Von Pakistan bis in die
Länder Zentralasiens hinein steht das Gespenst der Hungersnot vor der Tür.
Gleichzeitig blüht in verschiedenen Gegenden Afghanistans der Opiumanbau.
Erinnerungen an die Rolle des Opiums in der britischen Weltmachtpolitik werden wach.
Seit der Landung amerikanischer Truppen in Afghanistan im Winter 2001 wurde das Land und die
Nachbarstaaten in Zentralasien und Pakistan in einen einzigen Kriegsschauplatz
verwandelt. Natürlich war es die Absicht der Neocons in der Bush-Administration
gewesen, an der Schnittstelle dreier Regionen – Südwestasien, Zentralasien, und
Südasien – Militärbasen zu errichten. Aber die Kolonialstreitkräfte
Großbritanniens nutzten diese Dummheit der USA aus, um irreguläre Kriegsführung
gegen Rußland, China und Zentralasien zu entfachen.
Für die britische Seite, die
auf dem Höhepunkt ihrer kolonialen Macht während des 19. und 20. Jahrhunderts
zwei Kriege gegen Afghanistan verlor, besteht der einzige Wert des Landes in
seinem Territorium und nicht in seinen Menschen. Dieser „leere Raum” kann nicht
nur zu minimalen Kosten kontrolliert und aufrecht erhalten werden, wie Marc
Herold von der Universität in New Hampshire kürzlich schrieb; Afghanistan kann
den Briten das liefern, was sie am dringendsten brauchen: Opium. Die Briten
nutzten das Opium aus Britisch-Indien im 19.Jahrhundert, um China in die
Abhängigkeit zu treiben, und trennten 1842 nach dem 1. Opiumkrieg Hongkong von
China ab. London bekam von Washington jetzt die Gelegenheit, Afghanistan in ein
Opiumland zu verwandeln. Ziel dabei ist, nicht nur das Opiumgeschäft zu
benutzen, um die finanzielle Macht der „City” zu stärken, sondern auch China
durch die Abtrennung der westlichen Provinz Xinjiang zu schwächen.
Afghanistan hatte bis in die siebziger
Jahre genügend Nahrungsmittel, um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Aber als
Folge der bösartigen britischen Politik gerät das Land jetzt, nach 30 Jahren
permanenten Kriegs, immer schneller in einen Zustand ständiger
Nahrungsmittelknappheit. Dabei steigt die Opiumproduktion schnell und aggressiv
an. Die durchschnittliche Opiumproduktion ist heute viermal so hoch wie in den siebziger
Jahren und Afghanistan kann sich dank der Besatzung durch die NATO und die USA
damit brüsten, für 95% der Weltopiumproduktion verantwortlich zu sein. Wenn diese Politik weiter
Bestand haben sollte, ist es fast sicher, daß Afghanistan und angrenzende
Nationen zu „Niemandsland” degenerieren.
Seit der sowjetischen
Besetzung 1979 hat Afghanistan keinen einzigen Tag des Friedens erlebt. Jahre
der Bombardements, Hunderttausende von Landminen, die überall auf den Feldern
und im Land verstreut wurden und willkürliche Flächenbombardierungen haben die
Bewässerungssysteme Afghanistans zerstört, die Flüsse verschlammt, die für die
Weizen und Getreideproduktion des Landes unverzichtbar sind. Ohne
landwirtschaftliche Infrastruktur wurden die Bauern machtlos, und das Land
taugte nur für den Opiumanbau. Genau so schafft man „Niemandsland”.
Die US-Invasion nach
Afghanistan schuf die Bedingungen für eine gesteigerte Opiumproduktion, die die
Kriegsherren und ihre Milizen finanzieren half und die bankrotten
internationalen Banken mit Narkogeldern fütterte.
Das Land taumelte am Rande
von Hungerkatastrophen dahin. 2001 berichtete die FAO, daß 7,5 von 23 Millionen
Afghanen nicht ausreichend essen konnten. Die Lücke konnte jedoch von den
Ländern geschlossen werden, die sich noch einer Exportkapazität erfreuten. Aber
jetzt hat sich die Lage geändert. Die Verknappung ist nicht mehr nur regional,
sondern global. Als Folge davon konnten die „cleveren” Spekulanten die
Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben und so auf Kosten von Millionen
Hungernder Geld machen.
Anfang 2008 appellierte
Afghanistan an die internationale Gemeinschaft, es benötige zusätzliche
Rationen an Weizen, um die Knappheit zu überwinden. Als der Handelsminister
Mohammad Amin Farhang diese Tatsache auch in einem Interview mit der Neuen
Osnabrücker Zeitung bekannt gab, war Afghanistan bereits mit wachsenden
Unruhen wegen der steigenden Kosten für Weizen und andere Grundnahrungsmittel
konfrontiert. Hinzu kam ein strengerer Winter als normal und weiter verringerte
Ernteaussichten.
