Am 29. Juli feierte der griechische Widerstandskämpfer und international bekannte Komponist Mikis Theodorakis seinen 90. Geburtstag, der mit vielen Veranstaltungen, Konzerten und Artikeln international begangen wurde. Der folgende Artikel erschien dazu in der Wochenzeitung Neuen Solidarität.
Warum die Griechen Mikis Theodorakis und seine Musik lieben
Am 29. Juli feierte der griechische Widerstandskämpfer und international bekannte Komponist Mikis Theodorakis seinen 90. Geburtstag, der mit vielen Veranstaltungen, Konzerten und Artikeln international begangen wurde. Der folgende Artikel erschien dazu in der Wochenzeitung Neuen Solidarität.
Warum die Griechen Mikis Theodorakis und seine Musik lieben
Menschen wie Mikis Theodorakis sind selten. Es gibt keinen, den das hellenische Volk mehr liebt als ihn. Und er wurde zum Repräsentanten und bleibt bis heute ein Anführer der historischen Kämpfe des griechischen Volkes in jahrhundertelangen Kriegen – erst gegen die Osmanen und dann gegen das Britische Empire.
Geboren 1925 auf der Insel Chios, verbrachte er seine Kindheit in Städten und Dörfern auf dem Lande, wo er mit der griechischen Musik vertraut wurde. In Tripolis auf dem Peloponnes hörte er als Teenager zum erstenmal Beethovens Neunte Symphonie und entschied sich, Komponist zu werden.
Um zu verstehen, warum die Griechen ihn so lieben, muß man seinen lebenslangen Kampf verstehen – nicht nur gegen den britisch gesteuerten Faschismus, sondern auch dafür, den Griechen eine neue, eigene musikalische Stimme zu geben.
1972, als er während der Militärdiktator im Exil war, schrieb er im Vorwort zu dem Buch Mikis Theodorakis: Music and Social Change (Mikis Theodorakis: Musik und soziale Veränderung) von George Giannaris:
„Man kann in den poetischen Texten, die ich verwendet habe, suchen, solange man will, man wird keine politischen Slogans finden. Man wird keine offene oder versteckte Propaganda in Bezug auf bestimmte politische Standpunkte finden. Folglich ist die Politisierung meiner Kunst ausschließlich die Folge von zwei Ursachen: a) ihre Aufrichtigkeit und b) mein persönlicher Einsatz. Das ist die Konsequenz und der Preis für mein Grundprinzip, daß Kunst in jedem Augenblick mit dem Volk kommunizieren soll. Mit anderen Worten, die Massen ansprechen soll.
Aber die Massen sind nichts Abstraktes, sondern im Gegenteil sehr konkret. So sind für mich die Massen die Griechen, die heute unter bestimmten Bedingungen leben, welche bestimmte Probleme, Erwartungen, Ideologien, Ideale erzeugen. Aus seiner Geschichte erbte dieses Volk bestimmte Traditionen, Prinzipien, Gewohnheiten, Empfindungsfähigkeit, Wissen und eine bestimmte intellektuelle und kulturelle Grundlage. Um dieses Volk in diesem Augenblick anzusprechen und um ihm – in Form künstlerischer Arbeit – ästhetische Wahrheiten zu geben, die es ansprechen, muß daher der Künstler selbst wie dieses Werk in diese historische Realität eingebettet sein. Das bedeutet, daß er ehrlich sein muß, so wie sein Werk ehrlich sein muß.
Das ist das Kern der Frage der Politisierung meiner Arbeit. Aber da ist noch etwas anderes. Schöpferischer Ausdruck ist vor allem ein Akt der Freiheit. ,Ich erschaffe’ bedeutet: ,Ich bin frei – ich werde frei.’ Die Botschaft der Kunst ist die Botschaft der Freiheit. Deshalb wird die Kunst, die der ehrliche und aufrichtige Ausdruck eines um seine Freiheit kämpfenden Volkes sein will, nicht nur danach streben, die Liebe dieses Volkes, sondern auch den Haß seiner Feinde zu erringen. Das ist ein großes, höchstes Streben, das ich nicht verhehle – ich verfolge es von ganzem Herzen.“
In Tripolis begann Theodorakis auch seinen lebenslangen Kampf gegen die britischen Machenschaften zur Zerstörung Griechenlands und seiner Kultur. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen und Tripolis war von den Italienern besetzt. Hier beteiligte Theodorakis sich zum erstenmal aktiv am Widerstand gegen die faschistische Besetzung, bei einem großen Protest am 25. März, dem Jahrestag des griechischen Unabhängigkeitskampfes gegen das Osmanische Reich. Dabei wurde er zum erstenmal von vielen Malen verhaftet, wurde eingesperrt und gefoltert, konnte entkommen und floh nach Athen.
