Schatten von Sykes-Picot über Südwestasien

03.12.2007
Schatten von Sykes-Picot über Südwestasien admin 03.12.2007

Die neuen Entwicklungen in Südwestasien begreift man nur vor dem Hintergrund der kolonialen anglo-französischen Absprachen zur Aufteilung des Nahen Ostens im Ersten Weltkrieg. Mit dem Sykes-Picot-Abkommen wurden 1916 die Landkarte des Nahen Ostens neu gezogen und den beiden Kolonialmächten Herrschaftsgebiete und Einflußsphären zugeteilt.

Warum sollte der französische Präsident Jacques Chirac einen Kreuzzug für Regimewechsel in Syrien beginnen, nachdem er erfolgreich eine internationale Kampagne für den Rückzug der syrischen Truppen aus dem Libanon und eine Umwälzung der politischen Landschaft in Beirut anführte? Liegt es an seinem Gram über den Mord im Februar 2005 am früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri, mit dem er seit vielen Jahren eng vertraut war? Glaubt er, Damaskus sei in diesen Mord verwickelt und müsse dafür bestraft werden?

Aber warum sollte das französische Staatsoberhaupt dann auch dem Iran drohen? Am 19. Januar verkündete Chirac, Frankreich werde gegen "terroristische" Staaten und jeden, der es bedroht, Atomwaffen einsetzen. Man sah in seiner ungeheuerlichen Erklärung allgemein mit Recht eine Unterstützung der Cheney-Doktrin für den präventiven Einsatz von Kernwaffen und eine direkte Drohung gegenüber der Islamischen Republik Iran.

Bis dahin war es der britische Premierminister Tony Blair gewesen, der bei den aufschaukelnden Spannungen gegen Syrien und besonders um das iranische Atomprogramm an der Spitze gestanden hatte. Mehr als jeder andere waren es die Briten, die vehement forderten, als Vorbereitung militärischer Schläge den Iran vor den UN-Sicherheitsrat zu bringen. Jetzt hat sich Frankreich angeschlossen.

Warum?

Lyndon LaRouche gab am 6. Januar zu den "neuen Entwicklungen um die beschleunigten Angriffe auf Syrien" die folgende Einschätzung: "Die katastrophalen Erschütterungen, von denen die amerikanische Regierung Bush/Cheney getroffen wird, haben die Rolle der britischen Regierung Blair sichtbarer in den Vordergrund gerückt. Schatten von Sykes-Picot – das britische Außenamt flankiert von Frankreich – haben bei den regionalen Entwicklungen in Südwestasien eine beherrschende Rolle eingenommen."

LaRouche führte aus: "Bei diesen Veränderungen der strategischen Gesamtlage müssen wir die entscheidende Auseinandersetzung berücksichtigen, die in ganz Europa ausbrach, als Thatcher in England und Mitterrand in Frankreich 1990 versuchten, Deutschland niederzudrücken, was zu den Maastrichter Verträgen und der gegenwärtigen wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands unter dem System der Einheitswährung Euro führte. Der jüngste Trend zu wachsender russischer Zusammenarbeit mit Deutschland im Zusammenhang mit Erdgasgeschäften sowie die Schwächung des weltweiten Einflusses der USA durch die zunehmende Schande der Regierung Bush/Cheney führen dazu, daß London nun daran arbeitet, Südwestasien unter seine Kontrolle zu bringen. Dabei entsteht eine mehr als geringe Distanz zur amerikanischen Cheney-Regierung, und alte Streitpunkte, die aus dem frühen 20. Jh. übrig geblieben sind, geraten wieder in den Vordergrund."

Man kann die Bedeutung dieses "Richtungswechsels" in der französischen Außenpolitik seit 2002-03 nur verstehen, wenn man ihn vor dem Hintergrund der berüchtigten Absprachen zwischen dem französischen und britischen Kolonialreich zur Eroberung und Aufteilung großer Teile des Nahen und Mittleren Ostens zu Beginn des 20. Jh. betrachtet. Das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 war ein Geheimvertrag zwischen Briten und Franzosen, mit dem die Landkarte des Nahen Ostens neu gezeichnet und den beiden Kolonialmächten Gebiete direkter Herrschaft sowie Einflußsphären zugeteilt wurden.

Die heutige Version von Sykes-Picot wurde 1996 in dem berüchtigten Memorandum A Clean Break (Ein sauberer Bruch) von einer Arbeitsgruppe unter Dick Cheney entworfen, vom damaligen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu übernommen und ab 2003 mit dem Irakkrieg umgesetzt. Der Plan sieht Regimewechsel (durch Umsturz oder Krieg) im Irak, in Syrien, dem Libanon und dem Iran vor.

1991 machte Frankreich bei der Operation Wüstensturm mit, bekam aber nichts dafür. 2002-03 stellte sich Frankreich demonstrativ gegen die anglo-amerikanischen Kriegspläne und hielt sich aus dem Irakkrieg heraus. Jetzt sitzen die USA und England auf gewaltigen Ölvorkommen im Irak, und Frankreich steht mit leeren Händen da. So setzte sich der alte koloniale Impuls wieder durch: "Paris will ein Stück vom Kuchen."

Ein britischer geopolitischer Krieg

Der Erste Weltkrieg war Englands geopolitischer Krieg, inszeniert vom Prinzen von Wales und späteren König Eduard VII., um die Zusammenarbeit zwischen der wirtschaftlichen Großmacht Deutschland und Rußland zu brechen. Die Gefährdung der britischen Imperialherrschaft durch Bismarcks Deutschland, Rußland unter Alexander II. und andere Nationen, die das Amerikanische System des Wirtschaftsaufbaus übernahmen, war für die Briten ein Kriegsgrund. Sie wollten die Vorherrschaft ihres oligarchischen Finanzsystems und ihr Empire, das sich auf diese Macht stützte, behalten. Die Bagdadbahn war aus britischer Sicht die Verkörperung dieser Gefahr.