Nach Aussagen von Amin
Farhang haben sich die Brotpreise in einigen Gegenden Afghanistans verdoppelt
oder sogar vervierfacht. „Die Nahrungsmittelpreise sind gestiegen, und niemand
kann es sich noch leisten, all das zu kaufen, was man zum Leben braucht”, sagte
ein Bewohner von Leshkar Gah, der Hauptstadt der südlichen Provinz Helmand. Und
er fügte hinzu: „100 kg Mehl kosten 3,300 Afghanis (=67 $), und die Armen
werden überhaupt nicht in der Lage sein, dies zu bezahlen. Die Regierung sollte
etwas dagegen tun.”
Die Provinz Helmand ist eine
der am schlimmsten betroffenen Regionen. 2007 produzierte sie in genau den
Gegenden, die von den Briten, den Holländern, den Kanadiern und den Australiern
kontrolliert werden, 53% des gesamten afghanischen Opiums. Es bleibt eine
Tatsache, daß der Opiumanbau in Helmand unter den wachsamen Augen der Briten am
besten geschützt wird. Es ist sogar wahrscheinlich, daß hier überhaupt kein
afghanischer Bauer die Erlaubnis bekommt, Weizen statt Opium anzubauen.
Schmuggel und Hunger in Pakistan
Hamid Karzais Regierung in
Kabul ist angesichts steigender Getreidepreise auf dem internationalen Markt
unter starken Druck gekommen, einzugreifen. Afghanistans Nachbar im Norden,
Tadschikistan, ist jetzt auch eine Nation unter ständigem Nahrungsmitteldruck.
Im Osten konnte sich Pakistan bis vor kurzem selbst versorgen. Aber seit 2001
machte die amerikanische Invasion das Land zur Kriegszone.
Es wird jetzt einer inneren
Zerreißprobe unterzogen, zwischen den militanten Bewegungen und dem islamischen
Dschihad. Und diese Politik der Zwietracht wurde dem Land durch die Briten, die
USA und die NATO aufgezwungen.
Als Folge mußte sich die
Innenpolitik des Landes völlig neu orientieren. Sie mußte darauf ausgerichtet
werden, die vielen Feuer entlang der Grenze zu Afghanistan zu löschen. Entlang
dieser offenen Grenze sind militante, abtrünnige Gruppen auf dem Vormarsch, die
von den Briten und ihren neo-kolonialen Gesinnungsgenossen unterstützt werden.
Diese schwere politische
Krise, die seit fast einem halben Jahrhundert schwelt, hat Islamabad dazu
verleitet, den Landwirtschaftssektor zu vernachlässigen. Pakistan leidet unter
Knappheit an Wasser, Energie und Lebensmitteln. Dies ist nicht nur schlecht für
eine Nation von 160 Millionen Menschen, sondern es bedroht auch die Afghanen,
die in Notzeiten Überschüsse an Getreide aus Pakistan erhielten. Ein kürzlich
veröffentlichter Report zeigt, daß 77 Millionen Pakistaner unter
Nahrungsmittelknappheit leiden.
Berichte deuten darauf hin,
daß der illegale Schmuggel mit Lebensmitteln von Pakistan nach Afghanistan
blüht. Aber diese sind nicht für die Armen bestimmt, sondern für die
Kriegsherren, die Tausende von bewaffneten Milizionären unterhalten müssen und
in Geld aus dem Opiumhandel schwimmen. Diese Afghanen haben die
Nahrungsmittelpreise in Pakistan zusätzlich in die Höhe getrieben. Im
Nordwesten macht sich dies am stärksten bemerkbar, wo die Bevölkerung an akutem
Mangel leidet, weil der Schmuggel mit eßbaren Gütern nach Afghanistan überhand nimmt.
Die Drogenbarone kaufen nicht
nur Getreide, sondern auch Reis und Mehl, Speiseöle und Hülsenfrüchte. Die
Schmuggler bringen die Waren ungehindert über die löchrige Grenze der
Nordwest-Grenz-Provinz und der angrenzenden Stammesgebiete unter
Bundesverwaltung und verkaufen sie in ganz Afghanistan. Nach Angaben der
Händler sind die Preise wegen des ungehinderten Schmuggels in Pakistan um 100 %
hochgeschnellt. Am stärksten betrofen vom illegalen Handel nach Afghanistan sind
die Pakistaner in den erwähnten Grenzgebieten und in Belutschistan.
Die zentralasiatischen Republiken
Nördlich von Afghanistan hat
sich in Tadschikistan aufgrund der Nahrungsmittelknappheit eine permanente
humanitäre Krise entwickelt. Dieses Jahr wird die Lage aus drei Gründen noch
schlimmer sein: Der Winter war überdurchschnittlich hart; auf dem Weltmarkt
sind die Reserven an Nahrungsmitteln knapp geworden, und das Opium blüht in
Afghanistan heller und weitflächiger als je zuvor – während britische Soldaten
entlang der Felder Patrouille fahren.
