Vor 25 Jahren legte die Europäische Arbeiterpartei (EAP) eine Studie über die "Zukunft des Ruhrgebiets" auf Grundlage des "Amerikanischen Systems" vor, wie es Friedrich List seinerzeit nach Deutschland brachte. Das im folgenden abgedruckte Kapitel aus dieser EAP-Studie beschäftigt sich mit den "Gründervätern" des Ruhrgebiets: Fritz Harkort und Gustav Mevissen.
Das Ruhrgebiet ist nicht vom "Freien Markt" geschaffen worden. Die Verfechter des "Freien Markts" waren damals die grimmigsten Feinde der Industrialisierung an der Ruhr, und ihre Nachfolger arbeiten heute offen und hinterhältig an seiner Auflösung, an der "Dezentralisierung" des Reviers. Aber auch jetzt ist es nicht "der Markt", der die Aufgabe des Ruhrgebietes verlangen würde; es sind politische Interessen, die sich hinter der Phrase von der "freien Marktwirtschaft" verstecken.
Märkte waren immer nur ein Mittel, und entscheidend war immer der Zweck, für den sie eingerichtet wurden. Die Entstehung des Ruhrgebietes selbst ist ein gutes Beispiel dafür. Es ist nützlich, sich auf diese Geschichte zu besinnen, weil heute von außen wie von innen – von den sog. westlichen Verbündeten wie von den angeblich liberalen Verfechtern der Wirtschaftsinteressen – an der Zerstörung des Reviers gearbeitet wird. Dortmund ist nur der Beginn. Der Streit um das Dortmunder Stahlwerk signalisiert, daß die Vorbereitungen abgeschlossen sind. Man ist entschlossen, das, was 1945 nicht möglich war, nun zu vollenden: Das Ruhrgebiet soll demontiert werden. Um zu verstehen, was auf dem Spiel steht, ist ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Ruhrgebietes sehr nützlich.
Vom Sumpfloch zum Kohlenrevier
Eine nicht akademische, sondern für viele Menschen sehr lebensnahe Frage wollen und können Gelehrte bis heute nicht beantworten: Warum haben sich in manchen Gegenden industrielle Zentren gebildet, in anderen nicht?
Für das Ruhrgebiet wird die Frage immer leichtfertig beantwortet: Hier gibt es Kohle, Wasserwege und arbeitswillige Menschen. Nur, die Menschen sind zum größten Teil eingewandert, aus ganz Deutschland und – wie die Namen zeigen – aus Polen, von den masurischen Seen und anderswo her. Die Wasserstraßen wurden erst angelegt, als man das Sumpfland trockenlegte, in dem sich vor allem wegen der Unzugänglichkeit die Bauern gegen die Einführung der Leibeigenschaft am besten in ganz Deutschland zur Wehr gesetzt hatten. Ob es im Revier Kohle gab, war eine bis 1837 gewagte und heftig umstrittene These einiger Geologen um Hermann von Dechen. Im Jahr 1837 gelang es durch die leistungsfähigen Pumpen von Diennedahl, das Grundwasser zu überwinden und die Mergelschicht über der Ruhrkohle zum ersten Male zu durchgraben.
Wohl gab es Eisenhämmer im Sauerland und in der Eifel. Es gab sie überall, wo Gewässer mit einigem Gefälle die Errichtung von Mühlen erlaubten.
Was aber veranlaßte die Hammerwerksbesitzer, aus den engen Tälern, wo sie in kurzen, waagerechten Stollen Kohle abbauen konnten, von ihren Wasserrädern aufzubrechen, um im bäuerlichen Ruhrgebiet eines der größten Industriegebiete, jedenfalls das in sich geschlossenste und nach Branchen und Industriezweigen abgerundetste Industrierevier der Welt zu schaffen?
Ein Grund dafür mag sicherlich gewesen sein, daß in diesem relativ freien Land mit seiner sprichwörtlich als "stur" bekannten Bevölkerung der Zugriff der Duodezfürsten und ihrer herumscharwenzelnden Hof- und Salonmafia am schwächsten in ganz Deutschland war. Die napoleonische Besetzung räumte lästige Gesetze beiseite; die Kontinentalsperre schaltete die Konkurrenz aus und zwang den Kontinent, aus eigenen Mitteln ein Angebot bereitzustellen.
