Nordrhein-Westfalen. Wenn ein gut laufendes Unternehmen von einem Konkurrenten aufgekauft und dann geschlossen wird, nützt dies wohl kaum dem Gemeinwohl. Betriebsräte fordern nun ein Firmenschutzgesetz gegen "asoziales" Verhalten von Investoren.
Was sagte der große Schaumschläger Jürgen Rüttgers noch im ersten Fernsehduell mit Peer Steinbrück über die Kapitalismusdebatte Münteferings? Richtig, er meinte, so könne man über diese Sachen aber nicht diskutieren, so verschrecke man ja nur potentielle Investoren, die Nordrhein-Westfalen doch so dringend brauche. Man könne doch nicht alle Unternehmer, vor allem die Mittelständler, pauschal verurteilen. Das hatte auch niemand getan. Rüttgers versuchte natürlich nur, die Diskussion vom wirklichen Thema – dem real existierenden Haifischkapitalismus – wegzulenken. Denn dazu hatte die CDU im Wahlkampf – genauso wie über die Schaffung produktiver Arbeitsplätze – nichts zu sagen.
Das merkt man auch im Fall der Denison Hydraulik in Hilden, die 2004 von Parker Hannifin aufgekauft wurde und nun geschlossen werden soll, obwohl das Werk über volle Auftragsbücher verfügt und mit Gewinn arbeitet. Da ist weit und breit nichts von der CDU zu hören und zu sehen. Hat sie soviel Angst vor den Haifischen? Alle "Argumente", die im Laufe der Zeit von der Geschäftsführung von Parker für die Schließung des Hildener Werkes vorgebracht wurden, entbehren jeder Grundlage oder zeugen von fehlender ökonomischer Sachkenntnis. Betriebsratsvorsitzender Horst Tefke sagte deshalb am 9. Mai dieses Jahres gegenüber der Bild-Zeitung richtigerweise: "Man hat einen Konkurrenten aufgekauft, um ihn auszuschlachten, um die Rendite zu steigern. Menschenverachtend!"
Ein gesundes Unternehmen wird zerschlagen
Dabei kann die Denison GmbH gesunde Zahlen und volle Auftragsbücher vorweisen, es sind sogar in Verbindung mit dem Weihnachtsgeld erfolgsabhängige Sonderzahlungen an die Belegschaft geleistet worden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht gibt es gar keinen Grund, das Werk in Hilden zu schließen. Im Mai müssen sogar aufgrund der Auftragslage Sonderschichten gefahren werden. Die Geschäftsführung in der Person von Dr. Scheffel zeichnet aus ideologischen Gründen ein ganz anderes Bild vom Unternehmen, obwohl er einräumen muß, daß das Werk in Hilden schwarze Zahlen schreibt.
Es wird einfach die Behauptung aufgestellt, die Produktionsstätten seien veraltet und das Werk arbeite nicht rentabel. Dann wiederum sagt man, daß das Werk aus Platzgründen geschlossen werden soll, es gebe keine Möglichkeit mehr, zu expandieren. Ein anderes Argument für die Schließung soll dann die Tatsache sein, daß es in der Parker-Gruppe in Europa nun zwei Werke mit der gleichen Produktpalette gebe. Orginalton Scheffel: "Der harte Wettbewerb zwingt uns, unsere Ressourcen zu optimieren. Wir können gleiche Produkte nicht wirtschaftlich in zwei Werken in einem Land parallel produzieren… Aus diesem Grund wurde ein Vergleich der Standorte Hilden und Oberndorf durchgeführt. Das Ergebnis: Die Fakten sprechen für Oberndorf." Zudem zeichnete Scheffel ein düsteres Zukunftsbild der Hydraulikbranche, die sich großem Druck ausgesetzt sehe, nicht nur durch den Wettbewerb am Markt, sondern durch neue Technologien. Vor allem in der traditionellen Domäne der Hydraulik, dem Automobilbau, würde die Hydraulik verdrängt. In Wolfsburg z.B. könne man heute ganze "hydraulikfreie Hallen" besichtigen.
Schon auf der Belegschaftsversammlung hatte sich ein Geschäftsführer von Parker Hannifin dreist vor die Belegschaft gestellt und behauptet, die Firma sei dermaßen marode und unprofitabel, daß man sie nur noch schließen könne. Und das, obwohl die Firma sich seit Jahren auf Wachstumskurs befindet und hochprofitabel ist.
Lügen der Geschaftsführung
Man sieht, wie eng die Politik der Globalisierung und eines Haifischkapitalismus notwendigerweise mit einer Strategie der Lügen verbunden ist. Würden die wahren Absichten dieser Neo-Feudalisten zu früh bekannt, gäbe es erheblich mehr Widerstand seitens der Politik und der Bevölkerung gegen eine Politik, die sich schon längst nicht mehr auf dem Boden unserer Verfassung befindet – schließlich haben wir uns nach dem Zweiten Weltkrieg als sozialer Bundesstaat gegründet.
