von Andrea Andromidas
Es ist nicht wahr, dass die Ideen der Amerikanischen Revolution, deren 250sten Geburtstag wir gerade feiern, der Gedankenwelt des britischen Philosophen John Locke entstammen. Am Anfang der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht: „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit.“
John Locke mochte den Ausdruck „Streben nach Glückseligkeit“ überhaupt nicht. Er hätte ihn kurzerhand durch „Eigentum“ ersetzt wie alle seine Anhänger des modernen Materialismus. Die Gründerväter aber entschieden sich ausdrücklich nicht für die damals gängige liberale Auffassung, welche besagte, dass der Mensch sich nur insofern vom Tier unterscheidet, als er sein vermeintliches Recht auf Eigennutz und Eigentum mit größerer Intelligenz durchzusetzen versteht. Ganz im Gegenteil dazu waren sie der Überzeugung, dass die Freude am kreativen Schaffen und das Streben nach Erkenntnis und Fortschritt so wesentlich der Natur der menschlichen Seele entsprechen, dass sich daran das eigentliche Selbstinteresse formt. Beigetragen dazu hatte der große Gottfried Wilhelm Leibniz, der die brennende Frage nach der wirklichen Bestimmung des Menschen, und gerade auch in Opposition zu Locke, neu stellte: „Da aber die Gerechtigkeit auf das Gute geht, und Weisheit und Güte, die vereint die Gerechtigkeit bilden, sich auf das Gute beziehen, so wird man fragen, was denn eigentlich das wahre Gute ist. Ich antworte, dass es nichts anderes ist, als was der Vervollkommnung der Verstandes begabten Wesen dient.“(1)
Dem Zeitgenossen mag das etwas fremd erscheinen. Aber nach der Zerstörung durch den dreißigjährigen Krieg empfand man die Frage nach der Vervollkommnung des Menschen als Notwendigkeit und deswegen wurde die „Übung in Tugenden“ zum gesellschaftlichen Thema.
In Anlehnung an die sokratischen Dialoge in Platons „Republik“ befassten sich auch in Deutschland Leute wie Moses Mendelssohn, Lessing und Herder damit, was man wohl anstellen könne, um die Menschen dazu zu bewegen, dem vernünftigen Teil der Seele ein größeres Mitspracherecht zu gewähren. Lessings Theaterstücke, darunter auch der bekannte „Nathan der Weise“ und überhaupt die große Theatertradition der Weimarer Klassik zeugen davon. „Dem Wahren, Guten, Schönen“ steht noch heute in Stein gemeißelt an vielen alten Theatergebäuden in Deutschland. Nicht ganz vergessen dürfte auch sein, welchen Stellenwert Wilhelm von Humboldt der „Charakterbildung“ in dem von ihm entworfenen Bildungssystem gab, was bekanntermaßen nicht nur die Grundlage für die industrielle Entwicklung in Deutschland legte, sondern auch dieses Erfolges wegen weltweit als vorbildlich galt.
Es geht hier nicht um moralisierende Erinnerungen an eine verflossene Zeit, sondern um das Wiedererlangen dessen, was wir heute in unseren politischen Institutionen so schmerzlich vermissen: Charakterstärke, Wissen und die Absicht, das Gute zu vermehren. Deshalb lautet die neu zu stellende Frage: Hängt der Wohlstand einer Nation möglicherweise sogar davon ab, ob die Gesellschaft imstande ist, der Rechtschaffenheit, der Gerechtigkeit, der Glaubwürdigkeit, der Erkenntnis und der Ehrlichkeit eine lebendige Wirklichkeit zu geben?
Im jungen Amerika der Gründungszeit wurde das ein großes gesellschaftliches Thema und Alexander Hamilton, der erste Finanzminister der jungen Republik, gab dieser Diskussion eine zukunftsweisende Bedeutung. Als es um die Rückzahlung des Geldes ging, welches die Bürger für den Unabhängigkeitskampf gegeben hatten, betonte er, dass die Ehrlichkeit und Verlässlichkeit des Staates mit dem öffentlichen Wohlergehen prinzipiell in engem Zusammenhang stehen:
„Das Wahren von Treu und Glauben, als Grundlage des öffentlichen Kredits, empfiehlt sich zwar durch stärkste Anreize politischer Zweckmäßigkeit, doch Überlegungen von noch größerer Autorität zwingen dazu. Es sprechen Argumente dafür, die auf dem unveränderlichen Prinzip der moralischen Verpflichtung beruhen. Und im selben Maße, wie der Geist geneigt ist, in der Ordnung der Vorsehung einen engen Zusammenhang zwischen öffentlicher Tugend und öffentlicher Glückseligkeit zu erkennen, wird er Widerwillen gegen eine Verletzung dieser Prinzipien verspüren.
Diese Überlegung wird durch die Natur der Schulden der Vereinigten Staaten zusätzlich bestärkt, Sie waren der Preis der Freiheit.“(2)
Welch Unterschied zur Denkweise gegenwärtiger Amtsträger. Hamilton unterstreicht also, dass das Wohlergehen einer Nation mit der Verpflichtung des Staates zur Idee des Gemeinwohls ganz eng verbunden ist. Und das, so betont er, sei eben kein Trick, sondern ein Gesetz höherer Ordnung.
