In der Finanzpresse und in den Regierungserklärungen wird das Ausmaß der
Hypothekenkrise heruntergespielt. Richard Freeman dokumentiert im folgenden
Bericht, daß wir erst ganz am Anfang einer Konkurswelle stehen, die sich zu
einem gigantischen Finanztsunami entwickeln wird.
In den Vereinigten Staaten ist eine Welle von
Hypothekenkündigungen und Zwangsversteigerungen von Eigenheimen angelaufen, die
verheerende Folgen hat. Familien landen auf der Straße, die Steuereinnahmen der
Städte und Gemeinden brechen ein und dem ganzen Finanzsystem wird der Boden
entzogen. Die Geschwindigkeit, mit der die Zwangsversteigerungen zunehmen,
nimmt immer weiter zu. Dies betrifft längst nicht nur die minderwertigen
Hypotheken, und das Problem ist auch nicht erst in den letzten Jahren
entstanden. Es ist die Folge einer falschen Politik, die sich in den letzten
Jahrzehnten in der Wirtschaft und Finanzwelt tief eingewurzelt hat und die sich
mit keiner kurzfristigen, oberflächlichen Reform reparieren läßt.
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Tabelle 1: Vollstreckungsanträge gegen US-Eigenheimbesitzer
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2005
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846.982
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2006
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1.215.118
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2007*
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2.024.298
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* Schätzung aufgrund der Entwicklung in den ersten 8 Monaten
2007. Quelle: RealtyTrac, EIR
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Tabelle 1 zeigt die Zunahme der Vollstreckungsanträge
von 2005 bis 2007. Der Vollstreckungsantrag erfolgt gewöhnlich, wenn ein
Schuldner länger als 90 Tage mit seinen Hypothekenraten im Rückstand ist. Kann
er weiter nicht zahlen, fällt das Haus an die Bank oder wird versteigert. Wenn
man die ersten acht Monate des Jahres hochrechnet, wird die Zahl der Haushalte,
denen die Hypothek gekündigt wird, 2007 auf zwei Millionen steigen – eine
soziale und wirtschaftliche Katastrophe, wie man sie lange nicht erlebt hat.
(Dabei ist die Zahl noch konservativ geschätzt, angesichts der rapiden Zunahme
könnten es sogar 2,25 Mio. Haushalte werden.)
Auch wenn nur Zahlen für drei Jahre vorliegen, sollte man
insbesondere betrachten, wie sich dieser Trend in sich beschleunigt: Von 2005
bis 2006 stieg die Zahl der Vollstreckungsanträge um 43%, von 2006 bis 2007
wird sie um 67% steigen. Das ist in sich noch einmal eine Beschleunigung um 55%
gegenüber dem Vorjahr, was zeigt, daß das wirtschaftliche Erdbeben an Stärke zunimmt.
Verschiedene Teile der USA sind dabei unterschiedlich schwer
betroffen. Tabelle 2 zeigt, wie die Vollstreckungsanträge in wichtigen
Bundesstaaten im ersten Halbjahr 2007 gegenüber dem ersten Halbjahr 2006
explosionsartig zugenommen haben. In Kalifornien betrug der Anstieg 232%, in
New Hampshire hat sich die Zahl sogar verzwanzigfacht! In vielen dieser Staaten
läuft derzeit eine intensive Kampagne für das von Lyndon LaRouche
vorgeschlagene Gesetz zum Schutz der Eigenheimbesitzer und Banken (HBPA).
