Atomausstieg: Ein Industriezweig mit hoher Wertschöpfung geht verloren

17.08.2009
Atomausstieg: Ein Industriezweig mit hoher Wertschöpfung geht verloren admin 17.08.2009

    Interview. Prof. em. Dr. Hubertus Nickel
    hatte einen Lehrstuhl an der RWTH Aachen inne und war Direktor
    des Institutes für Werkstoffe der Energietechnik im
    Forschungszentrum Jülich. Er war viele Jahre als Mitglied in der
    Reaktor-Sicherheitskommission der Bundesregierung tätig, bis
    diese kurz vor Weihnachten von Bundesumweltminister Trittin
    aufgelöst wurde. Die Fragen stellte Karl-Michael Vitt,
    Landesvorsitzender der Bürgerrechtsbewegung Solidarität in
    Nordrhein-Westfalen.

    Welche Auswirkungen wird die Atomausstiegspolitik der
    rot-grünen Regierung für Deutschland haben?

Prof. Nickel: Die Forderungen des Bundesumweltministers
und der Inhalt der vorgelegten Novelle zur Änderung des
Atomgesetzes einerseits und das vom Bundeskanzler und den
Stromerzeugern übermittelte Ergebnis des ersten
Konsensgespräches andererseits sowie Aussagen des
Bundeswirtschaftsministers sind nicht deckungsgleich. Ihre
Frage läßt sich daher nicht klar beantworten.

Unumstritten dürfte das klare Ziel der Bundesregierung sein, den
Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie festzuschreiben und
die bisher in Verträgen vereinbarte Wiederaufarbeitung der
abgebrannten Brennelemente im französischen Cape la Hague (Fa.
COGEMA) bzw. im britischen Sellafield (Fa. BNFL-British Nuclear
Fuel Limited) zu beenden. Als "Entsorgungsnachweis" für die
Kernkraftwerksbetreiber würde nach dem Verbot der
Wiederaufarbeitung die direkte Endlagerung abgebrannter
Brennelemente dienen. Die Beteiligten der
Energieversorgungsunternehmen am Konsensgespräch akzeptierten –
wegen des Primats der Politik – die geforderte Beendigung der
Wiederaufarbeitung und direkte Endlagerung unter der Bedingung,
daß man sich bei den kommenden Verhandlungen über den Zeitrahmen
der Beendigung der Wiederaufarbeitung und über akzeptable
Laufzeiten der in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke einigt.

Erwogen werden von der neuen Regierung bekanntlich zwei
Ausstiegsstrategien: nämlich einerseits eine
"vollzugsorientierte", die auf Erschwerung des Anlagenbetriebs
gerichtet ist, und andererseits eine "legislative", die für die
bestehenden Anlagen Lauffristen festsetzt. Wie sich aus dem
Ergebnis des ersten Konsensgespräches ergibt, scheint man
vorrangig den zweiten Weg gehen zu wollen.

Fest steht, daß es bei einem schnellen Ausstieg erstens zu
Schadenersatzforderungen kommen wird – wegen der beachtlichen
Kapitalvernichtung allein bei den Kernkraftwerken in
dreistelliger Milliardenhöhe. Zweitens wird die Verläßlichkeit
als Vertragspartner infrage gestellt, sowohl auf der
internationalen Ebene zwischen der Bundesrepublik und den
Partnerländern im Nuklearbereich Frankreich und Großbritannien
als auch auf der Ebene der Elektrischen Versorgungsunternehmen
gegenüber ihren Stromkunden sowie der deutschen Industrie im
Bereich der Kerntechnik gegenüber ihren internationalen
Kunden und Partnern.

Aber auch beim langsamen Ausstieg ist unbestritten, daß in
diesem Falle ein wettbewerbsfähiger Industriezweig mit hoher
Wertschöpfung verloren geht. Zweitens wird ein beachtlicher
Verlust an hochwertigen Arbeitsplätzen zu verzeichnen sein. Das
bezieht sich sowohl auf die Herstellerindustrie als auch auf
die EVUs. Drittens dürfte die von Deutschland übernommene
Verpflichtung zur CO[sub]2[/sub]-Reduzierung kaum zu erreichen sein.

 

    Ein Kernstück der neuen Bonner Atompolitik betrifft den
    Umgang mit den abgebrannten Brennelementen. Können Sie das
    erläutern?

