Den folgenden Brief schrieb Dr. Andreas Kronenberg, Mitarbeiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), am 24. April 2011 aus Fukushima. Der Brief, der ursprünglich nicht zur Veröffentlichung gedacht war, wird hier unverändert wiedergegeben.
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Ich komme gerade von einem nachmittäglichen Spaziergang durch Fukushima
City zurück, eine Stadt die aus dem völlig falschen Grund zu weltweiter
Bekanntheit gekommen ist. Es ist eigentlich eine junge Stadt,
wunderschön umgeben von Bergen. Ich sehe die jungen Menschen auf den
Strassen, sie erinnern mich an Tokio oder Osaka. Das Leben ist normal:
die Burschen flirten, die Mädels tratschen. Man trifft sich um
auszugehen, oder in den Parks Sport zu treiben oder einfach nur die
Kirschblüte zu fotografieren.
So viele Dinge gehen mir durch den Kopf. Irgendwie passt das Bild von
dem was ich hier sehe und erfahre, gar nicht zu dem Bild was die Medien
in Deutschland vermitteln. Ich bin nun schon fast 2 Wochen in Japan, war
mehrere Tage in Tokio und befahre nun täglich die Gegend um das
Kernkraftwerk Fukushima – Dai ichi.
Man fragt sich was die Hysterie in Deutschland. eigentlich soll. Hier
haben die Leute ganz andere Probleme, 28000 Menschen vermisst, viele
haben durch den Tsunami aber auch ihr Hab und Gut verloren.
Schon die Tage in Tokio gaben mir Zeit mich etwas umzusehen, die
Zeitungen zu studieren und mit den Menschen zu sprechen. Hier genießen
die Leute die Kirschblüte in den Parks, und versuchen auf die ungewohnte
Situation zu reagieren, dass es tatsächlich black-outs in Tokio gibt,
also Strom knapp ist. Die Strassen und Gebäude sind deutlich dunkler als
sonst. Und wie man hört werden auch zeitweise ganze Stadtviertel
abgeschaltet, um Strom zu sparen. Und was auch auffällt ist, dass es
keine Ausländer mehr auf den Strassen gibt, selbst in Akihabara. In der
Zeitung las ich, dass die Einwanderungszahlen nach Tokyo um 75%
eingebrochen sind, selbst nach Osaka um 50%.
Die Tokioer schauen schon nach Fukushima, aber nicht mit der Panik, die
wir in Deutschland haben. Sondern man möchte helfen, sammelt Geld für
die Menschen vor Ort. Einer meiner britischen Kollegen ist mit einer
Japanerin verheiratet und lebt in Tokyo. Seine Frau war stolz darauf,
dass er mit unserer Gruppe nach Fukushima fährt. Sie hat ihm zugeredet,
da sie so sicher ist, sie hilft auch etwas mit. Sie muss in der
Zwischenzeit allein auf das Baby aufpassen.
Auch hier in der Gegend, sowohl innerhalb der 20-30 km Zone um den
Reaktor, als auch darüber hinaus, begegnen uns die Menschen sehr
freundlich und interessiert. So viel internationale Aufmerksamkeit
hatten sie hier wohl noch nie. Sie sind zumeist Bauern. Unsere
Messgeräte sind zudem hochinteressant – wenn nur die Sprachbarriere
nicht wäre. Aber so ist nur ein Japaner mit unserer Gruppe und er
beantwortet freundlich die unzähligen Fragen wo wir her sind, was das
für Geräte sind. Angst oder Kernkraft-Feindlichkeit finden wir praktisch
gar nicht. Nur ein junger Mann begegnet mir, der seinen Job gekündigt
hat um hier zu helfen, und er hofft dass die Regierung nun aus der
Kernenergie aussteige. Als ich ihn frage wo dann die Energie herkommen
soll und ob er sich bewusst wäre dass die Solarzellenherstellung auch
giftige Abfälle produziere und Windräder unzählige Vögel töten, zuckt er
mit den Schultern. Das war das einzige Mal in all den Tagen, und wir
fahren jeden Tag 200-300 km in dieser Gegend.
Man scheint hier zu wissen was mikro-Sievert ist und die Zahlenwerte
werden kleiner, auch das wissen die Leute ganz genau. Also verraten wir
ihnen auch oft den Dosiswert den wir gerade messen und das bringt ein
freundliches Nicken, oder (vielleicht auch weil die meisten von uns kein
Japanisch verstehen) zeigen einige Japaner freundlich mit dem Daumen
nach oben und fahren weiter.
Jeden Mittag gibt es offizielle Ansagen über Lautsprecher mit den
aktuellen Dosiswerten in der 20 bis 30 km Zone. Vielleicht auch
außerhalb, davon weiß ich leider nichts. Ich denke die Bilder (anbei)
von der Küste nördlich vom Kraftwerk geben ein bisschen den Eindruck
welche Tragödien sich hier wirklich abgespielt haben; leider nur viel zu
wenig wird in Deutschland. über die 28,000 Toten durch den Tsunamie
berichtet. Eine ganze Kleinstadt ausgelöscht! Leute die z.B. zu einem
der Evakuierungszentren geflohen sind, sind dort vom Tsunamie überrascht
wurden. Man berichtet mir von einem Mann, der sich am Dachbalken dieser
Sporthalle festgehalten hat, um nicht mit weggeschwemmt zu werden. Der
Evakuierungspunkt wurde für die Anderen zur tödlichen Falle. Auch ein
ganzer Zug ist verschwunden in den Fluten.
