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Die vergessene Generation der 20er/30er Jahre

<h1>Warum Deutschland Franklin Roosevelt noch nicht versteht</h1>

<p><i>Von Toni Kästner</i></p>

<p><i>Aufgrund der in Deutschland sehr oft zu hörenden Kritik an Franklin D.
Roosevelts Politik schreibe ich diesen Artikel. Denn die Kritikpunkte, die in
Deutschland gegen ihn und seine Politik vorgebracht werden, entsprechen nicht
der Wahrheit oder geben nur ein verzerrtes Bild dessen wieder, was damals
wirklich passiert ist, und so kann ein richtiges Verständnis seiner Politik,
also der Lösung der damaligen Krise, gar nicht erst erlangt werden.</i></p>

<p><i>Das stellt ein enormes Problem dar, denn es ist der Grund, warum es uns
in Europa und gerade in Deutschland so schwer fällt, die notwendigen Maßnahmen
zur Überwindung der jetzigen Krise zu verstehen und zu unterstützen. </i><i>Die
Ursachen hierfür liegen zum einen in der gezielten Manipulation der Bevölkerung
in ihrem politischen und wirtschaftlichen Denken, und zum anderen darin, daß
die Nachfolger der „verlorenen Generation“ der zwanziger und dreißiger Jahre in
der 68er-Generation nicht aus ihrem tief wurzelndem Pessimismus herauskommen
und sich daher nicht vorstellen können, daß es tatsächlich Richtig und Falsch
gibt und daß sich jemand für das Richtige einsetzt, weil es richtig ist - und
nichts weiter.</i></p>

<hr>

<p>Immer wieder hört man in Deutschland Vorurteile über Franklin D. Roosevelt,
die nichts mit seiner wirklichen Person und Politik zu tun haben, sondern der
falschen Sichtweise der jeweiligen Autoren entspringen. Man hört zum Beispiel,
daß er den „Turbokapitalismus“ vorbereitet habe, daß er die Wirtschaft nur
durch den Krieg aufgebaut habe und deshalb Pearl Harbor bewußt zugelassen habe,
und es wird ebenfalls von ihm behauptet, daß er Deutschland vernichten oder
zumindest als Industrienation abschaffen wollte.</p>

<p>Wo kommen solche Gerüchte her, wenn sie doch bei genauerer Betrachtung
nichts mit Roosevelt selbst zu tun haben? Auf der Suche nach Klärung dieser
Frage bin ich zu der Einsicht gelangt, die ich Ihnen auf den nächsten Seiten
mitteilen will. Denn um zum Beispiel Glass-Steagall (das Trennbankensystem) als
Konzept und nicht nur als formales Gesetz zu verstehen, muß man erst einmal
verstehen, wer „FDR“ wirklich war, warum er handelte, wie er es tat, und vor
allem muß man erkennen, warum es uns Deutschen so schwer fällt, seine Politik
zu verstehen.</p>

<p>Der offensichtlichste Grund für unser Unverständnis liegt in der Geschichte
des britischen Imperiums. Als dieses am Anfang des 20. Jahrhunderts eine
Transformation weg vom Staat hin zur staatenübergreifenden Ideologie und
Philosophie erlebte, legten Menschen wie Leo Amery, Lord Milner, Bertrand
Russell u.a.m.<sup>1</sup> großes Augenmerk darauf, die Bevölkerungen anderer
Staaten gezielt zu manipulieren, statt sie nur mit Gewalt unter Kontrolle zu
halten. Aber auch durch ihre Handlungsweise erzeugten sie eine Dynamik in der
Bevölkerung, die eine Geisteshaltung hervorbringt, welche ein reelles
Verständnis der Wirklichkeit, die einen umgibt, immer schwieriger macht.</p>

<p>So verursachten diese imperialen Interessen, die bereits damals in der City
of London und der Wall Street beheimatet waren, die große Krise des 20.
Jahrhunderts, indem sie die Finanzmärkte für ihre eigenen Profite aufblähten
und anschließend totalitäre Regime einsetzten, um ihre selbst erzeugten
Schulden aus der Bevölkerung zu pressen. Diese rücksichtslose Politik des
reinen Eigeninteresses führte die Welt im 20. Jahrhundert zuerst in den Ersten
und dann in den Zweiten Weltkrieg, und dazwischen wurde viel Geld damit
verdient, Staaten auszurauben - entweder durch horrende Reparationsforderungen
oder durch kriminelle Börsengeschäfte.</p>

