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Hunger: die Völkermord-Politik des Empire

[i]Freihandel und Globalisierung sind schuld daran, wenn es jetzt weltweit zu
Hungersnöten kommt. Mit der richtigen Politik könnte man jedoch auch kurzfristig genug
Nahrungsmittel für die Welt erzeugen.[/i]

[hr]

 

Auf der nördlichen Erdhälfte ist jetzt Saatzeit für Mais, Sojabohnen, Sommerweizen und
anderes Getreide. Weltweit herrscht akute Knappheit und Hyperinflation bei
Nahrungsmitteln, und eigentlich müßte eine konzertierte, weltweite
Mobilisierung zur Steigerung der Nahrungsmittelerzeugung einsetzen - aber die
findet nicht statt. Das einzige, was die Regierungen tun, ist, das Problem zu
„studieren“. Das amerikanische Landwirtschaftsministerium (USDA) erstellt
Studien über das Ausmaß der „Versorgungslücke“, die durch das
„Preisschock-Szenario“ bei Nahrungsmitteln entsteht. In der Februar-Ausgabe des
USDA-Monatsmagazins [i]Amber Waves[/i] heißt es, bald würden 30 Millionen
Tonnen Getreide fehlen - genug, um 50 Millionen Menschen ein Jahr lang zu
ernähren. Dieses Getreide wird nicht da sein, egal zu welchem Preis. Mit einem Wort: Hunger.

Schuld daran sind nicht bloß schlechtes Wetter und Mißernten, auch nicht nur die gewaltige
Warenspekulation und der Bio-Unsinn von Al Gore und Genossen. Die heutige
Hungerkrise ist die Folge einer jahrzehntelangen menschenfeindlichen
Landwirtschaftspolitik im Stile der alten Britischen Ostindiengesellschaft, die
weltweit entscheidet, wieviel und welche Nahrungsmittel erzeugt werden, und
damit auch, wo Menschen verhungern.

Man nennt diese britisch-imperiale Politik heute „Globalisierung“. Völker und Nationen werden
ihrer grundlegendsten Rechte beraubt - allen voran des Rechts, ihre
Souveränität so auszuüben, daß die Bevölkerung (und ihre künftigen Nachkommen)
mit Essen und anderen lebensnotwendigen Dingen versorgt ist. Statt dessen
werden die Nationen - wie die Kolonien des britischen Empire im 19. Jahrhundert
- gezwungen, sich dem „Freihandel“ zu unterwerfen, wirtschaftliche
Schutzmechanismen abzuschaffen und ihr Schicksal den „Marktkräften“ zu
überlassen. Zölle werden verboten, Nahrungsmittelsubventionen werden verboten,
und Wirtschaftshilfe wird davon abhängig gemacht, daß arme Länder sog. „cash
crops“ anbauen, also Erzeugnisse, mit denen auf den Finanzmärkten spekuliert
wird. Das Endresultat ist, daß die Nationen sich dem Willen der neoimperialen
Finanzmächte unterwerfen müssen. Und dieser Wille besagt, daß es „zu viele“
Menschen gibt und die „überschüssige“ Bevölkerung sterben soll.

Nahrungsmittelknappheit

In sieben der letzten zehn Jahre lag die weltweite Getreideerzeugung unter dem tatsächlichen
Verbrauch, deshalb liegen die weltweiten Nahrungsmittelreserven heute auf einem
historischen Tiefstand. Hinzu kommt, daß seit einigen Jahren der Wahnsinn mit
dem „Biotreibstoff“ um sich greift, so daß große Mengen an Mais, Rüben und
Ölsaaten für die Herstellung von Treibstoffen statt für die Ernährung verwendet werden.

Damit einhergehend stiegen die Nahrungsmittelpreise, wozu die beispiellose
Spekulation mit Nahrungsmitteln an den Warenterminbörsen das ihre beitrug.
Hedgefonds und andere fielen über die Chicagoer Warenhandelsbörse,
Handelsplätze in Kansas usw. her, weil im Finanzkrach mit reinen Geldgeschäften
kein Gewinn mehr zu machen war.

