Ein Finanzsystem aus heißer Luft

24.09.2007
Ein Finanzsystem aus heißer Luft admin 24.09.2007

von Christine Bierre

Erst Hypotheken und dann Schulden aller Art wurden in Wertpapiere umgewandelt, womit die Finanzblase weiter aufgebläht wurde. Jetzt fliegt der ganze Schwindel auf.

Die Immobilienblase platzt!Als sich im Sommer die gigantische Immobilienblase in den USA aufzulösen begann und die Gefahr eines allgemeinen Bankenkrachs heraufzog, sah auch der Normalbürger, in welchem Ausmaß das Weltwährungssystem nur noch aus heißer Luft besteht. In den Medien wurde der Anschein erweckt, schuld an der Krise seien nur die minderwertigen US-Hypotheken (d.h. Hypotheken, die an Personen vergeben wurden, die nicht kreditwürdig waren) – aber die sind in Wirklichkeit nur ein Element von vielen in einem System, das sich in den letzten 40 Jahren immer mehr auf Schulden und Spekulationsblasen stützte.

Doch folgen wir zunächst der Spur der minderwertigen Hypotheken, die inzwischen rund ein Fünftel der Hypothekenschulden in den USA ausmachen. Solange die Immobilienpreise ständig stiegen, schienen solche „Subprime-Hypotheken“ ungefährlich, denn die Hypothekennehmer konnten ja im Notfall immer noch ihr Haus wieder verkaufen – so die Theorie. Als aber die Eigenheimpreise zu fallen begannen, konnten zahllose Schuldner ihren Kredit nicht zurückzahlen, und fast hundert Hypothekenbanken gingen bankrott. Doch das war erst der Anfang.

Der Bürger mußte überrascht feststellen, daß die Erschütterungen auf diesem scheinbar rein amerikanischen Markt ein weltweites finanzielles Erdbeben auslösten und das ganze Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs geriet. Zwei deutsche Großdanken, die Deutsche Industriebank (IKB) und die Sachsen LB, standen kurz vor dem Bankrott, etliche Hedgefonds mußten schließen, acht französische „dynamische Geldmarktfonds“ wurden eingefroren, der ganze Markt der kurzfristigen Schuldverschreibungen (ABCP) kam ins Stocken, und die fremdfinanzierten Fusionen und Übernahmen, für die bisher Hunderte von Milliarden mobilisiert wurden, endeten abrupt. Noch schlimmer: Die Bankiers erkannten plötzlich, daß alle ihre Kollegen genauso in dieses gigantische Betrugsspiel mit Wertpapieren aus heißer Luft verstrickt waren wie sie selbst, und deshalb drohte nach wenigen Wochen unmittelbar ein weltweiter Bankenkrach!

Die „Subprime-Krise“ enthüllte, daß der spekulative Wundbrand über den Trick mit der sog. „Verbriefung“ (securitization), d.h. der Bündelung von Schulden zu handelsfähigen Wertpapieren, das gesamte Weltfinanzsystem erfaßt hat. Und diese Krankheit ist in moralischer noch schlimmer als in praktischer Hinsicht. Es ist das Endstadium eines todkranken Systems, in dem die finanzielle Verantwortungslosigkeit zum Grundwert erhoben und die Wirtschaft in ein riesiges Spielkasino verwandelt wurde.

Spekulation mit Schulden

Was der Durchschnittsbürger nicht wußte, war, daß diese minderwertigen Hypothekenschulden gebündelt und von ihren ursprünglichen Besitzern an oft speziell dazu gegründete Zweckgesellschaften – auch „Conduit“ oder „Spezielles Investitionsvehikel“ (SIV) genannt – verkauft wurden. (Eine der bekanntesten ist Rhineland Funding, das für die IKB in den USA die enormen Verluste einfuhr.) Diese Gesellschaft wiederum finanzierte den Kauf durch die Ausgabe von Wertpapieren, die an Anleger verkauft wurden. Anfänglich machte man das nur mit amerikanischen Hypotheken, später mit allen Arten von Ansprüchen auf regelmäßige Zahlungen: Kreditkartenschulden, Autokaufkredite, Versicherungskredite, ganze Schulden-Portfolios von öffentlichen Schulden (wie Sozialversicherungsbeiträge, Einkommenssteuer- und anderen Schulden), Konsumentenkredite – alles wird heutzutage „verbrieft“. Diese Ansprüche werden dann in Tranchen unterschiedlicher Dauer und Risiken zusammengefaßt. Die „Equity-Tranche“ bietet hohe Rendite bei hohem Risiko, die „oberste“ („Senior“) Tranche bietet geringen Gewinn bei (angeblich) hoher Sicherheit, und die „Mezzanin-Tranche“ liegt dazwischen.

So entstand eine ganze Familie seltsamer Wesen, die keinerlei eigenen Wert haben, aber massiv zum Anwachsen der monströsen Spekulationsblase beitrugen. Da sind die „wertebesicherten Wertpapiere“ ABS (asset backed securities), die durch Hypotheken besicherten MBS (mortgage backed securities), kurzfristige Schuldverschreibungen ABCP (asset backed commercial papers), und CDO-Schuldverschreibungen (collateralized debt obligations), die z.B. durch Unternehmensanleihen besichert sind.