<p>All das hatte, wie schon erwähnt, seine besonderen Auswirkungen auf die
Gesellschaft, so daß nach dem Ersten Weltkrieg, als durch die beginnende
Finanzspekulation und den Nachkriegsaufbau ein spürbarer materieller Aufschwung
geschah, die Menschen die Sorgen des Krieges dadurch überwinden wollten, daß
sie die „Spaßgesellschaft“ ausriefen. Diese Zeit ging als die „goldenen
Zwanziger“ in unserer Geschichte ein.</p>

<p>Doch anders als eine tatsächliche Blütezeit der Gesellschaft waren diese
Jahre nur oberflächlicher Schall und Rauch. Wo man zuvor Menschen wie Albert
Einstein und Max Planck oder Bach und Beethoven geschätzt hatte, betraten neue
Gestalten die Bühne: Jetzt wurden Menschen bewundert, die keinen Anteil an der
Weiterentwicklung der kreativen schöpferischen Fähigkeiten der Menschheit
hatten, viel mehr noch, diese neuen Idole hatten sogar einen negativen Effekt
auf diese Fähigkeiten des Menschen. Die Unterhaltungsindustrie, Mode und Geld
waren die neuen Themen, die alle beschäftigten, aber all das waren nur Blasen,
die irgendwann platzen mußten.</p>

<p>Als das dann 1923 für jeden unübersehbar geschah, war alles, woran diese
Spaßgesellschaft geglaubt hatte, zerstört, und diese desillusionierte
Generation schuf dann eine katastrophale Welt von Pessimismus, Depression und
Sinnlosigkeit für ihre Kinder, die dadurch zum Potential für die Diktatur wurde
und später ihre festen Grundsäulen bildete.</p>

<p>Dies geschah damals aber keineswegs nur in Deutschland, sondern auf ähnliche
Weise in vielen anderen Ländern auch. Maxine Davis, eine Journalistin aus den
USA, gibt uns zum Beispiel eine Idee davon, wie es in ihrem Land zu dieser Zeit
aussah. Sie beschreibt dies in ihrem Buch,<sup>2</sup> und was sie da
beschreibt, ist daselbe, was auch hier und anderswo stattfand: <i>„Eine ganze
Jugendgeneration hatte dabei zugesehen, wie ihre Eltern den Himmel abschafften
haben und anschließend die Hölle verboten und sich dann das Geld zu einem neuen
Gott machten, der anschließend stürzte.“</i></p>

<p>Man schuf also die Moral und Werte ab und verbot es, an die Konsequenzen
dieser Handlung zu denken. Dann ersetzte man langsam aber sicher alles durch
den unmittelbaren Genuß, wo man sich jederzeit sein eigenes Elysium kaufen
konnte, wenn man nur das Geld dazu hatte - bis diese Fantasiewelt dann abrupt
endete. Die Eltern so zu sehen, im absoluten Wahnsinn oder Depression, so
Davis, verkrüppelte diese jungen Menschen ebensosehr wie es Senfgas und
Granatsplitter taten. Eine der Folgen dieser Verkrüpplung beschreibt sie dann
wie folgt in ihrem Buch:</p>

<ul>
<p><i>„Erschüttert stellen wir fest, daß die Jugend von heute in einer
schafsähnlichen Apathie ihr Schicksal akzeptiert hat. Das ist einfach zu
erkennen, wenn wir uns ihre Haltung gegenüber öffentlichen Problemen
anschauen.</i></p>

<p><i>Des Südens Jugend würde heute niemals auf Fort Sumter feuern (Beginn des
amerikanischen Bürgerkriegs). Britischer Tee und König Georgs Steuern würden
ausgeladen werden, ohne auf Widerstand der jungen Männer von Massachusetts und
Vermont zu treffen (Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskampfes). Die
Unabhängigkeitserklärung ist nur noch eine fein geschriebene Seite hinten in
ihren Geschichtsbüchern. Würden sie heute einen Sprecher hören, der behauptet -
Wenn irgend eine Form der Regierung diesen Endzwecken (Leben, Freiheit und
streben nach Glückseligkeit) schädlich wird, dann ist es das Recht der
Menschen, diese zu verändern oder abzuschaffen - dann würden sie ihn als rot
(Sozialist) brandmarken und weggehen. Mit ihnen würde es kein Lexington und
Concord, kein Vicksburg oder Bull Run geben. Sie würden nicht für Staatsrechte
oder irgendwelche anderen Rechte kämpfen - aber nur aus dem Grund, weil sie
kein Interesse dafür haben...</i></p>

