Das Projekt des Tunnels unter der Beringstraße zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten, für das sich die LaRouche-Bewegung seit langem einsetzt, war das Kernthema auf dem „Arktischen Energiegipfel", der vom 15.-18. Oktober in Anchorage in Alaska stattfand. Die Russen sprechen auch von der „Weltverbindung", weil durch diesen Tunnel das eurasische (und damit indirekt auch das afrikanische) Bahnnetz mit dem amerikanischen verbunden würde. „In dem Augenblick, in dem wir hier stehen, bauen Maschinen schon an unserem Teil der Weltverbindung", erklärte Alexander Sergejew vom Vorstand des Energieunternehmens RusHydro den Konferenzteilnehmern. Damit stand natürlich die Frage im Raum: Rußland baut seinen Teil, werden die Amerikaner sich auch bald entschließen, ihren Teil zu bauen?
Träger der Arktischen Energiegipfelkonferenz war das „Institut des Nordens", mit dem der frühere Gouverneur Alaskas Walter Hickel, ein großer Befürworter des Beringstraßentunnels, verbunden ist; sie wurde auch vom amerikanischen Außenministerium gefördert. Die Organisatoren bezeichnen sie als „die wichtigste Energiekonferenz des Internationalen Polarjahres 2007-08". Die Redner waren: Jewgenij Welichow, Leiter des russischen Kurtschatow-Instituts; Alexander Sergejew; George Koumal, Leiter der Interhemisphärischen Beringstraßen-Tunnel- und Eisenbahngruppe (IBSTRG); Repräsentanten der arktischen Nationen wie Islands Präsident Olafur Ragnald Grimsson; Kanadas Minister für Naturressourcen, Gary Lunn; Energieexperten der Russischen Föderation, Islands, Norwegens, Schwedens, Finnlands und Kanadas; British Petroleum; das Cambridge Energy Institute und viele gewählte Repräsentanten Alaskas.
Die russischen Delegierten vertraten mit viel Leidenschaft die Idee der Umformung der Erde durch realwirtschaftliche Großprojekte und der Umformung der Rohstoffe der Erde mit den modernsten Techniken, wie es der große russische Wissenschaftler W.I. Wernadskij (1863-1945) befürwortet hatte. Ihre Ideen und Vorschläge schlugen wie Riesenwellen über die Konferenz herein; andere Themen, wie die unvermeidliche Werbung für „alternative Energien", erschienen dagegen nur wie peinliche Rinnsale. Der US-Außenstaatssekretär Dan Sullivan entblödete sich nicht, auf dieser Arktis-Konferenz für ein Sonderabkommen der USA mit Brasilien zur Herstellung von Biotreibstoff aus Zuckerrohr zu werben.
„Setzt auf Kernenergie!"
Am ersten Tag legte Prof. Welichow von der Russischen Akademie der Wissenschaften überzeugend dar, daß der Weg zur Entwicklung der Arktis nur über die Kernkraft führt. Er erzählte von seinem Urgroßvater, der im russischen Hohen Norden nahe dem Polarkreis in der riesigen Sewmasch-Werft in Serwerodwinsk Schiffe gebaut hatte. Heute seien atomgetriebene Eisbrecher unverzichtbar. Man brauche auch hohe Bohrplattformen, die sich nur mit Hilfe von Kernenergie produzieren lassen. Und, stellte Welichow fest, es bedarf elektromagnetischer Daten, um neue Lagerstätten von Kohlenwasserstoffen ausfindig zu machen.
