Seit Anfang dieser Woche demonstrieren die Milcherzeuger in mehreren europäischen Ländern gegen den drastischen Verfall der Preise, die sie beim Abliefern der Milch von den Molkereien erhalten. Der Preis sollte mindestens bei 40 Cent pro Liter liegen, damit außer den unmittelbaren Erzeugerkosten auch noch ein Gewinn bei dem Ganzen für den Bauern herauskommt.
Angesichts der durch spekulativer Preistreiberei bei Erdöl gerade in den letzten paar Wochen drastisch gestiegenen Betriebskosten (Diesel, Strom, Düngemittel u.a.) bräuchte der Bauer mehr als 40 Cents, derzeit erhält er von den Molkereien aber nur 30 Cents oder sogar noch weniger. Da zahlen die Milcherzeuger für jeden Liter Milch von ihrem eigenen Geld dazu. Deshalb schütteten niederländische Bauern ihre Milch auf den Acker, blockierten deutsche Bauern die Zufahrtswege zur Molkerei Sachsenmilch, sperrten spanische Bauern die Straßen für Tankwagen mit Milch aus Südfrankreich am Dienstag.
Die Lieferungen von Milch an Molkereien sind in Deutschland schon um ein Drittel zurückgegangen, in Österreich ist ein Lieferstreik von 50 Prozent geplant, auch in anderen Ländern wie Portugal, Griechenland, Belgien, Luxemburg und Irland sind Milchstreiks in Vorbereitung.
Statt die Milch wegzuschütten, haben vor kurzem die Bauern von Sachsen-Anhalt bei einer landesweiten Aktion die Milch an die Bevölkerung verschenkt: vor Großmärkten, an Schulen, und für die „Tafeln“, die mittlerweile in fast jeder größeren Stadt dabei sind, Lebensmittelspenden zu sammeln und an Bedürftige kostenlos weiterzugeben. Beim gegenwärtigen Milchstreik hilft aber auch das nicht, wenn die Bauern ihre unmittelbaren und absolut berechtigten Forderungen nach Milchpreisen pro Liter von 43 Cent durchsetzen wollen.
Neben der Durchsetzung von garantierten kostendeckenden Milchpreisen muß die EU-Agrarpolitik den Bestand der bisherigen, für die Landwirtschaft lebenswichtigen Unterstützungszahlungen erhalten; andererseits müssen Anbauflächen, die jetzt für Biospritproduktion genutzt werden, wieder mit Getreide für die Nahrungsmittelerzeugung bepflanzt werden.
Außerdem müssen langfristige Kooperationsverträge zwischen Deutschland, der EU und den Entwicklungsländern ausgehandelt werden, die gezielt eine leistungsfähige Landwirtschaft zur Versorgung der Bevölkerungen, zum Beispiel in Afrika, aufbauen helfen – nicht mit Einmalzuschüssen und anderen Almosen, sondern mit langfristigen, niedrigverzinsten Krediten. Die Erfahrungen, die man in Deutschland und Europa beim Aufbau einer modernen Landwirtschaft gemacht hat, müssen anderen Ländern nutzbar gemacht werden.
Und da sind wir wieder bei der Milch: Deutschland ist der größte Erzeuger von Milch in Europa, und die Tierhaltung hierzulande ist vorbildlich. Es ist also nur gerecht und im Interesse der Konsumenten, wenn die Milcherzeuger auch den Preis für ihr Produkt erhalten, den es wert ist.