<p><i>Es gibt zwar viele Gründe für diese Entwicklung, aber einer der
schwerwiegendsten ist ohne Zweifel der, daß es zum ersten Mal in unserer
Geschichte keine neu zu erschließenden Horizonte für unsere Jugend gibt, in
einer Zeit, wo sie mehr denn je gebraucht werden.“</i></p>
</ul>

<p>Die Jugend stumpfte durch diese Geschehnisse zusehends ab, weil das Leben
inhaltslos geworden war, weil es keine Investitionen in wissenschaftliche,
kulturelle und wirtschaftliche Programme gab, die den Horizont erweitern, und
daher auch keine schöpferisch kreativen Handlungen mehr von ihnen gefordert
waren. Wenn es keine Mission mehr für die Zukunft innerhalb einer Gesellschaft
gibt, verödet die Jugend von Generation zu Generation immer weiter, bis die
Gesellschaft als ganzes so wild und barbarisch geworden ist, daß sie sich
selbst auslöscht.</p>

<p>Der Grund für das Fehlen solcher Programme war damals das Handeln der
imperialen Finanzoligarchie,<sup>3</sup> verbunden mit der Haltung der
Bevölkerung, die sich lieber mit Filmen und Radioprogrammen, Tänzern und
Schaustellern und allerlei anderen kurzlebigen Freuden beschäftigten, anstatt
sich mit der Realität der Krise der sie umgebenden Welt auseinanderzusetzten.
So begann die Spirale nach unten, die in Deutschland in Diktatur, Krieg und
Zerstörung mündete und in irgendeiner eigenartigen Art und Weise bis heute
immer noch dem Denken der Bevölkerung anhängt.</p>

<h4>Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer</h4>

<p>Als die Brot-und-Spiele-Kultur der „goldenen Zwanziger“ mit einem Kollaps
konfrontiert war, den sie nicht hatte kommen sehen - aber nicht, weil das
unmöglich gewesen wäre, sondern weil sie sich bewußt zum Wegschauen entschieden
hatte -, wurde ein Großteil der Bevölkerung moralisch auf alle Viere geworfen.
Das soll heißen, daß ihre Moral auf die Ebene von Tieren sank, daß die
Zukunftsausrichtung, die die Moral auszeichnet und bestimmt, nicht mehr vom
Gedanken des Fortschritts der Gesellschaft beseelt war, sondern nur noch vom
Gedanken des Eigennutzes getragen wurde.</p>

<p>Wie sehr dies zum Tragen kam, ist nur zu deutlich an den
Blut-und-Boden-Ideologien der faschistischen Regime der dreißiger Jahre zu
sehen. Nicht mehr länger definierte sich der Staat darüber, daß er für das
Gemeinwohl Sorge zu tragen hat, also die Grundlagen schaffen soll, das ein
jeder im Staat sein Potential best möglichst entfalten kann. Anstatt die
Erkenntniskraft der Bevölkerung zu vergrößern und somit mehr von der Natur für
den Menschen nutzbar zu machen, vergrößerte man nun nur noch das Territorium,
um es anschließend ausschlachten zu können.</p>

<p>All diese Dinge beförderten im Großteil der damaligen Erwachsenen die
schlechtesten Eigenschaften eines Menschen. Viele Menschen sagen heute immer
wieder, daß es nur schlimm genug kommen müsse, damit die anderen aufwachen,
aber tatsächlich wird das nie auf diesem Weg geschehen. Denn eine Krise
bedeutet immer Not, und die hat die Eigenschaft, bei den meisten Menschen das
Schlechteste in ihnen zu wecken und nur bei den wenigsten das Gute hervor zu
holen. Das liegt nun einmal einfach daran, daß die Voraussetzung für eine große
Krise eine Degeneration in der Kultur der Bevölkerung ist, die dafür sorgt, daß
eine bestehende Gesellschaft an die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit gelangt.</p>

