Von Alexander Hartmann
Im Jahr 1969 hatte Henry Kissinger einen aufschlußreichen Austausch mit dem damaligen chilenischen Außenminister Gabriel Valdes, wie Valdes selbst überliefert hat. Bei einem offiziellen Besuch in Washington hielt Valdes eine Rede, in der er die Außenpolitik der USA vorsichtig kritisierte. Kissinger, damals Nationaler Sicherheitsberater unter Präsident Richard Nixon, beschimpfte Valdes: „Herr Minister, Sie haben eine seltsame Rede gehalten. Sie kommen hierher und sprechen von Lateinamerika, aber das ist unwichtig. Aus dem Süden kann nichts Wichtiges kommen. Im Süden wurde noch nie Geschichte geschrieben. Die Achse der Geschichte beginnt in Moskau, verläuft weiter nach Bonn, weiter nach Washington und dann nach Tokio. Was im Süden passiert, ist unwichtig. Sie vergeuden Ihre Zeit.“ Valdes erwiderte: „Herr Kissinger, Sie wissen nichts über den Süden“, worauf der stets arrogante Kissinger antwortete: „Nein, und es interessiert mich auch nicht.“
Dieser vielsagende Austausch zeigt beispielhaft die Arroganz des anglo-amerikanischen Establishments, und er erklärt die Reaktionen seiner heutigen Vertreter angesichts der tektonischen strategischen Verschiebung, die der BRICS-Gipfel vom 22. bis 24. August signalisiert hat. Dort hat der Globale Süden – oder besser gesagt die Globale Mehrheit – tatsächlich Geschichte geschrieben, und die politischen Erben von Kissinger und Brzezinski im westlichen Establishment erweisen sich als absolut unfähig, mit der Realität dieser erdbebenartigen Veränderung der globalen politischen Landschaft umzugehen.
Die Realität ist, daß die Nationen der Globalen Mehrheit von nun an ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen und sich ihre Politik nicht mehr von den bisherigen Kolonialmächten diktieren lassen. In den Tagen unmittelbar nach dem Johannesburger Gipfel haben die Staats- und Regierungschefs der BRICS betont, daß sie die Verantwortung für die Gestaltung der Geschichte übernommen haben. „Vor 20 Jahren wurden wir – Brasilien und Afrika – als Länder der Dritten Welt bezeichnet“, erklärte der brasilianische Präsident Lula da Silva in einer Rede zum Abschluß eines Wirtschaftsforums in Angola am 25. August während seines Besuchs in diesem Land. „Nach dem Treffen in Johannesburg … nennt man uns nicht mehr die Dritte Welt, sondern den Globalen Süden… Was beweist das? Es beweist ganz einfach, daß die Länder des Südens beschlossen haben, sich zu organisieren… Und wir haben beschlossen, daß wir nicht länger akzeptieren, als unbedeutend behandelt zu werden.“ Lula schloß: „Wir haben nicht das Recht, arm zu bleiben… Wir haben nicht das Recht, weiterhin als Dritte Welt bezeichnet zu werden.“
Der indische Premierminister Narendra Modi sprach am 26. August vor Wissenschaftlern der Indischen Weltraumforschungsorganisation (ISRO) anläßlich der erfolgreichen Mondlandung von Chandrayaan-3 über das gleiche Thema: „Jetzt ist Indien das vierte Land der Welt, das auf der Mondoberfläche gelandet ist. Dieser Erfolg wird noch größer, wenn wir uns vor Augen führen, wo Indien seine Reise begonnen hat. Es gab eine Zeit, in der Indien nicht über die notwendige Technologie verfügte; es gab keine Zusammenarbeit. Man zählte uns unter die Länder der ,Dritten Welt‘. Heute ist Indien zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen. Vom Handel bis zur Technologie gehört Indien heute zu den Ländern, die in der ersten Reihe stehen… Institutionen wie unsere ISRO haben bei dieser Reise von der ,dritten Reihe zur ersten Reihe‘ eine sehr große Rolle gespielt.“
Diese Entwicklungen verändern die Art und Weise, wie die Nationen des Südens sich selbst und ihre Aussichten auf Fortschritt sehen. Am letzten Tag des Johannesburger Gipfels kündigte der Präsident Boliviens, Luis Arce, die Absicht seines Landes an, den BRICS im nächsten Jahr beizutreten, und beschrieb den Gipfel überschwenglich als „einen historischen Meilenstein in der Geschichte der Menschheit, weil er den Nationen den Zugang zu internationalen Märkten ermöglicht, ohne daß sie ihre Würde aufs Spiel setzen müssen, und ohne politische Bedingungen, Sanktionen oder militaristische Einschüchterung“.
„Die Amerikaner sind verzweifelt“
Ein Bericht von Anya Parampil von The Grayzone spiegelt die gegenwärtige Weltlage treffend wider. Parampil, die letzte Woche am BRICS-Gipfel in Johannesburg teilgenommen hatte, sprach mit einem Diplomaten aus diesem Land, der kürzlich die amtierende stellvertretende US-Außenministerin Victoria Nuland während ihres jüngsten Besuchs in Südafrika getroffen hatte. Der Diplomat sagte Parampil zufolge, Nuland sei „nachweislich nicht darauf vorbereitet, mit den jüngsten Entwicklungen auf dem afrikanischen Kontinent klarzukommen“, und weiter: „In über 20 Jahren Zusammenarbeit habe ich die Amerikaner noch nie so verzweifelt erlebt.“
Der Diplomat bezog sich damit zum einen auf den Militärputsch, der Ende Juli in Niger stattgefunden hatte, zum anderen aber auch auf die allgemeine Veränderung, die sich im Globalen Süden und weltweit vollzieht. Diese Stimmung kam am besten auf dem BRICS-Gipfel in der vergangenen Woche zum Ausdruck, auf dem ein wichtiger Schritt in Richtung einer neuen globalen Architektur getan wurde, in der die Entwicklung der Nationen im Mittelpunkt steht und man entschlossen ist, sich nie wieder geopolitischen oder kolonialen Machenschaften zu unterwerfen. In einer solchen Welt ist es kein Wunder, wenn die anglo-amerikanischen Geopolitiker ziemlich verzweifelt sind.