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Tabelle 2: Zunahme der Vollstreckungsanträge nach Bundesstaaten
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Bundesstaat
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1.Hälfte 2006
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1.Hälfte 2007
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Zunahme
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Kalifornien
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57.143
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189.560
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232%
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Florida
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55.489
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102.213
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85%
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Illinois
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32.381
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42.998
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33%
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Maryland
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2.234
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[td]
7.034
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215%
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Massachusetts
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3.307
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18.355
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455%
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[td]
Michigan
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37.930
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55.896
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47%
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Missouri
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8.386
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[td]
14.082
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68%
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New Hampshire
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60
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1.402
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2237%
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New Jersey
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17.205
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27.671
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61%
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Ohio
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38.901
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60.728
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56%
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Virginia
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1.908
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7.430
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289%
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Quelle: RealtyTrac
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US-Eigenheimblase ist 20 Billionen Dollar schwer
Der Tsunami der Hypothekenausfälle ist die letzte Phase der
gigantischen Immobilienblase, die der damalige Notenbankchef Alan Greenspan
2001 bewußt geschaffen hat. Diese Blase platzt nun, und das blockiert
Kreditmärkte in aller Welt – auch solche, die mit Immobilien kaum zu tun haben.
Und der Eigenheimmarkt sprüht ständig neue Funken, die jederzeit eine Explosion
des Finanzsystems zünden können.
Das gewaltige Ausmaß dieser von Greenspan geschaffenen
Eigenheimblase sowie ihre vielfältigen Querverbindungen zu den Anleihen- und
Derivatmärkten können erklären, warum sich diese Immobilien- und Geldmarktkrise
nur mit dem Ansatz des HBPA beheben läßt. Betrachten wir kurz, wie diese Blase
entstand.
Nachdem im März 2000 die IT-Blase mit dem Krach an der
Technologiebörse NASDAQ geplatzt war, pumpte Alan Greenspan als Ersatz dafür ab
Januar 2001 die Eigenheimblase auf. Dazu senkte er 13mal die Geldmarktrate der
Fed (zu der die Banken über Nacht Geld ausleihen können), bis sie im August
2003 auf 1% fiel, den tiefsten Stand seit 40 Jahren. Damit sanken plangemäß
auch die Hypothekenzinsen.
Mit dieser Strategie haben Greenspan und die Bankiers der
Wall Street und der Londoner City den Sinn und Zweck eines Eigenheims völlig
auf den Kopf gestellt. Eigentlich sollte ein Eigenheim ein erschwinglicher
Wohnraum sein, ein Ort, wo produktive und kreative Menschen heranwachsen, wo
Kinder aufgezogen und ausgebildet werden. Greenspan & Co. machten daraus
eine „hochwertige Geldanlage“, deren Marktpreis mit der Ausweitung der Blase
immer weiter stieg. Das diente einem doppelten Zweck: Erstens konnten die
Banken dank der stark überhöhten Immobilienpreise hohe Hypotheken auf Häuser
vergeben und dafür satte Vermittlungsgebühren und Zinseinnahmen kassieren.
Zweitens konnten die Hausbesitzer ihr Eigenheim quasi zum
Geldautomaten machen, indem sie auf ihre überbewerteten Häuser Hypotheken
aufnahmen und sie sich bar auszahlen ließen. 2005 ließen sich amerikanische
Eigenheimbesitzer auf diese Weise 750 Mrd. $ auszahlen. Ein großer Teil davon
floß in Konsumausgaben und stützte so die lahmende Volkswirtschaft.
Durch die niedrigen Zinsen ermöglichte es Greenspan den
Banken, enorme Summen in den Eigenheimbereich zu pumpen. Betrachten wir Tabelle
2: Von 2000 bis 2001, als Greenspan seine neue Politik einführte, sieht man
nur einen waagrechten Strich, also keinen Anstieg. Doch von 2000 bis 2006
verdoppelten Greenspan und die Banken den Umfang der Hypothekenkredite in
Amerika von 5,13 Bio. $ auf 10,36 Bio. $.
In diesem ungewöhnlichen Umfeld entstanden auch alle
möglichen exotischen Formen von Hypotheken: die minderwertigen
„Subprime-Hypotheken“ (an bonitätsschwache Kunden), „Nurzins-Hypotheken“ (auf
die man anfänglich nur Zinsen, keine Tilgung zahlt), Hypotheken mit „negativer
Amortisierung“ (wo die ersten Raten nicht einmal die Zinsen abdecken) usw.
Natürlich waren das Gauner, die solche Hypotheken an den Mann brachten, aber es
wurde von ganz oben, von Greenspan und der Wall Street bewußt gefördert, um die
Blase zu erhalten.
