Indem die Banken die Schulden anderer als Anlagen verbuchten, die sie weiterverkaufen konnten, schufen sie einen gigantischen Berg von „Wertpapieren“, der zu groß ist, um je zurückbezahlt zu werden. Der Versuch, dies zu tun, läßt das Kartenhaus einstürzen.
„Ich weiß nicht, ob das Finanzsystem den Oktober überleben wird“, sagte Lyndon LaRouche am 31. August, nachdem er die jüngsten Entwicklungen an der Weltfinanzfront studiert hatte. Er fügte hinzu, man brauche jetzt rasch Brandmauern, um die Bevölkerung zu schützen.
Das Wachstum des Weltfinanzsystems baut auf einem recht einfachen Betrug auf: man behandelt unbezahlbare akkumulierte Schulden als Kapitalanlagen. Diese „Anlagen“ verwandeln dann mittels finanzieller Hebelwirkung Tausende in Millionen und Millionen in Milliarden von Dollar in Geldwetten. Mit jedem Jahr entfernt sich das Finanzsystem damit weiter von der Wirklichkeit.
Schulden aufzunehmen kann sehr nützlich sein, wenn das so erlangte Geld genutzt wird, um die Produktivkapazitäten einer Gesellschaft aufzubauen. Ersetzen diese Schulden jedoch produktive Tätigkeiten, wird die Situation dadurch nur verschlimmert. Genau diesem Problem stehen wir heute gegenüber. Da unsere Wirtschaft – Haushalte, Firmen und Regierungen – mit geborgtem Geld operiert, bringt jeder Fall von Zahlungsunfähigkeit das Risiko mit sich, eine Lawine von Verlusten und damit eine Kettenreaktion auszulösen, die das System selbst zum Einsturz bringen könnte. Jeder Verlust bringt uns dieser drohenden Kettenreaktion näher, und die Verluste kommen immer schneller.
Wirtschaftsdefizit
Die zwischen 1967 bis 1970 von der Finanzoligarchie auf den Weg gebrachten wirtschaftlichen und politischen Umbrüche haben die USA zerstört, die einst die mächtigste Industrienation der Welt waren – eine Gesellschaft, die wissenschaftlichem und technologischem Fortschritt gewidmet war. Sie wurde durch eine Informations- und Dienstleistungsgesellschaft ersetzt, die auf Computern, Konsum, Dienstleistungen und Finanzspekulation basiert. Unter diesem neuen Regime begannen die realen Einkommen für einen Großteil der Bevölkerung zu schrumpfen, besonders für diejenigen, die ihre hochbezahlten Industriearbeitsplätze verloren hatten.
Gleichzeitig begannen die Lebenshaltungskosten zu steigen. Haushalte fingen an, Schulden aufzunehmen – durch Kreditkarten, Darlehen zum Autokauf oder Hypothekenkredite – um diesen Unterschied wettzumachen. Geschäfte begannen, durch Bankenkredite und Anleihenmärkte mehr und mehr geliehenes Geld zu verwenden. Schulden wurden zur Lebensart und verloren langsam ihr Stigma. Nach kurzer Zeit waren wir so darin verstrickt, daß wir anfingen, so zu tun, als würden wir unsere Schulden managen, obwohl es genau anders herum war.
Diese Schulden wuchsen und wuchsen und begannen, sich im Bankensystem anzuhäufen. Banken konnten sie jedoch nur begrenzt halten. Jedem war klar, daß zwar individuelle Schulden würden bezahlt werden können, aber nicht all diese Schulden zusammen. Man baute also ein ausgefeiltes System auf, um diese Kredite in Form neuer Darlehen zu verlängern, während die Banken diese Schulden in Wertpapierpakete bündelten und sie in Mengen an Investoren verkauften, die die Welt noch nie zuvor gesehen hatte.
Diese Wertpapiere mochten zwar auf Schulden basieren, die nie bezahlt werden könnten, aber in Buchhaltungsbegriffen galten sie weiterhin als Anlagen in den Büchern der Investoren, die dann wiederum darauf entweder neues Geld liehen oder sie als Wertpapiere weiterverkauften. Bald erschien die Schuldenmenge, auf welcher diese Papiere basierten, winzig im Vergleich zu ihren Werten – vom Wert der eigentlichen physischen Anlagen, auf denen diese ganze Struktur errichtet worden war, waren sie weit entfernt. Als dieses Chaos weiter wuchs, verschwand es mehr und mehr aus den Bilanzen der Banken in die Unterwelt der Derivatmärkte und Hedgefonds, die von unregulierten Piratenbuchten wie den britischen Cayman Islands aus operierten.
Dieses spekulative Casino wurde derartig groß, daß es die Weltwirtschaft völlig überforderte. Je mehr es wuchs, desto größer wurde sein unersättlicher Hunger nach Geldmitteln. Grundstückspreise in den USA, Europa, Japan und anderswo wurden angehoben, um neue Schulden zu erzeugen, die die Maschinerie füttern sollten. So wurde Geld aus Haushalten, Geschäften und Regierungen gesaugt und die Realwirtschaft trockengelegt. Irgendwann mußte es passieren: das Casino wurde so groß, daß das Geld nicht mehr ausreichte, um es am Laufen zu halten.
