Plündern aus Geldgier

17.08.2009
Plündern aus Geldgier admin 17.08.2009

Heuschreckenplage. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es in den letzten Wochen vier Beispiele für Raubtierkapitalismus: die Gerresheimer Glashütte in Düsseldorf, Agfa-Photo in Leverkusen, Denison Hydraulics in Hilden und Grohe in Hemer.

Fast jede Woche erreichen uns nun Hiobsbotschaften der gleichen Art: Irgendwo in Deutschland wird ein altes Traditionsunternehmen übernommen, um dann ausgeschlachtet, ausgelagert oder ganz geschlossen zu werden. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es in den letzten Wochen vier solcher Fälle: die Gerresheimer Glashütte in Düsseldorf, Agfa-Photo in Leverkusen, Denison Hydraulics in Hilden und Grohe in Hemer. (Über die beiden letztgenannten Fälle haben wir in dieser Zeitung schon ausführlich berichtet.) Dabei handelt es sich in den meisten Fällen noch nicht einmal um Unternehmen, die wirtschaftlich angeschlagen oder technisch nicht auf dem neuesten Stand sind. Der einzige Grund für diese Plünderungspolitik und die mutwillige Zerstörung des produktiven Potentials ist die Gier nach schnellem Geld! Der Blickwinkel der Manager hat sich dermaßen verkleinert, daß sie nur noch die kurzfristige Rendite, Steuervorteile, Abschreibungsmöglichkeiten und ähnliches vor sehen und die Produktionsseite des Unternehmens, den eigentlich bedeutenden Teil, völlig aus dem Blickfeld verloren haben.

So ist es auch gerade wieder bei Opel Bochum geschehen, wo die Manager auf Druck der Banken, Fonds und Spekulanten in einer wahren Kürzungsorgie Tausende von Arbeitern entlassen haben, um "die Kosten zu senken", wie sie behaupten. Den Arbeitern, die freiwillig gehen, versprachen sie dicke Abfindungen, für die sie aber neue Kredite aufnehmen müssen. Und bei dieser hysterischen neoliberalen Aktion haben sie völlig übersehen, daß sie auch noch ein paar erfahrene Arbeiter brauchen, die die Autos zusammenbauen. Jetzt mußten sie einige Kündigungen wieder rückgängig machen, da in der Produktion unbedingt noch Arbeiter gebraucht wurden, weil sich die Autos – für die Manager offenbar völlig überraschend – gut verkaufen. Erfahrenen langjährigen Opelarbeitern erschwerte man sogar die Kündigung, das heißt, sie bekämen bei ihrem freiwilligen Ausscheiden aus dem Betrieb im Rahmen der von den Managern festgelegten Entlassungsquote wahrscheinlich überhaupt kein Geld, weil sie für das reibungslose Funktionieren der Produktion unentbehrlich sind und man so verhindern will, daß sie kündigen.

Bei dem Wertewandel in den Chefetagen ist vor allem die soziale Verantwortung, die Orientierung am Gemeinwohl, auf der Strecke geblieben. Als zum Beispiel die britische Telekommunikationsfirma Vodafone den Mannesmannkonzern in Düsseldorf durch eine feindliche Übernahme schluckte, wurde als erstes das gesamte soziale Engagement restlos gestrichen. Das ist bei heutigen Übernahmen, feindlich oder freundlich, der Normalfall, weil das Interesse ja vor allem darin liegt, so viel Geld wie möglich aus dem Unternehmen herauszuziehen.

Ein Blick auf die Unternehmensgeschichte

Die Geschichte des Aufbaus der Gerresheimer Glashütte zeigt, daß in Deutschland und Europa einstmals ein ganz anderes, dem heutigen diametral entgegengesetztes Denken, vorherrschte – selbst in der Anfangsphase der Industrialisierung. Ferdinand Heye (1838-1889) errichtete seine Glashütte 1864 in Gerresheim – das damals noch nicht zu Düsseldorf gehörte – direkt neben der gerade fertiggestellten Eisenbahnlinie Düsseldorf-Gerresheim-Erkrath, die später noch erweitert wurde. Bereits 1886 galt das Werk als die größte Flaschenfabrik der Welt. Parallel zu dem enormen Aufstieg der Hütte führte Heye vorbildlich im sozialen und kulturellen Bereich Leistungen ein, die in einigen Fällen Vorreiter für Entwicklungen im ganzen Land waren. Lange vor dem Krankenversicherungsgesetz von 1883 richtete Heye bereits 1867 eine Krankenkasse für seine Arbeiter ein. Er gründete um 1880 einen Fond zur Bildung einer Altersversicherungs- und Unfallkasse, also lange bevor der Staat sich dieser Sache annahm. 1890/91 ließ seine Frau für eine halbe Million Mark das Ferdinand-Heim bauen, eine Art Stift, in der alte arbeitsunfähige Glashüttenarbeiter mit ihren Angehörigen ihren Lebensabend verbringen konnten.