<p>Eines der ersten Anzeichen für eine solche Degeneration ist der immer größer
werdende Zwiespalt zwischen der Vernunft und den Emotionen innerhalb eines
Individuums, und daher ist es gesetzmäßig, daß die Vernunft, wenn es Menschen
immer schlechter geht und die Tendenz für Extreme daher größer wird, zur kalten
Berechnung wird und die Gefühle zum Turboexistentialismus ausschweifen. Es
sollte daher doch jedem gesunden Menschen klar sein, daß die Gesellschaft durch
Verschlimmerung der Lebensumstände auf keinen Fall wie durch magische Hand
besser wird, weil auf einmal alle ein Erwachungserlebnis haben.</p>

<p>Wenn man aber trotz besseren Wissens an dieser Ideologie festhält, weil man
nicht sieht oder nicht sehen will, welche Rolle man selbst im Rad der
Geschichte spielt, kommt irgendwann mit Sicherheit das böse Erwachen. Das
geschieht dann an dem Punkt, wo kein Verdrängungsmechanismus mehr vor der
Realität schützen kann, und dann muß man sich entscheiden: Entweder wird man
verrückt - oder man kehrt um und bereut seine Fehler, indem man sie durch
besseres Handeln ungeschehen macht. Denn wie schon Friedrich Schiller sagte,
ist ein Fehler nur so lang ein Fehler, wie man nicht daraus lernt und es besser
macht.</p>

<h4>Die vergessene Generation</h4>

<p>Die Jugend der damaligen Zeit hatte mit ansehen müssen, wie viele der
Erwachsenen den Weg der Verrücktheit gingen, und nicht den der Umkehr, und
dadurch wurden sie zu einer vergessenen Generation - vergessen, weil sie immer
weniger ein Teil der Gesellschaft waren und sein konnten. Denn dadurch, daß
verrückte Menschen auch verrückte Dinge tun, wurden nicht nur die sozialen
Verhältnisse schlechter, sondern auch die politischen und wirtschaftlichen
Verhältnisse. Hört man der Beschreibung von Maxine Davis genau zu, so versteht
man sofort, was damit gemeint ist, und man erkennt klar, warum das passierte,
was passiert ist:</p>

<ul>
<p>„Irgendwie erinnert mich diese Resignation ohne Wut an andere junge Männer
und Frauen die ich in Berlin, am Ende der Brüning Regierung<sup>4</sup> gesehen
habe. Nicht diejenigen, die von der Fürsorge<sup>5</sup> lebten, sondern Söhne
und Töchter von Familien, die zumindest noch ein Auskommen hatten.</p>

<p>Ich sah sie den ganzen Tag an einem Bier trinkend in Cafes sitzen.</p>

<p>Ich sah sie laut mit düsterer Freude in den Nachtclubs feiern.</p>

<p>Ich sah sie in den Buchläden, über offenkundigen Darstellungen entarteter
Erotika hängen.</p>

<p>Ich sah sie in den Bibliotheken und Schulen, das Lernen und immer mehr
Lernen als ein Beruhigungsmittel zu nutzen.</p>

<p>Normale gesunde junge Erwachsene, diese deutschen Jungen und Mädchen, aber
nirgends war ein Platz für sie. Bestens ausgebildet, hatten sie keine Arbeit
und keine Hoffnung auf eine. Sie konnten deshalb nicht heiraten. Sie hatten
keinerlei Stellung in der Gesellschaft. Sie waren außerhalb des Lebens.</p>

<p>Wir haben alle schon oft von ihnen gehört. Sie sind der Kern der Stärke
Hitlers. Hitler kam und hat sie in das Vaterland integriert, ihnen etwas zu tun
gegeben, ein Ziel, einen Grund für ihre Existenz, ein Reservoir, in welches sie
ihre Energie und Hingabe fließen lassen können. Sie sind das dritte Reich.</p>

<p>Jetzt ist es aber so, daß Ben Crawfort und Solly Levin und die Tochter des
kleinen Friseurs nicht wissen, daß auch sie diese potentiellen Nazis sein
könnten. Sie wären zweifelsfrei recht empört und wütend über diese Vorstellung.
Aber dann ist es auch so, daß bis heute noch kein Demagoge in den USA
erschienen ist, der sie direkt in Versuchung geführt hätte.“</p>
</ul>

<p>Ich denke, jedem ist das hier gesagte klar, aber wenn nicht, möchte ich nur
kurz an das Buch von Inge Scholl erinnern,<sup>6</sup> in dem sie darüber
spricht, daß auch sie und ihre Geschwister zu Anfang froh waren über Hitler,
weil er über einen Lebensinhalt und eine Zukunft für die Jugend sprach.</p>

