Schon vor zehn Jahren erschien in der Neuen Solidarität die folgende Buchbesprechung, die wir aus Anlaß der derzeitigen Medienkampagne, in der China vorgeworfen wird, einen "kulturellen Völkermord" gegen die Tibetaner" zu betreiben, hier noch einmal abdrucken. In dem damals neu erschienenen Buch werden die Erfahrungen eines Mannes dargestellt, der seinem Land zum Anschluß an die moderne Welt verhelfen möchte.
* * *
In den USA ist kürzlich unter dem Titel Der Kampf für ein modernes Tibet die Autobiographie des bemerkenswerten tibetischen Politikers und Erziehers Tashi Tsering erschienen. Der Lebensweg dieses Mannes, der heute ein Projekt zum Bau von Grundschulen in tibetischen Dörfern leitet, wo die Bauern seit Jahrhunderten Analphabeten sind, fällt auf interessante Weise mit der Geschichte des modernen Tibet zusammen.
Tashi Tsering wurde in jenem Tibet der Zeit vor 1950 geboren, das, wie der italienische Orientalist Fosco Maraini zutreffend schrieb, „die einzige antike Kultur war, die sich bis ins 20. Jahrhundert intakt erhielt". Warum sich in Tibet diese vormittelalterlichen Zustände erhielten, ist eine komplizierte Geschichte, die damit zusammenhängt, daß viele Interessen auch im 20. Jahrhundert eine unveränderte tibetanische Kultur wollten und immer noch wollen: von den Herrschern des britischen Empire, über die von ihnen beeinflußten okkulten Gesellschaften, aus denen die Nazis hervorgingen, bis hin zu jenen Kreisen des heutigen Hollywood, die in Aldous Huxleys Fußspuren wandeln, der während seiner Zeit als Drehbuchautor im Hollywood der 30er und 40er Jahre einen tibetischen Lama aufsuchte.
Tashi Tsering gibt uns aufschlußreiche Einblicke. Er sammelte persönliche Erfahrungen mit der Clique des Dalai Lama in der Zeit nach dessen Flucht nach Indien 1959. Tashi war zwar schon geraume Zeit in Indien, wo er sich weiterbildete, beispielsweise Englisch lernte und sich in den frühen Tagen der tibetischen Exilgemeinde nützlich machte, aber er gehörte nicht zum Adel. Deshalb waren die „Aristokraten und die hohen Mönche der alten Schule" nur daran interessiert, wie er ihnen dienen könne. „Ich war keiner von ,ihnen‘," schreibt Tashi, „und aus ihrer Sicht konnte ich es auch nie sein".
Als er darum bat, den Sitzungen des „Kronrates" des Dalai Lama beiwohnen zu dürfen, wurde er derb zurückgewiesen. Wie der Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondrup, eines Tages unvermittelt sagte: „In der tibetischen Gesellschaft gibt es nur zwei Arten von Menschen — die einen essen Tsamba [das gängige tibetanische Essen aus gerösteten Graupen], und die andern fressen Scheiße."
Die Zustände vor der chinesischen Besetzung
Seine Kindheit verbrachte Tashi in einem tibetischen Dorf in einer stark feudal geprägten Gesellschaft. In Tibet war die Polyandrie üblich, Brüder nahmen eine gemeinsame Frau. Damit wurden die „Ressourcen geschont" und die Bevölkerungszahl äußerst niedrig gehalten. Das Tibet vor 1951 war eine Nullwachstumsgesellschaft, Fortschritt war unmöglich. Auf einem Gebiet so groß wie Westeuropa lebten gerade einmal drei bis vier Millionen Menschen. Neben der Vielmännerei war das durch eine andere gesellschaftliche Norm sichergestellt: Mindestens zehn Prozent der Bevölkerung mußten Mönche oder Nonnen werden.
Die Wirtschaft war primitiv strukturiert. Arbeiten, die über den kargen Erhalt eines bäuerlichen Haushalts hinausgingen, liefen über das corvee genannte Fronsystem. Die Bauernhöfe mußten Menschen und Tiere für das staatliche „Verkehrswesen" stellen, das nur aus Trampelpfaden bestand; Straßen bauten erst die Chinesen in den 50er Jahren. In ganz Tibet gab es genau ein Automobil, und das gehörte dem Dalai Lama.
Es gab auch keinerlei Erziehungswesen oder Berufsausbildung. Tashi selbst erhielt überhaupt nur die Möglichkeit, Lesen zu lernen, weil man ihn in die Knabentanzgruppe des Dalai Lama in Lhasa aufnahm (die Knaben wurden von den homosexuellen Mönchen, die die Stadt beherrschten, regelmäßig mißbraucht). 1944 versuchte die Regierung, in Lhasa eine Schule westlicher Prägung zu errichten, aber einige „Dobdo"-Mönche drohten die Knaben zu entführen, wenn dies nicht aufhöre. „Die mächtigen Kräfte der Reaktion in der tibetanischen Gesellschaft, besonders im religiösen Klerus, betrachteten die moderne Erziehung als eine direkte Bedrohung für die Vorherrschaft des Buddhismus und der alten theokratischen Machtstruktur", berichtet Tashi, „deshalb verfolgte die alte Regierung abgesehen von ein oder zwei isolierten Experimenten nicht das Ziel einer allgemeinen Bildung." Tatsächlich wird erst heute ernsthaft begonnen, dieses Problem zu überwinden.
