Sollen nicht weitere industrielle Kapazitäten unwiederbringlich
zerstört werden, so müssen Teile der Autoproduktion für die Herstellung
anderer wichtiger Industriegüter genutzt werden, z.B. den Bau anderer
Verkehrssysteme wie Magnetbahn, CargoCap oder RailCap.
Auch die deutsche Autoindustrie steckt in einer tiefen Krise. Und
genauso wie bei der amerikanischen Autoindustrie liegen die Ursachen
dafür im wirtschaftspolitisch-ideologischen Bereich und in der
weitverbreiteten wirtschaftlichen Inkompetenz der sogenannten
ökonomischen Elite.
Wenn man verstehen will, was in den Köpfen dieser
selbsternannten Experten, "Autoprofessoren" und Vorstandsvorsitzenden
vor sich geht, muß man nur die Welt vom 2. Dezember
aufschlagen. Dort wird auf den Seiten 2 und 3 einem der dümmsten und
deshalb wohl auch dreistesten solcher "Experten" gehuldigt, dem
"Jahrhundertökonom" Milton Friedman, dem für seinen puren
monetaristischen Unsinn 1976 auch noch der Nobelpreis verliehen wurde.
Man scheute sich auch nicht, den Kernsatz seiner
Wirtschaftstheorie dort ganz prominent abzudrucken: "Die Legalisierung
der Drogen würde zugleich die Anzahl von Verbrechen reduzieren und die
Strafverfolgung erleichtern." Das Ziel seiner Wirtschaftspolitik ist
die Rückkehr zum Feudalismus, die Schaffung von immer neuen
Sklavenmärkten und die Wiedereinführung der Leibeigenschaft. Seine
"freiheitlichen" Wirtschaftstheorien testete er mit seinen Chicago Boys dann auch erst einmal im Chile des faschistischen Diktators Pinochet.
Als wäre das nicht genug, zeigt die Welt ein Foto, auf
dem Milton Friedman zusammen mit dem großen synarchistischen Paten der
amerikanischen Politik, George Shultz (dem Mann, der die
Bush-Administration und Cheneys Politik der Lügen erst geschaffen hat)
abgebildet ist, wie sie ihrem gemeinsamen Schützling Arnold
Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, zur Seite stehen. Das
nützte diesem allerdings wenig. Seine brutale Sparpolitik scheiterte
jetzt am Widerstand der kalifornischen Bürger. Schwarzeneggers
Umfragewerte sind im Keller, und er schaut sich schon nach neuen
B-Filmangeboten um, weil seine Wiederwahl mehr als unsicher ist.
Die Job-Verlagerer
Nach neuen Jobs sollten sich auch die Vorstandsvorsitzenden der
Autoindustrie in Deutschland, ihre Manager und all die Experten
umsehen, die sich zum Thema "Krise in der deutschen Autoindustrie" zu
Wort gemeldet haben. Ihre Äußerungen sind fast identisch, was nicht
verwundert, gründen sie sich doch alle auf die gleichen falschen Axiome
neoliberaler monetaristischer Globalisierungspolitik. Eine
Zukunftsperspektive für die Autoproduktion in Deutschland haben sie
auch nicht, weil sie diese eigentlich am liebsten auslagern würden.
Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Bernd
Gottschalk, spricht davon, daß der Höhepunkt der Beschäftigung (in der
Autoproduktion) überschritten sei, d.h. im Klartext, ab jetzt gebe es
nur noch Massenentlassungen. Mehr als fünf Jahre Rückgang oder
Stagnation bei der Neuzulassung von PKWs würden Spuren hinterlassen.
Jetzt hülfen nur noch mehr Flexibilität und längere Arbeitszeiten (ohne
Bezahlung, versteht sich), um die Arbeitskosten um bis zu 15% senken zu
können. Dafür bietet er dann gnädigerweise an, daß 50% der
Standortentscheidungen vielleicht zugunsten Deutschlands ausfallen
könnten.
Auf die Beschäftigten der deutschen Automobilindustrie kommen – laut Handelsblatt
– nach Meinung des VDA in den kommenden Jahren weitere deutliche
Einschnitte zu, die bisherigen Opfer seien erst der Anfang.
VDA-Präsident Gottschalk forderte dann auch, daß es keine Reformpause
geben dürfe, sondern vielmehr mehrjährige Nullrunden bei den Löhnen,
die Streichung "nicht mehr zeitgemäßer Prämien und Schichtzulagen" und
natürlich Mehrarbeit ohne volle Vergütung. Für diese Forderungen
verlangen er und zahlreiche Vorstandsvorsitzende deutscher
Autohersteller mit markigen Worten bedingungslose Unterstützung von der
neuen Bundesregierung.
