Offenbar merken auch einige derjenigen, die sich bisher in Realitätsverweigerung geübt haben, angesichts der Kernschmelze des Finanzsystems und der diktatorischen Maßnahmen auf beiden Seiten des Atlantik, was die Stunde geschlagen hat. Francis Fukuyama ("The End of History") äußerte sich jetzt in einem Interview am 9.8. mit der italienischen Tageszeitung Il Foglio ausführlich über Glass-Steagall und griff die Regierungen Bush und Obama wegen ihrer Rettung des globalen Finanzspielkasinos an.
Obama habe eine historische Chance vertan, nämlich den Finanzsektor zu reformieren. "Die Arroganz und Hybris der USA nach der Periode des Kalten Krieges wurde in den 90ern neben Robert Rubin von Larry Summers verkörpert, dem Propheten der Finanzderegulierung unter [Präsident ] Bill Clinton; und nach dem 11. September von Paul Wolfowitz, dem Neocon-Theoretiker und Gehirn des Irakkrieges. Wolfowitz wurde von der Geschichte bestraft, aber Obama wählte Larry Summers aus, um den Nationalen Wirtschaftsrat zu leiten, bis er im November 2010 zurücktrat! Es war aber Larry Summers, der als Finanzminister Ende der 90er Jahre das Gramm-Leach-Bliley-Gesetz durchsetzte, mit dem die wichtigsten Maßnahmen des Glass-Steagall-Gesetzes aus [der Zeit] des New Deal, nämlich die Trennung der Geschäftsbanken- von Investmentbankenaktivitäten aufgehoben wurden. Und es war Summers, der die Liberalisierung der Derivatmärkte beaufsichtigte. Aus diesen zwei Fehlern entstand die Finanzkrise."
Fukuyama schrieb weiter, es sei "dumm" von der Opposition, Obama einen Sozialisten oder Marxisten zu nennen. "Geithner und Summer hatten nicht im Traum vor, zu Glass-Steagall zurückzukehren. Sie zogen es vor, die Verluste aus [dem] AIG-[Desaster] zu schultern, so daß AIG seine Gläubiger bezahlen konnte. Warum handelte die Regierung so? Die Gläubiger waren Goldman Sachs und ähnliche Investoren. Es wäre sinnvoll gewesen, ihnen zu sagen: ‚ Hört zu, Jungs, ihr habt dubiose und risikoreiche Kredite gekauft, und jetzt müßt ihr sie auch übernehmen!‘ Obama hätte wenigstens einige seiner Kritiker zum Schweigen gebracht, die sein Finanzministerium beschuldigen, zu sehr für die Wall Street zu sein, wenn er einige dieser Finanzgiganten auf vernünftige Größe zurechtgestutzt hätte. Aber ganz grundsätzlich glaube ich, diese Regierung wollte das nicht."