Diese abstrusen Papiere verkaufte man dann an große Finanzgruppen wie Goldman Sachs, Merryll Lynch, JP Morgan, Barclays oder Deutsche Bank, und die verkauften sie auf den Anleihemärkten weiter an finanzkräftige Gruppen, wie z.B. Rentenfonds, Hedgefonds, Versicherungen oder an die Manager kollektiver Investmentfonds, die in Aktien oder Geldinstrumente investieren.

Die Fabelwesen reisten dann weiter quer durch das finanzielle Universum, um schließlich zum Hauptmotor der größten Geldgeschäfte der Welt zu werden, den fremdfinanzierten Fusionen und Übernahmen (LBOs), wo Fonds an sich gesunde, nicht börsengehandelte Unternehmen übernehmen, nur um sie schnellstmöglich auszuschlachten und gewinnträchtig weiterzuveräußern.

Der Finanzstabilitätsbericht der Banque de France vom Dezember 2006 analysiert diese Mechanismen. Darin heißt es: „Die finanzielle Konstruktion eines LBO besteht zum Teil aus Eigenkapital, typischerweise in der Größenordnung von 30% der für den Kauf erforderlichen Gesamtsumme… und einem substantiellen Teil an Krediten in der Größenordnung von 70%, die von Banken und zunehmend von Nichtbanken (Hedgefonds, Verbriefungs-Vehikel, Fonds, die auf die Finanzierung von Mezzanin-Tranchen spezialisiert sind) vergeben werden.“ Ist ein solches Geschäft über die Bühne gegangen, wofür man zum großen Teil verbriefte Finanzinstrumente verwendet, verkaufen die beteiligten Geldinstitute ihren Anteil gewöhnlich ziemlich schnell wieder, „am häufigsten über eine besondere Form von CDOs, die CLOs (collateralized loan obligations)“. Diese Papiere werden wiederum durch die Ausgabe weiterer Tranchen finanziert.

Die Grafiken aus dem Finanzstabilitätsbericht vermitteln einen Eindruck vom Ausmaß der Investitionen in solche Papiere und erlauben einen Vergleich der Entwicklungen auf den amerikanischen und europäischen Märkten. Das sind aber nur grobe Hinweise, denn ein großer Teil dieser Geschäfte läuft außerhalb der Bilanzen (over the counter, OTC). Das Epizentrum dieses Phänomens liegt eindeutig in den USA, aber man sieht, daß Europa bemüht ist, aufzuholen. Diesen Statistiken zufolge wuchs das Gesamtvolumen dieser verbrieften Finanzinstrumente weltweit von weniger als 6000 Mrd.$ 1999 auf mehr als 10.000 Mrd.$ 2005 (Quelle: Bond Market Association). In Europa wuchs das Volumen von 300 Mrd.$ auf fast 400 Mrd.$ (Quelle: Europäische Kommission). Dabei ist zu beachten, daß das Volumen der LBOs in Europa von nur 30 Mrd. Euro im ersten Halbjahr 2003 auf mehr als 350 Mrd. Euro im ersten Halbjahr 2006 angewachsen ist (Quelle: Baromètre Candover-Initiative Europe).

Noch erschreckender sind die Statistiken über das gewaltige Wachstum des Nennwerts der sog. „Kreditderivate“, einer Art Versicherung gegen den Verlust hochriskanter Investitionen. Wie sehr die Beteiligten um ihr Geld fürchten, sieht man daran, daß die Investitionen in diesem Sektor von 1000 Mrd.$ 2001 auf 3000 Mrd.$ 2003 anwuchsen, und im ersten Halbjahr 2006 6000 Mrd.$ erreichten! Diese Summe entspricht dem Wirtschaftsprodukt der USA und Europas zusammengenommen (Quelle: ISDA, BRI, Credit flux, The Bond Market Association, Berechnung: Banque de France).

Noch mehr als die Statistiken zeigt die Ideologie hinter all dem, daß dieses System dringend ersetzt werden muß. Das „Verbriefen“ wurde erfunden, um allen Marktteilnehmern zu ermöglichen, die zum Schutz der Gesellschaft und des einzelnen vor räuberischen Finanzinteressen eingeführten Vorschriften zu umgehen. Der Präsident des Wirtschaftsanalytischen Rates des französischen Premierministers (dem die 100 führenden Ökonomen Frankreichs angehören), Christian de Boissieu, sprach von einer „gigantischen Maschine, die es erlaubt, gefährliche Objekte ständig an andere weiterzugeben“. Jeder Akteur muß seine Risiken jederzeit an andere weiterverkaufen können, damit er selbst nicht damit erwischt wird! Ein anderer, von Finanzmedien gepriesener Vorzug ist die Möglichkeit, mit Hilfe dieser Instrumente die Bilanzen eines Unternehmens oder öffentlicher Haushalte zu „verbessern“, weil sie nicht in den Bilanzen auftauchen. Diese Instrumente wurden in den 80er Jahren eingeführt, um Volkswirtschaften zu schaffen, die nicht auf Produktion, Wissenschaft und Hochtechnologie beruhen, sondern auf Spekulationsblasen, wie wir sie heute haben.

Seit etwa 40 Jahren leben die Vereinigten Staaten, wo seit Franklin Roosevelts Tod die Finanzoligarchie das Sagen hat, vom Export von Schulden statt vom Export von Gütern. Bringen wir den politischen Willen auf, dieses System zu ersetzen, bevor es das, was von der produktiven Wirtschaft der Welt und ihrer Bevölkerung noch übrig ist, auch noch zerstört.

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