Benjamin Franklin
Der Meister aber in diesen Fragen war Benjamin Franklin. Überraschend für das heutige Publikum ist auch hier, welche Bedeutung Franklin der stetigen Vervollkommnung des eigenen Charakters gab. Er machte sich einen Plan über Eigenschaften, in welchen er sich verbessern wollte, wie: Ordnung, Fleiß, Bescheidenheit, Mäßigkeit, Aufrichtigkeit, Gemütsruhe, Genügsamkeit, Entschlossenheit, Gerechtigkeit und Demut. Er schreibt dazu: „ Ich machte mich an die Ausführung meines Plans zur Selbstprüfung und setzte ihn längere Zeit fort. Zu meiner Überraschung fand ich, dass ich unendlich mehr Fehler hatte, als ich mir eingebildet: allein ich hatte die Genugtuung, sie abnehmen zu sehen.“ (3)
Lassen wir Benjamin Franklin selbst sagen, was er in späten Jahren darüber dachte:„Es wird bemerkt werden, dass, wenn auch mein System nicht ganz ohne Religion war, doch darin keine Spur von irgendeinem der unterscheidenden Lehrsätze irgendeiner besonderen Sekte vorkommt. Ich hatte sie absichtlich vermieden, denn ich bin vollkommen von der Nützlichkeit und den Vorzügen meiner Methode und von deren Zweckmäßigkeit für Leute aus allen Religionen überzeugt, und beabsichtige, über kurz oder lang sie im Druck herauszugeben, weshalb ich nichts darin haben möchte, was irgendjemandem aus irgendeiner Sekte ein Vorurteil dagegen beibringen könnte. Ich nahm mir vor, eine kleine Abhandlung über jene Tugend zu schreiben, worin ich die Vorteile des Besitzes derselben und die Nachteile der Dienstbarkeit gegen das ihr entgegenstehende Laster nachgewiesen haben würde, und ich würde mein Buch „Die Kunst der Tugend“ betitelt haben, weil es die Mittel und die Art und Weise, um Tugend zu erlangen, dargelegt hätte, wodurch es sich unterschieden hätte von der bloßen Ermahnung, gut zu sein, die nicht belehrt und nicht die Mittel angibt, sondern dem Manne gleicht,….(der)… die Nächstenliebe nur im Munde führt und nur ermahnt, die Nackten zu kleiden und die Hungernden zu speisen, ohne denselben zu zeigen, wo sie Kleider und Lebensmittel bekommen könnten.“(4)
Er war deshalb auch der Ansicht, dass Verantwortung nur übernehmen könne, wer etwas weiß und wer bereit sei, ständig dazu zu lernen. Mit Unkenntnis sei niemandem gedient. Er hatte es sich deshalb zur Gewohnheit werden lassen, die Kneipe zu meiden, um jeden Tag zwei Stunden zu studieren. Aus einfachen Verhältnissen kommend, hatte er sich auf diesem Weg nicht nur verschiedene Sprachen beigebracht, sondern war später sogar imstande, in die Erforschung wissenschaftlicher Fragen vorzudringen. Die Beteiligung an der Schaffung von Bibliotheken, akademischen Einrichtungen, Feuerwehren und öffentlichen Schulen war ihm zur Selbstverständlichkeit geworden, seit er als junger Mensch mit Cotton Mathers „Essays to do Good“ vertraut wurde.
Das Buch über „Die Kunst der Tugend“ wurde nie geschrieben, aber die Überlieferung des hier zitierten Textes verfehlte seine Wirkung nicht. Die erste vollständige Autobiographie von Benjamin Franklin in englischer Sprache erschien erst mehr als 100 Jahre nach ihrer Aufzeichnung und wurde eine der berühmtesten überhaupt, übersetzt in alle möglichen Sprachen.
Beides also, die öffentliche Tugend staatlicher Institutionen, und das individuelle Streben nach Vervollkommnung bildeten das Fundament für den beispielhaften Aufstieg der Vereinigten Staaten von Amerika. All das ging jedoch nicht so paradiesisch voran, wie es sich hier anhört, sondern war nur durch Überwindung großer Widerstände möglich. Die Spannungen mit dem „British Empire“ verschwanden schon deswegen nicht, weil die britische Oligarchie es bis heute niemals freiwillig aufgeben hat, die Errungenschaften dieser Revolution wieder zu zerstören.
