mit ihrer Analyse der unsrigen Recht gibt:

 

Von Helga Zepp-LaRouche

Es gibt keinen einzigen Grund, warum auch nur ein einziger
Bundeswehrsoldat auch nur einen Tag länger in Afghanistan eingesetzt
bleiben sollte. Denn dieser Krieg, der überhaupt nie hätte angefangen
werden dürfen und von dessen angeblichen Kriegszielen nach neun langen
Jahren niemand mehr spricht, ist nichts weiter als eine Falle für 42 der
43 am Einsatz beteiligten Nationen - ein Konflikt, der nicht zuletzt
dazu dient, den dritten Opiumkrieg des britischen Empires zu
unterstützen.

Der Krieg in Afghanistan muß im Kontext der seit 1839 andauernden
Serie von Afghanistan- und Südwestasienkriegen gesehen werden, die das
Britische Empire im Rahmen des „großen Spiels“ in dieser Region
angezettelt hat - von der britischen Manipulation der Jungtürken über
das imperiale anglofranzösische Sykes-Picot-Abkommen bis zum
gegenwärtigen Krieg in Afghanistan, der zur Zeit der
Carter-Administration von Zbigniew Brzezinski zusammen mit dem
Vereinigten Königreich lanciert wurde.

Zum jetzigen Zeitpunkt, an dem nur Träumer nicht erkennen, daß das
globale Finanzsystem zusammenbricht, ist der Krieg in Afghanistan, mit
all den Schrecklichkeiten, die in den über 90.000 veröffentlichten
Geheimdokumenten noch einmal bestätigt wurden, trotzdem nur ein
Nebenschauplatz der strategischen Lage. Der Hauptkampf, von dem auch der
weitere Verlauf der Dinge in Afghanistan abhängen wird, findet in den
USA statt.

Die alles entscheidende Frage ist, ob es den patriotischen Kräften in
Amerika rechtzeitig gelingt, Präsident Obama samt seiner anglophilen
Politik aus dem Amt zu drängen. Denn der in der Geschichte der
US-Präsidenten beispiellose Absturz Obamas in den Umfragen von 74%
Zustimmung beim Amtsantritt auf jetzt gerade noch 10% beruht auf der
Einsicht in der Bevölkerung, daß Obama sich noch weniger um das
Gemeinwohl kümmert als sein verhaßter Vorgänger Bush. Tiefe Ernüchterung
und Enttäuschung folgte auf die allgemeine Erkenntnis, daß Obama im
Zweifelsfalle immer die britischen Interessen voranstellt. Er hat sich
für die absolute Mehrheit der Amerikaner als die größte Mogelpackung
aller Zeiten herausgestellt.

So überließ er während der größten Umweltkatastrophe im Golf von
Mexiko British Petroleum drei Monate lang die Verantwortung, anstatt
seine eigene Verantwortung als Präsident wahrzunehmen und Armee,
Staatsanwaltschaft und internationale Expertenteams einzusetzen.
Desgleichen setzte er die Politik der Rettungspakete für die Banken -
und damit des von London und der Wall Street dominierten Finanzsystems -
fort, während gleichzeitig gegenüber der Bevölkerung brutalste
Sparpolitik und Kürzungen des Lebensstandards durchgesetzt werden. Und
so ist letztlich auch die Verstärkung der US-Truppen in Afghanistan eine
Unterstützung für die Opiumproduktion und den Opiumhandel, die in einer
britisch kontrollierten Provinz Afghanistans ihren primären Ursprung
haben.