Prof. Nickel: Die abgebrannten Brennelemente müssen aus
Gründen des radioaktiven Zerfalls von Spaltprodukten für
einige Jahrzehnte zwischengelagert werden, bevor sie endgelagert
werden können. Die Lagerung kann gefährdungsfrei in den sog.
Castor-Behältern erfolgen. Auch steht mit den Zwischenlagern in
Ahaus und Gorleben genügend Lagerkapazität zur Verfügung.

Die Bundesregierung will jedoch diese Zwischenlager für die
abgebrannten Brennelemente nicht zur Verfügung stellen, um
zukünftige Castor-Transporte von den Kraftwerksstandorten nach
Ahaus bzw. Gorleben zu vermeiden. Sie fordert dafür von den
Betreibern, am Standort entsprechende Lagerkapazitäten zu
errichten. Weil sich das binnen Jahresfrist aufgrund technischer
Fakten nicht realisieren läßt, ist auch der vom
Bundesumweltminister vorgegebene Termin zur Beendigung der
Wiederaufarbeitung in Cape la Hague bzw. Sellafield obsolet. Zur
Frage der kurzfristigen Kündigung der zwischen den EVUs und den
Wiederaufarbeitungsunternehmen in Frankreich und Großbritannien
abgeschlossenen mittel- bzw. langfristigen Verträge und
möglicher finanzieller Forderungen der ausländischen Unternehmen
oder des entstandenen politischen Schadens kann ich wegen
mangelnder Kenntnis der Fakten naturgemäß nicht Stellung
nehmen.

Zur Frage der Endlager in Deutschland ist festzustellen, daß
die jetzige deutsche Bundesregierung das bisher vorgesehene
Endlager Konrad für Abfälle mit vernachlässigbarer
Wärmeerzeugung (95% des Abfallvolumens und nur 1% der
Radioaktivität) sowie die bis vor kurzem in Betrieb
befindliche Lagerstätte Morsleben nicht weiterverfolgen wird.
Die bisher für wärmeerzeugende Abfälle (5% des Abfallvolumens
mit 99% der Radioaktivität) erkundete und durch umfangreiche
Untersuchungen als eignungshöffig (ein Fachausdruck aus dem
Bergbau, Anm. d. Red.) erkannte Salz-Endlagerstätte Gorleben
wird vorerst nicht weiter untersucht. Auch hier führt die
Atomausstiegspolitik der Bundesregierung in eine Sackgasse, weil
ohne die Schaffung von Endlagerkapazität der gesamte nukleare
Abfall kommenden Generationen überantwortet wird.

Mit der Aussage, man werde weitere Lagerstätten erkunden, –
nachdem allein in Gorleben bisher mehr als 2 Milliarden DM für
das Erkundungsprogramm investiert wurden und als Ergebnis, wie
gesagt, die eindeutige Eignungshöffigkeit des Salzstockes
festgestellt wurde – wird der Aufgabenkomplex nur vor sich
hergeschoben.

Hinzu kommt das Problem, daß aufgrund internationaler Verträge
der gesamte in Frankreich und Großbritannien befindliche
hochaktive Abfall in Form von Glasblöcken bzw. die nicht mehr
aufgearbeiteten Brennelemente kurzfristig in die
Bundesrepublik Deutschland zurückgeführt und hier zwischen-
sowie danach endgelagert werden müssen.

 

    Kürzlich erklärte der neue Bundesumweltminister Jürgen
    Trittin in einem Zeitungsinterview: "Wir haben nach wie vor
    Überkapazitäten, die die Leistung der am Netz befindlichen
    Atomkraftwerke insgesamt weit übersteigen." Daher könne man
    Kernkraftwerke unbeschränkt abschalten, "ohne ein echtes
    Problem zu bekommen". Was sagen Sie dazu?

Prof. Nickel: Eine derartige Behauptung verkennt, daß für
die Menge des erzeugten Stromes Leistung nicht gleich der
abgebbaren Leistung ist, sondern von der möglichen Nutzungsdauer
unter Berücksichtigung der Spitzenbelastung der Kraftwerke
abhängt. Bei Kernkraftwerken kann sie fast 8000 Stunden pro
Jahr betragen, für Sonnen- bzw. Windkraftwerke aber nur 1000
bzw. 2000 Stunden pro Jahr. Allein in bezug auf die mittlere
notwendige Leistung bedeutet das: Für die gleiche Menge Strom
aus Wind- oder Sonnenenergie müßte man die vier- bzw.
achtfache Leistung installieren, um die Kernenergie zu
ersetzen. Dazu kommt natürlich das Problem, daß von diesen
regenerativen Stromerzeugern natürlich nicht erwartet werden
kann, daß sie eine notwendige Leistung dann erbringen, wenn sie
benötigt wird.

