In einem neuen Artikel, der am nächsten Samstag in der New York Times erscheinen wird, werden unter anderem neue Enthüllungen darüber veröffentlicht, wie Dick Cheney die Rechtsansichten der Regierung durchboxte, die neben anderen Dingen Folter und unbefugte Abhörprogramme legalisierten. Der Artikel basiert auf Interviews mit dem Juristen, der dem Rechtsberatungsbüro im Justizministerium von Oktober 2003 bis zu seinem Rücktritt im Juni 2004 vorstand.
Jack Goldsmith ist ein Konservativer, der mit den Zielen der Regierung im "Kampf gegen den Terrorismus" übereinstimmte, Methoden wie die Ablehnung der Genfer Konventionen und die extremen Definitionen dessen, was unter den Begriff Folter fällt, jedoch ablehnt. Er sagte, daß die wichtigen rechtlichen Entscheidungen nicht durch das Rechtsberatungsbüro (Office of Legal Council, OLC) gefällt wurden, welches den Präsidenten über die Rechte der Exekutive beraten soll, sondern durch einen "Kriegsrat", zu dem das OLC keinen Zugang hatte, wohl aber Cheneys Einpeitscher in Rechtsangelegenheiten, David Addington, und solche Addington-Verbündete wie der stellvertretender Leiter des OLC John Yoo und der Pentagonberater William Haynes.
Bei diesen Treffen hatte Addington "die größte Präsenz im Raum"; es war bekannt, daß er "mit voller Rückendeckung und Unterstützung des mächtigen Vizepräsidenten handelte" und "jedwede bürokratische Opposition zerschmetterte", so Goldsmith. Als Goldsmith seine Analyse präsentierte, nach der die vierte Genfer Konvention über die Behandlung von Zivilisten in einer Kampfzone auch für Aufständische und Terroristen im Irak gilt, war Addington außer sich. "Der Präsident hat bereits entschieden, daß Terroristen nicht unter den Schutz der Genfer Konventionen fallen", sagte Addington. "Sie dürfen seine Entscheidung nicht in Frage stellen." Als Goldsmith sich entschied, das berüchtigtste der "Foltermemoranda" zu widerrufen, wurde Addington wütend.
"Ich hatte vielleicht an die hundert Treffen mit Gonzales, und nur ein einziges Mal sprach ich über Fragen der nationalen Sicherheit, ohne daß Addington präsent war", sagt Goldsmith. "Alle meine Auseinandersetzungen hatte ich mit Addington, der nur ein Stellvertreter für den Vizepräsidenten war. Das war sehr, sehr aufreibend."
Goldsmith beschreibt die Verachtung Addingtons und des Weißen Hauses gegenüber dem Kongreß, der Gerichtsbarkeit und den Gesetzen, die sie nicht mochten. "Wir sind nur eine Bombe davon entfernt, dieses widerliche Gericht loszuwerden", hatte Addington Goldsmith im Februar 2004 gesagt, wobei er sich auf das FISA-Gerichts bezog, das für die Aktivitäten des Inlandsgeheimdienstes NSA zuständig ist. Anfang des Jahres 2004 kam es zu immer mehr Zusammenstößen wegen des Abhörprogrammes der Regierung.
Was Bush betreffe, sagte Goldsmith, er wisse nicht, ob der Präsident verstehe, wie extrem die Argumente über die Macht der Exekutive waren, die von Addington und anderen vorgetragen wurden. "Es ist schwer zu sagen, woher er das wissen sollte", sagte Goldsmith.