Eine ähnliche Einstellung vertrat auch der ungarische Ministerpräsident Victor Orban, der im Interview mit Tucker Carlson darauf bestand, daß ein Sieg der Ukraine über Rußland „unmöglich“ und „eine Lüge ist“, und daß eine „neue Sicherheitsarchitektur“ mit Rußland erforderlich sei, um zukünftig den Frieden in Europa zu erhalten. Auf die Frage, ob es nicht sehr schwierig sei, sich in dieser Frage gegen Washington zu stellen, antwortete Orban mit einer Andeutung an die neuen Aussichten: Natürlich sei es besser, wenn Ungarn gute Beziehungen zu den USA hat, „aber wir können auch ohne sie auskommen, wir können diese Zeit überstehen und wir können wachsen“.
Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Verträge, die Afghanistan kürzlich für den Abbau und die Verarbeitung von Mineralien geschlossen hat – die größten seit der Machtübernahme der Taliban 2021. Ein Land, das jahrzehntelang doppeltes Opfer des mörderischen NATO-Krieges und der Drogenmafia war, hat inzwischen seine Opiumproduktion nahezu eingestellt und ist auf dem Weg, „Tausende von Arbeitsplätzen zu schaffen und die wirtschaftliche Lage des Landes erheblich zu verbessern“, wie es der Vize-Ministerpräsident für wirtschaftliche Angelegenheiten am Donnerstag formulierte.
„Es gibt eine völlige Veränderung im globalen Machtgefüge“, sagte die Vorsitzende des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche am 30. August in ihrem wöchentlichen Live-Dialog. „Das ist ein Durchbruch für die gesamte Menschheit. Wenn der Westen nur seinen geopolitischen Standpunkt aufgeben würde, könnte er sich freuen. Die westlichen Länder fahren auf der Titanic, mit einer kollabierenden Wirtschaft, mit der Gefahr eines Zusammenbruchs des gesamten transatlantischen Finanzsystems. Und wenn sie klug wären, würden sie einfach sagen: ,Das ist fantastisch‘, daß diese Länder, die zu den BRICS gehören, auf elf angewachsen sind und nun 47% der Weltbevölkerung und, ich glaube, mehr als ein Drittel der weltweiten Kaufkraft repräsentieren… Das ist eine enorme Chance für uns, unseren Weg neu zu wählen. Aber dazu sind wahrscheinlich noch ein paar Schocks nötig.“
Es wäre blauäugig, zu glauben, daß diejenigen, die sich als die Herrscher der Welt sehen, ihre Macht einfach so aufgeben werden. Dies sind die Gründe, aus denen Weltkriege geführt werden und die auch heute einen thermonuklearen Dritten Weltkrieg entfachen können. Je verzweifelter die anglo-amerikanischen Imperialisten werden – vor allem, wenn sich die ukrainische Gegenoffensive an der Front als Fehlschlag erweist -, desto mehr werden sie neue Krisenherde entfachen.
Dies scheint nun der Plan in Bezug auf die Krim zu sein. Am 31. August erklärte die Pressesprecherin der Verteidigungskräfte der Ukraine Süd, Natalja Humenjuk, die „Widerstandsbewegung“ auf der Krim arbeite daran, die Wasser- und Energieversorgung zu unterbrechen und die humanitäre Krise dort zu verschärfen. Praktisch alles auf der Krim sei ein legitimes Ziel für die Zerstörung, sagte sie. Man erinnere sich an die Bombardierung des Kachowka-Staudamms im Juni, dessen Stausee die wichtigste Quelle für sauberes Wasser auf der Krim ist.
Auch auf der Koreanischen Halbinsel und rund um China nehmen die Spannungen zu, während die Bemühungen um den Aufbau einer „NATO des Ostens“ sich verstärken. Es gibt sogar Bestrebungen in den USA, entgegen der Ein-China-Politik Taiwan im Zusammenhang mit neuer Militärhilfe als unabhängiges Land zu behandeln. Damit wird keineswegs die „Demokratie“ verteidigt, sondern China weiter in Richtung eines offenen militärischen Konflikts getrieben.
Die Welt befindet sich offensichtlich in einem Moment großen Wandels, in dem die Macht von Ideen – wie sie auf dem BRICS-Gipfel zum Ausdruck kamen – Völker und Nationen in ungewöhnlichem Maße verändern können. Das ist die Aufgabe, vor der wir alle als historische Individuen heute stehen: nämlich zu lernen, wie man mit mächtigen Ideen, deren Zeit gekommen ist, umgeht und sie sinnvoll umsetzt.
Die Internetkonferenz des Schiller-Instituts am 9.-10. September wird Orientierung und Sammelpunkt für alle sein, die sich für diese begeisternden neuen Aussichten engagieren wollen. (Informationen und Anmeldung zu dieser Konferenz finden Sie hier .)