Die russischen Vorträge hielten die Zuhörer im Bann, weil die Redner deutlich machten, daß Rußland fest entschlossen ist, die „Weltverbindung" zu schaffen. In einem Pressegespräch am Nachmittag des 15.Oktober legten Welichow, Sergejew und Lew Stilman, Berater des Gouverneurs von Tschukotka, noch „einen drauf" und berichteten über die folgenden Entwicklungen und Pläne:
* Prof. Welichow erklärte, daß Mini-Atomkraftwerke eine entscheidende Rolle beim Bau der „Weltverbindung" spielen werden. Man werde sie als mobile Einheiten bauen, die man mit Lastwagen und Eisenbahnen oder schwimmend auf dem Wasserwege ans Ziel bringen kann, wo immer sie gebraucht werden. Welichow setzte sich leidenschaftlich für die Atomkraft wie auch für Hochtechnologie im allgemeinen ein. Er präsentierte verschiedene Graphiken, die unter www.arcticportal.org eingesehen werden können. Am 16. Oktober sprach Welichow ausdrücklich die „Energielücke" zwischen der Verfügbarkeit und der Nachfrage nach Energie auf der Welt an. Dabei könne man sich nicht auf Öl, Gas usw. beschränken, Kernenergie sei notwendig.
* Alexander Sergejew von RusHydro, einem der größten Betreiber von Wasserkraftwerken auf der Welt, stellte nicht ohne Dramatik fest: „In diesem Augenblick, da wir hier stehen", arbeiteten in Rußland Maschinen, um Wasserkraft für den Ausbau der Eisenbahnlinien bereitzustellen. Er kündigte an, am 19. Oktober werde das Wasserkraftwerk Bureyskaja in Rußlands Fernem Osten mit der vollen Leistung von 2000 MW ans Netz gehen. Die Regierung habe am 6. September dem langfristigen Plan für die Erweiterung des russischen Eisenbahnnetzes bis 2030 zugestimmt.
Des weiteren ließ Sergejew verlauten, Rußland werde 20 Mrd. $ aufbringen, das sei etwa ein Drittel der Gesamtkosten für die Eisenbahnlinie in Rußland, den 150 km langen Tunnel unter der Beringstraße und die 2000 km Eisenbahn von der Seward-Halbinsel nach British Columbia. Es bedarf also noch der Finanzierung der restlichen etwa 50 Mrd. $. Nach Aussage von George Koumal, dem Präsident von IBSTRG – der wichtigsten Lobbygruppe für den Tunnel – könnten die verbleibenden 50 Mrd. $ auch aus der Privatwirtschaft kommen, vorausgesetzt, das Projekt bekomme die notwendige Regierungsunterstützung.
Der lokale NBC-Fernsehsender in Anchorage zeigte Ausschnitte aus der Pressekonferenz, auf der angekündigt wurde, daß der Tunnel von beiden Seiten aus gebohrt werden wird, und die russischen und amerikanischen Teams sich dann in der Mitte zu einem Wodka-Toast treffen werden.
Präzedenzfall Franklin Roosevelt
In seiner Rede am 16. Oktober über „Die Rolle der Weltverbindung bei der Entwicklung der arktischen Energieressourcen" ging Alexander Sergejew näher auf das Vermächtnis Franklin Roosevelts ein. Er zeigte ein Foto des früheren US-Präsidenten und sagte, die Russen befaßten sich mit Roosevelt, weil unter seiner Präsidentschaft während der Depression der 30er Jahre große Projekte wie der Hoover-Staudamm und der Ausbau des Eisenbahnnetzes in Amerika in Angriff genommen wurden.
Derzeit wird alles vorbereitet, was für den Bau des Beringstraßentunnels erforderlich ist; schon im April war dies das Thema einer hochrangigen Konferenz in Moskau gewesen. Auf der vielbeachteten Pressekonferenz am 15. Oktober verkündeten die Redner, daß sie bereits eine Bestandsaufnahme aus der Luft durchgeführt haben – sowohl zu dem Teil der Seward-Halbinsel, wo die Tunnelverbindung zwischen Wales in Alaska und Uelen in Sibirien entstehen wird, als auch zur Beringstraße selbst. Außerdem entnahmen sie Boden- und Wasserproben. Das Ergebnis dieser Untersuchungen war, daß das Gebiet „für den Bau eines Tunnels und einer Bahnlinie bestens geeignet ist".