All diese Gründe mögen dazu beigetragen haben, das Ruhrgebiet als möglichen Standort für das Industriegebiet zu wählen; sie haben seine Entstehung aber nicht verursacht.
Um ein solches Unternehmen zu wagen, ist zweierlei nötig. Entscheidend ist eine zündende Idee, und es bedarf Mut und Kraft, um sie gegen die heftigsten Widerstände durchzusetzen. Um den langwierigen Kampf durchzustehen, bedarf es zweitens eines soliden Organisators, der mit Wissen, Umsicht und Weitblick das Konzept in kleinen und zäh errungenen Alltagsentscheidungen gegen alle Schwierigkeiten durchsetzt und zum Ziel führt.
Das Revier verdankt sein Entstehen der Tatsache, daß sich im 19. Jh. zwei Männer fanden, die diese beiden Seiten der Aufgabe verkörperten: Fritz Harkort, der Agitator und leidenschaftliche Kämpfer für die Einigung Deutschlands und seine Befreiung von den politischen, aber mehr noch von der finanziell-wirtschaftlichen Strangulation, und Gustav Mevissen, der Organisator des Ruhrgebiets, dem es gelang, die von holländischen und britischen Geldgebern den deutschen Fürstlein aufgezwungenen Wirtschafts- und Finanzsysteme zu unterlaufen und so die Hindernisse zu überwinden, die der Industrialisierung Deutschlands im Wege standen. Beide fanden wichtige Mitstreiter; beide wurden von den Verfechtern der "freien Marktwirtschaft" aufs heftigste bekämpft.
Harkort gehörte dem Kreis um den Freiherrn vom Stein an. Dieser Kreis hatte die Amerikanische Revolution als Anfang einer menschenwürdigeren Epoche begrüßt, war von der Französischen Revolution enttäuscht worden und nahm in deren Fehlern, vor allem im reaktionären Jakobinertum, die englische Handschrift deutlich wahr. Sie hatten erkennt: "Es ist eine ungeheure Lüge, wenn man Arbeitern sagt, die unbeschränkte Freiheit gäbe Brot. Mit den besten demokratischen Reden füttern sie keinen Sperling. Der Mann, der den Pflug und das Spinnrad erfand, den Hering salzte, den Kleebau und die Kartoffel einführte, der Dampfmaschine das Leben gab, war der Menschheit nützlicher wie der größte Volkstribun oder Demagoge. Die wahre Demokratie kann nur auf allgemeiner Volksbildung begründet werden."
Aus diesem Grund war man zu der Überzeugung gekommen, daß sich die Einigung Deutschlands und ein bürgerliches, freies Deutschland nur auf der Grundlage einer leistungsfähigen Industrie, die Wohlstand und Bildungsmöglichkeit für alle Volksschichten garantieren konnte, erzielen ließ. Sie sahen im Ruhrgebiet, wenn es in Preußen und das zu schaffende Deutsche Reich fest eingebettet war, den besten Hebel, dieses Ziel zu erreichen, und sie verfolgten dieses Ziel mit Sachverstand, Mut und Weitsicht.
Mevissen, zwar noch mit Harkort befreundet, lebte eine Generation später. Die Schaffung der finanziellen Instrumente, mit denen der Aufbau des Ruhrgebietes und der deutschen Eisenbahn gegen den heftigen Widerstand der Hofbanken in Berlin und an den anderen Höfchen in Deutschland realisiert werden konnte, ist seine besondere Leistung.