Das eigentlich entscheidende war jedoch, daß man aus dieser
Hypothekenblase eine weitere riesige Blase schuf: die der hypothekenbesicherten
Wertpapiere (Mortgage Backed Securities, MBS). Das lief so: Investmentbanken
wie Lehman Brothers oder Hypothekeninstitute wie Fannie Mae kauften ein Bündel
Hypotheken, sagen wir im Wert von 100 Mio.$, schnürten daraus Pakete von
MBS-Wertpapieren und verkauften diese an Versicherungen, Hedgefonds,
ausländische Zentralbanken, wohlhabende Individuen usw. Zins und Tilgung werden
den Käufern der Anleihen aus den Ratenzahlungen der Haushalte auf ihre Hypotheken
bezahlt. Abbildung 1 zeigt das Wachstum der MBS zwischen 2000 und 2006
von 3,02 Bio. $ auf 6,17 Bio. $. Man beachte, daß den MBS zwar Hypotheken
zugrunde liegen, sie aber eigenständige Wertpapiere mit eigener Zinsrate und
Risikobewertung sind. Die MBS kommen also zu den Hypotheken hinzu.
Aber das ging noch weiter. Die MBS – die eine höhere Rendite
abwerfen als eine Regierungsanleihe vergleichbarer Laufzeit – werden in
verschiedene Tranchen aufgeteilt (davon einige mit sehr hoher Rendite) und
dienen dann als Grundlage für weitere spekulative Wertpapiere: besicherte
Schuldscheine (Collateralized Debt Obligations, CDOs), kurzfristige
Schuldscheine und bestimmte Formen von Kreditderivaten. Das Schneeballsystem
wurde immer weiter vorangetrieben und setzte sich im Weltfinanzsystem fest –
mit furchtbaren Konsequenzen. Zum Abschluß nur noch zwei Beispiele dafür.
Tatsächlich fangen die Zwangsvollstreckungen jetzt erst
richtig an. Abbildung 2 zeigt, wieviel Hypotheken mit variablem Zinssatz
in bestimmten Monaten teurer werden. Nach einer anfänglich niedrigen Zinsrate
von 2-4,5% werden sie dann auf einen höheren Zins zwischen 5% und 8%
umgestellt. Dadurch steigen die monatlichen Raten für die betroffenen Haushalte
um 300, 600, 1000 oder gar 2000 Dollar, was viele in Zahlungsunfähigkeit und
Zwangsvollstreckung treiben wird. Der Höhepunkt dieser Zinserhöhungen wird erst
zwischen Januar und Juli 2008 erreicht.
Dies wird dadurch verschärft, daß die Eigenheimpreise
sinken, was unvermeidlich ist, weil die künstlich überhöhten Preise irgendwann
zurückgeschraubt werden müssen. Der „Schiller-Case-Index“ des Immobilienwerts
in 20 US-Ballungsräumen zeigt, daß die Preise im Schnitt bereits um 3,4%
gegenüber ihrem Höchststand gefallen sind. Dieser Trend wird sich verstärken.
Eine Studie von First American Core Logic vom März 2007 kam zu dem Schluß: Wenn
der durchschnittliche Eigenheimpreis um 10% fällt, werden ein Viertel der 2005
vergebenen Hypotheken und sogar 39% der 2006 vergebenen Hypotheken „kippen“ –
d.h., die Haushalte haben dann mehr Schulden, als ihr Haus wert ist. Das ist
ein entscheidender Punkt, wo es oft zur Zwangsvollstreckung nicht nur von
„minderwertigen“, sondern auch von „vollwertigen“ Hypotheken kommt.
Vergessen wir dabei nicht, daß Schulden, die mit Hypotheken
zusammenhängen, die Hälfte aller Bestände im amerikanischen Bankenwesen
ausmachen!