Inzwischen ist die Existenzkrise der USA, in der die Bundesstaaten,
die Städte und Gemeinden ihre ureigensten Aufgaben für das Gemeinwohl
nicht mehr wahrnehmen können und täglich Polizisten, Feuerwehrleute und
Mitarbeiter von Notdiensten entlassen müssen, an einem absoluten
Krisenpunkt angekommen. Eine große Zahl führender Persönlichkeiten
stimmt Lyndon LaRouche zu, daß die USA als Nation nicht überleben
werden, falls Obama über den Herbst hinaus im Amt bleibt. Mit der
Androhung eines Impeachment-Verfahrens, für das es mehrere gute Gründe
gibt, könnte er nach dem Beispiel Nixons dazu gedrängt werden, selber
zurückzutreten.

Von der Frage, ob sich in den USA die Interessen des britischen
Empire in Form der von London und der Wall  Street dominierten
Hochrisiko-Spekulation oder die patriotischen Kräfte in der Tradition
Franklin D. Roosevelts durchsetzen, hängt nicht nur das Schicksal
Amerikas ab. Wenn die USA in einer Systemkrise kollabieren, würde das
auch die Eurozone und anschließend den Rest der Welt in ein finsteres
Zeitalter stürzen lassen. Umgekehrt, wenn Obama zum Rücktritt überredet
werden kann und sich eine überparteiliche Mehrheit auf die
Wiedereinführung des Glass-Steagall-Standards, eines Trennbankensystems,
verständigt, wofür es weitreichende Vorbereitungen gibt, dann können
durch eine solche positive Signalwirkung auch in Kontinentaleuropa die
dringend notwendigen Reformen des Finanzsystems durchgeführt werden.

Im Kontext dieser alles entscheidenden Schlacht in den USA ist der
Afghanistankrieg nur ein Prädikat. Das Problem ist nur, daß die
Bundeswehr in diesen aussichtslosen langen und schmutzigen Krieg
hineingezogen wurde und die Soldaten nicht nur täglich ihr Leben
riskieren, sondern die allermeisten dadurch völlig traumatisiert
zurückkommen und aus ihrer Lebensperspektive geworfen werden. Dieser
Zustand muß auf der Stelle beendet und die Bundeswehr sofort abgezogen
werden.

Krieg dem Rauschgift!

Wie in dem vorliegenden Weißbuch dokumentiert wird, kann dieser Krieg
nicht zuletzt deswegen nicht gewonnen werden, weil seine Kriegsziele
falsch definiert sind. Der Afghanistankrieg ist kein „normaler“ Krieg,
sondern die alles entscheidende Frage bei diesem Krieg ist der Anbau von
Cannabis und Opium, der rund 90% (!) des weltweiten Heroinkonsums
abdeckt. Die Einnahmen aus diesem Drogenanbau und -handel sind nicht nur
die Haupteinnahmequellen der Taliban, sondern auch der diversen
Terrornetzwerke, die in der ganzen Region, einschließlich Zentralasiens,
operieren. Laut UNO sterben jährlich 100.000 Menschen allein an den
Folgen des Konsums von Heroin aus Afghanistan, und nach Angaben des
Chefs der russischen Drogenbekämpfungsbehörde (FDCS), Viktor Iwanow,
40.000 Menschen allein in Rußland.

Rußland hat den von Afghanistan ausgehenden Drogenhandel als das
größte nationale Sicherheitsproblem bezeichnet und die USA und die NATO
beschuldigt, nicht gegen die Drogennetzwerke vorzugehen. Aber auch für
China und vor allem die Provinz Xinjiang, durch die die Drogenrouten
führen, für Pakistan, den Iran und weitere Länder in der Region ist die
wachsende Drogenabhängigkeit der Bevölkerung ein gigantisches Problem.
Es ist durchaus gerechtfertigt, von einem dritten Opiumkrieg vor allem
gegen Rußland und China, aber natürlich auch gegen den Rest der Welt zu
sprechen.

