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Franklin D. Roosevelt's Nachkriegsordnung

Zitat aus Elliott Roosevelt: "Wie er es sah"

 Mein Vater warf zuerst den Fehdehandschuh hin. „Natürlich", sagte er leichthin, „wird eine der Voraussetzungen für einen dauernden Frieden eine möglichst große Freiheit des Handels sein." — Er machte eine Pause. Der P. M. lauschte mit vorgebeugtem Kopf, den Blick fest auf meinen Vater gerichtet.

„Keine künstlichen Schranken für den Handel", fuhr mein Vater fort. „Möglichst wenig Abkommen über Vorzugsbehandlung. Möglichkeiten für eine Ausdehnung der Wirtschaft. Offene Märkte für einen gesunden Wettbewerb." Er ließ seinen Blick harmlos durch den Raum wandern.Churchill saß unruhig in seinem Lehnstuhl. „Die Handelsabkommen des Britischen Empires ...", begann er feierlich.

Mein Vater unterbrach ihn. „Ja. Von diesen Handelsabkommen des Empires ist die Rede. Wegen dieser Handelsabkommen sind die Völker Indiens und Afrikas, die Kolonialvölker des Nahen und Fernen Ostens so sehr rückständig."

Churchills Nacken rötete sich, und er beugte sich nach vorn: „Herr Präsident! England wird nie und nimmer auf seine Vorzugsstellung im Verkehr mit den britischen Dominions verzichten. Der Handel, der England groß gemacht hat, soll fortbestehen, und zwar unter Bedingungen, die Englands Minister vorschreiben."

„Sie sehen, Winston", sagte mein Vater bedächtig, „daß anscheinend gerade hier eine Meinungsver-schiedenheit zwischen Ihnen und mir besteht. Es ist meine tiefe Ueberzeugung, daß wir, wenn wir einen beständigen Frieden erreichen wollen, gerade die Entwicklung der rückständigen Völker fördern müssen. Wie kann das geschehen? Gewiß nicht mit den Methoden des 18. Jahrhunderts. Und..."

„Wer spricht von den Methoden des 18. Jahrhunderts?"-

„Jeder Ihrer Minister, der eine Politik der Ausbeutung der Rohstoffe und des Reichtums der Kolonialvölker empfiehlt, ohne ihnen etwas dafür zu geben. Die Methoden des 20. Jahrhunderts anwenden heißt, den Kolonien Industrien verschaffen. Die Methoden des 20. Jahrhunderts mehren denReichtum eines Volkes durch Erhöhung seines Lebensstandards, Erziehung, Förderung des Gesundheitswesens — kurz, Zubilligung einer Gegenleistung für seinen Rohstoffreichturn."

Wir hörten alle mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Major Thompson, Churchills Begleiter, sah verärgert aus. Der P. M. selber hatte ein beunruhigtes Gesicht.

„Sie haben Indien erwähnt", knurrte er.

„Ja. Ich glaube nicht, daß wir Krieg gegen die faschistische Sklaverei führen können, ohne gleich-zeitig für die Befreiung aller Völker in der Welt von einer rückständigen Kolonialpolitik zu arbeiten."

„Wie steht es mit den Philippinen?" warf Churchill ein.

„Es ist mir recht, daß Sie sie erwähnen. Sie er-halten ihre Unabhängigkeit, wie Sie wissen, im Jahre 1946. Und sie haben ein modernes Gesund-heitswesen, ein modernes Unterrichtssystem. Der Analphabetismus ist ständig zurückgegangen."

„Wir lassen uns nicht in die Wirtschaftsabkommen des Empires dreinreden."

„Sie sind künstlich..."

„Sie sind die Grundlage unserer Größe."

„Der Friede", sagte mein Vater bestimmt, „darf keinen Despotismus irgendwelcher Art bestehen lassen. Der Friede setzt die Gleichheit der Völker voraus. Gleichheit der Völker bedingt eine möglichst große Freiheit des kommerziellen Wettbewerbs. Wird jemand bestreiten, daß der Versuch Deutschlands, den Handel in Zentraleuropa zu beherrschen, eine der wesentlichen Ursachen des Krieges war?"