Von Alexander Hartmann
Keine 24 Stunden nach dem Beginn seiner Rebellion gab Jewgeni Prigoschin, der Chef der privaten russischen Söldnerarmee Wagner-Gruppe, einer Kolonne seiner Männer, die sich mit ihren Waffen auf dem Weg von Rostow am Don nach Moskau befand, in der Nacht zum 24. Juni den Befehl zur Umkehr. Prigoschin bezeichnete die Aktion als „Marsch für Gerechtigkeit“, aber in Wirklichkeit handelte es sich um einen bewaffneten Aufstand. Prigoschins Radiodurchsage erfolgte nach Verhandlungen, die vom weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko vermittelt worden waren, der sich zuvor direkt mit Präsident Wladimir Putin über ein gemeinsames Vorgehen beraten hatte.
Die plötzliche Wendung der Ereignisse in Rußland mag ein Ende dieser Episode markieren, nicht aber ein Ende der Gefahr durch die fortgesetzte, idiotische Eskalation der Provokationen des Westens gegen eine Atommacht, was einen nuklearen Flächenbrand auslösen kann.
Das Besorgniserregendste an den Ereignissen dieses Wochenendes in Rußland ist die Reaktion des Westens darauf. Nehmen wir zum Beispiel die vor allem von britischen und amerikanischen Medien verbreitete Illusion, Präsident Putins Regierung stünde „kurz vor dem Sturz“ – während sie in Wirklichkeit durch die rasche Niederschlagung der Meuterei vom 24. Juni gestärkt wurde. Als Prigoschins Meuterei bereits entschärft wurde, hörte man aus den westlichen Hauptstädten und Medien Töne wie diese: „Mit Rußland und Putin geht es bergab! Jetzt müssen wir nachlegen!“ Am 26. Juni warb das neokonservative Hudson Institute mit einer Sonderveranstaltung in Washington dafür, die Ukraine jetzt noch besser zu bewaffnen; der Titel war „Meuterei in Rußland: Bewertung der Auswirkungen von Prigoschins Marsch auf Moskau“. Die gleiche Botschaft „Rußland liegt am Boden“ verbreiteten auch andere westliche Medien, und der Hohe Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell verkündete den versammelten EU-Außenministern am 26. Juni in Luxemburg: „Der russische Staat und Putin persönlich sind geschwächt.“ Angesichts der internen Instabilitäten und Anfälligkeit Rußlands sei man entschlossen, jetzt erst recht alles zu tun, um der Ukraine zum Sieg zu verhelfen.
Man vergleiche das mit der Realität, die sich in Bezug auf die zum Scheitern verurteilte ukrainische „Frühjahr/Sommer-Gegenoffensive“ abzuzeichnen beginnt. Wie der bekannte Journalist Seymour Hersh am 29. Juni schrieb:
„…wir wissen jetzt, daß die Revolte des chronisch labilen Prigoschin innerhalb eines Tages im Sande verlief, als er nach Weißrußland flüchtete, wo ihm keine Strafverfolgung droht, und seine Söldnerarmee in die russische Armee eingegliedert wurde. Es gab weder einen Marsch auf Moskau noch eine nennenswerte Bedrohung für Putins Herrschaft.
Bedauern Sie die Washingtoner Kolumnisten und Korrespondenten für nationale Sicherheit, die sich offenbar stark auf offizielle Hintergrundgespräche mit Beamten des Weißen Hauses und des Außenministeriums verlassen. Angesichts der veröffentlichten Ergebnisse solcher Briefings scheinen diese Beamten unfähig, die Realität der letzten Wochen oder das totale Desaster der Gegenoffensive des ukrainischen Militärs zu sehen…“
Illusionen und Gleichgültigkeit
Die moralische Gleichgültigkeit der transatlantischen Welt – ihr Mangel an jeglichem Schamgefühl – trat unter den katastrophalen Umständen der Beinahe-Tragödie der Prigoschin-Meuterei voll und ganz zutage. Die sogenannte „Achter-Bande“ – die Fraktionschefs von Demokraten und Republikanern plus ihre führenden Vertreter in den Geheimdienstausschüssen von Senat und Repräsentantenhaus, die von der Regierung über wichtige geheime Vorgänge informiert werden – war von der Regierung Biden sogar schon im Voraus über Prigoschins Pläne informiert worden. Waren sie zu dumm zu verstehen, daß wenn sie schon Tage vorher über die „Prigoschin-Option“ informiert wurden, auch die russische Regierung zumindest von der Gefahr wissen mußte? Wer hat angesichts der potentiellen thermonuklearen Bedrohung, die eine Meuterei, ein Putsch oder ein Bürgerkrieg in Rußland für die Welt bedeutet hätte, davon abgeraten, das Putin-Regime zu kontaktieren?
Man beachte die gefährliche Ironie, daß die Führung der größten NATO-Staaten, die einen Zwischenfall mit Atomwaffen befürchteten, während der Krise am 24. Juni das russische Verteidigungsministerium kontaktierten, um sich zu beruhigen, weil Verteidigungsminister Sergej Schoigu „als der zuverlässigste Gesprächspartner“ gilt, wie die italienische Zeitung La Reppublica berichtet. Und dies, während zur selben Zeit Militärexperten derselben NATO-Staaten Prigoschin und seine Söldner bejubelten, als sie versuchten, Schoigu zu stürzen!