Im Zuge hiervon wollten die Briten auch das Osmanische Reich, das sich Deutschland angenähert hatte, zerschlagen und Marionettenregierungen unter arabischen Herrschern einsetzen, Südwestasien sollte in koloniale Einflußsphären geteilt werden. Frankreich sollte dabei ein Partner sein – wobei, wie es bei Vereinbarungen unter rivalisierenden imperialen Mächten häufig der Fall ist, jeder versuchte, den anderen zu hintergehen.

Frankreich hatte schon eine gewisse imperiale Rivalitäten mit Großbritannien hinter sich, besonders in Afrika. Dort hatte es einen eigenen Einflußbereich, den es schützte und möglichst ausweiten wollte. Ab dem 17. Jh. hatten die Franzosen Handelsinteressen benutzt, um in Nordafrika Fuß zu fassen. Im Laufe des 19. Jhs. setzte Frankreich sich in Algerien fest, und 1881 besetzte es Tunis. 1882 eroberte England Ägypten (wo sich ein Jahrhundert früher Napoleon breitgemacht hatte); 1897 besiegte Lord Kitchener die sudanesische Nationalbewegung des Mahdi. England regierte Ägypten und über dieses den Sudan. 1898 bereiteten die Briten bei Faschoda dem französischen Expansionismus ein Ende. Eine weitere Vereinbarung zwischen den beiden Konkurrenten im Jahr 1904 gab England freie Hand in Ägypten im Austausch für eine französische Einflußzone in Marokko.

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs war Europa von Kolonialmächten beherrscht. Rußland hatte sich das heutige Zentralasien einverleibt (Kasachstan, Turkestan, die Khanate von Schiva, Buchara, Taschkent, Merv, Samarkand) und zählte das halbe Persien zu seinem Einflußbereich. England beherrschte im Zuge des anglo-russischen Abkommens von 1907 einen weiteren Teil Persiens, außerdem arabische Scheichtümer am Persischen Golf. Es verwaltete Ägypten, Zypern, Aden am Roten Meer, und Afghanistan zählte zu seinem Einflußbereich.

Der Rest (außer der arabischen Wüste) gehörte zum Osmanischen Reich, dessen Sultan über verschiedene ethnische Bevölkerungen herrschte, darunter Slaven, Araber, Griechen, Armenier und Juden. Unter den Imperialmächten beanspruchte das orthodoxe Rußland das Recht, die orthodoxen Völker auf dem Balkan und im Nahen Osten zu schützen, während die Franzosen Beschützer der Katholiken waren, einschließlich der maronitischen Christen in den syrischen Provinzen.

Nach den Balkankriegen 1912-13 brach der Erste Weltkrieg aus, in dem die Entente aus Frankreich, Rußland und England gegen Deutschland, das Osmanische Reich (wo damals die "Jungtürken" regierten) und Österreich-Ungarn stand.

Pläne für das Arabien der Nachkriegszeit

Grundsätzlich war der britische Kriegsplan – einmal abgesehen von Gezänk um Einzelheiten innerhalb der Elite, die den Krieg lenkte – einfach und direkt: Arabische Kämpfer unternehmen, scheinbar aus eigenem Antrieb, einen Aufstand gegen die osmanischen Unterdrücker, das Osmanische Reich wird zerschlagen und die Landkarte wird neu gezeichnet mit ganz neuen arabischen "Staaten" unter britischen Marionettenherrschern (siehe Abbildung 1). Die Franzosen, die sich dem Plan anschlossen, bekämen ihre eigenen Marionetten in der ihnen zugewiesenen Einflußsphäre.

Der Kopf des Unternehmens war Feldmarschall Horatio Herbert Kitchener, der Schlächter des Sudan (mit dem Ehrentitel Earl Kitchener of Khartum), der als Prokonsul in Ägypten diente. Er wurde im August 1914 Kriegsminister. Damals war Ägypten ein britisches Protektorat, ab 1914 unterstand es nicht mehr dem osmanischen Kalifat.

Als Führung der Araber hatte Kitchener den Kopf der Haschemitendynastie, Hussein Ibn Ali, Herrscher von Mekka, ausersehen. Hussein, genannt der "Emir von Mekka" und "Scherif von Mekka", regierte unter dem osmanischen Sultan die Hadsch (das heutige nordwestliche Saudi-Arabien am Golf von Akaba und am Roten Meer). Seit der Machtergreifung der Jungtürken 1908 fürchtete Hussein um seine Macht. Auch zwei seiner Söhne, Abdallah und Feisal, die beide im osmanischen Parlament saßen, befürchteten, daß die Jungtürken ihren Vater absetzen könnten. Das machte sie für den britischen Annäherungsversuch empfänglich.

Der Mann, der Kitchener vorgeschlagen hatte, sich an die Familie des Scherifs von Mekka zu wenden, war Gilbert Clayton gewesen. Clayton war der Kairoer Agent von Sir Henry McMahon, der Kitchener als ägyptischer Prokonsul abgelöst hatte. Clayton hielt Verbindung zu mehreren arabischen Exilgruppen und Geheimgesellschaften in Kairo, die ihn wissen ließen, daß andere Araberführer zum Aufstand gegen den Sultan bereit wären, wenn sie einen entsprechenden Anführer hätten.