So stieg der Reispreis explosionsartig an. Innerhalb von nur drei Monaten verdoppelte sich
der Weltmarktpreis (Reis mittlerer Qualität aus Thailand gilt als Maßstab) von
360 auf 760 Dollar je Tonne. Im April wird er angesichts der dramatischen
Verknappung und der fehlenden internationalen Anstrengungen gegen die Krise
sicher weiter steigen.

Für immer mehr Menschen sind diese Nahrungsmittel einfach nicht mehr bezahlbar. „Die neuen
Hungernden“ nennt man diese Menschen in der Soziologensprache, berichtete die
Direktorin des Welternährungsprogramms WFP, Josette Sheeran. Bei einer
Konferenz in Addis Abeba Ende März sagte sie: „Wir sehen ein neues Gesicht des
Hungers. Wir sehen mehr Hunger in den Städten als je zuvor. Oft gibt es
Lebensmittel in den Regalen, aber die Menschen können sie sich nicht leisten.“

Eine zutreffendere Bezeichnung wäre Völkermord. Schon im Februar kündigte das WFP
an, wegen der Knappheit und der unkontrolliert steigenden Preise erstelle es
Pläne, in diesem Jahr die Lebensmittelhilfe für 73 Mio. Menschen, die meisten
in Afrika, zu rationieren. Einige würden verhungern.

Verschiedene Länder ergreifen derzeit Notmaßnahmen. Sie wollen versuchen, die Versorgung der
Bevölkerung so gut es geht sicherzustellen und den einheimischen Verbrauch zu
schützen, um die Not zu lindern und Hungeraufstände zu vermeiden.

[i]Reis:[/i] Drei der größten Reisexporteure -
Vietnam, Indien und China - haben die Ausfuhr verboten, um den einheimischen
Verbrauch zu sichern.

[i]Weizen:[/i] Zwei der wichtigsten Weizenexporteure der
Welt haben Exportbeschränkungen verhängt: Rußland (vorerst bis Ende April) und
Kasachstan (das sogar ein Exportverbot erwägt).

Viele Regierungen verfügen Rationierung und Umstieg auf Ersatzprodukte. In
Bangladesch wird empfohlen, angesichts der Reisknappheit Kartoffeln zu essen.
Auf den Philippinen hat die Regierung die Restaurants angewiesen, kleinere
Reisportionen zu servieren.

Inzwischen kommt
es jeden Tag irgendwo auf der Welt zu Hungeraufständen. In Haiti versuchte am
8. April eine wütende Menge, den Präsidentenpalast in Port-au-Prince zu
stürmen. Sie skandierte „Wir haben Hunger“, nachdem die Preise für
Grundnahrungsmittel innerhalb eines Jahres um 50% gestiegen sind. Eine Woche
zuvor starben fünf Menschen bei Protesten in den Provinzstädten des hungernden
Landes. In Afrika gab es umfangreiche Proteste in Kamerun, Mauretanien,
Senegal, Burkina Faso und Mosambik. In Tansania sind 38% der Kinder aufgrund
ihrer Unterernährung zwergwüchsig. Auch in Nordafrika gab es gewalttätige
Proteste in Ägypten und Algerien.

Notmaßnahmen gegen die Katastrophe

Die drängende Frage ist nun: Läßt sich dieser katastrophale Marsch in den Hunger aufhalten?
Die Antwort lautet, gemessen in Scheffeln, Litern und Tonnen: Ja! Selbst in dieser
fortgeschrittenen Phase könnte man durch agroindustrielle Notmaßnahmen und
internationale Zusammenarbeit kurzfristig Nahrungsmittel für Millionen Menschen
schaffen, bis die Volkswirtschaften wieder soweit aufgebaut sind, daß die
Versorgung sichergestellt ist. Als die Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg
ihre Kampagne „Victory Garden“[# Im Ersten und
Zweiten Weltkrieg wurden die Privathaushalte in den USA, England und Kanada dazu
angehalten, in ihren Vorgärten - den „Gärten des Sieges“ - Nahrungsmittel
anzubauen, um den kriegsbedingten Druck auf den Nahrungsmittelmarkt zu reduzieren.] starteten, um die
Nahrungsmittelerzeugung zu steigern, entschieden Gremien aus der Landwirtschaft
und der Nahrungsmittelindustrie auf Ebene der Bundesstaaten und Gemeinden mit
darüber, wie man die gesetzten Ziele erreichen konnte, wieviel Mittel und
Arbeitskräfte dafür notwendig waren usw. Ähnlich könnte man es heute machen.

