Der Autor der Times of India, Mrutyuanjai Mishra, lieferte in einem Gastbeitrag vom 1. Mai wertvolle Überlegungen zum jüngsten, höchst symbolträchtigen Besuch des britischen Königs Charles III. in den Vereinigten Staaten – und zwar insbesondere aus der Perspektive einer ehemaligen Kolonie des Globalen Südens. Er schreibt:
„Der 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit hätte ein Moment der Klarheit sein sollen, eine Bekräftigung der Prinzipien, aus denen die Republik hervorgegangen ist. Stattdessen hat er einen tiefgreifenden Widerspruch im Kern des heutigen politischen Lebens offenbart. In einer Zeit, die von Krieg, wirtschaftlicher Anspannung und dem Zusammenbruch von Institutionen geprägt ist, entschied sich Donald Trump, nicht die Ablehnung der Monarchie zu feiern, sondern deren Erbe.“
Mishra schildert anschließend den grundsätzlichen Unterschied zwischen der Sichtweise der amerikanischen Gründerväter und der führenden Denker des Britischen Empire: „Die Amerikanische Revolution stellte einen entscheidenden Bruch mit der Monarchie und der imperialen Herrschaft dar. Sie war keine Fortsetzung der britischen politischen Kultur, sondern eine Ablehnung derselben. Die Unabhängigkeitserklärung legte fest, dass die Souveränität beim Volk liegt, nicht bei einer Krone oder einer vererbten Autorität. Diese Position wich stark von den europäischen Traditionen ab, die von Denkern wie Thomas Hobbes und John Locke geprägt waren, deren Konzepte trotz ihrer Unterschiede weiterhin an Hierarchien von Macht und Eigentum gebunden blieben. Die amerikanischen Gründerväter vertraten eine radikalere These: dass Menschen über eine angeborene Würde, rationale Fähigkeiten und die Fähigkeit verfügen, das Gemeinwohl anzustreben. Aus dieser Sicht existiert die Regierung, um diese Eigenschaften zu fördern, anstatt sie unter der Autorität eines souveränen Herrschers einzuschränken. Die Monarchie im symbolischen Zentrum der amerikanischen Regierungsführung zu feiern, bedeutet daher, genau das Prinzip umzukehren, auf dem die Republik gegründet wurde.“
Mit Blick auf die Geschichte des Britischen Empire prangert der Autor die „systematische Ausbeutung und das unermessliche menschliche Leid“ an. 3 Millionen Menschen seien während der Hungersnot in Bengalen 1943 verhungert, sowie „Millionen anderer mussten anhaltende Entbehrung, wirtschaftliche Verwerfungen und politische Unterwerfung erdulden“. Indiens Entstehung im Jahr 1947 „als souveräne Republik, die die Strukturen und Prämissen des Imperiums bewusst ablehnte“, diene in dieser Situation als „kraftvoller Kontrapunkt“, so Mishra. Trotz aller Herausforderungen Indiens sei „das Grundprinzip klar: Legitimität leitet sich aus dem Willen des Volkes ab und nicht aus vererbter Macht.“
Angesichts der wachsenden Instabilität in der Welt, so sein Fazit, seien die Nationen des Globalen Südens und führende Staaten wie Indien und China „von zentraler Bedeutung für ein sich herausbildendes multipolares Gefüge, in dem die Macht breiter verteilt ist“. Der derzeitige Niedergang der angloamerikanischen Ordnung sei daher eine „Chance, die internationale Zusammenarbeit auf ausgewogeneren Grundlagen neu zu gestalten“.
Quelle: eirna.da