Beiden Männern wurde immer wieder enger Nationalismus vorgeworfen; zu Unrecht. Beide arbeiteten gemeinsam an einem Eisenbahnprojekt, das Brest mit Peking und Hammerfest mit Kapstadt verbinden sollte. Harkort versuchte, mit Aders, Holzschue und Becher, die Careys Kreis angehörten, eine Westfälische Seehandlungs-Societät mit dem Ziel zu gründen, Deutschland von England unabhängig mit den USA und Japan in Verbindung zu bringen. Die schließlich gelungene Rheinisch-Westindische Gesellschaft hatte vor allem die Aufgabe, die Verbindung zu Mexiko und Texas mit Hilfe des neu entwickelten Dampfschiffes aufrechtzuerhalten. Harkorts Bruder Eduard kämpfte als Ingenieurcorps-Leiter in der bürgerlichen Befreiungsbewegung zuerst in Mexiko, dann in Texas und wirkte tatkräftig beim Aufbau von Industrie und Bergbaubetrieben in diesen Gebieten mit. "Der Bund der Gerechten" – das war Fritz Harkorts Devise – "reicht durch alle Lande", und er tat alles, um diesen Bund auch in der Realität zu organisieren.
Bezeichnend ist für seine Einstellung das Wort, das er in seinen späten Jahren prägte und das – hätten sich damals noch tatkräftige Unterstützer dieser Konzeption gefunden – die Welt heute in einem anderen Licht erstrahlen lassen würde: "Ein neuer Kampf zwischen den Großmächten des Kontinents wäre unheilschwanger. Wer auch siegen mag, er siegt auf Kosten der Zivilisation und des Fortschritts. Europa muß seine überschüssigen, überschäumenden Kräfte, statt sie in unnütze Kämpfe der Staaten untereinander zu zersplittern, zur Kultivierung Afrikas und Asiens sowie Südamerikas verwenden. Die Welt ist doch so groß, daß für viele Jahrhunderte einem freien Streben der alten Kulturstaaten sich vollauf Raum bietet." Die Entwicklung Afrikas nannte er die "Jahrhundertaufgabe des 20. Jahrhunderts".
Kampf um England
Im Jahre 1815 wurden Napoleon und die Befreiungsbewegung gegen ihn besiegt. Die Reaktion führte zugleich zu einer heftigen Wirtschaftskrise. Englische Waren wurden zu Dumpingpreisen auf dem Kontinent verschleudert, um die industriellen Ansätze, die die Kontinentalsperre erzwungen hatte, auszulöschen. Die Bevölkerung hungerte, und schon damals wurde ihr die Maschine als die Ursache all ihres Übels und ihrer Not genannt. Die Kampagne der verschiedensten Zeitungen war so stark, daß selbst Goethe im Wilhelm Meister bekannte, er fühle sich "gequält und geängstigt durch das überhandnehmende Maschinenwesen". Das Paradoxe daran war nur, daß es gar nicht recht vorhanden war in Deutschland.
In dieser Zeit faßten Harkort und sein Kreis den Entschluß, Deutschland in das Industriezeitalter zu führen. Er ging nach England und Belgien, um dort das Maschinenwesen zu studieren. Er trat in Verbindung mit dem Kreis um Boulton und James Watt, die in England die heftigsten Schwierigkeiten hatten, ihrer Dampfmaschine Geltung zu verschaffen.
Von diesem Kreis bekam er Einsichten, Informationen und Verbindungen, die ihm halfen, Fachleute anzustellen. "Ich habe damals" – schreibt er später – "verschiedene meiner Engländer sozusagen vom Galgen schneiden müssen, nur um überhaupt welche zu bekommen." Mit diesem Kapital gründete er 1818 auf Burg Wetter mit Heinrich Kampf die Firma Harkort & Co. Er begann mit dem Maschinenbau und weitete rasch auf die Eisen- und Stahlproduktion aus. Harkort führte zwei Besonderheiten in seiner Fabrik ein. Einmal verband er die Handhabung übernommener Technik immer auch mit Industrieforschung und stellte dazu spezielle Wissenschaftler ein, und er lüftete seine Werksgeheimnisse und propagierte sogar den Besuch seiner Fabrik als eine Art Industriemuseum und Lehrwerkstatt.