Um die landwirtschaftlichen Produktionsmittel aufzubringen, die für ein solches
Sofortprogramm und auch längerfristig notwendig wären, muß die Finanzpolitik
entsprechend geändert werden. Lyndon LaRouche forderte
solche Änderungen am 17. März in seiner Erklärung „Drei
Maßnahmen, um jetzt das Überleben zu sichern“, die als Massenflugblatt in den
USA verbreitet wird. Dort wird dargelegt, nach welchen Prinzipien man den
wirtschaftlichen Zusammenbruch überwinden und die Wirtschaftsaktivität
wiederbeleben kann.

Punkt 1 verweist auf die notwendigen Maßnahmen des „Gesetzes zum Schutz der
Eigenheimbesitzer und Banken“ (wir haben darüber in den letzten Monaten
ausführlich berichtet). In Punkt 2 und 3 wird zusammengefaßt, wie der Kredit
für den Wiederaufbau - auch für die Wiederbelebung der Agrarproduktion -
geschöpft wird und wie man ein stabiles Weltfinanzsystem schafft, in dem
nationale und regionale agroindustrielle Produktionssysteme aufgebaut werden können:

„2. Ein zweigleisiges Kreditsystem, in welchem a) die US-Regierung für
realwirtschaftliche Aufschwungprogramme Kredite mit Zinssätzen von 1-2% zur Verfügung
stellt, und b) alle anderen Formen von Kreditinjektionen mehr oder weniger
flexible Zinsraten aufweisen.

3. Die US-Regierung muß sich in diesem Notstand sofort mit den Regierungen
Rußlands, Chinas, Indiens und anderer Länder in Verbindung setzen, um ein
Weltwährungssystem mit festen Wechselkursen zu schaffen, womit das hoffnungslos
bankrotte gegenwärtige System freier Wechselkurse beendet wird.“

Zu den vielen
Formen der auszuführenden kapitalintensiven Entwicklung, die dann im folgenden
erwähnt werden, gehört auch der Aufbau von Industrie- und
Landwirtschaftsregionen mit kleineren, produktiven
Unternehmen anstelle riesiger Konzerne und monopolistischer Praktiken. „Diese
[mittelständischen] Firmen müssen die tragenden Elemente in Wirtschaftsregionen
von moderater Größe sein und als Triebfedern produktiver Entwicklung in
Landwirtschaft und Industrie dienen.“

Gleichzeitig könnten die Regierungen die Spekulation unterbinden. In diesem Geiste könnte
man dann auch trotz der akuten Verknappung wieder vermehrt Nahrungsmittelhilfe liefern.

„Eine Welt, ein Markt“

Das große Hindernis im Kampf gegen den Hunger ist der Mythos vom „freien Markt“. Bisher
haben die Politik und die Öffentlichkeit die jahrzehntelange Massengehirnwäsche
über das „Primat der Märkte“ noch nicht wirklich abgeschüttelt.
Eigentlich sollte dieser Bruch jetzt leicht fallen - schließlich ist die Welt
der „Märkte“ zusammengebrochen.