Für den Stadtteil von Gerresheim, in dem die Glashütte stand, stiftete Heye eine Kirche, eine Volksschule, eine Bibliothek mit Lesesaal, ein Schwimmbad und einen Volkspark mit Musikpavillon. Er gründete Chöre und Musikkapellen und zahlreiche Sportvereine. Vor allem baute er für die Arbeiter Wohnungen, deren Standard weit über dem normaler Arbeiterwohnungen lag und in denen sie bis 1918 mietfrei wohnen konnten. Bei dem Einsatz modernster Technologien in der Glashütte ging es ihm auch immer darum, die Bedingungen für die Arbeiter zu verbessern.

Während der Anfangszeit der Glashütte waren die Technologien noch nicht sehr weit entwickelt und die Arbeitszeiten sehr unregelmäßig, weil sie davon abhingen, wann das Gemenge soweit geläutert war, das mit dem Blasen begonnen werden konnte. Die Glasbläser mußten also zu jeder Tages- oder Nachtzeit auf Ruf kommen und solange arbeiten, bis das zu verarbeitende Glas aufgebraucht war. Später entwickelte Heye das 24-Stunden-Verarbeitungssystem, das schon eine grobe Vorhersage der Arbeitszeit ermöglichte. Vorreitercharakter hatte die Einführung des Dreischichtenbetriebes. Die Arbeitszeit betrug siebeneinhalb Stunden, in anderen Hütten mußten zehn Stunden gearbeitet werden. Die Löhne der Gerresheimer Hütte gehörten Anfang des 20. Jahrhunderts zu den höchsten in Deutschland.

Es ist eine Ironie der Geschichte, daß gerade die amerikanische Firma Owens in Illinois heute diese Fabrik aus finanztechnischen und kartellrechtlichen Gründen schließen will. Denn gerade sie hat seit den Gründerzeiten unter Ferdinand Heye mit den von ihr entwickelten Technologien zu dem Erfolg der Glashütte in Gerresheim beigetragen. Wenn die Glashütte geschlossen wird, ist der Weg frei für die Übernahme eines anderen großen Glasherstellers, und Owens würde sich dann mit einem anderen Konzern in Europa den Markt aufteilen. Bis in die 60er Jahre des 20. Jh. pflegte man eine gute Zusammenarbeit zwischen Owens und der Gerresheimer Glashütte. Wenn neue Maschinen eingerichtet wurden, kamen immer amerikanische Ingenieure mit, die den Aufbau begleiteten und bei Problemen zur Seite standen. Danach setzte wie in Europa im Management ein grundlegender Wertewandel ein. Einige erinnern sich noch an das Intermezzo in den 70er Jahren, als Owens große Teile der Glashütten besaß und damit anfing, Immobilien und Werkswohnungen zu verkaufen, um kurz danach auszusteigen und erst 2004, mit der Absicht die Glashütte endgültig stillzulegen, wieder einzusteigen.

Der Betriebsrat ist nicht gewillt, über einen Sozialplan zu verhandeln, weil es um einen großen Abschreibungsskandal geht, dem sich die Belegschaft nicht so einfach beugen will. Es gibt in den USA ein Sondergesetz, wonach ein Unternehmen erhebliche Abschreibungen geltend machen kann, wenn es innerhalb eines Jahres nachweisen kann, daß es eine Firma unter falschen Voraussetzungen gekauft hat, und in diesem Fall geht es wohl um mehr als 200 Millionen Dollar. Die Schließung der Gerresheimer Glashütte, die die modernste Glashütte in Europa ist, weil nach einer Verpuffung vor zwei Jahren 28 Millionen Euro Versicherungsgelder in einen neuen Maschinenpark investiert wurden, bedeutet auch, daß die beweglichen Maschinen im Wert von ca. 20 Mio. Euro in andere Werke in Billiglohnländern geschafft werden. Und das, obwohl die Versicherung die hohe Summe nur unter der Bedingung gezahlt hatte, daß das Geld in der Gerresheimer Glashütte investiert wird. Schon der britische Finanzinvestor CVC, der 1999 die Gerresheimer Glashütte zusammen mit dem französischen Konkurrenten BSN Gruppe aufkaufte und BSN-Manager zu Mitinhabern der Gerresheimer Glashütte machte, ließ die besten Maschinen aus dem Düsseldorfer Werk nach Frankreich schaffen, was den Beginn der Ausschlachtung darstellte.

Die Geschichte der Gerresheimer Glashütte zeigt: Wenn industrielle Entwicklung und soziales und kulturelles Engagement, sprich die Orientierung am Gemeinwohl, Hand in Hand gehen, steht dem Fortschritt der Gesellschaft als ganzer nichts im Wege. Sobald jedoch eine fehlorientierte Managerkaste zusammen mit Finanzhaien das Ruder übernimmt, wird über kurz oder lang die Produktion eingestellt, Massenentlassungen finden statt, Städte verarmen und der Prozeß der gesellschaftlichen Auflösung schreitet voran.

Wer von der CDU einen Wandel in der Industriepolitik erwartet, sieht sich auch hier wieder massiv getäuscht. CDU-Oberbürgermeister Erwin will sich in Unternehmensentscheidungen nicht einmischen, weil wir ja "nicht im Sozialismus leben", wie er sagt. Er paßt sich, wie der Rest der CDU, lieber dem Diktat der Finanzwelt zur Zerstörung der industriellen Grundlagen unseres Landes an und verkauft das der Öffentlichkeit dann als notwendige "Umstrukturierung" ehemaliger Industriegebiete.