Am 6. September 1914 schlug Clayton Kitchener in einem Memorandum vor, Husseins Sohn Abdallah als Kandidaten der Briten in Erwägung zu ziehen. Abdallah hatte Kitchener 1912 oder 1913 und dann noch einmal 1914 getroffen, außerdem auch Kitcheners Orient-Sekretär Ronald Storrs. Clayton erklärte, seiner Ansicht nach würden andere Araberführer diese Wahl unterstützen. Kitchener wollte wissen, welche Haltung der Anführer der Araber im Falle eines Krieges hätte, und beschrieb Storrs in einem Telegramm, was er Abdallah sagen solle:

"Wenn die arabische Nation England in diesem Krieg, den uns die Türkei aufgezwungen hat, beisteht, wird England garantieren, daß keine interne Intervention in Arabien stattfinden wird, und wird die Araber gegen jede fremde Aggression unterstützen."

Wenig später hieß es in einer weiteren Botschaft des Kairoer Büros, die Briten sicherten den Arabern in Palästina, Syrien und Mesopotamien Unabhängigkeit zu, wenn sie sich gegen das Osmanische Reich erhöben.

Kitchener und seine Gruppe hatten die Vorstellung, die Araber zum Aufstand gegen die Osmanen zu ermuntern und ihnen im Gegenzug dafür "Unabhängigkeit" anzubieten – worunter jedoch die Beteiligten ganz Unterschiedliches verstanden. Die Araber meinten wirkliche Unabhängigkeit, während die Briten darunter nur eine Art lokale Autonomie als britisches Protektorat oder gar unter direkter britischer Herrschaft verstanden. Storrs etwa dachte an ein Ägyptisches Reich, mit dem Scherif von Mekka als Kalifen, dem ein ägyptischer König zur Seite stünde, welcher aber wiederum von Kitchener beaufsichtigt würde.

Hussein ließ keinen Zweifel daran, daß er Souveränität über ein großes arabisches Königreich beanspruchte, das tatsächlich unabhängig wäre. Über seinen Sohn Feisal erkundete er die Haltung der arabischen Geheimgesellschaften in Damaskus und anderen Städten und kam zu dem Schluß, daß sie sich dem Aufstand gegen das Osmanische Reich anschlössen, wenn er eine Garantie hätte, daß die Briten die arabische Unabhängigkeit stützten.

In einem Brief am den britischen Hochkommissar vom 4. Juli 1915 legte Hussein seine Forderungen dar. Dies enthielt u.a. die Forderungen aus dem sog. Damaskus-Protokoll, das die Araber aus Syrien formuliert hatten:

"Als Gegenleistung für seine Zusammenarbeit, die zur Herrschaft über die gesamte Arabische Halbinsel, Mesopotamien, Syrien, Palästina und Teile Kilikiens führen soll, stellt der Scherif Hussein die folgenden Forderungen:

1. Die Unabhängigkeit der Araber, in den Grenzen eines Gebietes mit Mersina Adana im Norden und durch den 37. Breitengrad bis zur persischen Grenze begrenzt; die Ostgrenze soll die persische Grenze bis zum Golf von Basra sein; im Süden soll das Gebiet an den Indischen Ozean grenzen, ohne Aden; im Westen soll es vom Roten Meer und dem Mittelmeer bis nach Mersina begrenzt sein.

2. Großbritannien sollte die Errichtung eines arabischen Kalifates und die Abschaffung der Kapitulationen anerkennen. Im Gegenzug erklärt der Scherif seine Bereitschaft, Großbritannien den Vorzug bei allen wirtschaftlichen Unternehmungen der arabischen Länder einzuräumen, während alle anderen gleich behandelt werden.

3. Es sollte ein Verteidigungsbündnis geschlossen werden. Sollte eine Seite einen Angriffskrieg beginnen, muß die andere Seite strenge Neutralität wahren."

Der britische Hochkommissar in Kairo, Sir Henry McMahon, antwortete auf Husseins Forderungen in den "McMahon-Briefen", wie man sie später nannte. In einer Note, die seinem Schreiben vom 24. Oktober 1915 beigelegt war, hieß es:

"Die Bezirke Mersina und Alexandretta sowie Teile Syriens, die westlich der Bezirke Damaskus, Homs, Hama und Aleppo liegen, können nicht als rein arabisch bezeichnet werden und sollten daher von den vorgeschlagenen Grenzen ausgenommen werden.

Vorbehaltlich dieser Änderung und unbeschadet der Verträge, die zwischen uns und bestimmten arabischen Stammesführern abgeschlossen wurden, akzeptieren wir diese Abgrenzung.

Was die Gebiete betrifft, die innerhalb der vorgeschlagenen Grenzen liegen und in denen Großbritannien ohne Beeinträchtigung der Interessen seines Verbündeten Frankreich frei walten kann, bin ich bevollmächtigt, Ihnen im Namen der Regierung Großbritanniens die folgenden Zusagen zu machen und auf Ihre Note wie folgt zu antworten:

Vorbehaltlich der oben angeführten Änderungen ist Großbritannien bereit, die Unabhängigkeit der Araber in allen Gebieten innerhalb der vom Scherif von Mekka vorgeschlagenen Grenzen anzuerkennen und zu erhalten.

Großbritannien sichert die Heiligen Stätten gegen jede äußere Aggression und erkennt deren Individualität an. Wenn es die Lage zuläßt, wird Großbritannien den Arabern Berater zur Verfügung stellen und sie dabei unterstützen, eine Regierungsform zu errichten, die für die verschiedenen Territorien am angemessensten erscheint. Andererseits wird davon ausgegangen, daß die Araber bereits entschieden haben, ausschließlich den Rat und die Beratung Großbritanniens einzuholen, und daß es sich bei europäischen Beratern und Beamten, die möglicherweise beim Aufbau einer funktionierenden Verwaltung benötigt werden, um Briten handeln wird. Hinsichtlich der beiden Ortschaften Basra und Bagdad erkennen die Araber an, daß die Tatsache, daß Großbritannien dort bereits eine gefestigte Position und Interessen besitzt, dort besondere Verwaltungsvereinbarungen erfordern wird, um diese Gebiete vor ausländischer Aggression zu schützen, das Gemeinwohl ihrer Einwohner zu fördern und unsere beiderseitigen Interessen zu sichern."