Die Drogenhändler, zu denen auch der in Kandahar lebende Halbbruder
von Präsident Karsai gehört, sind mit dem organisierten Verbrechen in
Pakistan, Zentralasien und Rußland verbunden. Das aus dem Drogenhandel
stammende Geld fließt über Dubai, Karatschi und Mumbai in das westliche
Bankensystem und stellte nach Aussagen des Leiters der
UN-Drogenbekämpfungsbehörde Costa nach Ausbruch der Finanzkrise
zeitweise die wichtigste Liquiditätsquelle für Problembanken dar. Man
muß also die Verwendung von  Drogengeldern als ein weiteres kriminelles
Element in einem Finanzsystem sehen, das von kriminellen Machenschaften
nur so strotzt.

Es scheint beinahe in Vergessenheit geraten zu sein, daß einer der
ursprünglichen Gründe für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan das
sogenannte „nation-building“ - die Entwicklung der Nation durch große
Aufbauprojekte - war. Das hat nicht stattgefunden; im Gegenteil, der
Einfluß der Taliban ist größer denn je, und die deutschen Soldaten
werden von der Bevölkerung längst nicht mehr als Helfer beim Aufbau des
Landes, sondern als Teil der NATO- und US-Truppen und als
Besatzungsmacht wahrgenommen.

Darüber hinaus hat sich dieser lange Krieg, den der frühere
US-Präsident Bill Clinton zu recht mit dem Vietnamkrieg verglichen hat,
für Deutschland inzwischen zu einem wahren Grab von Steuergeldern
erwiesen. Das Manager Magazin berichtet unter Verweis auf eine
Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), daß der
Bundeswehreinsatz in Afghanistan den deutschen Steuerzahler pro Jahr
nicht eine, wie offiziell behauptet, sondern drei Milliarden Euro kostet
und bisher insgesamt rund 36 Milliarden Euro gekostet hat. Dafür hätte
man eine Transrapidstrecke von München nach Hamburg und von Hamburg nach
Berlin bauen können.

Die Ankündigungen, daß die USA 2011 mit dem Truppenabzug beginnen und
Afghanistan ab 2014 selber für seine Sicherheitsangelegenheiten sorgen
soll, hat zudem dazu geführt, daß die Bevölkerung sich mit denen
arrangiert, von denen sie weiß, daß sie im Unterschied zu den
ausländischen Besatzungstruppen dauerhaft vor Ort bleiben werden - den
Taliban.

Der sofortige Abzug der Bundeswehr und aller Hilfsorganisationen
bedeutet nicht, daß man das afghanische Volk seinem Schicksal überlassen
muß. Die einzig realistische Chance für einen wirklichen
Wirtschaftsaufbau liegt allerdings in der Verwirklichung eines
Gesamtentwicklungsplans für die ganze Region, wie es nur im Rahmen des
Ausbaus der Eurasischen Landbrücke möglich sein wird. Nur wenn sich die
Politik der USA grundlegend ändert, wenn sie, statt endlose
Rettungspakete für die Banken aufzulegen, den realwirtschaftlichen
Aufbau im eigenen Land in Angriff nimmt und mit Rußland, China, Indien
und anderen Staaten Eurasiens wirtschaftlich kooperiert, gibt es
Hoffnung für Afghanistan. Den Bauern, die jetzt unter der Kontrolle der
Taliban und Drogenbarone Drogen anbauen, muß eine wirkliche Alternative
für einen Wechsel zum Anbau von Lebensmitteln geboten werden.

Wie gesagt, die Entscheidungsschlacht, nicht nur für Afghanistan,
sondern auch für den Rest der Welt, wird in den nächsten Wochen und
Monaten in den USA geschlagen. Wenn es gelingt, die USA zu den Wurzeln
der Amerikanischen Revolution und damit zum Kampf gegen das Britische
Empire zurückzuführen, kann die Welt selbst aus dem jetzigen desolaten
Zustand herausgeführt und auf einem glücklicheren Weg gebracht werden.

Falls dies unmöglich sein sollte, dann wird nicht nur Afghanistan zum
„graveyard of empires“, zum Todesacker der Imperien, dann wird es die
ganze Welt.

Imperium Brittanicum delenda est!