Die 19 Kernkraftwerke in Deutschland erzeugen mit einer
Gesamtleistung von 22000 MW[sub]el[/sub] 36% des gesamten
Stroms. Wollte man 22000 MW[sub]el[/sub] in Form von Windkraft
oder Sonnenenergie installieren, so erforderte dies eine
Fläche von etwa 2000 km[sup]2[/sup] für Solaranlagen (dies entspricht
vier Fünfteln der Fläche des Saarlandes) bzw. etwa 180000
Windkraftwerke à 500 KW.

Die derzeit vorhandene Überkapazität wird mit etwa 10000
MW[sub]el[/sub] angegeben, rechnet man alte, wegen Umweltbelastung
abgeschaltete konventionelle Kraftwerke nicht mit ein. Für eine
sichere Stromversorgung ist die Vorhaltung solcher
Reserveleistung unbedingt erforderlich. Die Aussage von Herrn
Trittin ist deshalb für mich nicht nachvollziehbar.

 

    Was bedeutet die Auflösung der
    Reaktor-Sicherheitskommission?

Prof. Nickel: Zunächst ein Wort zu den Fakten: Mit
Schreiben vom 21.12.1998 des Herrn Staatssekretärs Rainer Baake
vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und
Reaktorsicherheit (BMU) wurde allen ehemaligen Mitgliedern der
Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) mitgeteilt, daß die RSK mit
sofortiger Wirkung aufgelöst wird und mit Datum des 22.12.1998
eine neue Satzung der Reaktor-Sicherheitskommission in Kraft
tritt. Danach wird die neue Reaktor-Sicherheitskommission nur
noch zwölf Mitglieder verschiedener Fachrichtungen enthalten.
Sie soll die in der Fachwelt vertretenen unterschiedlichen
Auffassungen ausgewogener repräsentieren, als dies bisher der
Fall gewesen sei. Auch sollen die Entscheidungen der RSK
transparenter und deren Nachvollziehbarkeit stark verbessert
werden.

Mein Kommentar zu den Ausführungen von Herrn Baake ist:
Grundsätzlich ist gegen eine Neubesetzung eines
Beratungsgremiums wie der RSK nichts einzuwenden. Schlechter
Stil ist es jedoch, wenn die Beteiligten solche grundsätzlichen
Entscheidungen zunächst aus den Medien erfahren. Vor allem darf
bei einer Neuberufung nicht die Einstellung zur Kernenergie
über die Fachkompetenz gestellt werden.

Die Reaktor-Sicherheitskommission wurde als unabhängige
Kommission vor 40 Jahren von der damaligen Bundesregierung
gegründet. Seither hat die RSK alle Bundesregierungen in
sicherheitsrelevanten Fragen zur friedlichen Nutzung der
Kernenergie beraten und durch ihre Empfehlungen
sicherheitsgerichtete Entscheidungshilfen für die Behörden
gegeben. Die Kommission fühlte sich in ihrer Tätigkeit
ausschließlich der Sicherheit aller kerntechnischen Anlagen –
sowohl der Reaktoranlagen als auch der des Brennstoffkreislaufs
einschließlich des Transports sowie der Zwischen- und Endlager
für den nuklearen Abfall in unserem Lande – verpflichtet.
Entscheidendes Kriterium für die Berufung ihrer Mitglieder war
Fachkompetenz, und nicht die Einstellung zur Kernenergie.

Heute wird u.a. auf den hohen Sicherheitsstandard deutscher
Kernkraftwerke hingewiesen, und die im internationalen
Vergleich hohe Verfügbarkeit der Anlagen bestätigt diese
Aussage. Es ist nicht zuletzt auf das stete Bemühen von
Betreibern, Systemherstellern, Gutachterorganisationen und
Behörden und deren meist von Vernunft geprägtes Zusammenspiel
zurückzuführen, daß dieser erforderliche hohe
Sicherheitsstandard erhalten und stets weiterentwickelt wurde.
Die Reaktor-Sicherheitskommission hat seit Beginn ihrer
Tätigkeit durch die Erarbeitung grundsätzlicher
Sicherheitsanforderungen u.a. in Form von Leitlinien, durch
zusammenfassende sicherheitstechnische Bewertungen, durch
Einzelbeurteilung von Systemen sowie die Weiterentwicklung der
Sicherheitstechnik einen entscheidenden Anteil am heutigen
Sicherheitsstandard deutscher kerntechnischer Anlagen.

