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Gier schlägt in Angst um: Das Kartenhaus stürzt ein!

[i]Von Helga Zepp-LaRouche[/i]

Die Kernschmelze des Weltfinanzsystems, die seit langem in Vorbereitung war, ist nun mit dem Kollaps des Hypothekenmarkts für schlechte Schuldner in den USA offen ausgebrochen. Angefangen mit zwei zu Baer Sterns gehörenden Hedgefonds, sind seitdem eine Reihe solcher Fonds auf Grund ihrer Fehlspekulationen untergegangen. Die Turbulenzen sind längst auf die internationalen Märkte herübergeschwappt und haben Finanzinstitutionen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Australien in Mitleidenschaft gezogen. Und das ist erst der Anfang.

Als Folge der Bereitstellung einer Kreditlinie der Deutschen Industriebank IKB - einst Industriekreditbank - gegenüber dem in Delaware ansässigen Investmentvehikel Rhineland Funding Capital war diese Bank, die bisher immerhin 14 Prozent der deutschen mittelständischen Firmen mit Krediten versorgt hat, plötzlich mit noch nicht in vollem Umfang geklärten Außenständen bei dieser Zweckgesellschaft, die ihrerseits Verbindlichkeiten in Höhe von 12,7 Milliarden Dollar hat, in die Knie gegangen. Laut Süddeutscher Zeitung war „das ganze deutsche Bankensystem” in Gefahr, was offensichtlich der Grund für eine vorläufige Rettungsaktion für die IKB durch die deutsche Regierung und die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Umfang von 8,1 Milliarden Euro war.

Aber dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Weitere US- Hypothekenfinanziers wie American Home Mortgages sind in schwerer Bedrängnis. Ein Grund dafür liegt in der Praxis der sogenannten „adjustable mortgages” (anpaßbaren Hypotheken), ein Verfahren, bei dem Käufer Immobilien erwerben können, die eigentlich ihre Zahlungsfähigkeit überfordern.

Für einen gewissen Zeitraum werden ihnen nur künstlich niedrige Zinsraten für die Hypotheken abgefordert, die aber dann nach einer bestimmten Zeit, meist zwei Jahren, automatisch angehoben werden. Tritt die höhere Rate in Kraft, steigen die Kosten in der Regel um Hunderte von Dollars. Dieser zweitrangige Hypothekenmarkt entwickelte sich in vollem Umfang seit Frühling 2005, und deshalb wird gerade zum jetzigen Zeitpunkt eine Lawine von Erhöhungen bei den Raten losgetreten.

Alles in allem werden sich in diesen Monaten die Zinsen für Hypotheken im Werte von einer Billion Dollar erhöhen, immerhin 12 Prozent aller Hypotheken in den USA. Allein im Oktober werden Hypotheken über mehr als 50 Milliarden hochgestuft. Das Blutbad, das bisher auf dem zweitrangigen Hypothekenmarkt stattgefunden hat, ist also nur das sprichwörtliche Picknick, denn letztendlich könnten sämtliche Kategorien von Hypotheken betroffen sein. Laut Moody’s Economy.com haben sich zwischen 1995 und 2005 rund 3,2 Millionen Haushalte auf der Grundlage zweitrangiger Hypotheken oder ähnlicher Kredite Häuser gekauft, und insgesamt wird erwartet, daß an die zwei Millionen in den nächsten Monaten ihre Eigenheime verlieren werden - sofern man nur die Lage auf dem Immobilienmarkt an sich betrachtet. Die Flut von Hausverkäufen wird zu einem dramatischen Verfall der Immobilienpreise führen, aufgrund der exponierten Position der Finanzinstitutionen wird es erheblich viel schwieriger werden, neue Hypotheken zu erhalten, und die Wirkung auf die Realwirtschaft, sprich Arbeitsplätze im Bausektor, wird katastrophal sein.

[i]Yen Carry Trade[/i]

 

Viel dramatischer als selbst diese Situation ist jedoch die Tatsache, daß dieser Kollaps von einem anderen Prozeß mit noch sehr viel weitreichenderen Konsequenzen befördert wird, nämlich dem Austrocknen des Paradieses billiger Kredite als Folge des Endes des japanischen Yen Carry Trade. Damit versiegt die wunderbare Liquiditätsquelle, die es Investoren jahrelang gestattete, sich günstig zu Nullzinsraten in Yen zu verschulden, um dann in höher rentierlichen Anlagen in aller Welt zu investieren. Der Liquiditätsstrom aus dieser Quelle betrug 500 Milliarden Dollar - und der ist nun so gut wie abgeschnitten. Angesichts der steigenden Zinsen versuchen nun Spekulanten, die billige Yen-Kredite aufgenommen hatten und von Verlusten im amerikanischen Hypothekenmarkt und bei Hedgefonds getroffen waren, im Gegenteil verzweifelt ihre Investitionen zu versilbern, um ihre Yen-Kredite zurückzubezahlen, was zu einer Aufwertung des Yens führte. Dies wiederum erhöht die Verluste der Spekulanten. Die umgekehrte Hebelwirkung des Zusammenbruchs der Spekulationspyramide ist im vollen Gang.