<p>Der Unterschied zwischen den Scholl-Geschwistern und vielen anderen war
jedoch, daß sie aus dieser Fantasie über Hitler aufwachten. Das war ihnen aber
nur möglich, weil sie wußten, daß es noch eine Wahrheit über dem Gesetz gibt,
und somit auch ein Menschenbild, das die wahre schöpferisch kreative Natur des
Menschen erkennt und zum Ausdruck bringt.</p>

<p>So berichtet Inge Scholl darüber, daß ihrer Schwester Sophie schon sehr bald
auffiel, das es keinerlei Sinn ergibt, von einem Neubeginn für Deutschland zu
sprechen, und gleichzeitig einen Teil der Bevölkerung davon auszuschließen und
Menschen wegen ihren Glaubens zu verfolgen.</p>

<p>Es war den Geschwistern Scholl vollkommen klar, daß ein Staat, der seine
Bürger nicht schützt, sondern verfolgt, kein guter Staat sein kann. Und genau
dieses - daß er es nicht sein kann - ist eine Erkenntnis, das nur jemand haben
kann, der unveräußerliche Rechte kennt, die sich von universalen Prinzipien
herleiten. Genau das kommt auch im folgenden Zitat der Weißen Rose noch einmal
klar zum Ausdruck:</p>

<ul>
<p>„Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von
einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique
,regieren’ zu lassen. Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute
seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über
uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen
gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich
überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon
so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, daß es, ohne eine
Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit
der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere
Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen
preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner
vernünftigen Entscheidung unterzuordnen, wenn die Deutschen, so jeder
Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden
sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.“<sup>7</sup></p>
</ul>

<p>Ist das nicht genau ein Widerhall dessen, was Maxine Davis über die
verlorene Generation schreibt?</p>

<p>Für uns ist jetzt aber interessanter, anzuschauen, was Maxine Davis als
Unterschied zwischen den USA und Deutschland in der damaligen Zeit angibt, denn
dies wird uns eine Antwort darauf geben, warum die doch so gleichen
Grundvoraussetzungen zu so vollkommen unterschiedlichen Entwicklungen in der
Geschichte geführt haben.</p>

<p>Sie sagt, in den USA hätte es keinen Demagogen gegeben, der die Jugend in
Versuchung geführt hätte, so wie es Hitler in Deutschland gemacht hat. Ich
möchte dazu sagen, daß es schon auch Demagogen in den USA gegeben hat, aber
viel wichtiger war, daß es einen Menschen gab, der sich der Verrücktheit seiner
Zeit entgegengestellt hat, indem er die schöpferischen Kräfte seiner
Bevölkerung bewußt angesprochen und genutzt hat.</p>

<h4>Franklin Delano Roosevelt</h4>

<p>FDR war, wie nur wenigen anderen, absolut klar, wogegen er in der Großen
Depression kämpfen mußte, und daß diese Krise kein zyklisches Phänomen war:</p>

<ul>
<p>„Offen gesagt, wir steuern geradewegs auf die Entstehung einer
wirtschaftlichen Oligarchie zu, wenn wir nicht gar schon dort angelangt
sind…</p>

<p>Die kontrollierenden und leitenden Kräfte, die sich in den letzten Jahren
entwickelt haben, ruhen in gefährlichem Grade bei solchen Gruppen, die
innerhalb unserer Wirtschaftsordnung ihre Sonderinteressen haben, die mit den
Interessen der Gesamtnation nicht übereinstimmen...“<sup>8</sup></p>
</ul>

<p>Aus diesem Bewußtsein heraus begriff er natürlich, daß die Macht einer
Oligarchie nur gebrochen werden kann, wenn die Bevölkerung ihr eigentliches
Potential erkennt. FDR kommunizierte daher viel mit der Bevölkerung, durch
seine „Fireside Chats“<sup>9</sup> und Reden, denn er wollte, daß die Menschen
die Regierung verstehen und Vertrauen zu ihr haben.</p>

<p>Das ist ein großer Unterschied zu Hitler, der damals in Deutschland sein
Unwesen trieb und zwar ununterbrochen irgendwo rumschrie, aber nur, um die
Bevölkerung zu manipulieren und für seine Zwecke auszunutzen.</p>