Berichten zufolge wächst die
Wut unter den Tadschiken, die zum ersten Mal seit dem Bürgerkrieg in den 1990er
Jahren für eine grundlegende Wende auf die Straße gehen wollen. Die Wut ist
auch durch die Tatsache genährt worden, daß inmitten des strengsten Winters
seit Menschengedenken die Energiezufuhr aus den benachbarten Ländern
Kirgisistan und Usbekistan gekürzt wurde. Einige machen für die
Lebensmittelknappheit in Afghanistan auch den Schmuggel von dort nach
Tadschikistan verantwortlich.
Am 13. Februar forderte die
UN die internationale Gemeinschaft erstmals auf, 25 Mio. $ bereitzustellen, um
die Ernährung von 260.000 Tadschiken sicherzustellen. Die UN-Sprecherin Michele
Montas sagte: „Mehr als eine halbe Million Tadschiken leiden unter der
Unsicherheit der Versorgungslage, während 260.000 Tadschiken unmittelbare
Nahrungshilfe brauchen.”
Von den zentralasiatischen
Ländern, besonders Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisien,
Kasachstan und Turkmenistan, war Kasachstan das stabilste Land, was die
Nahrungsmittelversorgung angeht. Aber Kasachstan macht sich ernsthaft Sorge
über den niedrigen Stand der Weizenreserven insgesamt. Es will unbedingt
verhindern, daß sich eine vergleichbare Lage zu Pakistan entwickelt. Mit
anderen Worten, es will nicht, daß mit Hilfe von Drogengeldern die
Nahrungsmittel aufgekauft werden, die die eigene Bevölkerung dringend braucht. Am
7. April erklärte der kasachische Premierminister Karim Masimow vor Journalisten,
er erwäge die Einführung von Exportzöllen auf Getreide und sogar einen völligen
Exportstop. Damit machte er die politische Linie seines Landes von 2007 völlig rückgängig.
2007 noch hatte die
kasachische Regierung eine nach-sowjetische Rekordernte von 20,1 Mio. t
Getreide angekündigt. Das hätte ein Exportvolumen von ca. 10 Mio. t ergeben.
Als dann die Regierung erstmals im März 2007 die Möglichkeit von Exportzöllen
in die Diskussion brachte, trug das zum globalen Preisanstieg bei Getreide von 25 % bei.
Nach Auffassung von Experten
würden die Nachbarländer Zentralasiens unter derartigen Maßnahmen am stärksten
leiden. Außer Kasachstan ist kein anderes Land der Region Getreideexporteur.
Die Wirtschaftsplaner der Sowjetära verordneten den vier zentralasiatischen
Staaten die Konzentration auf den Anbau von Baumwolle, und diese Praxis hat
sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht geändert. Die
zentralasiatischen Länder importieren ihren ganzen Getreidebedarf, und das
überwiegend aus Kasachstan.
Wenn es denn bei der
Entscheidung Kasachstans bleiben sollte, wird das eine schwere Krise in
Kirgisien auslösen, das schon 2007 ernsthafte Probleme hatte. Im letzten Herbst
schoß der Brotpreis – und Brot ist das Grundnahrungsmittel für den Großteil der
Nation – steil nach oben und stieß viele Familien in einen wahren Überlebenskampf.
Auch die interne Lage in
Kirigisien verdient besondere Aufmerksamkeit. Es verfügt nur über 1,5 Mio. ha
bebaubaren Landes, weniger als 7% des Territoriums, und nur 360.000 ha davon
werden zur Getreideproduktion genutzt. Das Land ist gegenüber den Schwankungen
des Getreidepreises auf den Weltmärkten verwundbar. Um eine Bevölkerung von
gerade einmal 5 Million zu versorgen, muß Kirgisien jedes Jahr 200.000 Tonnen
Getreide und 30.000 Tonnen Mehl importieren. Das meiste davon kommt aus
Kasachstan, dem Brotkorb Zentralasiens. Jedoch sind die Preise seit letztem
August um 100 % gestiegen, von durchschnittlich 140 $ pro Tonne Getreide auf 300 $.
Es muß gesagt werden, daß
sich die Krise der Nahrungsmittelversorgung in dieser Region noch verschärfen
könnte. Die Weltfinanzkrise befindet sich in einem fortgeschrittenen Stadium,
und der von England angefachte Krieg ist in vollem Gang. Dazu kommt die
Bedrohung durch eine neue und virulente Weizenrost, Ug99, den man zuvor in
Ostafrika und im Jemen entdeckt hatte und der sich auf die Getreide
produzierenden Regionen des Iran ausgebreitet hat (siehe hierzu diesen [url:“http://www.solidaritaet.com/neuesol/2008/17/weizenrost.htm]Beitrag
in der Neuen Solidarität[/url]).
Die FAO hat die Getreideländer östlich des Iran gewarnt, d.h. Indien, Afghanistan, Pakistan,
Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan, daß „ein gefährlicher Getreide-Pilz
von Ostafrika bis in den Nahen Osten hinein” auf dem Vormarsch ist. Im
Wortlaut: „Der Pilz breitet sich schnell aus und könnte zu einer ernsthaften
Verringerung der Weizenernte in diesen Ländern führen…”