Als die chinesische Volksbefreiungsarmee 1951 in Tibet einmarschierte, herrschte sie nicht mit Gewalt. Die Chinesen erlaubten dem Dalai Lama und der Regierung, weiterhin die Autorität nach innen auszuüben, und das religiöse Leben und die Klöster wurden nicht behindert. Aber die Chinesen bauten Straßen, Brücken, Krankenhäuser und Schulen. Und sie führten die intensive Landwirtschaft und andere Produktionsweisen ein, die es China erlaubt hatten, über Jahrtausende eine riesige Bevölkerung zu entwickeln. Dazu gehörten ab 1956 soziale Reformen und eine Landreform in den von Tibetern bewohnten Teilen der Provinz Sichuan.
Dort begannen die chinesisch-tibetanischen Konflikte, weil die örtlichen Lamas und Großgrundbesitzer die Reformen kategorisch ablehnten. Es kam zu Unruhen, bald floß Blut, und viele Aufständische flohen von Sichuan nach Tibet. „Obwohl in Tibet selbst noch gar keine Reformen durchgeführt wurden, warf diese Episode die größere Frage auf, was die chinesische Anwesenheit für unsere buddhistische Religion und die Integrität der einheimischen Kultur bedeuten könnte", erinnert sich Tashi. Die Mönche, die Aristokraten und auch die meisten Bauern wollten keine Veränderung. 1959 kam es zur großen Krise, der Dalai Lama floh nach Indien, aber die Rebellen waren den Chinesen nicht gewachsen. „Aristokraten und Mönche strömten aus dem Land zum Dalai Lama nach Nordindien."
Auf vielen Umwegen zurück nach Tibet
Tashi wurde in die Aktivitäten der Exil-Tibeter einbezogen. Er befragte die Tibeter, die nach Indien flohen, ob sie von den Chinesen mißhandelt worden seien, aber die meisten waren Analphabeten und hatten Schwierigkeiten, sich überhaupt auszudrücken. „Viele hatten das Vorgehen der chinesischen Armee in Lhasa selbst nie miterlebt. Sie waren einfach von der allgemeinen Panik angesteckt, die das Land erfaßt hatte, und sie erzählten nur von den Leiden, die sie auf der Flucht über die Berge erlitten hatten… Konkrete Beweise für Verbrechen der Chinesen fand ich kaum." So ehrlich sind die Freunde des Dalai Lama in den „Tibet-Unterstützungsgruppen" mit ihren Hollywood-Berühmtheiten nicht.
Der Dalai Lama und seine Clique waren derweil mit etwas anderem beschäftigt. 1950, als der chinesische Einmarsch sehr nahe schien, hatte man die beachtlichen Gold- und Silbervorräte des Dalai Lama nach Sikkim geschafft. Dann war der Dalai Lama doch in Lhasa geblieben, und die Chinesen hatten zwar vom Maharadscha von Sikkim die Rückgabe des Schatzes gefordert, sich aber nicht weiter darum gekümmert. Durch seine Verbindungen zu Gyalo Thondrup war Tashi dann nach der Flucht des Dalai Lama 1959 persönlich daran beteiligt, mit großem Aufwand das Gold und Silber aus Gangtok nach Kalkutta zu bringen. Millionenwerte wurden verladen und ausgeflogen. Dieser Schatz (Tashi bewachte einen Monat lang das Silber, als das Gold bereits sicher auf der Bank lag) wurde zu der wichtigsten Quelle, aus der sich die Exilregierung des Dalai Lama finanzierte.
Als Tashi das Geld ausging, bot ihm Gyalo einen Job an („Damals wußte ich noch nicht, daß er der höchste tibetanische Mitarbeiter der amerikanischen Central Intelligence Agency war und über beträchtliche Geldmittel verfügte", schreibt er.) Tashi aber wollte lieber eine Ausbildung, und so endete seine Kariere bei der Exilregierung. Er ging nach Amerika, um zu studieren. Als er dort später Gyalo Thondrup wiedertraf, sagte ihm dieser: „Alles, was für Tibetaner getan wird, geht durch seine Heiligkeit, den Dalai Lama, und seine Exilregierung. Es gibt keine andere Arbeit für dich. Es gibt kein anderes Tibet."
Damit konnte Tashi sich nicht abfinden. Er wollte seiner Nation wirklich dabei helfen, den Anschluß an die moderne Welt zu finden, und beschloß, nach Tibet zurückzukehren — trotz des Widerstands der Tibetaner wie auch der Amerikaner. 1964 kehrte er nach China zurück.
Als Tashi in China studierte, um Lehrer in Tibet zu werden, brach die Kulturrevolution aus. Er wurde denunziert und verbrachte Jahre im Gefängnis. Als Häftling kehrte er schließlich nach Lhasa zurück, wo er 1973 entlassen wurde. Zurück in China brachte er fünf Jahre später, als Deng Xiaoping an die Macht gekommen war, ebenso wie viele tausende andere Opfer der Kulturrevolution seinen Fall vor den Staatsrat in Beijing, der ihn schließlich rehabilitierte. Endlich konnte er nach Tibet zurückkehren, so wie er es beabsichtigt hatte: als Intellektueller, der bereit und fähig war, seinen Landsleuten etwas über die große Welt außerhalb ihres bisherigen Gesichtskreises beizubringen.
Mit dem ihm eigenen Elan trieb Tashi die Mittel für sein derzeitiges Projekt auf, in den ärmlichen Dörfern Tibets Schulen zu bauen. Dafür hat er sowohl in China als auch im Ausland Unterstützung gefunden. Er fand chinesische Beamte, die den Ideen der politischen Veränderung offener gegenüberstanden als die alten tibetanischen Aristokraten, berichtet er. „Ich stellte fest, daß die Chinesen in der Ära nach Mao bereit waren, sich Beschwerden und gegenläufige Ansichten anzuhören — selbst von gewöhnlichen Bürgern wie mir." Nun widmet er sich dem, was er sich zum Ziel gesetzt hat, für das er auch seine geistreiche Autobiographie verfaßte: Die Kinder Tibets zu erziehen.
Mary Burdman