Politik von rechts? Buchbesprechung: Ein Manifest für Irrwege

17.08.2023
Politik von rechts? Buchbesprechung: Ein Manifest für Irrwege klaus 17.08.2023

Buchbesprechung: „Politik von rechts – ein Manifest“, Dr. Maximilian Krah, Verlag Antaios, Schnellroda Juni 2023.

von Andrea Andromidas

Im Unterschied zu anderen Parteien hat die AfD ein akzeptables Energieprogramm und ist deswegen auch gegen den allgemeinen Klima-Terror sehr gut gerüstet. Man würde deswegen erwarten, daß die Partei diesen Vorteil nutzt. Die Überwindung der ohnehin schon gescheiterten Energiewende, das Aufhalten der Deindustrialisierung und die Rückkehr zu einem wohlstandsorientierten Wirtschaftskurs wären starke Themen, die sich große Teile der Wähler erhoffen und deswegen auch schon mit Vorschußlorbeeren bedacht haben.

Der gerade gekürte AfD-Spitzenkandidat für die Europawahlen, Dr. Maximilian Krah, legt aber in seinem soeben veröffentlichten Buch Politik von rechts, ein Manifest dar, daß er mit der Wirtschaft überhaupt wenig am Hut hat. Diesbezüglich muß der Leser ernüchtert zur Kenntnis nehmen, daß er ähnliches wie Klaus Schwab sagt; nämlich daß die fetten Jahre ohnehin vorbei seien, die Zeiten härter werden, man sich auf verschärfte Verteilungskämpfe einstellen müsse und daß „das westdeutsche Modell der exportorientierten Güterproduktion ohnehin überholt“ sei. (S.148)

Haken wir also das Thema ab und fragen: Worum geht es denn dann?

Dr. Krah (Jahrgang 1977) ist der Meinung, daß es an der Zeit sei, eine wirklich rechte Politik ganz neu zu formulieren, weil das Skandalisieren linksliberaler Fehlentwicklungen nicht reiche. Mit der schlüssigen Begründung eines Gegenmodells möchte er eine Diskussion über ein völlig neues Konzept rechter Politik eröffnen, das es angeblich noch nie gegeben habe.

Hier sind ein paar längere Zitate aus dem Text:

„Die heutige Generation der Europäer ist das Ergebnis jahrtausendelanger evolutionärer Selektion. Typischerweise regelmäßig harte Winter wirkten evolutionshistorisch als Selektionsfilter. Fähigkeiten wie etwa die, nicht alles zu konsumieren, sondern Vorräte für den Winter anzulegen, hart zu arbeiten, um in den warmen Monaten das zu schaffen, was man im Winter braucht, in der Gemeinschaft aufgrund des harten Klimas zu kooperieren und dabei untereinander Treu und Redlichkeit zu praktizieren, waren zum Überleben notwendig. Wer die entsprechenden Eigenschaften nicht hatte, starb. Der aus den veranlagten Fähigkeiten erwachsene Evolutionsvorteil verschafft so einer Menschengruppe eben aufgrund der Anpassung an die natürlichen und klimatischen Bedingungen im kalten Europa jene Eigenschaften, die Grundlage von Wohlstand, Ordnung und Stabilität sind. Zu diesen in quälend langen Evolutionsprozessen entstandenen Eigenschaften gehört auch der Intelligenzquotient, der in Deutschland aktuell bei durchschnittlich 100 liegt, bei den ethnischen Deutschen aber über 104, je nach Studie…“ (S.178)

„Deshalb sind Anstand, Ehrlichkeit und Vertrauen nur zu gewinnen, wenn Völker in ihrem ethnischen Substrat Bestand haben, wenn ihre positiven Eigenschaften durch die Homogenität der ebenso Geprägten zum Vorteil aller werden… Ohne Schutzraum des Volkes verschwindet deshalb jede Eigentümlichkeit und Liebenswürdigkeit; ja alles, was den Kampf ums nackte Überleben übersteigt…“ (S.54)

„Die Menschen sind verschieden. Die politisch korrekte Idee, die schon äußerlich unterscheidbaren Menschen – Afrikaner, Asiaten, Europäer – seien wie Smarties, zwar verschiedenfarbig, aber innerlich komplett identisch, ist grotesker Unsinn und widerspricht sowohl jeder praktischen Erfahrung wie den Erkenntnissen der Genetik.“ (S.118)

Folgt man dieser kleinkarierten darwinistischen Weltsicht, dann müßte man die historische Rede Abraham Lincolns vom November 1863, die als Gettysburg Address weltweit geschätzt und gefeiert wurde, unter die Rubrik „grotesker Unsinn“ einordnen.

Gleich die beiden ersten Sätze dieser Rede lauten nämlich so: „Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, daß alle Menschen gleich geschaffen sind. Nun stehen wir in einem großen Bürgerkrieg, der eine Probe dafür ist, ob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grundsätzen geweihte Nation dauerhaft Bestand haben kann.“

Abraham Lincoln wußte natürlich auch, daß Begabungen und Anlagen bei den Menschen unterschiedlich sind. Hier geht es aber um eine ganz andere Dimension unserer Geistesgeschichte. Hier geht es um den Bestand einer Nation, welche die Freiheit zur geistigen und produktiven Vervollkommnung für jeden Menschen gewähren kann, ungeachtet seiner Herkunft. Hier geht es um die Idee, daß Wissen und Erkennen das eigentlich Erstrebenswerte und die eigentliche Freude einer Menschengemeinschaft sind. Nicht umsonst wurde der Leibnizsche Begriff des „Strebens nach Glückseligkeit“ in die amerikanische Unabhängigkeitserklärung aufgenommen. All das ist nicht hinfällig, nur weil großen Teilen unserer Gesellschaft und allen voran dem gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten der Zugang dazu fehlt.