Nicht zuletzt war dabei auch stets der intensive
Erfahrungsaustausch der RSK mit ihren ausländischen
Schwesterorganisationen in USA, Frankreich, Japan und der
Schweiz im Bereich der Sicherheitstechnik nuklearer Anlagen von
Bedeutung. Als Beispiel soll hier auf die enge Kooperation der
RSK mit ihrer französischen Schwesterorganisation, der
Groupe Permanent Chargé des Réacteurs Nucléaires (GPR), im
Zusammenhang mit der Entwicklung des European Pressurized Water
Reactor (EPR) hingewiesen werden. Beide Kommissionen haben sich
über eine Reihe von Jahren gemeinsam im Rahmen eines
standortunabhängigen Prüfverfahrens sehr erfolgreich mit der
sicherheitstechnischen Genehmigungsfähigkeit dieses
internationalen Reaktorkonzeptes befaßt.

Eine erfolgreiche Fortführung solcher Kooperationen mit den
ausländischen Kommissionen wird es mit einer neuen RSK nicht
geben, falls diese sich streng an die Atomausstiegspolitik der
Bundesregierung zu halten hat.

Das erreichte Sicherheitsniveau in unserem Lande sowie der
deutsche Einfluß auf die Reaktorsicherheit im Ausland wird durch
die bekannt gewordenen politischen Vorstellungen des BMU
gefährdet. Auch das fachliche Gewicht der
Reaktor-Sicherheitskommission würde deutlich geschwächt, falls
der Bundesumweltminister bei der Berufung der neuen RSK wirklich
die Pluralität der Einstellungen zur Kernenergie über die
fachliche Kompetenz stellen sollte.

 

    Sehen Sie einen Unterschied in der Haltung der
    energieerzeugenden Firmen zur Kerntechnologie heute,
    verglichen mit der Einstellung vor 30 Jahren?

Prof. Nickel: Eindeutig ja. Ende der 60er und Anfang der
70er Jahre war die Diskussion um die Energiekrise voll im Gange.
In sämtlichen Bereichen der Gesellschaft in unserem Lande,
unabhängig davon, ob man die Wissenschaft, die Industrie, die
Politik oder den "Mann auf der Straße" betrachtet, herrschte
bekanntlich eine positive Grundstimmung zu neuen technischen
Entwicklungen im allgemeinen und zur damals neuen
Energieerzeugung aus Kernkraft im besonderen. Die Forderung nach
einer sicheren und wegen des "Ölschocks" vom Ausland weitgehend
unabhängigen Energieversorgung stand im Vordergrund. Es
entstanden weltweit nicht nur neue Industrien und
Kraftwerksbereiche, die sich mit der Entwicklung und Errichtung
von Kernkraftwerken und deren Betrieb befaßten, auch in den
meisten Technischen Fakultäten an den Universitäten unseres
Landes und in Großforschungseinrichtungen entstanden Strukturen,
die sich intensiv in Forschung und Lehre mit der friedlichen
Nutzung der Kernenergie befaßten.

Fast alle heute in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke wurden
von der damaligen Regierung der sozial-liberalen Koalition in
Betrieb genommen oder deren Bau genehmigt sowie die politischen
Entscheidungen für das Schließen des Brennstoffkreislaufs
einschließlich der Errichtung von Endlagern getroffen.

Eine entscheidende Änderung in der allgemeinen Einstellung zur
Kerntechnik in unserem Lande begann bekanntlich mit dem
Reaktorunfall in Three Mile Island im amerikanischen Harrisburg
1979, und vor allem mit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl in
der damaligen Sowjetunion im Jahre 1986. Diese Fakten haben in
zunehmendem Maße auch im politischen Bereich – abhängig von der
Parteienlandschaft in Kommunen, Landesregierungen und heute in
der Bundesregierung – ein Klima geschaffen, das es den
Betreibern kerntechnischer Einrichtungen im allgemeinen und
Kernkraftwerken im besonderen erschwert, ihre Anlagen nur
aufgrund sicherheitstechnischer und kommerzieller Anforderungen
zu betreiben.