Auch die politischen und sozialen Voraussetzungen für das Projekt sind im Entstehen. Die IBSTRG bereitet ein Abkommen über den weiteren Verlauf eines entsprechenden „Dialogs" vor. Laut Presseerklärung der IBSTRG zeigen nicht nur Alaskas Senatorin Lisa Murkowski und das US-Außenministerium großes Interesse, es gibt auch Unterstützung der Gouverneurin Alaskas Sarah Palin und der Bürgermeisterin der dem Tunnel nächstgelegenen Stadt, Nome. Weiter hieß es in der Presseerklärung, es liefen Gespräche mit der Verwaltung des Dorfes Wales – dem Endpunkt des Tunnels auf der Seite Alaskas – und Sprechern der örtlichen Ureinwohner. Sie befürworteten den Tunnel, weil er ein Motor für das Wirtschaftswachstum in der Region und für die Schaffung von Arbeitsplätzen sei.
Am 16. Oktober fragte die EIR-Wirtschaftsredakteurin Marcia Merry Baker den IBSTRG-Präsidenten Koumal, wie der gegenwärtige große Finanzkrach sich auf die Finanzierung des Beringstraßenprojekts auswirken könnte. Sie erwähnte LaRouches langjährige Unterstützung für das Projekt und seine Bemühungen, damit dieser Finanzkrach nicht Großprojekte wie dieses zunichte macht. Koumal antwortete, um sich über Wasser zu halten, brauche die Wirtschaft „etwas, das ins Gewicht fällt". Wenn man die Volkswirtschaft bloß mit selbstgenügsamen Aktivitäten überlade, könne sie zusammenbrechen. Diese Aussage spiegelt die moralische Einstellung wider, daß der Menschheit die Aufgabe zukommt, die Arbeit des Schöpfers fortzuführen, indem der schöpferische, menschliche Geist wissenschaftliche Entdeckungen macht und für den Fortschritt anwendet.
Ein junger Mann fragte, wieviel Zeit der Bau der ganzen „Weltverbindung" – von Südamerika bis Südafrika – wohl in Anspruch nehmen werde. Ein Fachmann, der am Tunnel unter dem Ärmelkanal von Frankreich nach England mitgearbeitet hatte, antwortete darauf, die Fertigstellung dieses Projekts habe insgesamt fünf Jahre gedauert, und das sei wohl ein schwierigeres Unterfangen gewesen. Auf eine andere Frage hin sprach sich Koumal für Magnetbahnen in bevölkerungsreichen Gebieten aus.
In einer weiteren Sitzung am 16. Oktober erklärte ein russischer Experte aus Tschukotka, die Bevölkerung dieser Provinz sei von 100.000 auf 60.000 geschrumpft, und das Beringstraßenprojekt könne das Bevölkerungswachstum fördern. Es gibt einen Plan, bis 2012 ein schwimmendes Kernkraftwerk in der Tschaun-Bucht vor Anker gehen zu lassen. Das wäre das zweite weltweit nach einem vergleichbaren in der europäischen Arktis.
"Warum Krieg? Warum nicht Großprojekte?"
Der ehemalige Gouverneur Alaskas, Walter Hickel, setzte den kraftvollen Optimismus in seiner Rede am 17. Oktober fort. An die 200 Zuhörer gewandt sagte Hickel: „Wir können bei großen Projekten zusammenarbeiten." Bei den Vereinten Nationen werde viel geredet, aber um es geradeheraus zu sagen, „um eine neue Welt aufzubauen, müssen wir sie bauen!" Er stellte die Frage: „Warum Krieg? Warum nicht Großprojekte? … Der Preis der Freiheit sollte Schweiß sein, nicht Blut… Einigen halten große Projekte politisch für nicht korrekt… Aber wenn Gott die Welt nicht gefiele, hätte er das Universum nicht geschaffen." Er stellte dann fünf Großprojekte vor: ein weltweites Energieprogramm, um den zwei Milliarden Menschen, die heute ohne Stromanschluß sind, Strom zu liefern; das Beringstraßenprojekt, über das er zuversichtlich sagte: „Dieser Tunnel wird gebaut werden!"; die Nutzbarmachung des Nördlichen Seewegs, von dem er als dem „neuen Panamakanal" sprach; eine Lösung der Wasserkrise durch Nutzbarmachung von sieben der größten Flüsse der Welt, die sich in das Nordpolarmeer ergießen; und die „Ernte der Energievorräte des Nordens".