Hussein erhielt also hinsichtlich des von ihm gewünschten arabischen Königreiches eine vage, aber keine bindende Zusage.

Uneinigkeit in der Führung des Empire

Das Indien-Büro des britischen Empire stand diesem Plan für ein arabisches Kalifat (mit oder ohne König) an der Spitze eines von den Briten kontrollierten arabischen Reiches allerdings ablehnend gegenüber. Die Abteilung war neben Indien für Persien, Tibet, Afghanistan und Ostarabien verantwortlich und betrachtete das fragliche Gebiet sowie Mesopotamien als seinen Einflußbereich. Das Indien-Büro argumentierte, die Moslems in seinem Einzugsbereich würden ein türkisches Kalifat einem arabischen vorziehen. Und wenn sie sich für einen Araber entscheiden müßten, wäre das Abdel Aziz Ibn Saud, der mit Hussein im Streit lag.

Im Indien-Büro herrschte die Auffassung vor, daß es selbst eine Invasion und Besetzung Mesopotamiens organisieren sollte. Diese Botschaft übermittelte der indische Vizekönig, Charles Hardinge, 1915 Sir Mark Sykes, als dieser sich dort zu einer Informationsreise aufhielt. Hardinge erklärte weiter, in den Augen des Indien-Büros sei es absurd, über "Unabhängigkeit" für die Araber zu reden, weil die Araber seiner Ansicht nach gar nicht fähig seien, sich selbst zu regieren.

Um die Politik abzustimmen und den Widerständen – beispielsweise aus Indien – entgegenzuwirken, wurde 1916 eine neue Stelle gegründet: das Arabische Büro. Die Idee stammte von Sir Charles Sykes, einem jungen Tory, der vier Jahre zuvor in das Unterhaus gewählt worden war und als Experte für das Osmanische Reich galt. Sykes hatte unter Kitchener persönlich gearbeitet und war dessen wichtigstes Werkzeug. Das Arabische Büro arbeitete als Teil des Geheimdienstes von Kairo aus, unterstand aber letztlich Kitchener. Formaler Leiter war der Archäologe und Geheimdienstler David G. Hogarth, der unter Clayton tätig war. Zu den Mitgliedern des Arabischen Büros zählte auch T.E. Lawrence, besser bekannt als "Lawrence von Arabien", der einige Feldzüge der Araber anführte. Das Ziel des Arabischen Büros war, vom britisch beherrschten Ägypten aus die britische Oberherrschaft auf ganz Arabien auszudehnen.

Das imperiale Frankreich will mitmischen

Die Franzosen waren über Englands Planspiele nicht gerade begeistert. Die kolonialistische Fraktion in Frankreich hatte ein Auge auf den Libanon und Syrien geworfen und meinte, diese gehörten "von Natur aus" Frankreich. Diese Forderung gründete auf der Vorgeschichte französischer Eroberungen während der Kreuzzüge und auf dem gegenwärtigen Status als "Schutzmacht" für die katholische Bevölkerung in der Region, insbesondere am Berg Libanon nahe der syrischen Küste.

So weitreichende Zugeständnisse wollten die Briten Frankreich nicht machen. Clayton war der Ansicht, und Sykes schloß sich an, wenn sich große arabische Heere im Krieg der britischen Seite anschlössen, könne dies den Ausschlag für den Sieg geben. Dies könne auch zu einem raschen Sieg an der Westfront beitragen. England stellten sich zwei Notwendigkeiten: 1. Wenn man britische Truppen auf dem Kriegsschauplatz im Nahen und Mittleren Osten einsetzte, verringerte das die Truppenstärke im Westen, erhöhte also die Last der Franzosen. Daher mußte man Frankreich Zugeständnisse machen. 2. Um die arabischen Heere aus Husseins Mänern zu rekrutieren, mußte man den Haschemiten Zugeständnisse machen, die mit Frankreichs Zielen zusammenstoßen könnten. Das erklärt McMahons Bedingung in seinem Schreiben an Hussein, dieser werde auf die "Teile Syriens, die im Westen der Bezirke von Damaskus, Homs, Hama und Aleppo liegen" – also die Küstengebiete von Palästina, Libanon und Syrien – verzichten müssen. Diese Gebiete beanspruchte Frankreich für sich. Hussein erhob aber weiter Anspruch auf Beirut und Aleppo und bekräftigte, er sei grundsätzlich gegen eine französische Präsenz in Arabien.

Es war offensichtlich: Angesichts der sich widerstreitenden Interessen mußte man Frankreich in den Kuhhandel einbeziehen. Also lud das britische Außenministerium Frankreich ein, einen Vertreter zu Gesprächen nach London zu entsenden, um zu erörtern, was man Hussein anbieten könne. Dies war die Geburtsstunde des Sykes-Picot-Abkommens.

Das Sykes-Picot-Abkommen

Am 23. November 1915 traf François Georges Picot, Sproß einer Kolonialfamilie, als Frankreichs Unterhändler in London ein. Er vertrat die Haltung der "syrischen Partei" in Frankreich, derzufolge Syrien und Palästina – die als Einheit gesehen wurden – aus historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gründen französisches Eigentum seien. Picots Verhandlungsposition war: Frankreich beanspruchte die unmittelbare Herrschaft über die Küstenregionen sowie die indirekte Herrschaft (durch eine Marionettenregierung) über den Rest Syriens und das Gebiet ostwärts bis nach Mossul.

