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Ein Andropow-Moment für das transatlantische Establishment

von Alexander Hartmann

In seiner „Rede zur Lage der Nation“ vor der Russischen Bundesversammlung am 1. März hat Rußlands Präsident Wladimir Putin eine Reihe technologischer Neuerungen in der Ausrüstung der russischen Streitkräfte angekündigt, die für viele westliche Beobachter schockierend waren:

* Sarmat. Diese Langstreckenrakete ist dem Typ Wojewoda, den sie ablöst, weit überlegen. Sie hat über 200 Tonnen Gewicht, und mit einer kurzen Startphase und praktisch unbegrenzter Reichweite ist sie kaum abzufangen. Sie wird mit starken Atomsprengköpfen, auch solchen mit Überschallgeschwindigkeit, bestückt.

* Atomgetriebene Marschflugkörper (Cruise Missiles). Sie befinden sich noch in der Entwicklung, aber der Atomantrieb hat bei den letzten Tests die geplante Kapazität und Schubkraft erreicht. Die USA haben keine atomgetriebenen Raketen.

* Überschall-Präzisionswaffen. Mit bis zu 20facher Schallgeschwindigkeit können sie interkontinentale Ziele treffen und im Flug Kurs und Flughöhe um tausende Kilometer variieren. Putin erklärte wörtlich: „Die Verwendung neuer Materialkombinationen ermöglicht es, daß der Gleit-Block den Flug praktisch unter Bedingungen der Plasmabildung machen kann. Er fliegt zu seinem Ziel wie ein Meteorit, wie ein Feuerball.“ Und er kann Oberflächentemperaturen von 1600-2000 C° aushalten.

Waffen auf der Grundlage „neuer physikalischer Eigenschaften“. Einige dieser Lasersysteme sind in der Anfangsphase der Produktion, andere sind bereits stationiert.
Putin betonte, solche komplexen neuen Waffensysteme könne nur ein Land entwickeln, das über Spitzenforschung und -technik, ausgezeichnete Humanressourcen und industrielle Infrastruktur verfügt. Die westlichen Sanktionen hätten Rußlands entsprechende Fähigkeiten nicht lähmen können.1

Gleichzeitig bot Putin dem Westen jedoch auch einen „Olivenzweig“ an, wie der frühere russische Außenminister Igor Iwanow am 6. März schrieb, denn Rußland ist nach wie vor daran interessiert, die Spannungen abzubauen und mit dem Westen zusammenzuarbeiten.

Damit reagiert Rußland auf die Stationierung amerikanischer Raketenabwehrsysteme in Osteuropa und macht einen dicken Strich durch die Rechnung jener westlichen Strategen, die davon träumten, Rußland durch einen militärischen Überraschungsschlag so entscheidend treffen zu können, daß eine militärische Antwort Rußlands nicht mehr möglich wäre.

Westliche Experten sind über die neuen russischen Möglichkeiten schockiert. So zitierte NPR in einer Meldung den Rußlandexperten Edward Geist von der Rand Corporation: „Ich befinde mich immer noch in einer Art Schock. Ich vermute, daß sie nicht bluffen, sondern [die nuklear angetriebene Rakete] im Flug getestet haben. Es ist unfaßbar.“

Zusammengenommen mit den gewaltigen Fortschritten der chinesischen Wirtschaftsgürtel-Initiative konfrontiert diese neue strategische Lage den Westen mit der Notwendigkeit, seine gesamte Politik grundlegend zu überdenken und umzugestalten.

Das ist in der Geschichte schon mehrfach vorgekommen. Vor 70 Jahren, nach dem noch unter Franklin Roosevelt erkämpften Sieg über Hitler und dem Atombombenabwurf auf Japan, glaubte die US-Regierung unter Roosevelts Nachfolger Harry Truman, die USA seien nunmehr die „einzige Supermacht“. Dem geopolitischen Denken seines Mentors Winston Churchill folgend, schwenkte Truman auf einen rußlandfeindlichen Kurs ein und verfolgte gegenüber dem besiegten Deutschland die Strategie des Morgenthauplans: Deutschlands Industrie sollte demontiert und das Land in „eine Ziegenweide“ zurückverwandelt werden. Ein derart geschwächtes Deutschland hätte auch eine schnelle wirtschaftliche Erholung der Nachbarländer verhindert und in Europa ein dauerhaftes Vakuum geschaffen, was damals offenbar in Washington und London nicht unerwünscht war.

Stalins Bombe

Aber dann, 1949, demonstrierte Rußland plötzlich, daß es ebenfalls Kernwaffen hatte, dann folgten 1953 die russische Wasserstoffbombe und 1957 der Sputnik-Schock. Damit war Trumans strategische Rechnung vollkommen über den Haufen geworfen. Die militärtechnischen Fortschritte der Sowjetunion erzwangen eine 180-Grad-Wende der Politik des Westens. An die Stelle des Morgenthauplans trat der Marshallplan, den Deutschen wurde erlaubt, ihre Wirtschaft im berühmten Wirtschaftswunder mit Riesenschritten wieder aufzubauen, und Deutschland wurde zur wirtschaftlichen Zugmaschine Europas.

Es folgte die Zeit des militärischen Gleichgewichts zwischen NATO und Warschauer Pakt. In den fünfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahren wurden die nuklearen Streitkräfte auf beiden Seiten technologisch immer weiter hochgerüstet, bis die Reaktionszeit im Fall eines nuklearen Angriffs soweit geschrumpft war, daß die politischen und militärischen Führungen innerhalb weniger Minuten entscheiden mußten, ob der gemeldete Angriff mit einem Gegenschlag zu beantworten sei. Es entwickelte sich immer mehr die Gefahr eines „Atomkriegs aus Versehen“.

