„Es ist doch ja kein ander nicht, der für uns könnte streiten“

30.06.2010
„Es ist doch ja kein ander nicht, der für uns könnte streiten“ admin 30.06.2010

von Klaus Fimmen

Die Zukunft der meisten Menschen malt sich derzeit in eher düsteren Farben. Sie mögen sich in allerlei Ablenkungen flüchten, doch tief in ihrem Inneren lauert die mehr oder weniger deutliche Erkenntnis: „Es ist doch ja kein ander nicht, der für uns könnte streiten."

Die Wirtschafts- und Finanzkrise ist längst zur allgemeinen Kultur- und Zivilisationskrise geworden. Das Vertrauen in staatliche Institutionen und die moralische Integrität der Volksvertreter ist im Schwinden begriffen. Der wachsende Anteil von Nichtwählern zeugt davon. Der Bürger fühlt sich mit seinen Problemen und Ängsten alleingelassen.

Und die andere große Stütze in Krisenzeiten, die Kirchen, werden zur Zeit durch selbstverursachte Skandale lahmgelegt.

Dann ist da noch die himmelschreiende Ungerechtigkeit der staatlichen Rettungspakete für die Finanzwirtschaft: Die Banken haben’s bekommen, den Armen, Alten und Kranken wird es genommen. Langzeitarbeitslose auf Hartz IV werden gezwungen ihre für den Ruhestand ersparten Reserven frühzeitig aufzubrauchen und sehen sich einer zunehmenden Altersarmut ausgesetzt.

Und was macht die EU-Kommission? Sie greift zu diktatorischen Maßnahmen, um ihre unsinnige Sparwut allen Mitgliedsländern aufzuzwingen. Von wem ist die Kommission gewählt, wem rechenschaftspflichtig? Das über tausendjährige Natur- und Staatsrecht, welches bestimmt, daß die Regierenden nur mit der Zustimmung der Regierten ihr Amt rechtmäßig ausführen können, wird über Bord geworfen.

So kann jeder hunderte von persönlichen Erfahrungen beisteuern, die die innere Stimme immer lauter werden läßt:„Es ist doch ja kein ander nicht, der für uns könnte streiten."

Die meisten Opfer der Krise betrachteten bisher ihr Leiden als persönliches Versagen, als ihr ganz privates Problem. Bis jetzt wurde alles brav geschluckt. Das hat Folgen. Es gab noch nie so viele psychische Erkrankungen wie in den letzen Jahren, mit weiter steigender Tendenz. Die Depression erzeugt Depressionen.

Was tun?

Die Klage, „Es ist doch ja kein ander nicht, der für uns könnte streiten", stammt aus dem alten Kirchenlied „Verleih uns Frieden gnädiglich", das Martin Luther 1528 aus dem Lateinischen ins Deutsche übertrug und das unzählige male, gerade in Zeiten großer Krisen, vertont wurde. Viele Kompositionen stammen z.B. aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als kaiserliche, schwedische und französischen Truppen nebst ihrer deutschen Verbündeten Deutschland verwüsteten. Krieg, Hunger und Seuchen ließen über ein Drittel der damaligen Bevölkerung nicht überleben. Ganze Dörfer und Marktflecken verschwanden von der Landkarte. Die deutschen Fürstentümer versanken in ein finsteres Zeitalter.

Wie ein eindringlicher Appell an die in Osnabrück und Münster tagenden weltlichen und geistlichen Fürsten klingt z.B. die Motette von Heinrich Schütz, die er im Jahr des Westfälischen Friedens (1648) in seiner Sammlung „Geistliche Chormusik" (Op. 11 Nr.4) veröffentlichte.

Verleih uns Frieden gnädiglich,

Herr Gott, zu unsern Zeiten.

Es ist doch ja kein ander nicht,

Der für uns könnte streiten,

denn Du, unser Gott, alleine.