Dennoch herrscht weithin immer noch der Globalisierungswahn, wonach der „freie“ (frei
manipulierte) Markt die Menschen schon versorgen werde. Dieser Mythos wurde
seit 1984 mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen GATT zunehmend zum
Gesetz. Multinationale private Interessen konnten durch „Agrarreformen“ den
Anbau, die Verarbeitung und die Verteilung von Nahrungsmitteln „globalisieren“.
Dies wurde dann mit der Gründung des Nordamerikanischen Freihandelspakts
(NAFTA) 1994 und der Welthandelsorganisation (WTO) 1995 weiterverfolgt. Das
zentrale Axiom dieser Politik war der GATT-Slogan: „Eine Welt, ein Markt“.

Nach diesem Motto wurden die Nationen gezwungen, ihre Getreidereserven, die Hilfen für ihre
Landwirtschaft, ja selbst das Ziel einer Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln
aufzugeben - nur weil das alles angeblich „den Markt verzerrt“. Nun sind wir an
dem Punkt angelangt, wo die Nahrungsmittelkette gerissen ist und wo ein
weiteres Festhalten an diesem Axiom gleichbedeutend mit Hunger ist. Um den
Hunger überwinden zu können, müssen wir mit dem betrügerischen Spiel der Märkte
Schluß machen.

Einen solchen Bruch fürchten aber die Vertreter der alten Ideologie. Das Sprachrohr der
Londoner City, der [i]Economist[/i], führt eine entsprechende
Einschüchterungskampagne. In der Ausgabe vom 29. März wurden Regierungen, die
Maßnahmen zum Schutz der Nahrungsmittelversorgung ihrer Bevölkerung ergreifen,
als „Getreide-Verbrecher“ beschimpft, weil sie damit Landwirten den Anreiz
nähmen, „für den Weltmarkt zu produzieren“.

Damit vertritt der [i]Economist[/i] die Linie des neuen britischen Empire der letzten
Jahrzehnte. Der entscheidende Wandel kam in der Zeit von Premierministerin
Margaret Thatcher in den 80er Jahren, als der Landwirtschaft weltweit die
Bedingungen des extremen Freihandels und der Globalisierung aufgezwungen wurden.

Im folgenden geben wir einen Überblick über das Ausmaß der akuten Krise und über die
wichtigsten Aspekte der jahrzehntelangen, von London ausgekochten
Globalisierungspolitik, die uns an diesen Punkt gebracht hat.

Die Weltkarte des Hungers

Die Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)
zeigt auf ihrer Internetseite eine interaktive „Weltkarte des Hungers“
([url:"http://www.fao.org/es/ess/faostat/foodsecurity/FSMap/map14.htm]www.fao.o...), wobei der volle
Ausbruch der Hungerkrise allerdings noch bevorsteht. Derzeit schätzt man die
Zahl der hungernden Menschen in den verschiedenen Teilen der Welt wie folgt:

[list]
[item] Afrika südlich der Sahara: 204 Mio.
[/item]
[item] Asien-Pazifik: 156 Mio.
[/item]
[item] Indien: 221 Mio.
[/item]
[item] China: 142 Mio.
[/item]
[item] Lateinamerika/Karibik: 53 Mio.
[/item]
[item] Nordafrika/Südwestasien: 39 Mio.
[/item]
[item] Ehem. Sowjetunion: 28 Mio.
[/item]
[item] übrige Industriestaaten: 9 Mio.
[/item]
[/list]

Das sind insgesamt 852 Mio. Menschen - fast ein Siebtel der Weltbevölkerung -, die
derzeit nicht genug zu essen haben.

Nehmen wir als
Maßstab die wichtigsten Getreidesorten: Die erzeugte Menge liegt hier weit unter
dem, was zur Deckung des Verbrauchs und als Reserve notwendig wäre. (Ähnlich
ist es bei anderen Erzeugnissen der Grundversorgung wie Hack- und
Hülsenfrüchten.) Jetzt, wo einige Nationen dem Weltmarkt weniger oder kein
Getreide mehr liefern, um den einheimischen Bedarf zu decken, [i]gibt es
praktisch kaum noch Getreide für kommerzielle Importe und Hilfslieferungen[/i].