Von John Locke zu Adam Smith
Am 9.März 1776, also noch vier Monate vor der Unabhängigkeitserklärung veröffentlichte deshalb der schottische Ökonom Adam Smith sein Hauptwerk: „Der Reichtum der Nationen“. Darin heißt es wieder, dass der alleinige Antrieb aller Arbeit die Habgier des Menschen sei:
„Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, des Bauern oder des Bäckers erwarten wir unser Essen, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschlichkeit, sondern an ihre Eigenliebe.“ „Jeder einzelne ist notwendigerweise bestrebt, die jährlichen Einnahmen der Gesellschaft so hoch wie möglich zu steigern. Im Allgemeinen beabsichtigt er jedoch weder, das Gemeinwohl zu fördern, noch weiß er, wie sehr er es fördert. Er strebt lediglich nach seinem eigenen Vorteil und wird dabei, wie in vielen anderen Fällen, von einer unsichtbaren Hand geleitet, ein Ziel zu verfolgen, das nicht Teil seiner Absicht war. Es ist auch nicht immer schlechter für die Gesellschaft, dass es nicht Teil ihrer Absicht war. Indem er sein eigenes Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft wirksamer, als wenn er es tatsächlich beabsichtigt.“ (5)
Von britischer Seite versuchte man also, dem Kern der Unabhängigkeitserklärung zu widersprechen und hartnäckig zu behaupten, dass sich an den gesellschaftlichen Grundsätzen nichts ändern werde. Die „unsichtbare Hand“ imperialer Interessen würde jenseits der Habgier und des Eigennutzes sowieso alles den eigenen Regeln unterwerfen. Dieser materialistischen Wirtschaftsschule ist es leider immer wieder gelungen, über gewisse Perioden die gesellschaftlichen Strukturen in Amerika und Europa so umzugestalten, dass private Finanzinteressen großer Banken in Konkurrenz zum Fortschritt des allgemeinen Wohlstands treten konnten.
Im Falle der Bankenkrise von 1929 führte dieser Konflikt nicht nur zu einer Krise, sondern sogar zu einem Zusammenbruch des ganzen Systems. Franklin Delano Roosevelt hatte die Geschichte seines Landes jedoch sehr eingehend studiert. Deshalb war ihm der Charakter dieses Konflikts sehr wohl bewusst, als er direkt nach der großen Wirtschaftskrise 1933 zum Präsidenten gewählt wurde. Gleich in seiner Antrittsrede sprach er über die Rückkehr zu den alten Prinzipien:
„ Die Geldwechsler sind von ihren Thronen aus dem Tempel unserer Zivilisation geflohen. Wir können nun diese Tempel den alten Wahrheiten wieder zurückgeben. Das wird uns in dem Maße gelingen, in dem wir soziale Werte anwenden, die edler sind als der rein monetäre Profit. Glück liegt nicht im reinen Besitz von Geld; es liegt in der Freude der Ausführung, im Reiz der kreativen Anstrengung. Die Freude und der moralische Antrieb der Arbeit darf bei der verrückten Jagd nach dahinschwindenden Profiten nicht länger vergessen werden. Diese dunklen Tage werden das, was sie uns gekostet haben, wert sein, wenn sie uns lehren, dass es nicht unser wahres Schicksal ist, bedient zu werden, sondern uns und unseren Mitmenschen zu dienen.“ (6)
Haben Sie gemerkt, dass er mit diesen Worten die Bedeutung der ursprünglichen Formulierung „Streben nach Glückseligkeit“ bekräftigte? Die Maßnahmen, die Roosevelt ergriff, blieben wegen seines frühen Todes leider unvollkommen. Weil er aber wusste, dass Wirtschaft nur erfolgreich sein kann, wenn alle Aufmerksamkeit der Vernunft-Begabung des Menschen gilt, verschaffte er der Kreativität mehr Raum, während er der Habgier gewisse Schranken setzte. Diese Nachkriegsordnung hielt jedoch weniger als vier Jahrzehnte.
Mit der Aufhebung des Bretton-Woods-Systems 1971 und der schrittweisen Deregulierung der Finanzmärkte öffnete die westliche Staatengemeinschaft abermals dem liberalen Materialismus alle Schleusen und nährte damit das Heranwachsen eines globalen Schattenbankensystems, das sich vor unseren Augen als Epstein-Monster entfaltet.
In diesen fünf Jahrzehnten verschwanden Tugend und Bildung wie vielleicht nie zuvor und erst seit kurzem fällt auf, dass die Zerrüttung des Wohlstands möglicherweise eine Folge davon sein könnte.
Es ist kein Zufall, dass man sich in allen kritischen Perioden des Westens mit der Geschichte des antiken Griechenlands befasst hat. Auch Athen war nicht in seiner besten Verfassung, als Sokrates den Entschluss fasste, Tugend und Weisheit unter seinen Mitmenschen zu verbreiten.
Fussnoten:
1) Leibniz: Von der Allmacht und Allwissenheit Gottes und der Freiheit des Menschen, 1670, siehe: http://dokumente.leibnizcentral.de/index.php?id=96
2) Alexander Hamilton, Bericht über den öffentlichen Kredit, 1790. Erste deutsche Übersetzung EIR, Juli 2017, Studie: Mit der Seidenstraße in die Zukunft.
3) Autobiografie S.132 , Insel Verlag Frankfurt 1969
4) ebenda S136
5) Adam Smith, Wohlstand der Nationen
6) Franklin Delano Roosevelt, aus der Rede zum Amtsantritt am 4.3.1933