Eine der Schlüsselkomponenten dieser Blase, der US-Immobilienmarkt, krachte 2005 gegen die Wand. Die Steigungsrate der Häuserpreise bremste ab und begann so weit zu fallen, daß in vielen Bereichen nicht mehr nur der Anstieg abnahm, sondern Häuserpreise schlicht abstürzten. Um das Spiel angesichts dieser Lage weitergehen zu lassen, fing man an, die Hypothekenstandards zu lockern, die Bedingungen für die Aufnahme von Hypotheken zu erleichtern, einfach alles, um sie weiterhin an den Mann bringen zu können. Es ging gar nicht darum, Häuser zu verkaufen, sondern Hypotheken, um weiterhin Geld ins Casino fließen zu lassen. Aus der Sichtweise der Casinobetreiber waren Häuser nur ein Nebenprodukt ihrer Schuldenfarm.
Schockwellen
Da das Weltfinanzsystem im Grunde ein riesiges Pyramidenspiel geworden war, das wachsen mußte, wenn es nicht zusammenbrechen sollte, hatte der einbrechende Strom von Liquidität Schockwellen von Verlusten ausgelöst, die im ganzen System widerhallten. Diejenigen, die auf dem Höhepunkt des Marktes mit eingestiegen waren, bekamen bei den Preisabstürzen als erste Schwierigkeiten, wenn ihre Hypotheken auf einmal größer waren als der Wert der Immobilien. Viele dieser Käufer hatten außerdem zweitklassige Hypotheken; einige mit veränderbaren Hypothekenraten sahen steigenden monatlichen Zahlungen entgegen, während der Wert ihrer Häuser abstürzte. Andere verloren ihre Arbeit oder hatten gesundheitliche Probleme, wieder andere hatten die Häuser nur zu Spekulationszwecken gekauft. Egal aus welchen individuellen Gründen, die Zahl der Zahlungsunfähigkeiten und Zwangsräumungen fing an zu steigen und wird weiterhin steigen, während die Preise immer mehr kollabieren. Die Billionen von Dollar in Wertpapieren, die auf Grundstückswerten basieren, sind damit in großen Schwierigkeiten.
Diese Zahlungsunfähigkeiten haben die sogenannte „Subprime“-Krise der zweitklassigen Hypotheken ausgelöst, die der angebliche Grund für die derzeitigen Schwierigkeiten ist. Wären die Käufer doch nur verantwortungsvoller und die Kreditgeber nur weniger gierig gewesen, heißt es nun, dann wäre es nicht zu dieser Seuche gekommen, die nun ein ansonsten gesundes System befällt. Bisher war dieses Märchen der Banken und Medienkartelle recht erfolgreich. Es hatte all die nötigen Elemente: kleine Gauner, die die armen Banken schikanieren, Familien, denen der Rauswurf aus ihren Häusern droht – kein Wort davon, daß das eine direkte Folge der Natur des Finanzsystems selbst ist, sondern nur viel Drama und die Coverstory in ein nettes Paket geschnürt.
Während eine gute Geschichte die Schuld anderen in die Schuhe schieben mag, so kann sie doch die Verluste nicht verbergen, die tagtäglich wachsen. Da Anlagen dieser Tage nur Schulden von jemand anderem sind, detoniert jede Zahlungsunfähigkeit die Anlagen anderer, und die sich anhäufenden Verluste senden Schockwellen durch das System. Noch schlimmer ist, daß Billionen von US-Dollar an fremdfinanzierten Anlagen im System sind, deren Wert davon abhängt, daß Grundstückswerte steigen. Das heißt, sie haben dann einen scheinbaren Wert, wenn erwartet werden kann, daß man sie für mehr Geld weiterverkaufen kann, als man selbst bezahlt hat. Steigen die Grundstückspreise nicht mehr an, ist das Spiel vorbei.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Bear Stearns, ein führender Anbieter zweitklassiger Hypotheken, der Milliarden von Dollar an hypothekengestützten Wertpapieren und CDOs in seine Hedgefonds hatte strömen lassen, die in der Folge kollabiert sind. Merrill Lynch hatte einem dieser Fonds eine beachtliche Summe geliehen und dann versucht, einige der Wertpapiere zu verkaufen, die der Fonds als Sicherheiten gegeben hatte. Merill konnte allerdings nur die Hälfte des nominellen Wertes dafür bekommen und stoppte den Verkauf.