Der Nürtinger Autoprofessor Willi Diez veröffentlichte Ende
August 2005 eine Studie, nach der die Autoproduktion bei VW in
Deutschland keine Perspektive mehr habe. Wegen der hohen
Produktionskosten werde sich die Produktion immer mehr nach Osteuropa
und Südostasien verlagern. Auch Dr. Helmut Becker, ehemaliger
Chefvolkswirt bei BMW, sieht, durch seine neoliberale Brille behindert,
keine Zukunft mehr für die Autoproduktion und droht auch noch den
Arbeitern und ihren gewerkschaftlichen Vertretern: "Das, was bisher an
Produktionsverlagerung und an Arbeitsplatzverlusten stattgefunden hat,
hat ausschließlich in der Zulieferindustrie stattgefunden, nicht bei
den Herstellern. Kritisch wird es erst dann werden, wenn der erste
deutsche Hersteller aus Gründen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit im
internationalen Verdrängungswettbewerb hier seine Werke dichtmachen und
im Ausland wieder neu aufmachen müßte. Darüber bestimmen nicht nur die
gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersysteme etc., sondern
darüber bestimmen in erster Linie die Gewerkschaften, die hier für die
Arbeitskosten verantwortlich sind, sprich: für die Löhne und die
Arbeitszeit."
Was diese Herren allesamt nicht bedenken oder worüber sie
vielleicht gar nicht nachdenken wollen, weil es nicht in ihr
zusammengezimmertes Phantasiebild der ewigen Globalisierung paßt, ist
die Tatsache, daß das Weltfinanzsystem vor dem endgültigen
Zusammenbruch steht, der mittlerweile durch zahlreiche Faktoren
ausgelöst werden kann, nicht zuletzt auch durch den Bankrott von
General Motors in den USA.
Kaufen Sklaven Autos?
Aber die Globalisierung kann sowieso nicht funktionieren, wenn man
einmal folgendes am Beispiel der Autoindustrie bedenkt: Die Arbeiter,
die in Deutschland entlassen werden, weil ihre Firmen ausgelagert
werden, können sich die Autos nicht mehr leisten. Die Arbeiter in den
neuen Sklavenmärkten sprich den EU-Beitrittsländern können sich die
Autos wegen der geringen Löhne, für die sie arbeiten, auch nicht
leisten. Wer bitteschön soll dann die Autos zukünftig kaufen? Und in
der Tat zeigen die Exportzahlen, daß der Export an Gebrauchtwagen –
nicht der Neuwagen! – 2004 nach Polen gegenüber dem Vorjahr um 70%
gestiegen ist!
Und noch eine andere "Strategie" der Autohersteller gibt zu
denken. Aus dem VW-Management war zu hören, daß deutsche Autohersteller
ja nicht Milliarden in China investieren, um nur den Chinesen möglichst
viele Autos zu verkaufen, sondern es geht vielmehr darum, von China aus
den Rest der Welt zu beliefern. Zuerst sollen nur die Märkte im
gesamten asiatischen Raum beliefert werden, später dann auch Europa und
die USA. In zehn Jahren werden dann viele Autos, die in Europa verkauft
werden, entweder in China gebaut worden sein oder von chinesischen
Herstellern mit Sitz in Europa verkauft werden.
Auf jeden Fall stehen bei VW und Mercedes Massenentlassungen
bevor, weil jeder zehnte Arbeitsplatz vernichtet werden soll. Opel hat
die letzte Runde Massenentlassungen gerade hinter sich, Ford entläßt
ständig. Wenn wir nicht zulassen wollen, daß weitere industrielle
Kapazitäten in Deutschland durch Auslagerung unwiederbringlich zerstört
werden, müssen wir uns darüber Gedanken machen, wie wir die bislang für
die Autoproduktion genutzten Werke für die Herstellung anderer
wichtiger Industriegüter nutzen können, z.B. den Bau anderer
Verkehrssysteme wie Magnetbahn, CargoCap oder RailCap.
Darüber haben wir in dieser Zeitung schon ausführlich berichtet
und werden es auch weiter tun. Denn eine Sache ist interessant: Viele
von denen, die den Standort Deutschland schlecht machen, um angebliche
Gründe zu haben, die Produktion ins Ausland zu verlagern, arbeiten mit
Lügen. Allen voran Professor (Un)-Sinn aus München, der in seinem
letzten Buch gegen den Industriestandort Deutschland Export und Import
verwechselte, weil die Zahlen sonst nicht in seine Argumentation
paßten.
Auch die Behauptung, in Deutschland werde nur zusammengebaut,
was überall in der Welt billiger produziert würde, stimmt vielleicht in
Einzelfällen, eine Verallgemeinerung kann man nicht daraus machen.
Kämpfen wir also für den Erhalt und den weiteren Ausbau der
Industrienation Deutschland, nur so können wir einen wertvollen Beitrag
für die Entwicklung der Welt leisten. Das Programm dafür haben wir
schon lange.
Frank Müchler
Neue Solidarität Nr. 49/2005