Die Firma war kein wirtschaftlicher Erfolg. Im Jahr 1832 übernahm Kamp die Firma, um sie endlich aus den roten Zahlen herauszuführen. Harkort rechtfertigte sein wirtschaftliches Mißgeschick mit dem berühmten Wort: "Mich hat die Natur zum Anregen geschaffen, nicht zum Ausbeuten." In diesem Sinne trat er für möglichst hohe Löhne ein. Lohnschneiderei ist kurzfristiges und falsches Denken. "Ein allgemeines Fortschreiten tut not, um auswärtiger Konkurrenz begegnen zu können", und dafür bedarf es einer entwickelten und möglichst gut gestellten Arbeiterschaft.
Um dieses Fortschreiten zu fördern, begann er im Jahre 1825 die Eisenbahnagitation und kurz darauf die für die Dampfschiffahrt. "Die Eisenbahnen werden manche Revolution in der Handelswelt hervorbringen", schrieb er, und "möge auch im Vaterland bald die Zeit kommen, wo der Triumphwagen des Gewerbefleißes mit rauchenden Kolossen bespannt dem Gemeinsinne die Wege bahnt." Da die rheinischen Industriellen mit ihren Eisenbahnprojekten auf die heftigsten Widerstände der Regierung in Berlin stießen, entschlossen sie sich, nicht länger auf eine Staatsbahn zu warten, die sie für die bessere Lösung gehalten hätten, sondern auf privatwirtschaftlicher Basis Eisenbahngesellschaften für die wichtigsten Strecken zu gründen. Sie achteten darauf, daß das Netz überall mit dem schon bestehenden oder geplanten Streckennetz des Kontinents übereinstimmte. Im Fall Rußlands konnten die Engländer dank größerer Schmiergeldsummen und politischer Intrigen den Anschluß an das kontinentale Netz, dessen Plan schon voll ausgearbeitet war, hintertreiben.
Harkort ließ sich auch nicht in den Streit zwischen Dampfroß und Dampfschiff hineinziehen. Als Verfechter der Eisenbahn baute er das erste deutsche Dampfschiff mit seinen Freunden Rolff und Vincke.
Harkort sah seine Tätigkeit in einem historischen Zusammenhang. Seine praktischen Arbeiten sollten wie bei Avicenna und Paracelsus – auf die er gerne verweist – dazu dienen, die Bevölkerung zu entwickeln und vernünftiger zu machen. Er kritisierte aus diesem Grund das britische System: "Die Staatsökonomie ist in England nur die Lehre vom Reichtum; der Mensch dient zu dessen Schaffung nur als Mittel." Aus dem gleichen Grund kritisierte er Goethe, weil er nichts zur Förderung der breiten arbeitenden Bevölkerung getan habe. "8 000 Menschen, die auf einer Quadratmeile leben, bedürfen, um bestehen zu können, eines höheren Grades von Bildung und Kenntnissen als einige Hirten, die auf wüster Fläche schweifen." Das Verabscheuungswürdigste sei die durch die vom Feudalsystem und seinem verrotteten Bildungssystem künstlich geschaffene Verblödung der Menschen, die zur "tierischen Dienstbarkeit" führte. Er sah auch die Gefahr: "Die in Dunkelheit über politische und menschliche Verhältnisse erwachsenden Massen, deren eigenes Licht die Nacht nicht erhellt, folgen fremden Führern, die häufig sich auf falscher Bahn befinden, oder lassen sich tierisch treiben durch Bedürfnisse, Gelüste oder Not. Solche Proletarier sind die echten Totengräber der Staaten." Dies war die Lehre, die er aus der Französischen Revolution zog.
Harkort sah die Ursprünge dieser Tendenz sehr deutlich in England, wo er zu Watt und Boulton, Chalmus, John Kidd, Charles Bell (um nur einige zu nennen) die besten Beziehungen unterhielt. Denn "dieses Land zerstört jede Moral" und versucht "aus Neid die Industrialisierung in jedem anderen Land zu untergraben. Der deutlichste Beweis für das Negativbeispiel Großbritannien fand Harkort in dessen Kolonialisierungspolitik in Afrika, die zerstörte, statt zu entwickeln und aufzubauen.
