In einem umfassenden Interview mit dem Blog Zeitgeschehen im Fokus zur strategischen Lage und den Gefahren der Eskalation des Ukrainekrieges, das am 15.6. veröffentlicht wurde, sprach Gen.a.D. Harald Kujat u.a. über die chinesische Friedensinitiative. Dies sei „interessant“, da es sich auf zwei UN-Resolutionen beziehe, in denen Friedensverhandlungen gefordert werden. Zum anderen ginge es dabei um "Wiederaufnahme» der Verhandlungen", also ein Bezug auf den Ende März letzten Jahres erreichten Verhandlungsstand . "Damit", so Kujat, " würden alle Vorbedingungen beiseitegeschoben. In den Verhandlungen könnten sie natürlich wieder auf den Tisch kommen, aber sie würden die Aufnahme der Verhandlungen nicht verhindern." „ Dies sei zwar sofort „reflexartig“ vom Westen abgelehnt worden. Aber im Hintergrund passiere etwas. „Die Chinesen haben einen Sonderbeauftragten bestimmt, der bereits nach Moskau und nach Kiew gereist ist, um die Verhandlungsbereitschaft auszuloten. Und nach dem Besuch des französischen Präsidenten in Peking gibt es offensichtlich eine bilaterale Zusammenarbeit an einem konkreten Verhandlungsplan.“
Ob sich dies als Hoffnungsschimmer durchsetzen könne, hänge, so Kujat „auch vom Verlauf des Krieges und insbesondere der ukrainischen Offensive ab.“ Seiner Ansicht nach setze sich in den USA „ein grösserer Realismus“ durch über das ukrainische militärische Durchsetungsvermögen, und bezüglich der amerikanischen Absicht, Russland als geostrategischen Rivalen zu schwächen. "Zumal der aus den BRICS-Staaten gebildete Block immer stärker wird und die geopolitische Vormachtstellung der USA gefährdet. Der Ukrainekrieg hat die grössten Risiken für Europa geschaffen. Für die USA entstehen dagegen immer grössere Herausforderungen als Folge des Aufstiegs Chinas zur führenden Weltmacht. Der amerikanische aussen- und sicherheitspolitische Fokus verlagert sich daher schneller und konsequenter nach Asien als bisher erwartet wurde.“
Auf die Frage, warum der Westen keine Gesamtschau habe und ds Ganze mit einem sehr begrenzten Horizont betrachtet werde, antwortete Kujat mit einer massiven Kritik der deutschen Politik: „Ich würde von der deutschen Politik zumindest erwarten, dass sie sich von den eigenen nationalen Interessen leiten lässt und dies sowohl in ihrer Informationspolitik als auch in ihrem Handeln erkennbar ist. Ich halte beispielsweise das Fehlen einer deutschen Strategie für Waffenlieferungen, die auf einer rationalen militärischen Zweck-Mittel-Relation basiert und realistische Ziele im Einklang mit unseren nationalen Sicherheitsinteressen definiert für einen gefährlichen Blindflug. Im Zusammenhang mit dem starken Engagement anderer europäischer Staaten und der Europäischen Union wird dadurch das Risiko einer Europäisierung des Krieges zu einer realen Gefahr. Eine rationale Gesamtstrategie müsste Antworten auf folgende Fragen geben: Welche militärischen und politischen Ziele der ukrainischen Regierung ist die Bundesregierung gewillt zu unterstützen? Erfolgt diese Unterstützung nur, soweit diese Ziele mit den deutschen Sicherheitsinteressen vereinbar sind? In welchem Ausmass ist die Bundesregierung bereit, durch Sanktionen verursachte langfristige und möglicherweise irreversible Schäden der deutschen Wirtschaft zu akzeptieren?“
Außerdem warnte Kujat etwas später im Interview, nach der ukrainischen Forderung zur Lieferung von Eurofightern hätten „ein paar deutsche Politiker die Eskalationsschraube gleich ein grosses Stück weitergedreht. Unbedingt sollen auch Taurus Luft-Boden-Abstandswaffen zur Verfügung gestellt werden. Mit einer Reichweite von über 500 Kilometern ist Taurus geeignet, strategische Ziele in der Tiefe Russlands anzugreifen. Das wäre wohl der Punkt, der aus russischer Sicht eine existenzielle Bedrohung darstellt.“
Zur NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sagte Kujat u.a. „grundsätzlich kann ein europäischer Staat nur dann Mitglied der Allianz werden, wenn er durch einen einstimmigen Beschluss dazu eingeladen wird. Vorausgesetzt er ist in der Lage, zur Sicherheit aller Mitgliedstaaten im Vertragsgebiet beizutragen und die Grundsätze des Nordatlantikvertrages zu fördern. Dazu gehören insbesondere eine funktionierende Demokratie sowie die Freiheit der Person und die Herrschaft des Rechts zu gewährleisten.“
Und dann unterstrich er: „Russland wird das Ziel nicht aufgeben, strategische Vorteile des geopolitischen Rivalen USA durch eine [NATO-]Allianz-Mitgliedschaft der Ukraine zu verhindern. Dieser geostrategische Antagonismus kann durch den Ukrainekrieg nicht aufgehoben werden. Er kann nur durch eine europäische Friedens- und Sicherheitsordnung gelöst werden, in der die Ukraine und Russland ihren Platz haben und die Rivalität der grossen Mächte USA und Russland die Selbstbehauptung Europas nicht gefährdet…“
Es wäre an der Zeit, dass deutsche Politiker diese Einschätzungen eines erfahrenen Militärs ernst nehmen, statt uns weiter im Blindflug in die Katastrophe zu steuern. Wie Zeitgeschehen im Fokus schreibt, war General a. D. Harald Kujat Generalinspekteur der Bundeswehr und als Vorsitzender des Nato-Militärausschusses höchster Militär der Nato; gleichzeitig Vorsitzender des Nato-Russland-Rates sowie des Euro-Atlantischen-Partnerschaftsrates der Generalstabschefs. Für seine Verdienste wurde Harald Kujat u.a.mit dem Kommandeurskreuz der Ehrenlegion der Republik Frankreich, dem Kommandeurskreuz des Verdienstordens Lettlands, Estlands und Polens, der Legion of Merit der Vereinigten Staaten, dem Grossen Band des Leopoldordens des Königreichs Belgien, dem Grossen Bundesverdienstkreuz, sowie mit weiteren hohen Auszeichnungen, unter anderem aus Malta, Ungarn und der Nato geehrt.