Wenn behauptet wird, die Hydraulik werde durch elektrische Antriebe immer mehr verdrängt und durch die Integration von Elektronik in die Hydraulikkomponenten werde immer weniger Hardware benötigt, weil jede elektronisch verstellbare Pumpe zwei bis drei der herkömmlichen Pumpen sowie mehrere Druckventile ersetze, stellt sich natürlich die Frage, warum Parker Hannifin überhaupt 240 Mio. Dollar für Denison Hydraulik ausgegeben hat.
Außerdem stimmt diese Aussage laut der Fachzeitschrift Der Konstrukteur nicht, die in ihrer Ausgabe 9/2004 schreibt: "Mit der Hydraulik geht es nun aber wieder aufwärts! Das hat auch der VDMA bestätigt … Aber ist dieser mit sechs Monaten noch recht kurze Zeitraum auch nachhaltig? Das kann man mit einem klaren Ja beantworten und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Woher kommt dieses plötzliche Interesse an der doch häufig als ,Old Economy‘ bezeichneten Hydrauliktechnik eigentlich her? … Wenn man zunächst einmal die Mobilhydraulikbranche heranzieht, dann gibt es hier tatsächlich mehr Hydraulik pro Maschine als noch vor fünf Jahren, und die Intelligenz der elektrohydraulischen Lösungen hat die Stationärhydraulik bald überflügelt. Die Automatisierung von Mobilmaschinen bedeutet mehr Hydraulikzylinder und -motoren und damit auch größere, zunehmend verstellbare Pumpen und mehr Ventile und Leitungen. Weder die Elektrotechnik noch die Pneumatik können diesem Trend, im Gegensatz zur stationären Welt des Maschinenbaus, viel entgegensetzen … Dies gilt auch in stationären Anlagen, deren Bedarf an Hydraulik ebenfalls stetig zunimmt. Umformende Maschinen jeder Art steigen in ihrer Bedeutung und Vielfalt. Hier ist die Hydraulik zum Verformen oder zum Positionieren schwerer Werkstücke unverzichtbar."
Zum anderen zeigt sich an dieser Argumentation, daß der von Parker Hannifin eingesetzte Geschäftsführer Dr. Gerd Scheffel nicht wie ein mittelständischer Unternehmer denkt, sondern bestenfalls wie ein Buchhalter, der zwar Zahlen manipulieren kann, dem aber jedes Verständnis von der Schaffung immer neuer Innovationen fehlt, die normalerweise den produktiven Mittelstand prägen. So hat auch die Denison Hydraulik GmbH erfolgreich bewiesen, wie man durch konsequente Entwicklung und Innovation neue Märkte erobern kann. Als Beispiele kann man hier Niveauausgleich für Schiffe, Entwicklung eines Oberleitungsverlegers für einen großen österreichischen Bahnzulieferer, Schienenverlegung usw. nennen. Im Bereich Elektronik wurde Denison sogar mit einem Preis für ein Produkt zur elektronischen Ansteuerung von Ventilen ausgezeichnet! Von mangelnder Innovationsfreudigkeit kann also keine Rede sein.
Auch das Argument, daß zwei Werke in einem Land das gleiche produzieren, ist an den Haaren herbeigezogen, weil in den USA beide Pumpenproduktionen weiterbestehen und auch die Standorte Stuhr und Chemnitz in Deutschland darunter fallen würden. Bei einem Produktvergleich zwischen den Werken in Oberndorf und Hilden hat das Hildener Werk besser abgeschnitten. Einen Standortvergleich, von dem die Geschäftsführung spricht, gibt es bisher nicht, den mußte der Betriebsrat in Auftrag geben, weil die Geschäftsleitung nichts vorlegen konnte.
Offensichtlich hatte Parker Hannifin von Anfang an vor, sich die guten Produkte, die Patente und ein überlegenes Vertriebsnetz von Denison zu holen und damit einen starken Wettbewerber auszuschalten. Wenn Franz Müntefering es mit seiner Kapitalismusdebatte wirklich ernst meint, müssen den markigen Worten jetzt mutige Taten folgen. Der Betriebsrat von Denison schlägt z.B. ein Firmenschutzgesetz für deutsche Betriebe vor, das die Schließung schwarze Zahlen schreibender Unternehmen entweder grundsätzlich untersagt oder dermaßen hoch besteuert, daß dieses Vorgehen für ausländische Firmen unrentabel wird. Die Verfassung von Nordrhein-Westfalen erlaubt außerdem die Verstaatlichung von Firmen, die bewußt gegen das Gemeinwohl verstoßen. Hinzunehmen braucht man solch asoziales Verhalten von "Investoren" also auf gar keinen Fall, die Frage bleibt nur: Wer außer der BüSo bringt den notwendigen politischen Mut zum Handeln auf?
Frank Müchler
Neue Solidarität Nr. 21/2005