Hinzu kommt, daß heute wegen der billigen Energie, der
Liberalisierung des Strommarktes und nicht zuletzt wegen einer
noch nicht erkennbaren klaren langfristigen Energiepolitik der
Bundesregierung die Bereitschaft der stromerzeugenden Industrie
zur langfristigen Kapitalbindung im Kraftwerksbereich in unserem
Lande deutlich sinkt.

 

    Sie besuchten jüngst China und Indien. Viele Ihrer
    Studenten nehmen dort inzwischen leitende Funktionen in der
    Wissenschaft und im Energiebereich ein. Was denken diese
    Wissenschaftler über die Energiediskussion in Deutschland?

Prof. Nickel: Zunächst ein Wort zu China, das ich während
des letzten Jahrzehnts wiederholt besucht habe. Das Ziel war vor
allem die renommierte Tsinghua-Universität in Beijing mit ihrem
Institute of Nuclear Energy Technology (INET), wo ich seit 1992
eine Gastprofessur innehabe, um Vorlesungen zu halten. Daneben
habe ich im Rahmen von Einladungen naturgemäß auch eine Reihe
von Universitäten in verschiedenen Städten und mehrere
Forschungseinrichtungen besucht, Vorträge gehalten und
intensive Diskussionen über Energieerzeugung, Entwicklung der
Kernenergie und die Umweltsituation geführt.

Die derzeit in China installierte Gesamtleistung beträgt etwa
250 GW[sub]el[/sub] für 1,25 Milliarden Menschen, davon stammen 70%
aus kohlegefeuerten Anlagen und knapp 30% aus Wasserkraftwerken.
Die Kernenergie ist derzeit mit nur 1,3% an der
Elektrizitätserzeugung beteiligt. Es existieren aber
umfangreiche Programme zum Ausbau der nuklearen
Kraftwerkstechnik, u.a. mit Frankreich und Rußland. Neben der
Entwicklung und dem Bau von Leicht- und Schwerwasserreaktoren
gibt es beachtliche Anstrengungen zur Entwicklung eines
Schnellen Brutreaktors und des heliumgekühlten
Hochtemperaturreaktors (HTR) nach dem deutschen
Kugelhaufenreaktortyp. Ein 10 MW[sub]th[/sub]-HTR-Modul-Testreaktor
befindet sich bei der Tsinghua-Universität im Bau.
Akzeptanzprobleme gibt es derzeit in China nicht, obwohl nach
Aussage einiger Experten an den vorgesehenen nuklearen
Standorten wegen der inzwischen liberaleren Politik die
Thematik offen diskutiert wird.

Der Gesamtenergieverbrauch pro Kopf liegt in China bei etwa
1tSKE/a, d.h. einer Tonne Steinkohleneinheiten pro Jahr, in
Deutschland sind es bekanntlich etwa 6tSKE/a. Bei einem
Wachstum des Bruttosozialprodukts 1997 von 8,8%, bei einer
Inflationsrate von nur 2,8%, unternimmt man in China große
Anstrengungen, um den immensen Energiebedarf zu decken. Das
Thema Umwelt spielt dabei naturgemäß nicht die primäre Rolle.

Die chinesischen Kollegen können die Diskussion zum Thema
Beendigung der Kernenergienutzung in Deutschland nicht
nachvollziehen. Vor allem weisen sie immer wieder auf den hohen
Sicherheitsstandard der Kernkraftwerke in Deutschland hin.
Kommentar ist, weil man die politische Situation nicht
beurteilen kann: Deutschland ist zu reich!

Die Antwort der indischen Wissenschaftler ist ähnlich. Mit
einigen indischen Forschungseinrichtungen und Instituten habe
ich über mehr als 20 Jahre eine enge wissenschaftliche
Zusammenarbeit mit Personalaustausch gepflegt. Ich wurde
deshalb kürzlich von der Indian National Academy of Engineering
als erster deutscher Wissenschaftler zum "Foreign Fellow"
berufen.