<p>Dazu kommt noch, daß Roosevelt ganz direkt die Oligarchie angriff und die
Bevölkerung auf deren Existenz aufmerksam machte, um sie zu entmachten. Im
Gegensatz dazu hatte Hitler nie in der Öffentlichkeit darüber gesprochen, daß
er von Monatgu Norman, Hjalmar Schacht und dem Keppler-Kreis für seine Politik
bezahlt wurde, also genau von den Leuten empor gebracht wurde, die FDR als
Oligarchie bezeichnete und die die Krise verursacht hatten.<sup>10</sup></p>

<p>Auch in der Nachkriegszeit wurde in Deutschland fast kein Wort darüber
verloren. Doch dabei markiert diese Tatsache genau den Unterschied in der
Entwicklung von Deutschland und den USA, denn während Deutschland die
faschistische Zerstörung erlitt, gab es in den USA mit FDR einen Politiker, der
die Angelegenheiten der Bevölkerung wirklich ernst nahm und voll und ganz für
das Gemeinwohl Sorge getragen hat. Er tat dies nicht aus Eigennutz, sondern aus
demselben Grund, aus dem die Weiße Rose Widerstand leistete. Es geschah aus dem
Bewußtsein heraus, daß es unveräußerliche Rechte gibt, die von universellen
Prinzipien abgeleitet sind, daß es daher auch Wahrheit geben muß und somit auch
Richtig und Falsch. Daher muß man sich auch immer entscheiden, und kann nie
einfach nur abwarten, was passiert.</p>

<p>Dieses Weltbild formte Roosevelts Sichtweise der Funktion des Staates, der
Wirtschaft und das dazugehörige Menschenbild. In seinem bereits oben zitierten
Buch gibt uns FDR auch folgenden Einblick in sein Denken über diese
Funktionen:</p>

<ul>
<p>„Wenn ich mein wirtschaftliches Glaubensbekenntnis skizzieren soll, muß ich
abermals die Gesichtspunkte klarstellen, von denen ich ausgehe, soweit es sich
um den einzelnen Menschen handelt. Ich bin der Meinung, daß unser industrielles
und wirtschaftliches System für die einzelnen Menschen geschaffen worden ist,
und nicht der einzelne Mensch für das System...</p>

<p>Ich bin der Meinung, daß die Regierung, ohne daß die Bürokratie überall ihre
Nase hineinzustecken braucht, ein hemmendes Gegengewicht gegen diese Oligarchie
darstellen kann, mit dem Ziel, dem einzelnen Menschen Bewegungsfreiheit,
Existenz- und Arbeitsmöglichkeiten und die Sicherheit seiner Ersparnisse zu
gewährleisten, nicht aber mit dem Ziel, dem Ausbeuter die Ausbeutung, dem
Börsenspekulanten die Spekulationsfreiheit und all denen, die gerne mit dem
Wohl und dem Eigentum anderer Leute bis zum bitteren Ende spekulieren möchten,
eine unumschränkte Machtstellung zu sichern, … gleiche Möglichkeiten für alle,
aber für keinen das Recht, andere auszubeuten.“<sup>11</sup></p>
</ul>

<p>Dem gemäß handelte er dann auch und ließ zuallererst, durch die
Pecora-Kommission, untersuchen, wie es überhaupt zu der Krise kam. Anschließend
schuf er noch im selben Jahr ein neues Gesetz, den Banking Act of 1933, der
später unter dem Namen Glass-Steagall (Trennbankengesetz) in die Geschichte
einging und ein Korsett für das Finanzwesen schuf, damit eine solche Krise
nicht noch einmal entstehen kann.</p>

<p>Ebenfalls im ersten Jahr seiner Amtszeit schuf er die TVA (Tennessee Valley
Authority), die aus einer weitgehend öden Landschaft, dem Tal des Tennessee,
das produktivste Stück Land der Welt machte, und zum ersten Mal in der
Geschichte eine staatlich geschaffene Firma war, die das Beste des Staates mit
dem Besten der Privatwirtschaft in sich vereinte.<sup>12</sup></p>

<p>Im selben Jahr schuf er die CCC (Civilian Conservation Corps) und die WPA
(Work Progress Administration), die sofort Arbeit für Jung und Alt
schufen.<sup>13</sup></p>