Ist den Leuten, die so reden, klar, was sie sich wünschen – oder ist es gedankenloses Geplapper einer sogenannten „Elite“, die inmitten ihrer geopolitischen Fixierung längst den Bezug zur Realität verloren hat? Die Frage ist doch: Warum setzen sich Regierungen aus aller Welt und auch der Papst so entschieden für Verhandlungen zur Beendigung des Blutvergießens ein und fordern ein Ende der Eskalationsspirale?
„Ein Spiel mit dem Feuer“
Helga Zepp-LaRouche kommentierte diese Vorgänge in ihrem wöchentlichen Internetforum: „Das ist wirklich ein Spiel mit dem Feuer. Und natürlich kommt dies im Kontext einer Situation, in der die Gegenoffensive in der Ukraine nicht gut läuft.“ Sie verwies auf den „in bestimmten Kreisen in Rußland und anderswo sehr angesehenen“ russischen Analysten Sergej Karaganow, der vor der mangelnden Angst der westlichen Entscheidungsträger vor einem Atomkrieg gewarnt und den Vorschlag gemacht hat, daß Rußland „irgendwo präventiv eine Atomwaffe gegen Westeuropa einsetzen sollte, vermutlich als Warnschuß, damit die Menschen den Schrecken der Atomwaffen wieder ernst nehmen“. Sein Vorschlag sei zwar von einigen anderen Analysten derselben Institution in Rußland sofort zurückgewiesen worden, „aber das zeigt, daß wir möglicherweise einen Punkt erreicht haben, an dem es kein Zurück mehr gibt“.
Auch der Leiter der Carnegie-Stiftung in Moskau, Dmitrij Trenin, habe einen sehr interessanten Artikel zu diesem Thema veröffentlicht. Trenin wies zwar die Idee zurück, Atomwaffen zur Abschreckung real einzusetzen, stimmte mit Karaganow jedoch dahingehend überein, „daß die westlichen Eliten aufgrund der jahrzehntelangen Propaganda, die sie offensichtlich inzwischen selbst glauben, die Angst vor Atomwaffen, die zum Armageddon führen, verloren haben, und daß dies extrem gefährlich ist… Um eine allgemeine Katastrophe zu verhindern, muß man die Angst vor dem Armageddon wieder in die Politik und in das öffentliche Bewußtsein hineinbringen. Im Atomzeitalter ist das die einzige Garantie für den Fortbestand der Menschheit.“
Zepp-LaRouche betonte, daß die Gefahr besonders groß wird, „wenn der Punkt erreicht ist, an dem Rußland in der Ukraine konventionell nicht besiegt werden kann. Dann ist die Versuchung groß, es irgendwie auf eine andere Ebene zu bringen.“
Sie verwies in ihrem Internetforum auf den Vorschlag des britischen Royal United Services Institute (RUSI) – einer Denkfabrik, die seit Jahrhunderten eng mit der britischen Monarchie verbunden ist –, eine „Kubakrise auf Steroiden“ zu provozieren, indem man die Ukraine ermutigt, die Krim zurückzuerobern, um Rußland vor die Wahl zwischen der Kapitulation und einem Atomkrieg zu stellen. „Das ist ein Spiel mit dem Weltuntergang! Das ist völlig irrsinnig“, kommentierte Zepp-LaRouche. „Ich denke, das ist das allgemeine Umfeld, in dem sich dieser ganze Krieg abspielt. Das ist also extrem gefährlich, und ich denke, es zeigt, daß wir unbedingt umdenken müssen, denn wir stehen am Rande eines Atomkriegs. Und wenn die Menschen wirklich wüßten, wie nah wir dran sind, würden sie wirklich massenhaft auf die Straße gehen.“
Doch trotz alledem sei die Lage nicht hoffnungslos. Es sei wichtig zu verstehen, „daß der Grund, warum diese Kriegsgefahr so akut wird, auch darin liegt, daß ein völlig neues System entsteht… Das neue Paradigma, für das die BRICS-Länder und viele Länder des Globalen Südens stehen, bewegt sich auf eine neue Weltwirtschaftsordnung, ein neues Finanzsystem und eine neue Währung zu.“
Auch in den Vereinigten Staaten habe sich die Situation geändert: „Auf republikanischer Seite gibt es jetzt Donald Trump, der trotz all seiner juristischen Probleme und anderer Schwierigkeiten gegen den Krieg ist und möglicherweise eine Stimme auf republikanischer Seite ist, um ihn zu beenden – er hat das wiederholt versprochen. Und auf der Seite der Demokraten gibt es mit der Rede von Robert Kennedy Junior in New Hampshire, der den Geist seines Onkels in der Rede an der American University beschwor, einen Friedenskandidaten auf der Seite der Demokraten. Und dann gibt es natürlich noch das breite politische Spektrum der Unabhängigen und anderer politischer Parteien, die in viel größerem Umfang auftauchen, als es früher in den Vereinigten Staaten möglich war…
Ich stimme zu, daß die nächsten anderthalb Jahre bis zu den Wahlen in den USA wahrscheinlich die gefährlichste Zeit in der Geschichte der Menschheit sein werden: Aber es ist nicht hoffnungslos! Es gibt vernünftige Menschen in Führungspositionen, in vielen Regierungen, es gibt Staatschefs im Globalen Süden, die wirklich zeigen, daß sie Führungsqualitäten haben. Wir befinden uns also nicht in einer hoffnungslosen Situation, in der die ganze Welt in den Händen von rücksichtslosen politischen Führern liegt. Aber wir brauchen eine viel, viel stärkere Mobilisierung der Bevölkerung!“
Hier können Sie sich Material für die Mobilisierung bestellen: https://www.bueso.de/krieg-frieden-neue-bueso-broschuere-erschienen
Link zur Internationalen Friedenskoalition