Im gegenwärtigen
Erntejahr 2007-2008 rechnet man der Februar-Schätzung der FAO zufolge mit einem
Gesamtverbrauch von Getreide (Nahrungsmittel, Viehfutter, Biotreibstoff) von
2,12 Mrd. t, das sind 17,7 Mio. t mehr als im Jahr davor. „Den Weltreserven
steht ein weiterer Rückgang von ihrem schon jetzt niedrigen Niveau bevor“,
schreibt die FAO. „Man schätzt die weltweiten Getreidereserven zum Ende der
Erntesaison 2008 auf nur noch 405 Mio. t - ein Rückgang um 22 Mio. t oder 5%
vom schon reduzierten Niveau zu Saisonbeginn und der niedrigste Stand seit 1982.“

Sämtliche Getreidesorten sind knapp. Die Weizenvorräte der Vereinigten Staaten haben in
absoluter Tonnage den niedrigsten Stand seit 1947.

Die Manie mit den Biotreibstoffen setzt diesem Trend die Krone auf. Sie reißt immer mehr
Getreide und Ölsaaten aus der Nahrungsmittelkette. Wenn der Trend anhält, wird
man 2008 bis zu 95 Mio. t Mais zur Äthanolherstellung verwenden - 12% der
erwarteten Welternte. Hinzu kommen 10 Mio. t Weizen und anderes Getreide, das
für Biotreibstoff verwendet wird. Die Kapazitäten für Äthanol aus Zuckerrohr in
Brasilien und für Biotreibstoffe aus asiatischen und europäischen Ölsaaten sind
da noch gar nicht mitgerechnet.

Die folgenden Zahlen aus der März-Ausgabe des monatlichen Berichts des USDA, [i]World
Agricultural Supply and Demand Estimates[/i], geben einen knappen Überblick:

[i]Reis: [/i]Die für Importe verfügbare Menge an Reis
geht dramatisch zurück. Das USDA schätzt mit Stand vom März, daß der Reisexport
weltweit von 30,85 Mio. t in der Saison 2006-07 auf 29,39 Mio. t zurückgehen
wird. Dabei ist aber noch nicht berücksichtigt, daß große Reislieferanten die
Ausfuhr inzwischen begrenzt oder ganz untersagt haben. 27 Mio. der 29 Mio. t
Reis für den Welthandel und Hilfslieferungen kommen aus nur sieben Ländern, von
denen inzwischen vier die Exporte beschränkt haben: Vietnam (liefert in einem
normalen Jahr 5 Mio. t), Indien (3,5 Mio. t), China (1,3 Mio. t) und Ägypten
(1,3 Mio. t). In Pakistan, das in den letzten Jahren jeweils rund 3 Mio. t
exportierte, herrscht ebenfalls Knappheit.

[i]Weizen:[/i] Die Gesamttonnage des weltweit
gehandelten Weizens fällt von Jahr zu Jahr. 2005-06 waren es 116 Mio. t, im
letzten Jahr 111 Mio. t. In diesem Jahr erwartet das USDA 105 Mio. t, dabei
sind aber ebenfalls mögliche Exportrestriktionen nicht berücksichtigt. Die acht
wichtigsten Weizenexportländer allein liefern davon insgesamt 96 Mio. t - aber
21 Mio. t aus Rußland und Kasachstan werden möglicherweise nicht auf den Markt kommen.

Völkermord in Afrika

Unter diesen Umständen ist die Abhängigkeit zahlreicher Nationen von Nahrungsmittelimporten
für den täglichen Bedarf gleichbedeutend mit Hunger und Tod. Gerade in den
ärmsten Ländern der Welt sind besonders viele Menschen auf importiertes
Getreide angewiesen, um ihren täglichen Bedarf an Energie und Nährstoffen zu decken.