<p>Dazu soll gesagt sein, daß die Arbeitsprogramme von FDR nicht mit der
Privatwirtschaft in Konkurrenz traten und trotzdem reellen wirtschaftlichen
Wert repräsentierten, es wurde also kein Billiglohnsektor und keine Leiharbeit
geschaffen, wie es zu jener Zeit in Deutschland geschah (und auch heute wieder
geschieht). Auch war es zum Beispiel der WPA verboten, Arbeit zu vergeben, die
mit der Armee in Zusammenhang stand, denn es galt ja schließlich, wieder eine
Zivilwirtschaft aufzubauen, und nicht, eine Kriegswirtschaft zu entwickeln. Das
gab den Menschen wieder das Gefühl, daß sie etwas wert sind und nicht als
verloren und vergessen gelten.</p>

<p>Besonders möchte ich noch hervorheben das FDR viele Programme direkt für die
vergessene Generation schuf. Damit wurden die Jugendlichen wieder direkt ins
Leben geholt, sie wurden Teil des Aufbaus der Nation und so direkt mit daran
beteiligt, ein neues Amerika zu schaffen. Ein neues Amerika? Ja! Denn viele der
neuen Gesetze unter FDR waren eine natürliche Weiterentwicklung der Verfassung
der Gründerväter, da eine existentielle Krise wie die damalige nur durch
gesetzmäßige Weiterentwicklung universeller Prinzipien überwunden werden
konnte, wie sie in dieser Verfassung angelegt waren.</p>

<ul>
<p>„(Über die Gründungsväter der USA) Sie schufen eine neue Regierung, die, wie
sie glaubten, den damals herrschenden Zuständen angepaßt war, aber sie waren so
klug, in die Zukunft vorauszublicken und zu begreifen, daß die
Daseinsbedingungen und die Anforderungen an den Staat sich notwendigerweise
verändern würden, so, wie sie sich in vergangenen Jahrhunderten verändert
hatten, und deshalb gaben sie dem Regierungssystem, das sie entwarfen, keine
starre, sondern eine biegsame Form, die der Veränderung und dem Fortschritt
freien Spielraum gibt.</p>

<p>Wir dürfen uns weder als kluge Leute noch als Patrioten bezeichnen, wenn wir
uns der Pflicht zur Umgestaltung unseres Staatswesens, mit dem Ziele, es für
das ganze Volk zweckdienlicher und den modernen Bedürfnissen angemessener zu
gestalten, zu entziehen versuchen.“</p>
</ul>

<p>Dieser Prozeß war es, der es ermöglichte, die US-Wirtschaft noch vor dem
Kriegseintritt 1941 aufzubauen und der verlorenen Generation wieder einen
richtigen Sinn und Inhalt des Lebens zu geben. Es war aber auch eine Absage an
alle unbeweglichen Betonköpfe und alle Wendehälse.</p>

<h4>Doch was ist mit Deutschland???</h4>

<p>In Deutschland gab es niemanden wie FDR, und somit auch keinen positiven,
optimistischen Aufschwung für die verlorene Generation der damaligen Zeit. Sie
erlebte stattdessen einen völligen Kollaps mit Krieg, Diktatur und Zerstörung.
Einige von ihnen berappelten sich zwar und behielten in ihrem Innersten den
Glauben an etwas besseres, was dann nach dem Krieg in den Jahren des Aufbaus in
Leistungen wie der Arbeit der Trümmerfrauen und Neuerungen wie der Otto
Hahn<sup>14</sup> und der Kernkraft zum Ausdruck kam. Doch ein großer Teil
dieser verlorenen Generation blieb in ihrem Innersten verloren und gab das an
ihre Kinder weiter, was diese für die 68er-Kultur empfänglich machte, und so
lebt es auch heute noch in uns fort. Das ist der Grund dafür, daß wir in
Deutschland noch nicht verstehen, was Franklin D. Roosevelt eigentlich gemacht
hat, und warum er auch für uns heute in Deutschland enorm wichtig ist, um die
derzeitige Krise zu überwinden.</p>

<p>Daher möchte ich ihnen ans Herz legen, einfach mal Roosevelts Reden und
Bücher zu lesen und selbst Nachforschungen darüber anzustellen, was er damals
in den USA gemacht hat und wie er es gemacht hat. Ich möchte auch weiter dazu
aufrufen, den Pessimismus, der für die verlorene Generation und die 68er, als
den verlorensten aller verlorenen, so typisch ist, abzulegen.</p>

