06131-237384info@bueso.de

"Vanity Fair" wirbt für Pecora-Kommission und Glass-Steagall

Die Juniausgabe des amerikanischen Magazins [i]Vanity Fair[/i] (Auflage 1,1 Mio.) stellt in einem Leitartikel („The Big Steal" etw. „Das große Klauen") des Herausgebers und Chefredakteurs Graydon Carter die Arbeit der Pecora-Kommission und das Glass-Steagall-Gesetz aus der Zeit von Präsident Franklin D. Roosevelt besonders heraus. Außerdem hat die Ausgabe ein Feature des Historikers Alan Brinkley mit dem Titel „Als Washington sich mit der Wallstreet anlegte". Die Veröffentlichung dieses Materials zum jetzigen Zeitpunkt, da mit dem [i]McCain-Cantwell-Gesetz[/i] als Zusatz zum Finanzreformgesetz von Senator Dodd die 1999 erfolgte Abschaffung des [i]Glass-Steagall[/i]-Gesetzes rückgängig gemacht werden soll, wird zweifelsohne die öffentliche Unterstützung für diese Maßnahme verstärken, gegen die Präsident Obama im Auftrag der Wallstreet sein Veto einzulegen droht.

Es folgen einige Auszüge aus dem Artikel:

"Haben Sie mitbekommen, daß sich die Banken aus dem traditionellen Bankgeschäft zurückgezogen haben? Ich meine die Einnahme von Spareinlagen und Ausgabe von Krediten, wobei das eigene Einkommen durch den kleinen Zinsunterschied erzielt wurde. Wenn Sie ein kleiner Gewerbetreibender, Mittelständler oder Eigenheimbesitzer sind und versuchen von den historisch niedrigen Zinsraten bei der Refinanzierung ihrer Schulden zu profitieren, verstehen Sie was ich meine. Im Merriam-Webster [Wörterbuch] gibt es unter dem Stichwort Bank zwei Hauptdefinitionen. Die erste bezeichnet damit eine Einrichtung, die für die Aufbewahrung, Ausleihung und Ausgabe von Geld, sowie der Kreditausweitung und für den Zahlungsverkehr zuständig ist. Das ist ungefähr das, was sich die meisten von uns unter einer Bank vorstellen - oder bis vor kurzem vorgestellt haben. Die zweite Definition bezeichnet denjenigen, der ein Spielcasino betreibt oder ein Spiel leitet [zu deutsch: die Bank hält]. Und so sehen wohl heute die meisten Banker ihre Bank. Die großen Finanzhäuser wie Goldman Sachs und Morgan Stanley machen ihre großen Profite (und Boni) zunehmend mit Wettgeschäften. Das geschieht mit Hilfe von Finanzinstrumenten, die selbst für ihre Benutzer, wie zugegeben wird, zu komplex sind, um noch verstanden zu werden. Die nahezu zwei Dutzend Banken, die seit 2008 von der Regierung gerettet wurden, habe besonders seit sie ab April 2009 reguläre Berichte veröffentlichen müssen, Monat für Monat weniger Kredite gewährt......"

„ ... Ich komme immer wieder auf den Banken- und Währungsausschuß des Senats zurück, der eingerichtet worden war, um die Gründe für den Wallstreetkrach von 1929, der dann zur Großen Depression führte, zu untersuchen. Er wurde als Pecora-Kommission bekannt, nach dem kämpferischen, ehemaligen Staatsanwalt italienischer Abstammung, Ferdinand Pecora. Dessen mit Bravour geführtem Kampf gegen die einflußreichsten Bankiers der Nation machten ihn zu einem Volkshelden.

... Geschickt stellte Pecora die Zaubertricks der Banker und ihre unverblümten Verbrechen bloß und bereicherte den amerikanischen Wortschatz dabei um ein neues Wort: Bankster, ein Wortspiel aus Banker und dem Gangster der Depressionszeit. Die Pecora-Kommission gab auch den Anstoß zu einer Reihe von Reformen der Wallstreet, einschließlich der Schaffung der S.E.C. [Börsenaufsicht] und der Federal Deposit Insurance Corporation [FDIC = Bundeseinlagenversicherung] und der Verabschiedung des Glass-Steagall-Gesetzes, mit der Absicht die Art von Rücksichtslosigkeit einzudämmen, die uns auch den jetzigen Schlamassel beschert hat. Diese Maßnahmen hielten die Finanzindustrie für Generationen auf Kurs (und im allgemeinen zahlungsfähig).

Doch Pecora wußte nur zu gut, daß die Kräfte hinter der Finanzspekulation, besonders Gier und Betrug, nie wirklich verschwinden. Man kann höchstens versuchen, sie eine Zeit lang in Schach zu halten. 1939 schrieb er, daß sie zweifellos, bei passender Gelegenheit, ihre schädlichen Aktivitäten wieder in Gang setzen würden. Leider hatte er damit Recht behalten.

Seit den frühen 80er Jahren begann die unablässige Aushöhlung vieler der nach seinen Anhörungen verwirklichten Reformen. Kaum zu glauben angesichts unserer gegenwärtigen politischen Kultur, aber die Pecora-Kommission wurde nicht von den Demokraten, sondern von den Republikanern im Senat eingerichtet. Heutzutage sind die Republikaner im Senat geradezu zu Anpreisern der Finanzinstitutionen geworden, die die Wirtschaft der Nation und der Welt so in Mitleidenschaft gezogen haben. Und an ihrer Spitze steht der Finanzlobbyist ... Entschuldigung ... der Führer der Minderheitsfraktion Mitch McConnell, der mehr als 1 Mio. Dollar an Wahlkampfspenden von Wallstreetinteressen eingestrichen hat."

In einem zweiten Artikel beschreibt Alan Brinkley dann die historische Pecora-Kommission näher und weist auf die bisherigen Versäumnisse des Kongresses hin, eine wirkliche Aufarbeitung der Finanzkrise zu bewerkstelligen. Brinkleys Fazit: „WO IST UNSER FERDINAND PECORA? fragte 2009 eine Schlagzeile auf der Kommentarseite der [i]New York Times[/i]. Bis jetzt gibt es darauf keine befriedigende Antwort."

[url:"http://www.vanityfair.com/magazine/2010/06/graydon-201006] siehe Artikel in [i]Vanity Fair[/i] [/url]