Auch in Indien spielt die Entwicklung der Energietechnik im
allgemeinen und der Kerntechnik im besonderen eine beachtliche
Rolle. Das Land verfügt derzeit bei einer Bevölkerungszahl
von etwa 950 Millionen Menschen nur über eine installierte
elektrische Gesamtleistung von etwa 90 GW, das entspricht einem
Pro-Kopf-Verbrauch von weniger als 1tSKE/a. Es ist geplant, eine
Zubaurate an Kraftwerkskapazität (vor allem auf Kohlebasis) von
10 GW[sub]el[/sub] pro Jahr zu realisieren. Indien verfügt heute in
zehn nuklearen Blöcken, vor allem vom schwerwassermoderierten
CANDU-Typ, über eine installierte Kernkraftwerkskapazität von
1700 MW[sub]el[/sub], das entspricht etwa 2,3% bei der
Stromerzeugung. Es existiert nicht nur ein umfangreiches
Forschungs- und Entwicklungsprogramm zum Ausbau der
schwerwassermoderierten Reaktoren, sondern auch in Kooperation
mit Rußland der Leichtwasserreaktoren und der indischen
Schnellen-Brutreaktor-Technologie.

 

    Ist die Deregulierung des europäischen Energiesektors
    sinnvoll?

Prof. Nickel: Die Liberalisierung der Strommärkte in
Europa ist eine Realität. In Deutschland gilt seit Februar 1997
die "Binnenmarktrichtlinie Elektrizität", d.h. es gibt in
unserem Lande keine abgegrenzten Versorgungsgebiete mehr. Der
Stromhandel kann im Prinzip durch Händler, auch aus dem Ausland,
erfolgen. Die Folge ist aufgrund eines Marktdruckes auf die
einzelnen Elektrischen Versorgungsunternehmen (EVU) ein harter
Preiswettbewerb und dadurch auch z.T. ein Preisverfall. Das ist
für den Kunden sicher eine positive Nachricht. Partielle
Überkapazitäten und die Stromerzeugung in modernen
Kombi-Gas/Dampf-Kraftwerken auf Erdgasbasis setzen hier neue
Maßstäbe im Preis. Man darf bei dieser Entwicklung wegen der
Versorgungssicherheit natürlich nicht die Abhängigkeit vom
Erdgaslieferland in Richtung Preismonopol und Lieferkapazität
vergessen.

Es ist deshalb eine wichtige Forderung der EVUs, den bisherigen
Strommix (erzeugt in Braun- und Steinkohle- und nun partiell
Erdgas-gefeuerten Kraftwerken sowie in Kernkraftwerken) aus
Gründen der Versorgungssicherheit und kalkulierbarer
Stromerzeugungskosten weitgehend beizubehalten.

Ein totales Wegbrechen der mit etwa einem Drittel an der
heimischen Stromerzeugung beteiligten Kernkraftwerke aufgrund
deren Stillegung hätte wegen der vergleichsweise günstigen
Stromerzeugungskosten und, wie bereits bemerkt, wegen deren
CO[sub]2[/sub]-freier Stromproduktion beachtliche negative Folgen
für unser Land.

Daß sich mit Hilfe neuer Kernkraftwerke auch günstige
Stromkosten erzielen lassen, machen Aussagen zum EPR in
Frankreich deutlich, so daß man bei unseren Nachbarn ernstlich
daran denkt, ein solches Kernkraftwerk zu errichten.

Natürlich könnten aufgrund der Liberalisierung der Strommärkte
einige Nachbarländer in verstärktem Maße den deutschen
Elektrizitätsbedarf u.a. mit Hilfe ihrer Kernkraftwerke (die
nicht unbedingt deutschem Sicherheitsniveau entsprechen müssen)
und zu ihren Lieferbedingungen decken.

 

    Was bedeutet der endgültige Ausstieg aus der
    Nukleartechnologie für die deutsche Wissenschaft?

Prof. Nickel: Natürlich hat die Entscheidung der
Bundesregierung einen drastischen negativen Einfluß auf die
gesamte Forschungslandschaft im Bereich der Kerntechnik, und
zwar bei der Grundlagenforschung wie bei der Angewandten
Forschung. Das betrifft die deutschen Universitäten und die
nationalen Forschungseinrichtungen bis hin zu industriellen
Forschungsgruppen und führt zum Verlust der internationalen
Kooperationen.

So hat die bisherige Politik einzelner Bundesländer bereits zu
einer drastischen Reduzierung von Lehrstühlen an den deutschen
Hochschulen, meist durch Umwidmung bzw. Nichtwiederbesetzung,
geführt, die sich u.a. schwerpunktmäßig mit der Ausbildung
junger Wissenschaftler und Ingenieure im Bereich der
Kerntechnik befaßten. Die allgemeine Diskussion in unserer
Gesellschaft mit oft negativer Grundstimmung in der Politik
sowie in den Medien über die Kerntechnik hat naturgemäß im
Vergleich zu früheren Jahren zur Verunsicherung junger Menschen
und damit auch zu einem drastischen Rückgang der Studentenzahlen
in diesem Fachgebiet geführt.