In Athen begann er, klassische Komposition zu studieren, und versuchte, eine klassisch-moderne Musik zu schaffen, die einzigartig hellenisch sein sollte. Darunter stellte er sich jedoch nicht Musik vor, die Arbeiter zur Aktion anspornen sollte, sondern den ersten Versuch der Erziehung einer griechischen Bevölkerung, die noch nie klassische Musik kennengelernt hatte. Er sah es als seine Aufgabe an, die Griechen durch einen Prozeß zu führen, durch den sie nicht nur große klassische Musik, sondern auch ihre eigene historische und kulturelle Beziehung zu dieser Musik verstehen und schätzen lernen.
Gleichzeitig schloß er sich der EAM an, der größten Widerstandsgruppe gegen die deutsche Besatzung. Den Rest des Krieges über beteiligte er sich aktiv am Widerstand, während er weiter Musik studierte.
Erste Symphonie im Gefängnis
1945 endete der Zweite Weltkrieg, nicht jedoch die Besetzung Griechenlands. Dort wurde umgehend eine Marionettenregierung der Briten eingesetzt, die von der britischen Armee gestützt wurde, und der Griechische Bürgerkrieg (1945-48) begann. Zehntausende Widerstandskämpfer wurden verhaftet und in Konzentrationslager unter britischer Aufsicht gesperrt.
Aber das hielt Theodorakis nicht von seinen politischen Aktivitäten ab, er verbrachte diese Jahre teils in Verstecken, teils in Gefangenenlagern, wurde mehrmals verhaftet und brutal gefoltert. Dennoch kämpfte er darum, seiner Leidenschaft für das Komponieren weiter zu folgen. Seine erste Symphonie entstand auf der berüchtigten Gefängnisinsel Makronissos. In dieser Zeit begann auch sein Interesse an der griechischen Volksmusik.
In der zweiten Hälfte der 50er Jahre studierte er Komposition in Paris im Salon von Olivier Messiaen, wo er in die Welt der musikalischen Moderne geriet. Anfangs faszinierte ihn die Zwölftonmusik, aber mit der Zeit war er angewidert von der modernen Musik und der Pariser Modernistenschule, die das breite Publikum verachtete. So kehrte er 1960 nach Griechenland mit neuen Ideen über Musik zurück. Dazu schreibt er, ebenfalls in dem Vorwort zu dem Buch von 1972:
„Ich glaube, es wäre keine Übertreibung, zu sagen, daß die modernen Bewegungen symphonischer Musik eher musikliterarisch als rein musikalisch sind. Man bedenke nur, wieviel Literatur seit der Zeit der Komponisten der Zwölftonmusik geschrieben wurde und wieviel [d.h. wie wenig] kreative Arbeit am Ende überdauerte. Folglich ist es der Musikkritiker und Musikwissenschaftler, der heute das moderne musikalische Umfeld schafft, und nicht der Komponist, dessen Werk beinahe nur noch als Vorwand für das Verfassen schwülstiger Zeitungskolumnen und Analysen dient… Ein Wortschwall überschwemmt unsere Ära mit Elfenbeinturm-Erfindungen und sterilen Theorien. So sind wir in dieser absonderlichen Lage angelangt, wo zwei parallele musikalische Triebe existieren: einer, der ausschließlich auf die Musikkritiker und wenige ,Kenner’ abzielt, und einer, der auf das Volk zielt.
Es ist meine feste Überzeugung, daß wir in unserem Land auf eine Quelle gestoßen sind, aus der wir reiche Nahrung ziehen können. Über das Rohmaterial der Musik hinaus sind wir auf anderen Wegen, wie Form und Komposition, vorangeschritten, die meiner Meinung nach einen möglichen Ausweg aus der zeitgenössischen Krise und Sackgasse bieten, in die französischer Impressionismus und österreichische Zwölftonmethode die moderne musikalische Kunst geführt haben.“
Nach dem Ende des Bürgerkrieges widmete Theodorakis sich somit wieder ganz seiner musikalischen Tätigkeit, aber 1963 begann der Kampf um die Freiheit in Griechenland erneut. 1963 wurde der sozialistische Abgeordnete Grigoris Lambrakis ermordet und die Umstände ließen keinen Zweifel daran, daß hochrangige Beamte aus Polizei, Armee und Regierung daran beteiligt waren. Bis dahin hatte sich Theodorakis niemals parteipolitisch betätigt, aber nun ließ er sich überzeugen, selbst zu kandidieren. Er wurde 1964 gewählt und wurde auch Präsident der Lambrakis-Jugendbewegung („Lambrakides“).