Eine neue Industriefinanzierung
Der literarisch gebildete, eigentlich mehr der Philosophie als dem Geschäft zugetane Gustav Mevissen verstand die Lehre Harkorts. So schloß er sich 1835 der Redaktion des Allgemeinen Organs für Handel und Gewerbe an, das, von C. Becher und A. von Binzer herausgegeben, Listsche Ideen propagierte, allen voran Schutzzölle und staatliche Interventionen zum Schutz und zur Förderung der heimischen Industrie. Von hier aus schloß er sich auch der Redaktion der Rheinischen Zeitung an, die Karl Marx von einem mit 600 Lesern dürftigen Abonnentenstamm auf eine für damalige Verhältnisse stattliche Zahl von 3 400 brachte. In einem Brief, den er von einer Reise nach England im Jahr 1842 an diesen Kreis schrieb, macht er die "englische Krankheit" sehr deutlich.
Es heißt dort, daß der Adel und die herrschenden Klassen der Industrie dort große Lasten auferlegen. Dadurch hinderten sie nicht nur den industriellen Fortschritt, sondern zwängen die Industriellen auch zu harschen Maßnahmen gegen ihre Arbeiter. Dies würde zu einer Absonderung der Arbeiter und Industrialisten führen, zu einem "Kastenwesen". Würden die Industriellen sich in eine solche kastenhafte Abschottung von den Arbeitern treiben lassen, dann würde dies kostenintensive Konflikte hervorrufen und zur Zerstörung der industriellen Entwicklung überhaupt führen. Er warnte davor, daß von außen aufgezwungene Formen der Konkurrenz die heimische Industrie in diese Gefahrenzone drängen könnten. Die Erkenntnis dieser Gefahr bestimmte die drei Ideen, mit denen er die Entwicklung des Reviers und der Industrialisierung Deutschlands so entscheidend prägte:
1) Die Idee der Rückversicherung zur Minderung des Unternehmerrisikos, um mehr Risikobereitschaft freizusetzen, und als Instrument, um der Industrie gewisse Orientierungen vorgeben zu können.
2) Die Finanzierung der Industrieunternehmen, indem man die reale produktive Investition zur Grundlage für die Schaffung von Zahlungsmitteln und "Noten" macht.
3) Die Schaffung einer Zusammenarbeit der Industriellen zu Aktivitäten, die die Mittel der einzelnen übersteigen, in einer Form, daß der leitende und orientierende Einfluß gesamtwirtschaftlicher Interessen erhalten bleibt.
Alle drei Ideen kreisten um das Problem des Kredits. Die Schwierigkeiten, in die die Colonia-Versicherung aufgrund ihrer Verbindungen zu französischen und britischen Gesellschaften gekommen war, brachten einen Kreis um Camphausen auf die Idee, eine Rückversicherung für Versicherungen zu schaffen. Mevissen, der zu diesem Kreis stieß, verhinderte, daß man sich auf die pragmatische Lösung des Einzelfalles beschränkte. Er erkannte in einer solchen Rückversicherung für Industrieversicherungen ein Instrument, um steuernd auf die industriellen Geschäfte einwirken zu können, ohne die unternehmerische Entscheidung zu kastrieren. Schon hier baute er Mechanismen ein, die helfen sollten, Liquidität für Investitionen zu schaffen und dem Unternehmer, dem damals nach dem herrschenden Recht ausschließlich persönliche Kredite gewährt wurden, für die er unbeschränkt privat haften mußte, einen gewissen risikofreien Rückhalt zu schaffen.
Mevissen, knapp über 20 Jahre alt, setzte sich in diesem Kreis mit seinen Ideen durch und wurde deshalb als Unterhändler für die rheinischen Industriellen in dieser Sache nach Berlin geschickt. Er schlug der Regierung vor, sich offen an die Spitze des Fortschritts zu stellen. Die Bevölkerung würde dann trotz ihrer inhärenten Rückständigkeit aufgrund rationaler Überlegung und emotionalen Vertrauens der Regierung folgen, ohne daß Extremisten eine Chance hätten. Wenn man aber die Entwicklung von Wissenschaft und technischem Fortschritt hindere, führe das zu Mißverständnissen, Mißtrauen, Verunsicherung. Dadurch würden "stürmische Zeiten" heraufbeschworen. Dann "wird das Extrem als Rettungsanker ergriffen, und die Stimme der Vernunft tönt nicht mehr laut genug, um den Irrtum aufzudecken".