Die Februar-Ausgabe von [i]Amber Waves[/i] berichtete unter der Überschrift
„Steigende Lebensmittelpreise verstärken Nahrungsunsicherheit in den
Entwicklungsländern“ über eine Studie des Wirtschaftsforschungsdienstes (ERS)
des USDA. In dieser Studie heißt es: „Um die Länder zu identifizieren, die von
steigenden Getreidepreisen besonders stark betroffen sind, listete der ERS die
70 armen Länder geordnet nach der Abhängigkeit von Nahrungsmittel-Importen und
dem täglichen Kalorienverbrauch auf. Sechs der ärmsten Länder (Eritrea,
Liberia, Haiti, Georgien, Burundi und Simbabwe) hängen in ihrer Ernährung zu mehr
als 40% von Getreideimporten ab und haben einen Durchschnittskonsum von weniger
als 2000 Kalorien am Tag. Eritrea beispielsweise ist stark importabhängig: 87%
des Getreides, 51% des pflanzlichen Öls und 100% des Zuckers. Die
Exporteinnahmen decken Eritreas Importrechnungen nur zu 24%, der Rest kommt
durch Hilfe von außen. Eritreas tägliches Kalorienangebot von 1465 Kalorien
gehört zu dem niedrigsten der Welt...

Der Importanteil
der Produktion [das Verhältnis der Importmenge zur im Land erzeugten Menge] der
am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (dies sind laut Definition 50
Staaten, von denen 32 im südlichen Afrika liegen) sprang für Weizen von 93%
1980 auf mehr als 130% 2005. Beim Zucker wuchs er von nur 4% 1980 auf mehr als
65% 2005. Ein ähnliches Muster sieht man bei Pflanzenöl, dessen Importanteil
von 6 auf 80% stieg.“

Eines der am schwersten betroffenen afrikanischen Länder ist die Elfenbeinküste. Von 1990
bis Anfang dieses Jahrzehnts blieb dort die Getreideerzeugung konstant, während
die Bevölkerung zunahm. Das USDA berichtet: „Um die Versorgung seiner
wachsenden Bevölkerung mit Getreide aufrechtzuerhalten, wuchsen die
Getreideimporte, und seit etwa fünf Jahren liegen sie praktisch gleichauf mit
der Erzeugung.“ In Simbabwe ist die Getreideerzeugung seit 2000 auf die Hälfte
zurückgegangen, womit die Importabhängigkeit und die allgemeine Anfälligkeit
entsprechend zunahmen.

Die Versorgungslücke sieht man in aller Welt. In Mittel- und Südamerika sind
Guatemala, Honduras und Peru besonders importabhängig. In Guatemala und
Honduras wuchsen die Getreideeinfuhren seit 1990 um 10% pro Jahr. Das USDA
berichtet: „Tatsächlich überstiegen die Getreideimporte die einheimische
Erzeugung 2006 um 30%, in Guatemala um 55%.“

Jetzt gibt es
keine Nahrung mehr zu kaufen. Das ist das Resultat einer vorsätzlichen Politik
der Abhängigkeit vom Weltmarkt, die zum Völkermord führt.

Hunger, made in London

1944 wurde auf der Konferenz zur Schaffung eines Finanzsystems für die Nachkriegswelt in
Bretton Woods/New Hampshire auch vorschlagen, eine Internationale
Handelsorganisation (ITO) zu gründen, die quasi nach dem Vorbild der
Beziehungen des früheren britischen Empire zu seinen Kolonien den freien Handel
zwischen den Nationen fördert. Dank des Widerstands der Vereinigten Staaten und
ihrer Verbündeten, die entschieden dagegen waren, die Ausbeutung großer Teile
der Welt im Stile der Vorkriegszeit wiedereinzuführen, wurde dieser Vorstoß
abgeschmettert. Statt über die ITO sollte der Handel durch bilaterale und
multilaterale Handelsabkommen zum gegenseitigen Nutzen der beteiligten Nationen
geregelt werden.

Ganz in diesem Sinne setzte sich in den fünfziger und sechziger Jahren der Impuls zur
wirtschaftlichen Entwicklung aus der Roosevelt-Ära durch und förderte den
agroindustriellen Aufbau der Nationen und Regionen - einschließlich Nationen,
die gerade erst unabhängig geworden waren.