Theodorakis hat immer gut verstanden, daß die Griechen ein sehr tiefsitzendes historisches Gedächtnis haben, ein Gedächtnis, das Jahrtausende umspannt – jedenfalls weit mehr als ein Jahrhundert. Dazu gehört die Befreiung Griechenlands aus dem Osmanischen Reich, ein Kampf, der fast ein Jahrhundert in Anspruch nahm. Dann begann der Erste Weltkrieg, darauf folgte fast unmittelbar der Griechisch-Türkische Krieg, der für Griechenland katastrophal endete. Dann folgten der Zweite Weltkrieg, der britisch inszenierte blutige Bürgerkrieg und später die von den Briten organisierte siebenjährige Militärdiktatur der 1960er und 70er Jahre.
Der rote Faden bei allen diesen Entwicklungen war, daß die Briten Griechenland eine weithin verhaßte ausländische Monarchie aufzwangen, zu der auch der fanatische Menschenfeind Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, gehört. Das Königshaus wurde nach dem Sturz der Militärdiktatur aus dem Land geworfen.
De Vulgari Eloquentia
Theodorakis sah in den griechischen Dichtern der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Wegbereiter desselben Zieles wie er, indem sie Literatur und Gedichte in der Volkssprache, dem Demotischen, verfaßten. Zu jener Zeit wurden die Griechen durch ein synthetisches Griechisch, Katharevousa, unterdrückt, das nach der Revolution als „reformiertes Griechisch“ von Akademikern geschaffen worden war und der reaktionären Monarchie als zusätzliches Mittel kultureller Unterdrückung diente. Diese Dichter griffen statt dessen die Volkssprache auf, um diese Sprache durch die Dichtung zu veredeln, damit man in ihr neue, profunde Gedanken ausdrücken und dem Volk vermitteln konnte.
Theodorakis kannte diesen Kampf sehr gut und begann sich intensiv mit dessen musikalischer Seite auseinanderzusetzen, woraus sich eine Studie der überlieferten Volksmusik entwickelte. Er entdeckte deren Wurzeln in der byzantinische Musik, allerdings waren die Texte banal und simpel. So sagt er:
„Das zeitgenössische griechische Volkslied der Jahrhundertmitte hatte ein großes Manko: Es war unausgeglichen. Je leidenschaftlicher und profunder die Musik, um so banaler war der Text. Meine ersten Bemühungen richteten sich daher darauf, dieses Ungleichgewicht zu berichtigen. Die Dichtung war zweifellos die höchstentwickelte Form griechischer Kunst – was wäre also einfacher als die Verbindung dieser beiden großen Errungenschaften der griechischen Moderne: Dichtung und Volksmusik.“
Über die Wirkung solcher Kompositionen auf seine griechischen Hörer sagte er 2004 in einem Interview:
„Vergessen Sie nicht: die Worte der großen Dichter in ihrem Alltag zu hören und zu singen, war und bleibt unbedingt ein wichtiger Schritt für eine ganze Nation, eine Hochkultur zu erklimmen, die von Inhalt, Charakter und Form ganz hellenisch ist.“
Und in einer weiteren Bemerkung:
„Die Menschen hören nicht mit ihren Ohren, sie hören mit ihrer Vorstellungskraft. Wenn sie welche haben… Offenbar besaß das griechische laos (Volk) zu der Zeit Vorstellungskraft, Empfindungsvermögen, Hunger nach Neuem und eine Konzentration auf das historische Gedächtnis.“
Die Ballade von Mauthausen
Theodorakis komponierte schwerpunktmäßig Lieder, ausgehend von seiner Überzeugung, daß die Singstimme das wichtigste Instrument ist – etwas, was er schätzen lernte, als er als junger Mann zum erstenmal Beethovens Neunte Sinfonie mit dem berühmten Schlußchor hörte.