All das wird gewaltige Auswirkungen haben. Am Ende des
zweiten Quartals 2007 lag die Gesamtsumme der Hypothekenschulden für Ein- bis
Vierfamilienhäuser bei 10,75 Bio. $ und der MBS bei 6,54 Bio. $, also zusammen
17,29 Bio. $. Rechnet man die anderen, nicht mit MBS verbundenen Schulden und
Derivate hinzu, die die großen Hypothekenhändler Fannie Mae und Freddie Mac
halten, kommt man insgesamt auf etwa 20 Bio. $. Wenn nur ein Zwanzigstel davon
in einer Kettenreaktion infolge geplatzter Hypotheken ausfällt, reicht das
bereits aus, um das ganze amerikanische Bankensystem zum Einsturz zu bringen.
Aber die Gefahr ist noch viel größer. Greenspan hat die
Hypothekenblase und ihre Ableger mit zahlreichen wichtigen Punkten im
Weltfinanzsystems untrennbar verbunden. So hat der Ausfall der durch MBS
gedeckten Geldmarktpapiere („ABC-Papiere“) einen großen Teil des
1,9-Bio.$-Markts der kurzfristigen Handelspapiere zum Stillstand gebracht. Der
Ausfall der mit MBS verbundenen Kreditderivate könnte den 34-Bio.$-Markt der
Kreditderivate zum Einsturz bringen, und dies wiederum würde den mehr als 750 Bio.
$ schweren weltweiten Derivatmarkt ruinieren. Kurz: Das gesamte
Weltfinanzsystem würde sich in heiße Luft auflösen.
Schon jetzt sorgt die Hypotheken- und MBS-Krise für
Einbrüche in Teilen des bankrotten Weltfinanzsystems, die mit Hypotheken wenig
oder nichts zu tun haben.
Verluste der Banken
In den Geschäftsberichten der großen internationalen
Finanzinstitute zum dritten Quartal, die in den letzten beiden Wochen vorgelegt
wurden, stößt man ständig auf Abschreibungen und/oder Verluste aus minderwertigen
Hypotheken, MBS, geplatzte Firmenübernahmen etc. Am 2. Oktober gab die
Citigroup, die größte Bank Amerikas, Abschreibungen in Höhe von 5,9 Mrd. $
bekannt. Am selben Tag meldete die UBS, die größte Bank Kontinentaleuropas,
Wertberichtigungen in Höhe von 3,4 Mrd. $. Am 5. Oktober folgte Merrill Lynch
mit 5,5 Mrd. $ – usw.
Man kann davon ausgehen, daß die meisten Berichte solcher
Banken stark geschönt sind; die tatsächlichen Wertberichtigungen dürften zwei-
oder dreimal so hoch sein wie gemeldet. Was werden sie sich für das vierte
Quartal einfallen lassen?
Unterdessen vergab eine Gruppe von 40 Finanzinstituten,
meist Geschäftsbanken, auf Drängen der Federal Reserve einen Notkredit über
23,5 Mrd. $ an Countrywide, die bis vor kurzem größten Hypothekenbank Amerikas,
die heute nur noch ein Wrack ist. Keine dieser Banken hätte Countrywide auch
nur einen Cent geliehen, wenn man ihnen nicht eingeschärft hätte, daß das
Schicksal des Weltfinanzsystems von diesem Kredit abhängt. Das gleiche gilt für
den hyperinflationären 20 Mrd. Pfund-Kredit der Bank von England an die größte
britische Hypothekenbank, Northern Rock.
Den Rahmen von all dem bildet die inflationäre Politik von
Federal Reserve, Bank von England und der Europäischen Zentralbank, die im
Sommer die Druckerpresse angeworfen und seither offiziell 750 Mrd. $ in das
weltweite Bankensystem gepumpt haben, um seinen Zusammenbruch zu verhindern.
Diese „Rettungsaktionen“ führen zu einer Hyperinflation wie in der Weimarer
Republik, nur diesmal weltweit. Eine Lösung ist das natürlich nicht – die
bietet nur der Ansatz in LaRouches Gesetzentwurf: ein Moratorium auf
Zwangsvollstreckungen, Umschuldung und Vergabe neuer Kredite zu produktiven Zwecken.