Die großen Kulturleistungen Europas gründen auf der gleichen Idee. Das Bildungssystem Wilhelm von Humboldts, das weit über unseren Kulturkreis hinaus geschätzt wurde, war das Fundament (und nicht die quälend lange Evolution) für den Geist des Fortschreitens, für industrielle Entwicklung und den erreichten Wohlstand und es war auch eine Antwort, wenn auch nicht die einzige, auf links- oder rechtsliberalen Anarchismus früherer Geschichtsperioden. Diesen entscheidenden Kampf unserer jüngsten Ideengeschichte einfach zu übersehen oder willentlich auszulassen offenbart doch eine auffallend große Bildungslücke, auch wenn keiner anzweifelt, daß Herr Dr. Krah seiner Herkunft nach über einen hohen IQ verfügen mag.

Und so müssen wir uns unsere Zukunft in Europa gemäß des Spitzenkandidaten auch kleinkariert und rückwärts gewandt vorstellen:

„Es muß genossenschaftliche Wohnprojekte in niedergehenden, alternden Dörfern und Kleinstädten geben, wo dreißig, vierzig Familien sich entscheiden, ein gemeinsames Leben aus Tradition und Natur zu führen. Es braucht eine Avantgarde, die in Anspruch und Ästhetik zeigt, daß ein sauberes Leben möglich und erstrebenswert ist. Kinderreiche gesunde Familien in einer intakten Natur, die sich regional selbst versorgen und untereinander helfen, dürfen keine Bilder aus vergangenen Zeiten sein, sondern die von der politischen Rechten geförderte und unterstützte Zukunft.“ (S.58)

Man fragt sich: Wer will denn das? Offensichtlich weiß Herr Dr. Krah doch, daß dieses Vorhaben nicht so recht in die Zeit paßt, denn es heißt da auf den letzten Seiten: „Die politische Rechte darf dabei nicht den Fehler begehen, sich aus der Gegenwart zurückzuziehen. Auf eine Tischdecke zu verzichten, Ton- statt Porzellangeschirr zu verwenden und sich nicht angemessen kleiden zu können ist noch keine Ästhetik. Die Rechte muss auch stilsicher, elegant und urban sein.“ (S.222)

Und – nicht zu vergessen – die Verteidigung dieser ethnisch reinen Gesellschaft samt ihres Territoriums gehöre auch dazu: „Nicht polizeiliche Maßnahmen führen zur Remigration, sondern nur ein sich seiner kulturellen Identität bewußtes Volk aus Alteingesessenen und sich neu Angeschlossenen, das selbstbewußt seine Ordnung im eigenen Territorium durchsetzt.“ (S.62)

Abgesehen davon, daß diese Vorstellungen nun gar nicht neu, sondern altbekannt sind, fallen sie in eine Zeit, in welcher gerade die Entwicklung des Globalen Südens neu verhandelt wird. Wäre es nicht angemessen, wenn Europa dazu beiträgt, in Niger die Verfügbarkeit von Elektrizität (gegenwärtig gerade einmal 3%) auf das ganze Land auszudehnen, anstatt Identitäts-Reservate in verlassenen Gegenden einzurichten? Wäre es nicht angemessen, sich daran zu erinnern, daß Deutschland das Land der Ingenieure war, dazu der Dichter und Denker, und damit in unzähligen Teilen der Welt zum allgemeinen Fortschritt entscheidend beitrug? Ein großer Moment in der Geschichte erfordert große Ideen wie diese:

„Wenn wir eine Idee bezeichnen wollen, die durch die ganze Geschichte hindurch in immer mehr erweiterter Geltung sichtbar ist, wenn irgend eine die vielfach bestrittenen, aber noch vielfacher mißverstandene Vervollkommnung des ganzen Geschlechts beweist, so ist es die Idee der Menschlichkeit: Das Bestreben, die Grenzen, welche Vorurteile und einseitige Ansichten aller Art feindselig zwischen die Menschen gestellt, aufzuheben und die gesamte Menschheit, ohne Rücksicht auf Religion, Nation und Farbe als einen großen, nahe verbrüderten Stamm, als ein zur Erreichung eines Zweckes, der freien Entwicklung innerlicher Kraft bestehendes Ganzes zu behandeln. Es ist dies das letzte, äußerste Ziel der Geselligkeit und zugleich die durch seine Natur selbst in ihn gelegte Richtung des Menschen auf unbestimmte Erweiterung seines Daseins.“
(Aus dem Kosmos; Alexander von Humboldt zitiert darin seinen Bruder Wilhelm mit diesen Worten.)

Die Autorin ist u.a. Mitglied des Landesvorstands des hessischen Landesverbands der BüSo.

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