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Financial Times schimpft über "primitive Nazi-Euthanasiedebatte" in Amerika

Die jüngste Beilage der [i]Financial Times[/i] zum Thema
Gesundheit hat es in sich. Schon das blutrünstige Titelbild (eine Weltkarte
aus Blutstropfen) gibt einen Vorgeschmack auf das, was da auf uns zukommt. Der Titel des Artikels, "Nice Approach" (Nette Herangehensweise), spielt auf das berühmt-berüchtigte britische Beratungsgremium NICE
an, daß durch seine alleinige Entscheidungsgewalt über die
Ausgabenbegrenzung bei Medikamenten buchstäblich über Leben oder Tod
entscheidet.

Im Artikel selbst wird jede Kritik zur Seite
geschoben, stattdessen verkündet die Autorin Tsung-Mei Cheng, daß
Großbritanniens NICE die führende Rolle in dieser "neuen
Herangehensweise" an die Gesundheitspolitik hätte. Dabei ist diese
Herangehensweise weder nett noch neu: daß ein „unabhängiges Gremium" über
Menschenleben entscheiden darf, ist mit Hitlers Tiergarten 4-Programm nicht nur
zu vergleichen, sondern identisch. Doch zurück zum Artikel:

Zunächst klappert sie die schon fast rituellen
Argumente ab, daß nämlich die übermäßigen Ausgaben im Gesundheitswesen durch
den fast blinden Glauben an die gekauften Produkte (Medizintechnik, Medikamente) zustande käme. Mit NICE
hätte Großbritannien weltweit die intellektuelle Führung in diesem Feld übernommen,
obwohl das Institut für erhebliche Kontroversen im Vereinigten Königreich selbst und
jüngst auch in den U.S.A. sorge. Der Grund für die Kontroverse bei der
Kosten-Nutzen-Analyse sei das Zurückgreifen auf das Maß "qualitätsgewichtete Lebensjahre" (QALY). Kritiker beschuldigten
NICE, die finanzielle Obergrenze für die Versorgung zu niedrig anzusetzen.
Derzeit läge sie bei 30.000 Pfund Sterling pro QALY, was für viele Medikamente in den letzten
Lebensjahren nicht genug sei. Die Pharmaindustrie und ihre Unterstützer stuften
diese Grenze als eine Innovationsbarriere ein, während Patienten und Ärzte
dieselbige einfach als herzlos ansähen. In der Tat sei die Grenze eine
politisches Urteil, welches durch die Regierung und die steuerzahlende Öffentlichkeit
entschieden werden müsse. Um so höher die Grenze, um so mehr Ausgaben und somit
auch mehr Steuern.

Dann kommt der eigentliche Hammer: "Die U.S.A.
haben sich lange damit gebrüstet, in der medizinischen Technologie und bei
organisatorischen Innovationen im Gesundheitswesen der Vorläufer zu sein.
Derzeit jedoch stecken sie in einer  eher
primitiven Debatte fest, [i]ob [...] die Gesundheitsreform zu Nazi-Euthanasie
führen werde.[/i] Während sich die Amerikaner an dieser Frage aufhalten, hat
Großbritanniens NICE mit dieser neuen Herangehensweise still und heimlich die
weltweite Führung übernommen [...]."

Die Autorin ist mit einem Deutschen
namens Uwe Reinhardt verheiratet, der als einer der einflußreichsten Leute im
amerikanischen Gesundheitswesen gilt. Er ist sowohl alteingesessener
Mitarbeiter der Cambridge Universität in England, Mitglied der
Kaiser-Family-Stiftungskommission für Fragen von Medicaid und Patienten ohne Krankenversicherung, Professor für politische Ökonomie an der
Princeton Universität als auch wohlhabender Geschäftsführer mehrerer Firmen im Bereich von Gesundheitsdienstleistungen.

Bei einer Veranstaltung der
Robert-Wood-Johnson-Stiftung am 25. Juni 2009 verteidigte Reinhardt seinen früher schon veröffentlichten Standpunkt, daß auch
das menschliche Leben seinen Preis haben müsse. Das Gesundheitswesen sei der
einzige Bereich, in dem man der romantischen Vorstellung anhänge, hier müsse alles "preislos" sein - und das wäre ein einfältiger Standpunkt.