Französische Wirtschaftswebseite CAPITAL.FR veröffentlicht Interview mit Jacques Cheminade zum „Neuen Bretton Woods“

29.10.2008
Französische Wirtschaftswebseite CAPITAL.FR veröffentlicht Interview mit Jacques Cheminade zum „Neuen Bretton Woods“ admin 29.10.2008

Heute, am 29.10. veröffentlichte die wichtige französische Wirtschaftswebseite Capital.fr (40.000 tägliche Zugriffe) ein langes Interview mit dem Präsidenten der Schwesterorganisation der BüSo in Frankreich, "Solidarite et Progres". Das Interview, das von einem staatsmännischen Bild von Cheminade begleitet wird, trägt den Titel: "Man muß das Bankrottverfahren des gegenwärtigen Finanzsystems organisieren".

In der Einleitung heiß es: "Immer mehr politische Führer verlangen die Abhaltung einer neuen Bretton Woods Konferenz. Jacques Cheminade hat nicht erst auf die Finanzkrise gewartet, um eine völlige Neubegründung des internationalen Finanzsystems zu verlangen. Bereits Mitte der 1990er identifizierte dieser "Dissident enarque" (Absolvent der ENA, die französische Eliteschule für Öffentliche Verwaltung), der auch bei den Präsidentschaftswahlen 1995 antrat, die Gefahr der Desintegration des gegenwärtigen Systems. Der Präsident von Solidarite & Progres erläuterte uns seine Analyse der Situation und die aus seiner Sicht unausweichlichen Maßnahmen, um einen Kollaps der Weltwirtschaft zu verhindern."

Dann folgt das folgende Interview:

Capital.fr: Warum ist das System so schrecklich krank?

Cheminade: Wir leiden heute unter den Auswirkungen der Deregulierung des Weltfinanzsystems, die 1971 mit der Beendigung der Umtauschbarkeit des Dollars in Gold begann. Dieser Schritt bedeutete das Ende der internationalen Währungsordnung, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf der Konferenz in Bretton Woods entstanden war. Das öffnete die Schleusen für eine immer verrücktere Spekulation. In der Praxis ist die Währungsemission Banken und Versicherungsgesellschaften übergeben worden, die eine immer größere Menge an Liquidität geschaffen haben. Das führte zur Erzeugung von fiktivem Kapital, d.h. von Kapital, das keinerlei Beziehung zu irgend etwas in der Realwirtschaft hatte. Die Zentralbankenpolitik niedriger Zinsraten, der massive Einsatz von Finanzderivaten, die Umwandlung von Krediten in Wertpapiere, die exzessive Nutzung von Fremdkapitalaufnahme und die Nichtexistenz von Regulierung auf den Finanzmärkten: all das hat zur Übernahme eines unverhältnismäßigen Risikos beigetragen und zur Entstehung einer noch nicht dagewesenen Blase im Weltmaßstab, die jetzt explodiert ist und deren Deflation noch nicht beendet ist.

Capital.fr: Also werden die Hunderte von Milliarden nicht ausreichen, um die Krise zu lösen?

Cheminade: Die von westlichen Regierungen unternommenen Anstrengungen zur Rettung des gegenwärtigen Systems sind so nutzlos wie die Neuanordnung der Stühle auf dem Deck der Titanic. Staatsinterventionen fügen Geld nur weiteres Geld hinzu. Vielleicht werden diese Mengen an Geld, die der Steuerzahler aufbringt, der Finanzsphäre kurzfristig etwas Luft verschaffen, aber sie lösen nicht den Kern des Problems. Einerseits ist das Vertrauen zwischen den Systemteilnehmern verschwunden, und viele Schuldner werden niemals in der Lage sein, ihre Schulden zurückzuzahlen. Wenn die Spielregeln nicht gründlich geändert werden, dann wird die Welt nicht in der Lage sein, eine Rezession historischen Ausmaßes zu vermeiden.

Capital.fr: Welche Rückwirkungen befürchten sie?

Cheminade: Nach einer deflationären Periode durch den Zusammenbruch der Realwirtschaft heißt die eigentliche Gefahr Hyperinflation, wenn die Teilnehmer am Wirtschaftsleben jeglichen Glauben an den Wert des Geldes verlieren. Nationen werden dann nicht umhin können, eine Politik sozialer Sparmaßnahmen durchzuführen, um mit ihren sinkenden Einnahmen noch irgend etwas machen zu können. Angesichts strangulierter Bevölkerungen könnten die Regierungen die Einschränkung gewisser Freiheiten in Betracht ziehen, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Destabilisierung des chinesischen Regimes ist sehr groß, wenn Chinas Exporte im Westen keine zahlungskräftige Kundschaft mehr finden.

Capital.fr: Welche Lösungen schlagen Sie vor, um solch ein Katastrophenszenario zu vermeiden?

Cheminade: Die Welt braucht eine neue Finanz- und Währungsordnung, auf die sich die großen Mächte einigen müssen, d.h. ohne Rußland, China oder Indien auszuschließen. Als erstes muß das gegenwärtige System einem Konkursverfahren unterzogen werden, um die Kapitalbestände voneinander zu trennen; die guten, die mit der Realwirtschaft zu tun haben, von den schlechten, die an Gift-Wertpapiere gebunden sind. Letztere werden liquidiert und nur die ersteren werden bezahlt.

Als nächstes, um Währungsspekulation zu verhindern, sind feste Wechselkurse unabdingbar. Souveräne Regierungen – die einzige Garantie für das Interesse der Völker – müssen die Kontrolle über Währungen und in der Folge über die Zentralbanken wieder übernehmen. Schließlich sollte produktiver öffentlicher Kredit geschaffen werden. Auf diese Weise könnten langfristige Kredite mit geringen Zinsraten ausgegeben werden, um große Infrastrukturprojekte und Investitionen in grundlegende Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu finanzieren. Um es kurz zu sagen, wir sprechen nicht von einer technischen oder technokratischen Lösung und auch nicht über ein Arrangement zwischen Diplomaten. Die neuen Spielregeln können nur Folge eines politischen Willens sein, der die Vorrangigkeit der menschlichen Arbeit und der sozialen Gerechtigkeit wieder etabliert, der die Führung eines Kampfes gegen die in London und der Wall Street beheimatete Finanzoligarchie impliziert."

Sie finden das Interview (in französischer Sprache) auf der Internetseit von capital.fr:

[url:“http://www.capital.fr/actualite/Default.asp?interview=O&numero=71347&Cat=ACT]http://www.capital.fr/actualite/Default.asp?interview=O&numero=71347&Cat=ACT[/url]

Scroll to Top