Strategische Insolvenz bei Agfa?

Die Umstände des Verkaufs der Agfa Photo GmbH und der anschließende Bankrott der Firma nach nur sieben Monaten selbstständiger Existenz werfen so viele Fragen auf, daß letztendlich niemand weiß, was da eigentlich wirklich passiert ist – bis auf diejenigen, die das ganze Spiel kontrollieren. Auf jeden Fall ließ sich die belgische Muttergesellschaft Agfa-Gevaert den Verkauf der Photosparte viel Geld kosten. Mit dem Übertragen von Vermögen und Verbindlichkeiten bedeutete das einen Buchungsverlust von 430 Mio. Euro. Nun ist aber offenbar der Verkauf noch gar nicht abgeschlossen, weil es zwischen dem Hauptinvestor Emans und dem Chef der Agfa-Gevaert, Ludo Verhoeven, zu einem erbitterten Streit über den Kaufpreis gekommen ist.

Der ursprünglich ausgehandelte Kaufpreis sollte 175 Mio. Euro betragen, den wollte Emans dann auf 112 Mio. herunterhandeln. Als er dann versuchte, die Photosparte und die Markenrechte quasi geschenkt zu bekommen, habe Agfa-Gevaert dann mit der Sperrung der Konten und dem Einschalten der Kölner Staatsanwaltschaft geantwortet. Wir haben es hier mit der verrückten Situation zu tun, daß eine Firma bankrott ist, obwohl sie eigentlich noch gar nicht verkauft ist, und mit einem "Investor", der eigentlich noch gar nichts investiert hat und wohl auch gar nicht vorhatte, etwas zu investieren.

Dafür ist Herr Emans Eingeweihten schon etwas länger bekannt. Die Welt schreibt dazu in ihrer Ausgabe vom 1. Juni dieses Jahres: "Emans Vorgehen bei Agfa erinnert stark an seine mißglückten Beteiligungsversuche Anfang der 90er Jahre in Ostdeutschland. Als McKinsey-Direktor beriet er seinerzeit die Treuhand-Anstalt bei der Privatisierung des DDR-Vermögens und hatte so fast schon uneingeschränkten Einblick in interne Vermögensunterlagen. 1992 übernahm er dann die ,VEB Elektroprojekt und Anlagenbau‘ in Ostberlin mit einem Immobilienvermögen von 200 Mio. DM und einem Gewinn von 5 Mio. DM zu einem Spottpreis, nachdem er vorher durch eigene Gutachten den Verkaufspreis niedrig angesetzt haben soll." Insgesamt hat er 1994 acht Unternehmen mit 1700 Beschäftigten von der Treuhand übernommen und nach relativ kurzer Zeit wieder zurückgegeben, damit die Treuhand sie vor dem Bankrott bewahren konnte.

Als die übernommenen Betriebe in die Pleite gingen, urteilte die EU-Kommission über die Aktivitäten der Investorengruppe um Emans, es fehle der Lintra-Gruppe an einem qualifizierten Management und einer geeigneten Finanzkontrolle, ein hoher Teil der Ressourcen der übernommenen Firmen wurde von der Lintra-Beteiligungsholding selbst beansprucht. Das heißt auf gut deutsch: Es wurden massiv Gelder aus diesen Firmen herausgesogen. Auch jetzt hört man wieder Vermutungen und Anschuldigungen, Emans hätte Millionen aus dem Unternehmen abgezogen. Immerhin hatte die Muttergesellschaft beim Verkauf die Firma mit 372 Mio. Euro Barmitteln ausgestattet, die innerhalb von sieben Monaten verschwunden sein sollen und deren Verbleib der Insolvenzverwalter Andreas Ringstmeier noch nicht klären konnte.

Man spricht auch schon von einem "strategischen Bankrott" in dem Sinne, eine defizitäre Sparte durch Bankrott zu schließen, um Mitarbeiter schnell entlassen zu können und den Maschinenpark und die Immobilien und Grundstücke zu verkaufen. (Dagegen versteht der US-Ökonom LaRouche unter "strategischem Bankrott" den Ruin von Unternehmen mit unverzichtbaren produktiven Kapazitäten, der deshalb durch den Gesetzgeber unter allen Umständen verhindert werden müsse!)

Die Staatsanwaltschaft in Köln hat im Falle Agfa Ermittlungen aufgenommen. Das ist zwar ein wichtiger Schritt gegen eventuelle Aktivitäten von Raubtierkapitalisten. Aber wenn wir diesem selbstzerstörerischen neoliberalen Handeln wirksam Einhalt gebieten wollen, dann müssen wir das Wirtschafts- und Finanzsystem ändern und wieder an der Produktion und dem Gemeinwohl orientieren. Für diese neue und gerechte Wirtschaftsordnung setzt sich die BüSo im kommenden Bundestagswahlkampf ein.

Frank Müchler

Neue Solidarität Nr. 25/2005

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