Die deutsche Energiepolitik lässt sich auf einen Satz reduzieren: „Warum einfach, wenn man es auch kompliziert machen kann.“ Man stelle sich dazu ein Fahrrad vor, bei dem die Räder nicht rund, sondern elliptisch sind. Es würde sich wie eine Achterbahn auf und ab bewegen. Um das auszugleichen, wird dann ein kompliziertes System aus Sensoren und Stoßdämpfern eingebaut, das von einem digitalen Managementsystem gesteuert wird, damit das Fahrrad immer auf einer Höhe bleibt.
Das deutsche Energiesystem lässt sich mit einem solchen Fahrrad vergleichen, wobei intermittierende Energiequellen – Wind und Sonne – die Rolle der elliptischen Räder spielen, mit der Komplikation, dass es in der Realität statt einer Ellipse eine Kurve gibt, deren Winkel sich jede Minute ändert.
Deutschland ist von einem nachfrageorientierten System zu einem angebotsorientierten übergegangen, in dem zu jeder Jahreszeit entweder zu viel oder zu wenig Energie erzeugt wird, sodass Leistungsschwankungen täglich rund um die Uhr gesteuert und ausgeglichen werden müssen.
Wenn die intermittierenden Quellen nicht genug produzieren, speisen konventionelle Kraftwerke (Gas, Kohle und Wasserkraft), die zu hohen Kosten in Bereitschaft gehalten werden, Energie ins Netz ein. Wenn die intermittierenden Quellen zu viel Strom produzieren, bittet Deutschland seine Nachbarn, den Überschuss abzunehmen, und bezahlt sie dafür (sogenannter Negativpreis).
Einige Beispiele dafür, wie dieses verzerrte System funktioniert: Basierend auf dem Spitzenstrompreis – einem guten Näherungswert, wenn auch nicht identisch mit der Spitzennachfrage – wurde laut der Bundesnetzagentur am 20. Januar 2025 zwischen 17 und 18 Uhr ein Preis von 583,40 € pro MWh erreicht. Das war in einer Phase sehr geringer Wind- und Solarstromerzeugung; die Restlast betrug in dieser Stunde 66,0 GWh – einer der höchsten Werte des Quartals –, was bedeutet, dass konventionelle Kraftwerke und Importe fast den gesamten Bedarf deckten.
Der gegenteilige Fall ist der Negativpreis-Spitzenwert, wenn zu viel Strom aus intermittierenden Quellen erzeugt wird und Deutschland ihn exportieren muss. Deutschlands niedrigster Preis des Quartals und des Jahres wurde am Sonntag, dem 11. Mai 2025, zwischen 13 und 14 Uhr mit minus 250,32 €/MWh verzeichnet. 2025 verzeichnete Deutschland 573 Stunden mit Negativpreisen, ein Anstieg um 25 % gegenüber dem Vorjahr. Der bisherige Rekord von 459 Stunden 2024 wurde deutlich übertroffen. Die meisten Stunden mit Negativpreisen lagen in den Sommermonaten um die Mittagszeit, als die Solarstromerzeugung hoch war.
Unter der Annahme eines durchschnittlichen Negativpreises von minus 21,04 €/MWh und eines durchschnittlichen Exportvolumens von 25 GW zahlte Deutschland rund 300 Millionen Euro für den Energieexport.
Zu dem Problem mit schwankenden Mengen kommt Spannungsinstabilität hinzu. Millionen Solarmodule, die von Haushalten oder kleinen Erzeugern installiert wurden, verursachen Instabilität, und der müssen die Netzbetreiber mit einer Kombination aus fortschrittlicher Wechselrichtertechnik, Echtzeit-Netzautomatisierung, wirtschaftlichen Sanktionen und Notmaßnahmen begegnen.
Die perfekte Analogie für deutsche Energiewende ist eine „Rube-Goldberg-Maschine“. Anstelle eines einfachen Systems, bei dem Großkraftwerke die Grundlast decken und eine geringere Zahl schneller einsetzbarer Quellen sich an den schwankenden Bedarf anpasst, hat Deutschland eine unglaublich komplexe Kettenreaktion geschaffen, bei der Millionen winziger beweglicher Teile jede Sekunde perfekt zusammenwirken müssen, damit die Lichter nicht ausgehen.
Quelle: eirna.de