Zwei Dinge scheinen mir sehr wichtig in der deutschen Diskussion. Einmal
die Tatsache, dass das Erdbeben obwohl Starke 9 (Auslegung war nur
8.2), dem Kraftwerk gar nix angetan hat. Wenn man die Zerstörungskraft
des Erdbebens um das Kraftwerk sieht, die aufgerissenen Strassen, die
verbogenen dicken Beton- und Stahlträger, dann muss man fast sagen, dass
die Kerntechnik ja geradezu gezeigt hat, dass sie sicher ist. Die
Strassen sind aufgerissen, massive Beton- oder Stahlkonstruktionen sind
gebrochen oder verbogen, aber der Reaktor hat durch das Erdbeben KEINEN
Schaden genommen. Daher ist die Diskussion in Deutschland über mögliche
Erdbeben völlig unsinnig.
Viel Beeindruckender ist aber das Gebiet wo der Tsunamie alles zerstört
hat. Man erkennt wie das Wasser alles weggespült hat; nur noch die
Hausfundamente stehen und verraten etwas von dem wie das Haus einmal
aufgeteilt war und wo die Leitungen hereinkamen. Auf Fotos kann man dies
kaum wiedergeben. Es ist kaum zu begreifen. Wenn ich durch das Gebiet
fahre, kann ich das eigentlich nur mit der Druckwelle einer
Atombombenexplosion vergleichen. Vielleicht erkennt man auf einigen der
Bilder die umgekippten Traktoren, die weggeschwemmten meterdicken
Betonplatten. Ja sogar noch tief im Landesinnern ist der Asphalt einfach
weggeschwemmt. Das war mal eine Art Bundesstrasse (würde man bei uns
sagen), und jetzt nur noch ein holpriger Feldweg; vereinzelt sieht man
noch kleine Reste von Asphalt. Und da wo der Tsunamie die Kraft nicht
mehr hatte, da fängt dann wieder Asphalt an. Als wir in diesem Gebiet
messen, stoppt ein Auto und der Mann erzählte uns, dass seine Frau von
den Fluten weggespült wurde. Er sagte uns, dass allein in diesem Gebiet
1000 Menschen einfach ins Meer „gespült" wurden sind. Auch am Kraftwerk
selber, haben die parkenden Autos, einen großen Schaden angerichtet, als
sie vom Tsunamie erfasst wurden und gegen das Gebäude gespült wurden.
Wie beschämend, dass unsere deutschen Medien kaum darüber berichten,
sondern nur unsachlich und oft auch falsch über das Kraftwerk. Man
bezeichnet das Kraftwerk als „Schrottreaktor" und die Arbeiter im Werk
als „Todeskandidaten", was ich wirklich als eine Unverschämtheit
empfinde – nicht nur gegenüber den Arbeitern, sondern auch gegenüber der
japanischen Regierung. Die meisten japanischen Firmen haben nicht
einmal den 250 milli-Sievert Grenzwert (der Regierung) angenommen,
sondern sind bei einem Grenzwert von 100 milli-Sievert für ihre Arbeiter
geblieben (dasselbe was für jeden Strahlenexponierten gilt, überall in
der Welt).
Falls die Japaner nicht lügen (was sehr unwahrscheinlich ist), dann hat
bisher niemand die 250 milli-Sievert erreicht, also wird niemand
sterben. Nicht nur der Reaktor, nicht nur der Unfallhergang, alles ist
völlig anders als in Tschernobyl. Und dabei gehe ich noch nicht einmal
auf technische Details ein, dass dieser Reaktor zum Beispiel nur einen
Kreislauf hat, dass Siedewasserreaktoren deutlich weniger
Sicherheitsreserven haben, als Druckwasserreaktoren. Dass dieses
Kraftwerk eben keine Wasserstoffrekombinatoren hatte, wie sie in
Deutschland Gang und Gebe sind und daher die Wasserstoffexplosion
verhindert hätten. Man spielt in Deutschland mit den Ängsten der Leute,
lässt bewusst Fakten weg oder verdreht Tatsachen. Komisch, warum ich im
englischsprachigen japanischen Fernsehen (NHK) Dosiswerte und andere
Fakten erhalte. In Deutschland erzählt man uns, dass die Roboter
eingesetzt werden, weil kein Mensch der Strahlung im Reaktor standhalten
könnte. Dabei lerne ich in NHK, dass der Roboter Dosiswerte misst, und
diese bei „nur" 50 bis 100 milli-Sievert pro Stunde liegen, also sehr
wohl Personen sich dort aufhalten könnten, zugegeben nur für eine kurze
Zeit, um nicht die niedrigen Grenzwerte zu übersteigen.
Dann lese ich in Deutschland, dass Greenpeace Empfehlungen ausspricht
zur Erweiterung der Evakuierungszone und angeblich vor Ort misst. Nur
frage ich mich, warum ich oder meine japanischen Kollegen (die in
mehreren Autos unterwegs sind) sie in all den Tagen nie gesehen habe.
Zudem hätte Greenpeace ja gar keinen Zutritt in die 20km Zone. Dort
kommen wir nur mit speziellen Papieren rein und alle Strassen sind gut
abgeriegelt. Ich frage mich aber nicht nur ob Greenpeace überhaupt eine
Expertise hat, sondern auch wo so eine private Organisation radioaktive
Eichquellen herhaben will, um ihre Detektoren zu kalibrieren.
Anderenfalls sind das doch gar keine aussagekräftigen Messwerte.
Die IAEA wird die Messwerte unserer Teams veröffentlichen und wir haben
sowohl Dosiswerte, Oberflächenkontaminationen, als auch in-situ gamma
spectroscopy gemacht und Bodenproben genommen. Nur mit all diesen
Techniken zusammengenommen, können klare Aussagen getroffen werden.
Alles andere ist blanker Unsinn.
Herzliche Gruesse aus Fukushima
Dr. Andreas Kronenberg