Tatsächlich leiden die Banken und Finanzinstitutionen derzeit unter einer Art von Entzugsschock. Denn während die Übernahmemanie seitens der Hedgefonds und privaten Beteiligungsgesellschaften bis vor kurzem nie gekannte Dimensionen erreichte - weltweit haben die Hedgefonds in der ersten Jahreshälfte 2007 Firmen im Werte von 2.3 Billionen übernommen -, sitzen sie jetzt auf einem Schuldenberg von 1,5 Billionen Dollar, von dem angesichts der Lage auf immer mehr Bereichen des Kapitalmarktes ein erheblicher Teil zu faulen Krediten zu werden droht. Die Kreditinstitute sind derzeit panisch bemüht, diese Kredite bis zum Jahresende aus ihren Büchern zu bekommen, weil sie sonst keine neuen Finanzoperationen mehr vornehmen können. Für den Markt der Fusionen und Übernahmen sind die Flitterwochen definitiv vorbei.

Analysten der Credit Suisse warnen, daß die Banken große Schwierigkeiten haben, neue Anleihen zu verkaufen. Falls sie dies nicht können, müßten die Kreditlinien an Hedgefonds und andere Marktteilnehmer gestrichen werden, was wiederum eine Kaskade von Liquidationen auslösen würde - mit anderen Worten einen Crash.

[i]LaRouche hat davor gewarnt[/i]

Tatsächlich erleben wir derzeit, wie die größte Liquiditätsblase in der Geschichte der Finanzmärkte zu platzen beginnt. Lyndon LaRouche hat den Beginn dieser Entwicklung seinerzeit messerscharf erkannt, als er Nixons Intervention am 15. August 1971, nämlich das Ende der festen Wechselkurse, die Ablösung des Dollars von der Golddeckung, die Schaffung des Eurodollarmarkts und damit der privaten Kreditschöpfung als den Beginn einer Entwicklung identifizierte, die zu einer neuen Depression führen würde.

Allan Greenspan, der den zweifelhaften Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, als „Mr. Bubble” in die Geschichte einzugehen, ist für die jüngste Explosion der Casino-Ökonomie verantwortlich. Nach dem Crash von 1987, der durchaus schon Parallelen mit dem Schwarzen Montag von 1929 aufwies, hatte er die glorreiche Idee, die „kreativen Finanzinstrumente” zu erfinden. Dazu gehören u.a. die Kreditderivate. 1998 betrug das Volumen dieser Kreditderivate nur 180 Millionen Dollar. Als im September 1998 der damals größte Hedgefonds LTCM im Kontext des russischen Staatsbankrotts und der GKO-Krise bankrott zu gehen drohte, beschlossen die G8-Staaten, die große Liquiditätspumpe in Gang zu setzen. Im Jahre 2006 betrug das Volumen der Wunderwaffen des Geldgeschäfts, die sogenannten collateralized debt obligations (CDOs), sagenhafte drei Billionen.

Bei diesen „Strukturierten Produkten” packen die Banker die Kreditrisiken ganz unterschiedlicher Schuldner in Bündel, teilen sie in verschieden Risikoklassen und verkaufen sie in Tranchen an Investoren. Die Verteidiger dieser Praxis argumentieren, daß die Hedgefonds dabei eine positive Rolle spielen, weil sie angeblich das Risiko auf viele Schultern verteilten. Diese Theorie hat nur einen ganz erheblichen Makel: Solange alle Kapitalpreise steigen, funktioniert alles wunderbar - aber dann gibt es auch kein Risiko. Aber in dem Augenblick, wenn es, wie jetzt, zu einem Kollaps kommt, bei dem sich die Hebelwirkung umkehrt („reversed leaverage“), reißt die Verknüpfung der verschiedenen Marktsegmente durch die Hedgefonds das ganze System in den Kollaps: das berühmte Klumpenrisiko.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus der Tatsache, daß durch das Instrument der Derivatkredite ein Kartenhaus entstanden ist, das überaus anfällig ist für einen Dominoeffekt des Krachs. Der Unterschied zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer wird verwischt, der Kreditnehmer tritt im nächsten Augenblick als Kreditgeber an einen anderen Kreditnehmer auf, der seinerseits wieder Kredite vergibt, etc. etc. Dies ist zugleich der Mechanismus der wunderbaren Geldvermehrung. Denn wenn ein Marktteilnehmer einen solchen Kredit bekommt, wird dieser Kredit die Kapitalreserve, um an einen weiteren neuen Kredit zu verleihen. Und so tritt eine weitere Spirale in Kraft. Höhere Kreditpreise geben mehr Raum für höhere Beleihungen, mehr Liquiditätsschöpfung wiederum erlaubt höhere Kreditpreise usf.