<p>Denn nur wenn man das macht, ist der Geist frei dafür, wirkliche
Entdeckungen zu machen. Dies ist wichtig, um aus der jetzigen Krise zu kommen
und aus der Geschichte zu lernen. Denn wie Herr LaRouche immer wieder betont
und Phil Angelides in seinem Bericht an den US-Kongreß im Nachhinein bestätigt
hat, ist die bewußte Zerstörung der Politik und des Wirtschaftssystems von
Roosevelt seit seinem Tod 1945 der Grund für die derzeitige Krise.</p>

<p>Daher ist der erste und sinnvollste Schritt, wieder zu Roosevelts Politik -,
mit Anpassungen an die heutige Zeit - zurückzukehren und von dort aus nach vorn
zu schreiten.</p>

<p>Werden Sie ein Teil der Geschichte, und legen Sie Ihren eigenen Pessimismus
und den der Zweitliteratur über Roosevelt ab, und nutzen Sie sein Wissen, um
die heutige Krise ebenfalls positiv zu überwinden!</p>

<p><hr>
<p><b>Anmerkungen</b></p>

<p>1. „How British Imperialists created the Facist Jabotinsky”, <i>EIR
</i>27.1.2009, siehe auch Arthur Griffith, <i style='mso-bidi-font-style:
normal'>The Resurrection of Hungary und Daniel O'Connols - The Memoirs of
Ireland, Native and Saxon</i>, um zu sehen, wie subtil das Imperium arbeitete
und wie es sich vom Unterdrücker zum Manipulator wandelte.</p>

<p>2. <i>The Lost Generation: A Portrait of American Youth Today</i>, auf das
ich auch in meinem Artikel „Ein New Deal für die Jugend“ eingehe (s. Anmerkung
13).</p>

<p>3. Aus dem Griechischen: die Herrschaft der wenigen, im Gegensatz zur
Monarchie, der Herrschaft des Einen. Als Oligarchie wird gemeinhin die
Herrschaft einer privaten Interessengruppe über den oder innerhalb des Staats
verstanden.</p>

<p>4. Brüning war vom 30. März 1930 bis zum 30. Mai 1932 Reichskanzler, dann
folgten zwei Reichstagswahlen in einem Jahr und anschließend 1933 die Ernennung
Hitlers zum Kanzler, der im Jahr seiner Wahl die Parteien verbot und sich
selbst zum Diktatur machte.</p>

<p>5. Fürsorge war eine Sozialhilfe für Menschen, die nicht arbeiten konnten
und anderweitig Hilfe brauchten.</p>

<p>6. <i>Die Weiße Rose </i>- in dem sie die Geschichte ihrer Geschwister Hans
und Sophie und ihres Widerstands gegen die Nazidiktatur erzählt.</p>

<p>7. Erstes Flugblatt der Weißen Rose von 1942, nach dem Entwurf von Hans
Scholl und Alexander Schmorell.</p>

<p>8. <i>Franklin D. Roosevelt - Blick Vorwärts</i>; Auflage 1-4, Salomon
Fischer Verlag AG, Berlin 1933, übersetzt von Peter Wit</p>

<p>9. Direkt übersetzt „Kamingespräche“, Radiosendungen, in denen er sich ganz
persönlich an die Bevölkerung wandte, um seine Politik zu erläutern.</p>

<p>10. Gouverneur der Bank von England 1920-44, Mitbegründer der Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), wo er mit Hjalmar Schacht, dem
Reichsbankchef bis 1939, zusammenarbeitete. Schacht selbst war es, der Hitlers
Wirtschaftspolitik bestimmte und dafür die Unterstützung der Ruhr-Industriellen
(des Keppler-Kreises) mobilisierte. Siehe dazu auch <i>Deutschlands Neocons
</i>und <i>Das Hitlerbuch</i>, beides erschienen bei EIR, Hjalmar Schachts
Autobiographie <i>76 Jahre meines Lebens </i>sowie seine Briefe an Hitler.</p>

<p>11. <i>Franklin D. Roosevelt - Blick Vorwärts</i>; Auflage 1-4, Salomon
Fischer Verlag AG, Berlin 1933, übersetzt von Peter Wit</p>

<p>12. Siehe dazu David E. Lilienthal, <i>Das Tennessee-Stromtal</i></p>

<p>13. Siehe dazu Toni Kästner,<i> </i>„Ein New Deal für die Jugend“, in
<i>Neue Solidarität </i>49/2010</p>

<p>14. Das erste zivile, mit Kernkraft betriebene Frachtschiff.</p>