In der Zeit nach dem Bürgerkrieg komponierte Theodorakis eine außergewöhnliche Serie von Liederzyklen auf moderne griechische Poesie: Epitaphios, Archipelagos, Epiphania, Mikres Kykliades, um nur einige zu nennen. Das besondere an diesen Werken ist, daß die Dichter dieser Texte alle gegen die Diktatur gekämpft hatten: gegen die von den Briten an die Macht gebrachte Metaxas-Diktatur vor dem Krieg oder im Widerstand gegen die Nazi-Besetzung oder im Widerstand gegen die Besatzung nach dem Krieg. Einer von ihnen ist Jannis Ritsos, der seine poetische Laufbahn bei Demonstrationen gegen die Metaxas-Diktatur begann. Ein anderer der Dichter und Diplomat Giorgos Seferis, der mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, wie Anders Osterling von der Schwedischen Akademie es in der Begründungsrede sagte, „für seine herausragenden lyrischen Schriften, die von einem tiefen Gefühl für die hellenische Kulturwelt inspiriert sind“.
Sein vielleicht charakteristischstes Werk jener Zeit war jedoch der Zyklus Die Ballade von Mauthausen, die Vertonung eines Gedichtzyklus von Iakovos Kambanellis, einem griechischen Lyriker, Dramatiker, Roman- und Drehbuchautoren, der das Konzentrationslager Mauthausen überlebte. (Im Internet existiert eine Referenzaufnahme des Zyklus, gesungen von Maria Farantouri.)
Makrokosmos und Mikrokosmos
1964 stellte Theodorakis der griechischen Öffentlichkeit seinen Traum einer Versöhnung zwischen den beiden gegnerischen Seiten des Bürgerkriegs vor: seine Oper Das Lied vom toten Bruder.
Aber im April 1967 ergriff die von den Briten und den USA gestützte Militärdiktatur in Griechenland die Macht. Eine der ersten Handlungen des neuen Regimes war ein Verbot von Theodorakis’ Werken. Er ging in den Untergrund und verbreitete einen Aufruf zum Widerstand gegen das Regime. Wenig später wurde er zum Präsidenten der ersten Oppositionsorganisation „Patriotische Front“ gewählt. Aus dem Untergrund und später trotz erneuter Inhaftierung und Folter komponierte er weiter. Der internationale Druck, ihn freizulassen, wuchs an, bis er 1970 nach Paris ausreisen durfte.
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 23. Juni 2015 wurde Theodorakis gefragt, ob Musik menschliche oder sogar politische Beziehungen harmonisieren könne. Er antwortete:
„Musik ist eine Brücke. Sie drückt den Wunsch des Menschen nach Gesellschaft aus. Menschen leben in völlig unterschiedlichen, oft weit voneinander entfernten Gegenden, Ländern, Kontinenten. Die überwältigende Zahl von ihnen wird sich nie kennenlernen, nie miteinander sprechen können, wenig voneinander wissen. Aber genau diese Menschen können alle die gleiche Musik hören und lieben. Wir haben Tausende solcher Brücken, die Musik ist nur eine davon. Leider gibt es auch Brücken, die nicht beschritten werden. Doch schon immer waren wenige herausragende Persönlichkeiten – Philosophen, Musiker, Maler, Schriftsteller – mit ihren Stimmen sozusagen die Einheitswährung menschlicher Kultur und Kommunikation.“
Und in seiner Rede „Universelle Harmonie“ auf dem „Internationalen interdisziplinären Symposium ,Musik und universelle Harmonie’ zu Ehren von Mikis Theodorakis“ am 10. März 2006 in Heraklion sagte er über das Verhältnis zwischen Mensch, Kunst und Kosmos:
„Ich halte die Kunst für die einzige Macht, die in uns einen Mikrokosmos in vollkommener Parallele mit dem Kosmos erschaffen kann. Sie könnte die Gesetze, die universelle Harmonie definieren, in uns übertragen. Sie könnte aus jedem von uns kleine Sonnensysteme und riesige Astralsysteme machen. So daß jeder von uns in Übereinstimmung mit dem uns umgebenden Raum versetzt werden kann, und daß wir lebende Moleküle der einen, einzigen Harmonie werden können. Diese unsere Vervollkommnung stimmt für mich mit dem höchsten Ziel des Lebens überein. Sonst sind wir nur Kehricht, der sich im Wind des Lebens hier und dorthin bewegt, bis wir zu Staub werden.“
Theodore Andromidas und Dean Andromidas