Sein Verhandlungsgeschick in Berlin und sein Engagement für die von Holland behinderte Rheinschiffahrt wie für die Eisenbahn veranlaßten die Kölner Geldgeber, Mevissen im Alter von 29 Jahren zum Präsidenten des Eisenbahnprojekts zu ernennen, das als "Eiserner Rhein" Köln mit Antwerpen verbinden sollte. In heftigen Kämpfen gegen die preußische Regierung setzte Mevissen durch, daß dieses Bahnprojekt wie das preußische Netz an das französische und belgische angeschlossen wurde, was die Regierung aus militärischen Gründen zu verhindern trachtete.
In mehreren Denkschriften setzte er sich für die integrierte Entwicklung von Flußschiffahrt, Kanalbau und Eisenbahnbau ein und verlangte ein Steuer- und Tarifsystem, das sich nicht an den Kosten und Einnahmen der einzelnen Systeme orientiere, sondern an der wünschenswerten Integration und dem dafür nötigen Kostenausgleich. Dies brachte ihn in heftige Kämpfe mit Camphausen von der Schifflobby und Hansemann, der eine wirtschaftliche Preis- und Tarifpolitik verlangte.
Mevissen erkannte bald, daß es bei den bestehenden Machtverhältnissen in Preußen unmöglich war, einen Banktyp durchzusetzen, der die Notenausgabe mit Krediten auch an anonyme Industriegesellschaften verbinden würde. In seinem ersten Memorandum, in dem er ein zentrales Bankensystem verlangte, bestimmte er die Aufgabe der Bank: "Sie muß geeignet und geneigt sein, vorübergehend bis zu einer sich darbietenden festeren Anlage das flüssige Kapital, mäßig verzinst, wie bei der Anlage selbst mit Einsicht und Zuversicht zu leiten und durch Rat und Mitwirkung solche industriellen Schöpfungen ins Leben zu rufen, welche wirklichen und anerkannten Bedürfnissen entsprechen."
Mevissen arbeitete zunächst mit Hansemann zusammen, der nach Vorbild der St.-Simonisten eine Zettelbank auf Genossenschaftsbasis ins Leben rief. Die Idee dieser Bank war, den unterschiedlichen Finanzbedarf von Kleinunternehmern zu ökonomisieren. Die Teilhaber sollten Einzahler und auch Kreditnehmer der Bank sein dürfen. Für Investitionen bekamen sie Kredit, ihre zwischen den Investitionen liegenden Einkünfte sollten sie der Bank zur Verfügung stellen, um diese damit in aktuellen Situationen liquide zu halten. Mevissen sah darin Ansätze für eine private Version der Notenkreditbank. Der Staat verbot aber diese Versuche zunächst als inflationstreibend. Die Revolution von 1848, die Hansemann für ein Dreivierteljahr an die Spitze des Finanzministeriums brachte, erlaubte ihm, in 13 preußischen Städten Diskontkreditbanken zu errichten. Die Reaktion blockierte seine Arbeit sofort.
Der Zusammenbruch der Schaffhausenbank eröffnete eine Chance, die bleibende Bedeutung behielt: Hansemann erlaubte die Sanierung in der Form der Aktienbank. Er beauftragte Mevissen, als staatlicher Kontrolleur dafür zu sorgen, daß diese Bank nicht in inflationsfördernde Spekulationsgeschäfte abglitt. Mevissen gewann bestimmenden Einfluß auf den Schaffhausener Bankverein und baute ihn zum wichtigsten Finanzierungsinstrument für die Entwicklung des Ruhrgebietes aus. Seine Arbeit bestand darin, Gelder aus den Handels- und Privatbanken Kölns von spekulativen Operationen weg in industrielle Projekte zu kanalisieren.