Das Abkommen scheint diese Forderungen zu befriedigen. Es wurde am 16. Mai 1916 unterzeichnet und besagte:

"1. Frankreich und Großbritannien sind bereit, innerhalb bestimmter Gebiete (die auf der beigegebenen Karte mit A und B bezeichnet sind) einen unabhängigen arabischen Staat oder Staatenbund unter der Souveränität eines arabischen Oberhauptes anzuerkennen und zu beschützen. Frankreich soll im Gebiet A und Großbritannien im Gebiet B das Vorrecht auf Wirtschaftsunternehmungen und lokalen Kredit haben. Nur Frankreich im Gebiet A und nur Großbritannien im Gebiet B darf auf Ersuchen des arabischen Staates oder Staatenbundes Berater oder ausländische Funktionäre bereitstellen.

2. Frankreich im blauen Gebiet und Großbritannien im roten Gebiet dürfen eine direkte oder indirekte Verwaltung oder Aufsicht einrichten, so wie sie diese wünschen und in Absprache mit dem arabischen Staat oder Staatenbund für angemessen halten.

3. In dem auf der Karte braun eingetragenen Gebiet [Palästina] soll eine internationale Verwaltung eingerichtet werden, deren Art nach Absprache mit Rußland und anschließend in Absprache mit den anderen Alliierten und dem Scherif von Mekka noch festgesetzt werden soll.

4. Großbritannien werden die Häfen von Haifa und Akre [Akkon] zugesprochen und die Wasserversorgung vom Tigris und Euphrat über Gebiet A in B garantiert. Ohne vorherige Verständigung mit der französischen Regierung wird Großbritannien mit keiner dritten Macht in Verhandlungen über eine Abtretung Zyperns eintreten.

5. Alexandrette wird Freihafen für den Handel des britischen Empire…; britische Waren erhalten freien Transit durch Alexandrette und auf den Eisenbahnen durch das blaue Gebiet, Gebiet B und A; und es wird keine direkte oder indirekte Benachteiligung britischer Waren auf irgendeiner Bahn oder Schiffen oder Häfen der genannten Gebiete geben.

Haifa wird Freihafen für den Handel Frankreichs, seiner Herrschaften und Protektorate… Französische Waren erhalten freien Transit durch Haifa und über die britische Eisenbahn durch das braune Gebiet…

6. Die Bagdad-Bahn wird im Gebiet A südlich Richtung Mossul und im Gebiet B nördlich gegen Samara erst dann weiter ausgebaut, wenn eine Eisenbahnverbindung zwischen Bagdad und Aleppo über das Tal des Euphrat hergestellt worden ist, und das nur mit Zustimmung beider Regierungen.

7. Großbritannien hat das Recht, eine Eisenbahn, die Haifa mit Gebiet B verbindet, zu bauen, zu verwalten und ihr einziger Eigentümer zu sein, darüber hinaus hat es das bleibende Recht, zu jeder Zeit Truppen entlang dieser Linie zu transportieren. Da beide Mächte die Wichtigkeit der Bahnverbindung Bagdad-Haifa anerkennen und sich bei ihrem Bau technische Schwierigkeiten ergeben könnten, soll die französische Regierung erwägen, ob die in Frage kommende Linienführung nicht das Polygon B Anias-Keis Marib-Salkhad Tell Ötsda-Mesmi überqueren soll, bevor sie das Gebiet B erreicht.

8. Für die Dauer von weiteren 20 Jahren soll der bisherige türkische Zoll in Kraft bleiben, und zwar in den sog. blauen und roten Gebieten wie in denen von A und B. Zwischen diesen Gebieten sollen keine inneren Zollschranken errichtet werden.

9. Frankreich verspricht, zu keiner Zeit in Verhandlungen mit einer dritten Macht über die Abtretung von Rechten einzutreten und insbesondere keine derartigen Rechte an eine dritte Macht im blauen Gebiet abzutreten, es sei denn an die arabischen Staaten oder den arabischer Staatenbund, ohne sich zuvor mit der britischen Regierung darüber verständigt zu haben, die ihrerseits ein entsprechendes Versprechen für die roten Gebiete gibt.

10. Die britische und die französische Regierung als Schutzmächte des arabischen Staates stimmen darin überein, daß sie selbst keine territorialen Erwerbungen beabsichtigen und nicht zustimmen werden, daß eine dritte Macht auf der Arabischen Halbinsel territoriale Besitzrechte erwirbt oder Flottenbasen an der Küste oder auf den Inseln des Roten Meeres einrichtet. Eine Grenzberichtigung bei Aden ist davon ausgenommen.

11. Die Verhandlungen über die Grenzen der arabischen Staaten sollen für die beiden Mächte auf den bisherigen Wegen fortgesetzt werden.

12. Man ist sich einig, daß beide Mächte Maßnahmen zur Kontrolle der Waffeneinfuhr in die arabischen Territorien erwägen werden."

Abschließend heißt es, die russische und japanische Regierung sollten informiert sowie italienische Ansprüche später erwogen werden.

Das Abkommen blieb zunächst streng geheim. Sykes reiste nach St. Petersburg, um die Russen zu unterrichten und ihr Einverständnis einzuholen. Er wußte nicht, daß Frankreich mit Rußland schon ein eigenes Geheimabkommen über Palästina geschlossen hatte. Aristide Briand hatte Rußlands Unterstützung für eine französische Aufsicht über Palästina gewinnen können, während das Sykes-Picot-Abkommen eine internationale Aufsicht vorsah.

Nachdem 1917 die bolschewistische Revolution ausgebrochen war, wurden im Januar 1918 in Rußland Abschriften des Sykes-Picot-Vertrages gefunden und der osmanischen Regierung zugänglich gemacht.

Der arabische Aufstand

Das Sykes-Picot-Abkommen war eine geheime Absprache zwischen zwei imperialen Mächten, die Überreste des Osmanischen Reiches unter sich aufzuteilen. Aber vorher mußte man es erst einmal besiegen. Zu diesem Ziel wollten die Briten den Araberaufstand anzetteln.

