Papst Leo XIV. begann am 6. Juni eine siebentägige apostolische Reise nach Spanien. In den Worten von Andrea Tornielli, dem Chefredakteur von „Vatican News“, wird er dort auf „eine tief gespaltene europäische Gesellschaft in der Nation Spanien“ treffen. „Die Kirche in Spanien, die berufen ist, in dieser Zeit der Polarisierung und Konfrontation eine vielstimmige Einheit zu bezeugen, hat zusammen mit dem gesamten iberischen Volk die Tragödie des Bürgerkriegs im letzten Jahrhundert durchlitten. Einige dieser Wunden sind noch nicht vollständig verheilt“, schrieb Tornielli. Im gegenwärtigen Jahrhundert hat das Thema der verzweifelten Migration aus armen und kriegszerstörten Nationen Afrikas und Südwestasiens zusätzlich spaltend in einer bereits polarisierten Gesellschaft – und katholischen Kirche – gewirkt, einschließlich allzu häufiger Äußerungen von Islamfeindlichkeit.
Seine ersten Äußerungen machte er im Königlichen Palast von Madrid vor führenden Vertretern der Zivilgesellschaft und des diplomatischen Korps: „Ich komme zu euch, um eine tiefere Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Elementen dieser Nation zu bekräftigen“, sagte er. „Immerhin legt eure eigene Geschichte nahe, dass eine Kultur der Begegnung, nicht der Konfrontation, Stabilität und Wohlstand fördert. In Wirklichkeit wird die Friedensbotschaft, die heute leider manchen naiv und anderen konfrontativ erscheint, von denen begrüßt, die sich nicht in vorgefassten Ideologien einschließen, sondern offen für die Wahrheit sind.“
„Heute scheint die Versuchung, durch Anheizen der Polarisierung Popularität zu gewinnen, eher zugenommen zu haben. Die Menschenwürde wird weiterhin verletzt. Aus Liebe zur Wahrheit lade ich alle ein, die spalterischen und polarisierenden Narrative eurer gesellschaftlichen Realität und Geschichte beiseitezulegen. Überwindet unfruchtbare Vereinfachungen durch die fruchtbare Wertschätzung von Komplexität! Ich sehe darin eine Berufung, die besonders für Europa geeignet ist, wobei Spanien eine einzigartige und grundlegende Rolle spielt.“
Der Papst führte das Thema der Komplexität in der Einheit dann weiter aus – ein Thema, das er bereits in seiner Diskussion über die Methode der „Koinzidenz der Gegensätze“ von Kardinal Nikolaus von Kues aufgegriffen hatte. „Komplexität wertschätzen und studieren, lernen, sie nicht zu leugnen, sondern als Segen zu begreifen, und identitätsbasierte Ansätze vermeiden, die scheinbar alles erklären, aber die Welt nur mit ‚Gespenstern‘ und Feinden füllen, sind die Aufgaben derer, die Erben einer großen Geschichte sind … Sicherheit, die wir allzu oft in Waffen und Mauern suchen, wird in Wahrheit am besten erreicht, wenn wir lernen, miteinander voranzugehen, gemeinsam zu wachsen, Seite an Seite.“
Er richtete seine Aufmerksamkeit auf einen Höhepunkt der spanischen humanistischen Kultur: die Ära König Alfons‘ des Weisen im 13. Jahrhundert. Diese Zeit ist für ihn ein heute beachtenswertes Vorbild. „Dies bezeugt eure eigene Geschichte. Die Präsenz des Islam auf der iberischen Halbinsel war beispielsweise über einen langen Zeitraum hinweg eine politische, kulturelle und religiöse Wirklichkeit. In jener Zeit gab es nicht nur Konfrontation, sondern auch den Versuch, einen Raum für Kontakt, Gespräch und Dialog über den Sinn der Wahrheit zwischen Christen, Muslimen und Juden zu schaffen. An der von Alfons X. (dem Weisen) geförderten Übersetzerschule arbeiteten Gelehrte aller drei Religionen zusammen, um die Texte des reichen arabischen, griechischen und hebräischen Erbes zu übersetzen. Sie trugen so zur Verbreitung von Texten wie denen der Philosophen Averroes (1126–1198) und Maimonides (1138–1204) bei. Besonders die Städte Córdoba und Toledo wurden zu Zentren des Dialogs zwischen Sprachen, Religionen und Wissen. Das ist die Wahrheit, die europäische Städte erzählen: ihre historische Schichtung, das Geflecht der Solidarität, das ihre Unterschiede im Laufe der Jahrhunderte geprägt hat und unvermeidliche Konflikte in neue Anfänge verwandelte.“
Der Papst schloss seine Ausführungen mit einer deutlich politischen Note, indem er die Rolle Spaniens bei der Ablehnung der Verbrechen in Gaza und des Krieges im Iran lobte, ohne diese Situationen namentlich zu erwähnen. „Ich danke Ihrem Land für seine treue Bindung an das Völkerrecht und den Multilateralismus, die sich in einem aktiven Engagement für Frieden und Solidarität zwischen den Völkern niederschlagen. Zugleich ermutige ich Sie, auch innerhalb Ihres eigenen Landes Dialog und bürgerliche Freundschaft zu pflegen, bei der Gestaltung der Zukunft die Perspektiven der Armen und der Jugend zu berücksichtigen, die Forderungen nach Autonomie und Einheit zu harmonisieren und die Sache der Einheit in Europa voranzubringen – nicht im Gegensatz zu anderen Mächten, sondern als Geschenk für die gesamte menschliche Familie.“
Hier finden Sie die Reden und Berichte zur Spanienreise des Papstes in mehreren Sprachen https://www.vaticannews.va/de.html
Quelle: eirna.de