Zweck dieser Bank sollte es nicht in erster Linie sein, Geldgewinne zu erzielen, sondern "die Überwältigung und Nutzbarmachung der Naturkräfte durch die Macht des menschlichen Geistes, die vernunftgemäße Gestaltung der materiellen Güterversorgung, die Entfesselung der produktiven Kräfte des Vaterlandes, um dieses zu verselbständigen und zu befähigen, auch auf wirtschaftlichem Gebiet durch Entfaltung seiner nationalen Eigenart an dem großen Werk des menschlichen Kulturfortschritts erfolgreich mitzuarbeiten."
In dem Direktionspapier, das er später als Leiter der Bank verfaßte, ist er etwas bescheidener in seinen Formulierungen, zeigt aber das Konzept auf: "Es ist die Aufgabe eines großen Bankinstituts, nicht nur durch eigene Beteiligungen neue Industriezweige ins Leben zu rufen, als auch durch Autorität ihrer gründlichen Prüfung und Einsicht die Kapitalisten im Lande zu veranlassen, die müßigen Kapitalien solchen Unternehmen zuzuwenden, welche, richtig projektiert, wirklichen Bedürfnissen entsprechen."
Um dem preußischen Diktat zu entgehen, organisierte er zusammen mit Oppenheim und der Credit Mobilier die Bank für Handel und Industrie in Darmstadt. Damit sollte nicht nur dem Einfluß der Rothschilds in Frankfurt und Paris ein Riegel vorgeschoben werden; das Ziel war auch, die Industrieverbindungen des Ruhrgebietes zur süddeutschen Industrie zu entwickeln und zu koordinieren. Die Rothschilds entfachten eine wütende Pressekampagne gegen das Unternehmen, von dem Mevissen 1853 schrieb: "Gelingt die Bank für Handel und Industrie, so wird dies die bedeutendste, weit in die Zukunft hinausreichende meiner Schöpfungen."
Mevissen hatte Pläne für die Entwicklung ganz Europas, und arbeitete aus diesem Grund an einer "internationalen Bank" in Luxemburg als Verrechnungsstelle für den innereuropäischen Austausch und als Zentralstelle für die koordinierte Industrialisierung Deutschlands, Frankreichs, der späteren Beneluxstaaten und Rußlands.
Seine internationalen Bestrebungen scheiterten an den Drohungen, die Metternich persönlich aus seinem englischen Exil der Luxemburger Regierung aussprach. Die "Internationale Bank" entwickelte sich aber für Luxemburg als sehr nützliche Einrichtung, denn sie legte den Grund der luxemburgischen Schwerindustrie und Infrastruktur, von der das Land noch heute zehrt. Die Erfolge Mevissons veränderten auch die Verhältnisse in Preußen selbst, so daß selbst die Berliner Privatbanken Bleichröder und Mendelssohn sich gezwungen sahen, ähnliche Bankkonzepte zu übernehmen, um nicht völlig den Anschluß zu verlieren. Auch Hansemann stellte seine kooperative Bank, die Disconto-Gesellschaft, nach dem Mevissenschen Konzept der zentralisierten Industriebank um.
Mut zur Initiative
An beiden Personen, Harkort und Mevissen, wird deutlich, was das Revier hervorgebracht hat. Damit wird nicht nur eine erste Antwort auf die Frage gegeben, warum ein Gebiet sich zu entwickeln beginnt und zu einem Industriegebiet heranwächst, sondern auch die Frage, was verantwortlich dafür ist, wenn das Ruhrgebiet tatsächlich aufgelöst, "dezentralisiert" werden sollte. Für beides ist der Mut, der klare Blick und der auf die Entwicklung der gesamten menschlichen Kultur gerichtete Geist von entschlossenen Personen oder deren Mangel verantwortlich. Wenn das Ruhrgebiet scheitern sollte, dann nur, weil in Bonn, Köln, Düsseldorf, Essen und Dortmund der Mut gefehlt hat, das zu tun, was man schon länger als richtig erkannt hat.
Dr. Helmut Böttiger
Neue Solidarität Nr. 17/2005