Die Briten waren durch ihre Geheimdienstberichte überzeugt davon, daß sich einem von Hussein angeführten Aufstand Massen von Arabern anschließen würden. Aber als die Revolte Anfang Juni 1916 im Hedschah begann, wollten die vielen hunderttausend Araber, von denen man gehofft hatte, sie würden aus der Armee des Osmanischen Reiches desertieren und sich dem Aufstand anschließen, einfach nicht auftauchen. Die Briten mußten ihre eigene Luftwaffe und Marine sowie moslemische Truppen aus Britisch-Ägypten und anderen Teilen des Empire einsetzen. Als der Aufstand schwach blieb und einige am Erfolg zu zweifeln anfingen, schlug Thomas E. Lawrence vor, Husseins Stammeskrieger für einen Guerillakampf unter britischer Führung einzusetzen. Dies war der Gegenentwurf zu dem französischen Vorschlag, Moslems aus dem französischen Kolonialreich als Berater in den Hedschah zu entsenden. Die Briten behaupteten, die Araber würden es nicht hinnehmen, daß Christen für sie oder mit ihnen kämpften. Aber das war nur ein Vorwand, in Wirklichkeit wollten die Briten nur eine französische Einmischung verhindern.

Am 6. Juli 1916 mobilisierte Lawrence mit einer reichlichen Menge Gold eine Gruppe von Beduinenstammesführern, die Hafenstadt Akaba einzunehmen. Lawrence, der die Araber als Söldner anwarb, war bekannt als der "Mann mit dem Gold". Nach der Eroberung Akabas, die Lawrences Strategie rechtgab, stimmte der neue Kommandeur Gen. Sir Edmund Allenby dem Vorschlag zu, solche Stammestruppen neben britischen Kräften in den Feldzügen in Palästina und Syrien einzusetzen.

1917 gab Kriegsminister Lloyd George Anordnung, Truppen aus Britisch-Ägypten sollten die Invasion Palästinas vorbereiten. Daraufhin entsandten die Franzosen umgehend Picot, diese Mission zu begleiten, weil ihnen die britischen Absichten verdächtig vorkamen. Die ihrerseits mißtrauischen Briten beauftragten Sykes, sich als Vermittler einzuschalten. (Sykes wurde zum Oberkommandierenden Generaloffizier des Ägyptischen Expeditionskorps befördert, um diese politische Mission zu leiten.) Die Franzosen, die wie erwähnt ein separates Geheimabkommen mit Rußland abgeschlossen hatten, verfolgten ihre eigenen Pläne mit Palästina. Die Briten wollten mit der Invasion Palästina für sich selbst sichern, und der Befehl lautete, den beteiligten Arabern keinerlei Versprechungen zu machen.

Gen. Allenby wurde im Juni 1917 zum neuen Kommandeur befördert und fuhr nach Ägypten, um die Invasion Palästinas zu leiten. Lloyd George hatte sich sozusagen zu Weihnachten gewünscht, daß Jerusalem vor Weihnachten erobert sein sollte. Pflichtgemäß zog Allenby am 11. Dezember mit seinen Offizieren durch das Jaffa-Tor in Jerusalem ein und stellte die Stadt unter Kriegsrecht. Allenby erklärte Picot, die Stadt werde vorerst unter britischer Verwaltung bleiben. Ronald Storrs wurde zum Militärgouverneur ernannt. Lloyd George hatte sein Weihnachtsgeschenk bekommen.

Das britische Indienbüro hatte 1915 vergeblich versucht, mit seinen Soldaten Bagdad einzunehmen. Daraufhin wurde ein neuer Oberkommandierender ernannt, Generalmajor Stanley Maude. Er marschierte nach Mesopotamien ein und besetzte am 11. März 1917 Bagdad. Am 16. März wurde ein Verwaltungsausschuß Mesopotamien unter der Leitung des früheren indischen Vizekönigs Lord Curzon eingesetzt. Der Ausschuß sollte über das Schicksal von Bagdad und Basra (oder Mesopotamien) entscheiden: Die südliche Provinz Basra, in der hauptsächlich Schiiten lebten, sollte an England fallen, während die alte Hauptstadt Bagdad als britisches Protektorat "arabisch" sein sollte.

In einem vom Kriegskabinett genehmigten Aufruf versprach Sykes den Arabern Freiheit und Unabhängigkeit, wenn sie sich den Briten anschlössen. Es war die Rede von einer arabischen Konföderation im Nahen Osten, die vom sunnitischen König Hussein oder einem seiner Söhne regiert werden sollte.

Auf Palästina und Mesopotamien folgte die Eroberung Syriens. Nachdem Allenby im September 1918 Meggido ("Armageddon") erobert hatte, stieß er weiter in Richtung Damaskus vor. Diese wichtige Stadt sollte entsprechend dem Sykes-Picot-Abkommen einer arabischen Verwaltung, jedoch praktisch unter französischer Aufsicht unterstellt werden, auch wenn die Briten die militärische Kontrolle behielten. Nach der Einnahme wurde über der Stadt Husseins Flagge (die Sykes entworfen hatte) gehißt. Nur die Küste unterstand unmittelbarer französischer Herrschaft, während das Binnenland unter haschemitischer Herrschaft, mit französischen Beratern, unabhängig sein sollte. Feisal und seine Soldaten kamen später als geplant, aber sie kamen; das war wichtig, weil so Lloyd George 1919 behaupten konnte, Feisals Truppen seien an der Eroberung Syriens entscheidend beteiligt gewesen, und daher solle er Syrien regieren – natürlich unter britischer Aufsicht.

Bei einem Treffen mit Feisal legte Allenby die Bedingungen für dessen Herrschaft dar: Er würde als Repräsentant Husseins unter französischem Schutz über Syrien herrschen – nicht Palästina oder den Libanon – , und dazu würde ihm ein französischer Verbindungsoffizier zur Seite gestellt. Feisal lehnte die französische Rolle ab, mußte sich aber Allenby beugen, der den militärischen Vorgesetzten herauskehrte.