In dieser Situation machte sich US-Präsident Ronald Reagan 1983 Lyndon LaRouches Vorschlag zu eigen und schlug der sowjetischen Führung vor, gemeinsam Raketenabwehrsysteme auf der Grundlage neuer physikalischer Prinzipien zu entwickeln und in Dienst zu stellen: die sog. Strategische Verteidigungs-Initiative (SDI).

Andropows Fehler

Dieses Angebot wurde vom damaligen sowjetischen Staats- und Parteichef Andropow zurückgewiesen. Die sowjetische Führung gab zwar zu, daß diese Idee technisch machbar und militärisch vernünftig wäre, argumentierte jedoch, die USA würden dadurch langfristig einen erheblichen strategischen Vorteil erlangen, weil die amerikanische Bevölkerung gegenüber neuen Technologien viel aufgeschlossener sei als die der Sowjetunion, und Amerika deshalb auch in der Lage sei, diese Technologien viel schneller und wirksamer in die zivile Wirtschaft einzuführen, und so langfristig einen Vorsprung erreichen würde.

Das eigentliche Problem war jedoch das oligarchische Denken der sowjetischen Führung gegenüber der eigenen Bevölkerung. Sie wollte die neuen und revolutionären Technologien bewußt aus der zivilen Wirtschaft heraushalten, weil die Einführung revolutionärer Technologien das Denken der Menschen in der Sowjetunion verändert und damit eine politische Veränderung erzwungen hätte. Man wollte eine gewisse Rückständigkeit der Bevölkerung, um diese leichter regieren zu können.

Lyndon LaRouche warnte die sowjetische Führung seinerzeit, nachdem sie das Angebot der SDI zurückgewiesen hatte, ihr Regime werde innerhalb von etwa fünf Jahren zusammenbrechen, wenn sie an dieser Position festhalte, denn die Rückständigkeit der zivilen Wirtschaft wurde immer mehr zu einem existentiellen Problem für die Sowjetunion.

Der aus Andropows Politik resultierende Mangel an technologischen Fortschritten in der zivilen Wirtschaft führte wenige Jahre später tatsächlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Andropow hatte die Chance für ein Überleben des Sowjetsystems ausgeschlagen, weil er nicht bereit war, seine Politik zu ändern. Aber diese notwendige politische Veränderung hätte das Sowjetsystem grundlegend verändert - nur eine dramatische Änderung der Politik in Kooperation mit den USA hätte das Land wirtschaftlich stabilisieren können. Die Sowjetunion ging unter, und ihre Nationen wurden einer wirtschaftlichen „Schocktherapie“ unterzogen, die sie dramatisch schwächte und verheerende Folgen für die Bevölkerung hatte. Erst unter Präsident Putin faßte Rußland wieder Fuß.

In den knapp 30 Jahren seit dem Fall der Mauer hat der Westen - wiederum in der Annahme, es gebe nur noch „eine Supermacht“ - eine Politik verfolgt, die grob gesagt darauf hinauslief, den technologischen Fortschritt (außerhalb des Militärsektors) dramatisch zu drosseln, die industrielle Produktion aus den Industrienationen in Billiglohnländer zu verlagern, die Zukäufe durch Finanzspekulationen zu finanzieren und die Bevölkerung mit unproduktiven Dienstleistungen zu beschäftigen.
Die wilde Vermehrung der spekulativen Forderungen führt jedoch unvermeidlich zur Entstehung von Finanzblasen, die nur auf Kosten der physischen Wirtschaft und des Lebensstandards der Bevölkerung aufrecht erhalten werden können.

Auf diese Weise haben die westlichen Eliten der transatlantischen Welt ihr System in eine ähnliche schleichende Dauerkrise hineingewirtschaftet, wie sie zu Andropows Zeiten in der Sowjetunion herrschte. Sie kann nur durch eine Beseitigung der Spekulationsblasen und massive Investitionen zur Erneuerung der physischen Wirtschaft auf einem höheren technologischen Niveau überwunden werden. Aber solange der Westen stark genug war, die übrige Welt zur Stützung seines bankrotten Systems zu nötigen, sahen die westlichen Eliten keinen Anlaß, ihre Politik zu ändern.

Chinas Angebot

Nun bringen die gewaltigen technologischen Fortschritte Chinas und Rußlands den Westen in eine ähnliche Lage wie Andropow 1983. Chinas inzwischen schon fast fünf Jahre alte Wirtschaftsgürtel-Initiative ist ein Angebot zur Zusammenarbeit in genau diesem Sinne, aber die westlichen Eliten reagierten darauf ähnlich wie seinerzeit Andropow auf Reagans Angebot der gemeinsamen Entwicklung der SDI: mit strikter Ablehnung und militärischem Säbelrasseln. Aber dadurch nimmt sich der Westen selbst die Chance, seine marode Wirtschaft mit Hilfe chinesischen Kapitals „rundzuerneuern“.

Der Westen muß sich entscheiden: Entweder wird das bestehende westliche System durch politische Beschlüsse grundlegend reformiert und auf einen Kurs der Zusammenarbeit mit Rußland und China gebracht, die finanziellen Luftschlösser durch eine Glass-Steagall-Trennbankenreform beseitigt und die technologiefeindliche „grüne“ Politik aufgegeben - oder das transatlantische System wird nach dem Zusammenbruch der finanziellen Luftschlösser im Chaos versinken. So oder so kann es in seiner jetzigen Form ebensowenig weiterbestehen wie seinerzeit Andropows Sowjetunion.

Die Frage ist: Werden die westlichen „Eliten“ heute klüger sein als seinerzeit Andropow?

(Alexander Hartmann ist Chefredakteur der Wochenzeitung Neue Solidarität und Landesvorsitzender der BüSo in Hessen.)

 

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