Die Implikationen dieses gescheiterten Verkaufs sind enorm, denn dadurch wurde bekannt, daß diese Sicherheiten nicht wert waren, was sie in den Büchern des Fonds versprochen hatten, daß die offiziellen Bewertungen fiktiv waren – und das nicht nur bei Bear Stearns oder ihren Hedgefonds. Merrill Lynch stellte der Verkauf nicht wegen der Verluste ein, die sie bei diesem Verkauf gemacht hätten, sondern wegen der weiteren Verluste, die sie und alle ihre Kollegen eingefahren hätten, hätte man begonnen, die überbewerteten Anlagen neu einzuschätzen. Alles, was auch nur annähernd an akkurate Buchführung erinnern würde, wäre für sie ein Todesurteil.
Eine weitere Bank, die von dem Bear Stearns Fiasko betroffen ist, ist der britische Gigant Barclays. Bear Stearns ist nur eines ihrer Probleme. Neben den 300 Mio. Dollar in Bear Stearns Fonds besitzt Barclays auch EquiFirst Corp, einen Anbieter zweitklassiger Hypotheken.
Barclays scheint derzeit in großen Schwierigkeiten zu sein. Zusätzlich zu ihren Verlusten bei Bear Stearns wurde auch berichtet, daß man großen Verlusten bei Geschäften mit der deutschen SachsenLB entgegen sieht, die gerade von der LBBW übernommen wurde. Diese Verluste gehen auf den Zusammenbruch im Wertpapiermarkt zurück. Barclays hat sich außerdem zur Rettung eines 1,6 Mrd.$-Schuldenfonds von Cairn Capital bereit erklärt, einem weiteren Spieler auf dem anlagenfinanzierten Wertpapiermarkt. Um bei Cairn das Geschäft am Laufen zu halten, hat Barclays während der letzten zwei Wochen 4 Mrd. $ von der Bank von England geliehen. Es gibt keinen Grund zu glauben, daß sich diese Situation irgendwie verbessern wird.
Es kommt noch schlimmer
Um während der letzten Jahre das Rad am Laufen zu halten, fingen die Zentralbanken an, in immer größerem Maßstab Geld in das Finanzsystem zu pumpen. Die Zuwachsraten an Geld, das ins System floß, waren so groß, daß der Anstieg des Anstieges monetärer Emissionen den Anstieg des Wachstums der Finanzaggregate (die Gesamtsumme der Aktien-, Anleihen-, Derivatwerte etc.) überholt hat. Inzwischen ist man weit jenseits des Punktes, an dem das Schuldenproblem noch zu lösen ist.
Was hier passiert, läßt sich nur vom Standpunkt von LaRouches Tripelkurve verstehen, wo der Abfall physischer Produktion und das hyperbolische Wachstum von Finanz- und Geldaggregaten nicht getrennte Entwicklungen, sondern Teil einer kontinuierlichen Funktion sind. Je mehr die physische Wirtschaft ausgebeutet wird, um Anlagen für die Blase zu schaffen, um so schneller wird die Grundlage zerstört, auf der all das Geld und die Spekulation fußen sollen: ein sich selbst beschleunigender Kollaps. Derlei Konzepte gehen aber weit über die Fähigkeiten von Wall-Street-Algorithmen hinaus.
Werden Schulden als Kapitalanlagen benutzt, dann werden in diesem System die Anlagen enorm anfällig; eine Blase, die auf der Erhöhung von Fremdkapital in solch wertlosen Anlagen baut, wird durch eine umgekehrte Hebelwirkung noch schneller kollabieren, als sie aufgebaut wurde. Jedes Mal, wenn eine der Anlagen kollabiert, wächst die Kollapsrate anderer Anlagen und der Kollaps des Systems beschleunigt sich weiter. In Zeiten wie heute, wo fast alle Spekulanten versuchen, ihre riskanten Anlagen loszuwerden und in Schatzbriefe zu fliehen, fällt der Wert der Anlagen mit jedem Verkaufsversuch. Sie sind wertlos, wenn niemand sie kauft – und werden sie gekauft, so sind sie es ebenfalls.
Der Kollaps geht in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Geschwindigkeiten voran, doch unter einer weltweiten Abnahme physischer Produktivität und einem hyperinflationären Anwachsen in Geld- und Finanzobligationen. Die Zuwachsrate dieses Kollapses wird sich hyperbolisch vergrößern und das System Mitte Oktober am Ende sein, so LaRouche. Die Detonationen, die wir derzeit erleben, kommen bloß von kleinen Granaten – die dicken Hämmer kommen erst noch. Trifft das System auf eine größere Landmine, kommt es vielleicht nicht einmal bis Oktober. Je größer die Verluste, desto instabiler wird das System.
Die einzige Möglichkeit, eine katastrophale Explosion zu verhindern, ist, so LaRouche, das System einzufrieren und Brandmauern zum Schutz der Bevölkerung und des produktiven Teils der Wirtschaft zu errichten, wie das in der Gesetzesvorlage zum Schutz der Eigenheimbesitzer und Banken von 2007 umrissen ist. Das Problem muß als Ganzes behandelt werden. Der Versuch, Einzelaspekte individuell zu behandeln, wird gar nichts lösen und eine Katastrophe nicht verhindern können.