Nachdem Feisal mit seiner Armee nach Damaskus einmarschiert war, griff er am 5. Oktober unvermittelt Beirut an. Das veranlaßte die alarmierten Franzosen, Kriegsschiffe und Soldaten zu entsenden. Feisal mußte Beirut auf Befehl Allenbys wieder räumen. Picot wurde zum politischen und zivilen Vertreter Frankreichs unter Allenby ernannt.

Spätestens jetzt fragte sich die britische Führung, ob sie wirklich alle Versprechen an Frankreich aus dem Sykes-Picot-Abkommen halten sollte. Lloyd George erklärte, der Vertrag sei "nicht anwendbar", wenn man bedenke, daß England den Löwenanteil der militärischen Eroberungen geleistet habe; Curzon hielt den Vertrag für "obsolet", und selbst Sykes äußerte Zweifel. Die Briten wollten ihre Einflußsphäre im Nahen und Mittleren Osten sichern und Frankreich bis auf eine begrenzte Präsenz im Libanon möglichst ganz heraushalten.

Waffenstillstand und kein Frieden

Als erkennbar wurde, daß Türken und Deutsche den Frieden suchten, gab es am 27. Oktober 1918 bei Lemnos an Bord des britischen Schlachtschiffes Agamemnon Waffenstillstandsverhandlungen – ohne Frankreich! Die Türkei akzeptierte die Waffenstillstandsbedingungen, anschließend flohen die Anführer der Jungtürken aus Furcht um ihr Leben. In Europa wurde der Waffenstillstand am 11. November 1918 geschlossen.

Die Briten wollten ihre Positionen konsolidieren und Frankreich aus Syrien herausdrängen. 1919 argumentierte Lloyd George, da Feisal mit seinen 100 000 Soldaten (eine maßlose Übertreibung) entscheidend zur "Befreiung" Syriens beigetragen habe, stehe England seinem arabischen Verbündeten Feisal im Wort, und der lehne jede Mitsprache der Franzosen entschieden ab. Das war seine Argumentation auf der Pariser Friedenskonferenz, und er versuchte, den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson von seinen Ansichten zu überzeugen. Feisal, immer unter der Aufsicht von T.E. Lawrence und von den Briten bezahlt, machte bei dem Spiel bereitwillig mit. Praktisch regierte England Syrien, das von den führenden arabischen Familien verwaltet wurde.

Aber auf die Dauer wurde England die militärische Besetzung politisch und wirtschaftlich zu teuer. Schließlich gab es seinen Anspruch auf Syrien auf und überließ es Feisal und den Franzosen. Im Januar 1920 schloß Feisal mit dem französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau ein Geheimabkommen über eine formale "Unabhängigkeit" Syriens mit französischen Beratern.

Die (vorläufig) endgültige Regelung wurde Anfang 1920 im Vertrag von Sèvres niedergelegt. Was den Mittleren Osten anging, gingen Syrien (einschließlich des Libanon) und Kilikien an Frankreich, sollten aber irgendwann unabhängig werden. England behielt Mesopotamien (Irak) sowie Palästina und wurde Schutzmacht über Arabien (dem Hedschah), das offiziell "unabhängig" sein, praktisch aber von Marionetten der Briten regiert werden sollte. Zudem wurde England formell Einfluß über Ägypten, Zypern und die Küste des Persischen Golfes zugesprochen. Italien erhielt Rhodos und den Dodekanes, das türkische Adalja wurde seiner Einflußsphäre zugeschlagen.

Feisal wurde vom Syrischen Nationalkongreß, der 1919 über die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie beraten hatte, zum König von Syrien ausgerufen. Er sollte ab 1920 über Großsyrien – eingeschlossen den Libanon, Transjordanien und Palästina – herrschen. Aber wenig später, im Juli, griffen die Franzosen unter General Henri Eugène Gouraud militärisch ein und besetzten Damaskus. Nach blutigen Auseinandersetzungen zwangen sie Feisal ins Exil und übernahmen Syrien als französisches Mandatsgebiet. Aber Feisals Ehrgeiz war nicht geschlagen. Nun schickte er sich an, unter britischer Aufsicht König des Irak zu werden.

Im Iran, damals Persien, gelang es den Briten, über das berüchtigte Anglo-Persische Abkommen von 1919 mit Achmad Schah Kadschar (1898-1930) ihren Einfluß zu festigen.

Nachdem es in Ägypten seit 1919 immer wieder zu antibritischen Aufständen gekommen war, gestand England auf der Konferenz von Kairo 1922 dem Land die formale Unabhängigkeit zu und gab das Protektorat auf. Es erklärte Ägypten zur konstitutionellen Monarchie, behielt sich aber bestimmte Rechte vor: England war für die militärische Sicherheit Ägyptens und des Suezkanals verantwortlich, durfte also weiter Truppen stationieren, verwaltete den Sudan militärisch und politisch, kontrollierte die Kommunikationen des Monarchen und bestimmte die Außenpolitik. Am 15. März 1922 wurde Fuad I. als König eingesetzt, 1928 errichtete er eine Diktatur.

Auf der Kairoer Konferenz wurde auch Feisal zum König des Irak designiert, sein Bruder Abdallah wurde zum Emir von Transjordanien ernannt. Feisals Thronbesteigung im Irak wurde so manipuliert, daß es den Anschein hatte, als wäre er vom Volk gewünscht, durch eine Volksabstimmung bestätigt usw. Abdallah übernahm das Emirat und machte Amman zu seinem Sitz. Er wurde von H.St. John Philby vom britischen Geheimdienst "beraten" und stand unter dem Schutz der Arabischen Legion, zunächst unter dem Kommando von Oberst F.G. Peak und später von Sir John Glubb Pascha. 1923 wurde Transjordanien von Palästina abgetrennt und diente als Pufferzone gegenüber Mittelarabien.