Besonders negativ wirkt sich natürlich auch die Reduzierung der
Projektfinanzierung an den Universitäten bzw.
Forschungseinrichtungen aus. So würde z.B. eine Beendigung der
Drittmittel-Finanzierung im Bereich der nuklearen
Sicherheitsforschung durch die öffentlichen Hände oder durch
Auftragsforschung im Rahmen internationaler Projekte zu einem
mittelfristigen, nicht hinnehmbaren Wissensverlust führen. Ein
solcher Know-how-Verlust ist auch bei der Atomausstiegspolitik
der Bundesregierung wegen der zum Teil noch mittel- bzw.
langfristigen Betriebszeiten bei Kernkraftwerken oder bei den
erforderlichen Atom-Transporteinrichtungen und nuklearen
Lagerstätten wegen möglicher Risiken von der Gesellschaft nicht
tolerierbar bzw. akzeptierbar.

Zusammenfassend muß deshalb noch einmal klar festgestellt
werden, daß der Ausstieg aus der Nukleartechnologie die auch
während der Restlaufzeit der Kerntechnischen Anlagen dringend
erforderliche Fachkompetenz gefährdet.

 

    Der HTR, ein Kind des Forschungszentrums in Jülich, wird in
    aller Welt gepriesen. Wird dieser inhärent sichere Reaktortyp in
    Deutschland jemals wieder einen Platz bekommen?

Prof. Nickel: Persönlich habe ich mit meinen Mitarbeitern
im Rahmen der Werkstoff- und Brennelement-Entwicklung mehr als
20 Jahre erfolgreich an diesem inhärent sicheren heliumgekühlten
Hochtemperaturreaktor mitgearbeitet und die Ende der 80er Jahre
beschlossene Beendigung dieser Entwicklung zutiefst bedauert.
Ich spekuliere nicht und sage deshalb: Zumindest mittelfristig
gibt es in Deutschland für den HTR keine Realisierungschance.
Wie ich die Atomausstiegspolitik der Bundesregierung verstehe,
ist die Entwicklung aller Reaktortypen auszuschließen.

Im internationalen Bereich wird wegen der geschilderten
Eigenschaften die Entwicklung des Hochtemperaturreaktor-Typs
aktiv in folgenden Ländern betrieben:

 

  • In Japan wurde kürzlich ein 30MW[sub]th[/sub]-HTR-Modul-Testreaktor
    für Heliumtemperaturen von 950°C in Betrieb genommen. Außerdem
    werden fortgeschrittene Brennstoffe entwickelt, ein Ringcore
    konzipiert sowie das Konzept der Kopplung einer 10
    MW[sub]th[/sub]-Gasturbine mit dem HTR erarbeitet.

     

  • Den Bau eines HTR-Testreaktors in China habe ich bereits
    erwähnt. In China rechnet man mit der Kritikalität des von INET
    (Institute Nuclear Energy Technology) der
    Tsinghua-Universität/Beijing entwickelten 10
    MW[sub]th[/sub]-Modul-Testreaktors mit kugelförmigen
    Brennelementen, weitgehend nach deutschem Konzept, im Jahre
    2000.

     

  • Große Anstrengungen zur Entwicklung und zum Bau von
    HTR-Anlagen unternimmt man derzeit in der Südafrikanischen
    Union. Beim südafrikanischen EVU ESCOM befaßt man sich mit
    dem früheren deutschen Modulkonzept der Firma HRB. Dabei soll
    ein solcher Kugelhaufen-Modul von mehr als 100 MW[sub]el[/sub] aus
    Wirtschaftlichkeitsgründen mit einer Gasturbine gekoppelt
    werden.

     

  • In Rußland bemüht man sich zum einen, das HTR-Know-how zu
    erhalten; zum anderen gibt es ein russisch-amerikanisches
    Projekt zur Entwicklung einer HTR-Modulanlage, wobei der HTR
    eventuell zum Abbau waffenfähigen Plutoniums eingesetzt werden
    soll. Jedenfalls wurden 1995 entsprechende Verträge zwischen der
    amerikanischen Firma General Atomics und dem russischen
    Atomenergieministerium (MINATOM) vereinbart.

Neue Solidarität Nr. 6/1999

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