Es gab hervorragende Leistungen in der Landwirtschaft. In den 60er Jahren war Mexiko
ein Getreideexporteur und profitierte im Zuge der „grünen Revolution“, die vom
Internationalen Zentrum für Weizen- und Maisforschung (CIMMYT) in Mexiko-Stadt
ausging, in spektakulärer Weise vom Aufbau seiner landwirtschaftlichen Basis
und deren Erträgen. Das erstrangige landwirtschaftliche Forschungszentrum
entstand auf Initiative von Franklin Roosevelts Landwirtschaftsminister und
Vizepräsident Henry Wallace, der selbst ein Pflanzengenetiker aus Iowa war. Zu
den Entwicklungsprojekten in Afrika gehörten große Wasserregulierungsmaßnahmen
am Weißen Nil, etwa der Bau des Jonglei-Kanals.

1974 wurde Indien - nicht zuletzt dank der Unterstützung mit Saatgut vom CIMMYT - erstmals
in seiner Geschichte zum Selbstversorger mit Getreide. Das widersprach völlig
den Weltuntergangsprognosen, die von der Propagandamaschine des nun „grün“ gewordenen
neuen Empire verbreitet wurde. In seinem Buch [i]Die Bevölkerungsbombe[/i]
hatte Paul Ehrlich 1968 behauptet, es sei eine „Phantasie“, daß Indien sich
„jemals“ selbst ernähren könnte.

Ähnliche Zentren
wie das CIMMYT entstanden für die Erforschung und Entwicklung von Ölsaaten,
Kartoffeln und anderen Erzeugnissen, insbesondere für Reis, wofür das
Internationale Reisforschungsinstitut (IRRI) auf den Philippinen gegründet
wurde. Ab Anfang der achtziger Jahre waren die Philippinen Selbstversorger mit
Reis; der damalige Präsident Ferdinand Marcos hatte Pläne, die Produktivität
der Landwirtschaft auf den Philippinen und in ganz Asien noch weiter zu verbessern.

Der Dachverband für CIMMYT, IRRI und ähnliche Einrichtungen nannte sich CGIAR -
Konsultativgruppe für internationale Agrarforschung. Ihr Leitprinzip war, daß
bei der Qualität des Saatgutes (Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, Ertrag
und andere Eigenschaften) ständig Fortschritte gemacht werden sollten, damit
die Weltbevölkerung dank hervorragender Agrarinfrastruktur und Anbaumethoden um
Milliarden weiter anwachsen konnte.

Doch schon in
den siebziger Jahren wurden die Aussichten schlechter. Zu den Ursachen dafür
gehörten die Einführung der freien Wechselkurse, die technikfeindliche grüne
Gehirnwäsche und ganz besonders die Politik von Privatisierung und Freihandel -
Euphemismen dafür, daß eine kleine Finanzelite die wirtschaftlichen Aktivitäten
globalisierte und kontrollierte.

In den achtziger
Jahren, den „Thatcher-Jahren“ in England, kam es zur entscheidenden Wende. Die
Regierung Thatcher deregulierte und privatisierte im Inland Infrastruktur,
Industrie und Landwirtschaft - eine der Folgen dieser Demontage war der
Ausbruch und die Verbreitung des Rinderwahns (BSE). International wurde die
Forderung nach einer imperialen Welthandelsorganisation erhoben.

1984 wurde in
Puente del Este die Uruguay-Runde des GATT-Abkommens der UNO in Gang gesetzt.
Ihr Schwerpunkt lag auf der „Reform des Agrarhandels“, um grenzenlose Märkte zu
schaffen, auf denen die Kartelle der multinationalen Konzerne das Sagen hätten.
Die einzelnen Nationen sollten ihre Nahrungsmittel- und Agrarkapazitäten allein
durch die „Kräfte des Marktes“ erhalten. In den Verhandlungen, die 1995 zur
Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) führten, wurden die Nationen
gezwungen, ihr Recht auf Nahrungsmittelreserven faktisch aufzugeben, weil
solche Reserven als „marktverzerrend“ galten. Auch Subventionen für die
Landwirtschaft wurden untersagt. Selbst das Ziel der Selbstversorgung mit
Nahrungsmitteln wurde als „marktverzerrend“ eingestuft und verboten.