Aber ein Aspekt blieb bei diesen Verträgen und Absprachen unberücksichtigt: Erdöl. Der Streit zwischen England und Frankreich über die reichen Erdölreserven in Mossul spitzte sich zu. Auf der Konferenz in San Remo 1920 einigten sich beide insgeheim formell auf eine Aufteilung der Erdölvorkommen. Aber die USA, die davon Wind bekommen hatten, lehnten dieses Monopol ab und forderten ein Stück vom Kuchen. Im Vertrag von Mossul 1926 wurde dem Irak formell die Herrschaft über die Erdölregion zugesprochen, und die Interessen wurden unter britischen (52,5 %), amerikanischen (21,5 %) und französischen (21,5 %) Erdölkonzernen aufgeteilt.

In Mittelarabien beanspruchte Hussein 1924 den Titel eines Kalifen, was sein Gegenspieler Abdul Aziz Ibn Saud zurückwies. (Hussein hatte sich Ende 1916 eigenmächtig zum "König aller Araber" ausgerufen, aber England, Frankreich und Italien erkannten ihn nur als König der Hedschah an.) Der Wahhabite Ibn Saud erklärte Hussein den Krieg, und mit der Eroberung der heiligen Städte Mekka und Medina besiegte er die Haschemiten. Hussein dankte ab und sein Sohn Ali verzichtete auf den Thron, so daß Ibn Saud, der Favorit des Indienbüros, 1926 zum König der Hedschah und des Nadsch ausgerufen wurde.

Das Schicksal Palästinas

Im Zuge dieses Kuhhandels sollte Palästina, das die Briten für sich beanspruchten, künftig unabhängig werden. Dieses Kapitel bildet das komplizierteste der Geschichte dieser Region und verdient eine viel ausführlichere Behandlung, hier nur einige kurze Bemerkungen dazu.

Als die Briten dem Haschemiten Hussein und seinen Söhnen Herrschaft und Unabhängigkeit für die Araber zusicherten, versprachen sie gleichzeitig den Juden eine Heimstatt in Palästina. In der nach dem damaligen britischen Außenminister James Balfour benannten "Balfour-Deklaration" vom 2. November 1917 heißt es:

"Die Regierung Seiner Majestät betrachtet die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen und wird ihr Bestes tun, um das Erreichen dieses Zieles zu erleichtern, wobei unmißverständlich zu betonen ist, daß nichts getan werden darf, was die Bürgerrechte und religiösen Rechte der in Palästina lebenden nichtjüdischen Bevölkerung oder die Rechte und den politischen Status der Juden in irgendeinem anderen Land beeinträchtigt."

Nach dem Sykes-Picot-Abkommen sollten die heiligen Stätten in Palästina unter internationaler Verwaltung stehen. Aber eine solche Verwaltung war schon immer mehr als bloße "Verwaltung". Seit frühester Zeit stritten die Großmächte über ihre religiösen Institutionen um Einfluß in Jerusalem: Deutsche und Franzosen waren seit den Kreuzzügen vertreten, die Russen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, die Armenier und natürlich die Bevölkerung vor Ort, Christen, Moslems und Juden.

Die Franzosen, die selbst ein Auge auf Palästina geworfen hatten, fürchteten, die britische Unterstützung für den Zionismus könnte dazu führen, daß England am Ende die Oberhand gewinne. Die Briten logen den Arabern vor, sei hätten keinerlei Absicht, einen jüdischen Staat zu fördern, und sie logen den Vertretern der Zionisten vor, genau das sei ihre Absicht. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden, die 1919 ausbrachen, waren von den Briten praktisch vorprogrammiert, um zu verhindern, daß sich Araber und Juden zusammenschlössen. Am 24. Juli 1922 erhielt England vom Völkerbund das Mandat über Palästina.

Man sollte auch darauf hinweisen, daß selbst die eifrigsten Fürsprecher des Zionismus unter den führenden britischen Politikern antisemitisch eingestellt waren. Sykes galt als regelrechter Judenhasser, aber noch mehr haßte er die Armenier. "Selbst Juden haben ihre guten Seiten, aber Armenier haben gar keine", schrieb er einmal. Aber das bedeutet keineswegs, daß Sykes auf seiten der Araber stand. Es wird berichtet, er habe geschrieben, Araber in Städten seien "feige", "unverschämt, aber verächtlich" und "bösartig, soweit es ihre schwachen Körper ihnen erlauben", und arabische Beduinen seien "gierige Raubtiere".

Nachbemerkung

Heute stehen die Briten wieder in Basra und bewachen dort die reichen Erdölvorkommen; und ihre Partner Bush und Cheney versuchen verzweifelt die Kontrolle über Bagdad zu behalten. Die Anglo-Amerikaner versprachen den Irakern "Unabhängigkeit", "Souveränität", "Freiheit" und "Demokratie". Arabische Milizen oder Stammeseinheiten kämpfen an der Seite ihrer Armeen wie unter Lawrence von Arabien, nicht gegen ein anderes Reich, sondern gegen das irakische Volk, das sich gegen die neue imperialistische Herrschaft erhebt.

Palästina ist immer noch gefangen im arabisch-israelischen Konflikt, den die Großmächte bisher nicht lösen konnten. Feierlich wird den einen ein Palästinenserstaat versprochen und den anderen Israels Existenzrecht zugesichert, aber eine realistische Friedenspolitik für die Region gibt es bis heute immer noch nicht.

Der Iran gerät ins Fadenkreuz und steht wieder einmal im Zentrum widerstreitender russischer und anglo-amerikanischer Interessen. Und Frankreich wirft ein Auge auf Syrien und den Libanon.

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