Aber wo kann der Einzelne, wenn alle irdische Gerechtigkeit versagt, noch Gehör finden? Das Lied gibt bereits den Hinweis auf die göttliche Gerechtigkeit, das Naturrecht. Nur im Rückgriff auf eine höhere Gerechtigkeit kann dem Menschen, kann allen Menschen Gerechtigkeit widerfahren. Bliebe es nur bei der blinden Wut des Einzelnen, auch in der Zusammenrottung, wäre das Ergebnis ein blutiges und die Folge die Diktatur – also keine Besserung. So geschehen in der Französischen Revolution.

Die geläuterte Erkenntnis bringt Friedrich Schiller in der Rütlischwurszene seines „Wilhelm Tell" zum Ausdruck:

Nein – eine Grenze hat Tyrannenmacht!

Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

wenn unerträglich wird die Last – greift er

hinauf getrosten Mutes in den Himmel,

und holt herunter seine ew’gen Rechte,

die droben hangen unveräußerlich

und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.

Der alte Urstand der Natur kehrt wieder,

wo Mensch dem Menschen gegenübersteht –

Woher nimmt der Gedrückte die Kraft und auch die Autorität, seine Lage wesentlich zu verändern? Der Griff in den Himmel, die Anrufung der himmlischen Gerechtigkeit des Naturrechts – sind das allein Wunschvorstellungen eines Dichters? Keineswegs. Vergleicht man Schillers Aussage mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776, die wesentlicher Bestandteil der Verfassung ist, springt einem die Ideengleichheit ins Auge. Dort heißt es:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. Zwar gebietet Klugheit, daß von langer Zeit her eingeführte Regierungen nicht um leichter und vergänglicher Ursachen willen verändert werden sollen; und demnach hat die Erfahrung von jeher gezeigt, daß Menschen, so lang das Übel noch zu ertragen ist, lieber leiden und dulden wollen, als sich durch Umstoßung solcher Regierungsformen, zu denen sie gewöhnt sind, selbst Recht und Hülfe verschaffen. Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen auf einen und eben den Gegenstand unablässig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt, sie unter unumschränkte Herrschaft zu bringen , so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen , und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen."

(Aus der ersten deutschen Übersetzung von 1776)

Sieben entbehrungsreiche Jahre dauerte der Freiheitskrieg der jungen amerikanischen Republik bis am 3. September 1783 im Frieden von Paris die international anerkannte Unabhängigkeit durchgesetzt war. Und vier Jahre später, am 17. September 1787 beschloß der Kongreß die Verfassung, deren Präambel das Gemeinwohlprinzip als oberstes Verfassungsgebot festlegt:

„Wir, das Volk der Vereinigten Staaten, von der Absicht geleitet, unseren Bund zu vervollkommnen, die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die Ruhe im Innern zu sichern, für die Landesverteidigung zu sorgen, das allgemeine Wohl zu fördern und das Glück der Freiheit uns selbst und unseren Nachkommen zu bewahren, setzen und begründen diese Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika."

Nach der selbstzerstörerischen Französischen Revolution verwüstete der an
britischer Leine gehaltene Kampfhund Napoleon Europa, während in Nordamerika die Vereinigten Staaten, trotz einiger Rückschläge, ihr Gemeinwesen, die erste freie Republik, aufbauen konnten. Hundert Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung konnte man sich bei der Weltausstellung 1876 in Philadelphia der staunenden Weltöffentlichkeit als führende Industrienation präsentieren.

Weiter 134 Jahre später steht die Regierung der Vereinigten Staaten genauso glanzlos da, wie die Regime in Europa. Viele der hehren Ziele sind in Vergessenheit geraten oder bewußt mißachtet worden. Für die Mehrheit der Bürger auf beiden Seiten des Atlantiks ist klar, daß es so nicht weiter gehen kann. An uns allen liegt es, ob wir in einer zweiten amerikanischen Revolution eine Epoche des Aufbaus und des Friedens für die gesamte Menschheit erkämpfen. Die Welt ist aus den Fugen – wir sind geboren, sie wieder einzurenken!

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