Gleichzeitig sicherte sich ein kleines Kartell multinationaler Agrar- und Pharmakonzerne
umfassende Patentrechte auf Saatgut und Methoden zu dessen Entwicklung -
darunter die Firmen Monsanto, Cargill, DuPont und Novartis. Gleichzeitig wurden
die Mittel für die Forschung zum Wohl der Allgemeinheit im CGIAR-Netzwerk so
weit zusammengestrichen, daß es heute offenbar nur noch mit Spenden von Bill
Gates oder Warren Buffett arbeiten kann. Es ist zwar schön und gut, wenn das
Geld der Milliardäre auf diese Weise eine sinnvolle Verwendung findet, aber ein
Ersatz für eine Politik im Dienste des Gemeinwohls ist das nicht.

Die WTO an sich gilt heute nur noch als eine Art lebende Leiche, aber den Schaden, der damit
beabsichtigt war, hat sie angerichtet. In den letzten 35 Jahren kam es zu
gewaltigen Änderungen der Land- und Bodennutzung, durch welche die weltweite
Erzeugung und das Produktionspotential der Landwirtschaft weit unter das Niveau
des tatsächlichen Bedarfs sanken. Riesige Landflächen gingen der Landwirtschaft
verloren, während die Städte immer weiter ausuferten, statt sich in
hochorganisierten Industrie-, Wohn- und Kulturzentren zu konzentrieren. Das
gilt für China, Indien und die Philippinen genauso wie für die Vereinigten
Staaten und viele andere Länder. China gab kürzlich bekannt, daß es in diesem
Prozeß 7 Mio. Hektar Nutzfläche verloren habe, und es hat Maßnahmen gegen
weitere Veränderungen der Landnutzung ergriffen.

Gleichzeitig wurden früher vielfältige, produktive Agrargebiete, wie es z.B. Argentinien
Mitte des letzten Jahrhunderts war, in Monokulturen verwandelt. Vor 50 Jahren
produzierte das Land in den Pampas und anderen Regionen Weizen, Rindfleisch,
alle möglichen Obst- und Gemüsearten und Ölsaaten. Heute dient fast die Hälfte
der landwirtschaftlichen Nutzfläche Argentiniens nur noch dem Anbau von
Sojabohnen. Brasilien ist zu einer ähnlichen riesigen Sojaplantage
heruntergekommen, wozu noch die Zuckerrohrplantagen für den Äthanolrausch
hinzukommen. Es gibt sogar schon Pläne, eine Äthanol-Pipeline von den Plantagen
im Binnenland zu den Häfen zu legen, um es von dort ins Ausland zu verschiffen.

Hinter diesen
Veränderungen stand stets dieselbe kleine Gruppe aus der Finanzwelt, wie
Cargill, Bunge, ADM, George Soros u.a.

Alles folgt genau dem Vorbild der Britischen Ostindiengesellschaft, einer Diktatur der
Wirtschaftspolitik durch private Interessen. Fast 300 Jahre lang, vom 17.
Jahrhundert bis 1873, erzwang diese imperiale Bande in aller Welt
wirtschaftliche Systeme, die ganz auf die Produktion dessen abgestellt waren,
womit sie handeln und herrschen wollte: Indigo, Jute, Reis, Baumwolle, Gewürze
und anderes. Die Politik der Britischen Ostindiengesellschaft in Indien ist ein
Lehrbeispiel dafür, wie man gezielt Hungersnöte schafft. So setzte die
Gesellschaft 1857 eine Verlagerung der Erzeugung von örtlichen Farmen auf
ausländische Plantagen durch, und der Hunger folgte auf dem Fuß. Lord Lytton,
der britische Vizekönig von Indien während der großen Hungersnot 1877-79, sah
tatenlos zu nach dem Motto: „Nur nicht in den Markt eingreifen.“

Höchste Zeit, dieses Übel abzuschaffen.