Wie gesagt, solange die Spekulationsblase sich weiter aufblähen kann, solange die Kapitalpreise steigen, ist alles bestens (zumindest im monetären Bereich, nicht aber in der Realwirtschaft, die in diesem Prozeß aufgeopfert wird). Wenn es aber, wie jetzt im Falle des minderwertigen Hypothekenmarktes, zu Einbrüchen kommt, und als Folge des Austrocknens der Liquiditätspumpe infolge des Endes des Yen Carry Trade zu einem reversed leverage-Prozeß in dieser Pyramide kommt, dann platzt die Illusion. Was wir in diesen Tagen erleben, ist der psychologisch hochinteressante Prozeß, wie im Bereich der sinnlichen Begierde die grenzenlose Gier quasi über Nacht umschlägt in grenzenlose Angst. Wenn keiner mehr glaubt, daß der Kaiser neue Kleider hat, sieht jeder, daß er nackt ist.

[i]Umkehrung der Hebelwirkung[/i]

 

In dem Augenblick, als die zweitklassigen Hypotheken, die als zinsbringende Anleihen als CDOs verkauft wurden, in ihrem Wert fielen, konnten die Banken und anderen Finanzinstitutionen diese CDOs nicht mehr wie zuvor als Kapitalreserve oder Sicherheit beleihen oder darauf borgen. Als Folge davon brach die globale Liquiditätswelle schlagartig ab. Ein weiterer Aspekt des Ausverkaufs begann, als die Banken Schwierigkeiten hatten, die Übernahme von Chrysler durch die Beteiligungsgesellschaft Cerberus - jene Heuschrecke, die den treffenden Namen des Höllenhundes trägt - zu finanzieren. Ähnlich ging es mit dem Versuch von Kohlberg Kravis Roberts bei dem Versuch der Übernahme der britischen Drogeriekette Alliance Boots.

Wo stehen wir also? Haben diejenigen Recht, welche die Ansicht vertreten, es werde lediglich zu einer „Begradigung” der Märkte kommt, einem kleinen Aderlaß, und danach würden die Zentralbanken und etablierten Mächte wieder die Kontrolle übernehmen?

Interessant ist, daß ein unorthodoxer Nachrichtenbrief in Frankreich, La Chronique Agora, die Frage seiner Überschrift Diesmal hat der Alarm auf den Kreditmärkten beispielloses Ausmaß. Lange heruntergespielt, wird ihr Ausmaß jeden Tag etwas besser sichtbar... Das vor sich gehende Phänomen markiert das Ende einer Epoche - jener der Illusion unendlicher Liquidität der Welt... Noch eine andere Illusion fängt an zu sterben: daß die Finanzbehörden die Masse des Geldes und der Kredite, die sie seit Jahren massiv geschaffen haben, ... und die Finanzinstrumente, die es erlauben, diesen Ozean an Liquidität weiterzuborgen, zu reinvestieren, weiterzuleihen und umzuverpacken, vollkommen im Griff hätten...“

Die nächsten Wochen werden keinen Zweifel daran lassen, daß Lyndon LaRouche recht hat, und alle seiner Kritiker blaß aussehen werden. Wenn die US-Regierung auch nur einen Funken Realitätsbezug hätte, müßte sie zumindest die Vorschläge der deutschen Regierung vom G8-Gipfel aufgreifen, um wenigstens Transparenz in das Ausmaß des Desasters zu bringen. Mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird sie das in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung jedoch nicht tun. Denn ebensowenig, wie diese Administration fähig ist, ihr völliges Scheitern im Irak oder im Umgang mit dem Hurrikan Katrina zuzugeben, ist nicht zu erwarten, daß Finanzminister Paulsen zugibt, daß das System der Globalisierung genauso gescheitert ist wie das System des Kommunismus 1989-91.

Alles wird also davon abhängen, ob die Welt in der Lage ist, zu tun, was der frühere Staatspräsident von Mexiko, Lopez Portillo, 1998 empfohlen hat: auf die weisen Worte von Lyndon LaRouche zu hören.