Heute scheint der Tag zu sein, an dem die Große Koalition besonders deutlich machen will, wie stark ihr Drang ist, die Realität zu verneinen. Allen voran, wie immer, die Bundeskanzlerin selbst, die mit einer Rede auf einem Seminar zur "globalen Nachhaltigkeit", veranstaltet von ihrem Potsdamer Klima-Guru Schellnhuber, eine Klimaresolution auf den Weg bringen will. Diese Resolution soll, mit Merkels Stempel als amtierender G8-Vorsitzender versehen, der UNO-Klimakonferenz im Dezember in Bali noch einmal Bedeutung verleihen.
Gleich nach der Kanzlerin kommt Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, der heute seinen Amtskollegen aus den 16 Bundesländern seine neuesten Privatisierungspläne für die Deutsche Bahn unterjubeln will. Tiefensee meint, es sei an der Zeit, jegliche Bundeszuschüsse für Streckenhaltepunkte mit weniger als 100 Fahrgästen pro Tag und Bahnhöfe mit weniger als 1000 Fahrgästen täglich ersatzlos zu streichen, ebenso die Bundesmittel für den Streckenerhalt für alle Abschnitt mit weniger als 1000 Reisekilometern täglich. Das betrifft etwa 10 000 Kilometer Streckennetz bundesweit, fast ein Drittel des Gesamtnetzes. Oder, im Falle Sachsen-Anhalts, wie dessen Verkehrsminister Daehre betonte, die Stillegung von sogar 53 Prozent des landesweiten Streckennetzes. Da kann man nur sagen: was braucht man noch Finanzheuschrecken, wenn es Tiefensee gibt.
Des weiteren fühlt sich Bundesfinanzminister Steinbrück offenbar wohl in der Rolle als einziger Minister der Eurozone, der den teuren Euro für eine Segnung hält. Daß große Teile der exportorientierten deutschen Industrie ganz anders denken, ist ihm wohl entgangen. Es heißt, nichtdeutsche Amtskollegen hätten ihn gestern auf dem Luxemburger Treffen darauf aufmerksam machen müssen.
Steinbrück ist schließlich zusammen mit Außenminister Steinmeier auch dabei, die Politik von Hartz IV gegen ihre an Zahl und Prominenz zunehmenden SPD-Politiker zu verteidigen. Beide Minister ergreigen Partei für Müntefering gegen Beck. Sollte, wie erwartet wird, Becks Linie sich auf dem SPD-Bundesparteitag Ende Oktober in Hamburg durchsetzen, hat die SPD das große Problem, daß ihre Minister in der Bundesregierung eine ganz andere Politik betreiben als die Partei, so als ob die Minister einer ganz anderen Partei angehörten. Man fühlt sich erinnert an den Zustand bei den Demokraten der USA, deren Parteispitze es mit den Bankern und Heuschreckenfonds hält.